{"id":138168,"date":"2025-08-30T13:00:07","date_gmt":"2025-08-30T11:00:07","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=138168"},"modified":"2025-09-01T09:43:40","modified_gmt":"2025-09-01T07:43:40","slug":"interview-mit-tino-eisenbrenner-zum-23-festival-musik-statt-krieg-eine-umarmung-der-welt-mit-musik","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=138168","title":{"rendered":"Interview mit Tino Eisbrenner zum 23. Festival \u201eMusik statt Krieg\u201c: \u201eEine Umarmung der Welt mit Musik\u201c"},"content":{"rendered":"<p>Das Festival &bdquo;Musik statt Krieg&ldquo; ist weit mehr als eine musikalische Veranstaltung; es ist ein Zeichen der Friedensbewegung. Ins Leben gerufen von <strong>Tino Eisbrenner<\/strong>, einem der bekanntesten K&uuml;nstler Ostdeutschlands, hat es sich zur Aufgabe gemacht, Menschen durch die Kraft der Musik zu verbinden. Anstatt mit politischen Reden zu polarisieren, setzt das Festival auf Harmonie, Vielfalt und den Abbau von Vorurteilen. Im Interview spricht Tino Eisbrenner &uuml;ber die Herausforderungen und die Gemeinschaft hinter seinem Festival, die Bedeutung von Kunst in der heutigen politischen Landschaft und seine pers&ouml;nlichen musikalischen Einfl&uuml;sse aus aller Welt. Mit Tino Eisbrenner hat <strong>&Eacute;va P&eacute;li<\/strong> gesprochen.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_3110\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-138168-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/250831_Interview_mit_Tino_Eisenbrenner_zum_23_Festival_Musik_statt_Krieg_Eine_Umarmung_der_Welt_mit_Musik_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/250831_Interview_mit_Tino_Eisenbrenner_zum_23_Festival_Musik_statt_Krieg_Eine_Umarmung_der_Welt_mit_Musik_NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/250831_Interview_mit_Tino_Eisenbrenner_zum_23_Festival_Musik_statt_Krieg_Eine_Umarmung_der_Welt_mit_Musik_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/250831_Interview_mit_Tino_Eisenbrenner_zum_23_Festival_Musik_statt_Krieg_Eine_Umarmung_der_Welt_mit_Musik_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=138168-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/250831_Interview_mit_Tino_Eisenbrenner_zum_23_Festival_Musik_statt_Krieg_Eine_Umarmung_der_Welt_mit_Musik_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"250831_Interview_mit_Tino_Eisenbrenner_zum_23_Festival_Musik_statt_Krieg_Eine_Umarmung_der_Welt_mit_Musik_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p><strong>&Eacute;va P&eacute;li<\/strong>: Am Morgen nach der 23. Ausgabe des Festivals &bdquo;Musik statt Krieg&ldquo; blicken wir mit Tino Eisbrenner auf die Veranstaltung zur&uuml;ck.<\/p><p><strong>Tino Eisbrenner<\/strong>: Nun, einiges bleibt gleich, wie der immense Aufwand bei der Vorbereitung. Ich habe gelernt, die Dinge in kurzer Zeit zu stemmen. Zwei Wochen vor dem Fest ist bei mir kein Urlaub mehr drin, weil ich mich voll aufs Festival konzentrieren muss: Genehmigungen, Versicherungen, Bestellungen &ndash; diese zwei Wochen sind sehr intensiv. Was sich &uuml;ber die Jahre verbessert hat, ist die Zahl der Helfer. Sie sehen die Arbeit als ihre eigene an. Da gibt es zum Beispiel jemanden, der kommt mittwochs und k&uuml;mmert sich um alle technischen Anschl&uuml;sse. Er ist wie ein richtiger &bdquo;Festival-Hausmeister&ldquo;, der sogar Arbeiten sieht, von denen ich nichts wusste. Das ist wirklich toll. Viele Dinge sind Routine, der Kraftaufwand ist aber gro&szlig;. Doch dank der helfenden Menschen werden uns manche Aufgaben abgenommen. So entsteht Gemeinschaft.<\/p><p>Meine Partnerin Sofia hat in den letzten Jahren eine Galerie hinzugef&uuml;gt. Am Anfang waren es nur ihre und die Bilder einer weiteren Person, aber inzwischen haben wir vier oder f&uuml;nf K&uuml;nstler, die verschiedene nicht-musikalische Werke ausstellen. Im Vorfeld treffen wir uns auch mit dem <a href=\"https:\/\/www.eisbrenner.de\/songlandclub\/\">Songland-Club<\/a>. Dieser entstand w&auml;hrend der Corona-Zeit, weil ich nicht nur Spenden annehmen, sondern auch etwas zur&uuml;ckgeben wollte. Unsere Internetseite ist wie eine Club-Zeitung, in die ich Videos, Reisegeschichten und unver&ouml;ffentlichte Aufnahmen hochlade. Die Mitglieder unterst&uuml;tzen mich j&auml;hrlich mit einer Spende f&uuml;r k&uuml;nstlerische Projekte wie CD-Produktionen oder, wie in diesem Jahr, die Ver&ouml;ffentlichung meines Buches in Russland. All das wird mit der Hilfe des Songland-Clubs eigenfinanziert. Das Geld reicht zwar nicht immer, aber ein Puffer hilft ungemein, solche Projekte zu realisieren.<\/p><p><strong>Wie viele Leute helfen Ihnen inzwischen?<\/strong><\/p><p>Ich sch&auml;tze, es sind etwa 20 Leute, die uns im Vorfeld und w&auml;hrend des Festivals unterst&uuml;tzen. Einige kommen direkt am Festivaltag, um am CD-Stand oder am Einlass zu helfen. Unser Stefan reist von weit her an und steht die ganze Zeit vorne auf der Stra&szlig;e, regelt den Camper-Verkehr, obwohl er Eintritt bezahlt hat. Man muss ihn fast dazu pr&uuml;geln, auch mal reinzukommen und sich etwas anzusehen. Aber sie machen das von Herzen, weil sie das Projekt unterst&uuml;tzen wollen. Man muss sich wirklich darum k&uuml;mmern, dass sie auch etwas vom Festival mitbekommen.<\/p><p><strong>Wie war es inhaltlich, vom Zuspruch des Publikums her, im Vergleich zu den 22 Festivals davor?<\/strong><\/p><p>Der Name sagt es schon: Es war immer ein politisches Festival. Wir hatten immer K&uuml;nstler und G&auml;ste, die sich politisch einig waren. Wir haben das aber nicht mit Vortr&auml;gen in den Vordergrund gestellt, wie es bei anderen Festivals oft gemacht wird. Wir versuchen, &uuml;ber Musik und Kunst einen Ausgleich zu schaffen &ndash; ein &bdquo;Aufatmen&ldquo;. Alle, die das Jahr &uuml;ber in den politisch &bdquo;dreckigen Winden&ldquo; stehen, k&ouml;nnen hier in der Gemeinschaft wieder freie Sicht bekommen.<\/p><p>Ich habe &uuml;ber die Jahre den deutschen Anteil vergr&ouml;&szlig;ert. Am Anfang war alles sehr weltmusikalisch. Wir hatten Leute aus fast allen Kontinenten hier &ndash; aus Asien, den USA, Kanada und Lateinamerika, das ist fast immer dabei, genauso wie der europ&auml;ische und osteurop&auml;ische Kontinent. Sogar indische Musiker hatten wir schon. Dadurch hat sich auch die Spreu vom Weizen getrennt. Beim ersten Festival kamen 600 Leute, die Rock &rsquo;n&rsquo; Roll erwarteten und stattdessen brasilianische Musiker oder Leute aus dem Irak, die Oud spielten, bekamen. Nach den ersten drei Jahren wussten die Leute, was sie erwartet.<\/p><p>Gerade in den letzten Jahren, wo die Frage nach Statements von deutschen K&uuml;nstlern lauter wird, habe ich bewusst versucht, mehr von ihnen zu versammeln und ihnen eine B&uuml;hne zu geben. Ich sage immer: &bdquo;Es gibt ganz viele davon, aber sie dringen manchmal nicht durch.&ldquo; Durch meine Teilnahme am Moskauer Festival &bdquo;Doroga na Jaltu&ldquo; bin ich in der Friedensbewegung bekannter geworden. &bdquo;Da ist einer, der ist nach Moskau gefahren, im Kreml hat er gesungen!&ldquo; Das spricht sich schnell herum. Aber viele andere machen auch wertvolle Arbeit, ohne so durchzudringen. Ich bringe sie hier vor unser Publikum, damit sie merken, dass sie nicht allein sind.<\/p><p>Dieses Jahr waren zum Beispiel Michael Seidel, ein politisch engagierter K&uuml;nstler, und Corinna Gehre dabei, die in der Corona-Zeit ihre Stimme im Widerstand gegen die Ausgrenzung von Ungeimpften fand. Auch mein Freund <a href=\"https:\/\/www.alejandrosotolacoste.com\/\">Alejandro Soto Lacoste<\/a>, mit dem ich seit 20 Jahren spiele, war da. Er moderiert inzwischen auf Deutsch oder spielt auch mal deutsche St&uuml;cke mit lateinamerikanischer Note, zum Beispiel ein Lied von Bettina Wegener oder einen Song von mir, die ihn pers&ouml;nlich ber&uuml;hren.<\/p><p><strong>Die lateinamerikanische Musik ist ein fester Bestandteil Ihres Repertoires. Bei diesem Auftritt war die Alejandro Soto Lacoste Band mit von der Partie.<\/strong><\/p><p>Ja, genau. Lateinamerikanische Musik hat, zumindest f&uuml;r die Ostgeborenen, immer eine politische Rolle gespielt, besonders seit den 70er-Jahren. Die Chilenen, die damals kamen, brachten musikalische Farbe und Rhythmen in unsere Liedermacher-Szene. Viele Lieder wurden in der DDR nachgedichtet und von Liedermachern oder sogar Rockbands gesungen. Lateinamerikanische Musik geh&ouml;rt also einfach in solch ein Festival.<\/p><p>Ich habe mich diesmal auch selbst neu erfunden und bin mit der Dresden Big Band aufgetreten. Das war f&uuml;r mich und das Publikum ein Unterschied zu anderen Festivals. Ich spielte Songs aus meiner Anfangszeit, zum Beispiel von Police und Sting, die ich ins Deutsche &uuml;bertragen habe, aber auch einen Elton-John-Song aus den 70ern und eigene St&uuml;cke aus meiner Jessica-Zeit. Mit <a href=\"https:\/\/www.tobiasmorgenstern.de\/\">Tobias Morgenstern<\/a> habe ich ebenfalls eigene Sachen geschrieben, die f&uuml;r die Big Band arrangiert wurden, darunter eine deutsch-russische Romanze, f&uuml;r die ich das erste Mal auf Deutsch und Russisch getextet habe. Das ist ein gutes Beispiel daf&uuml;r, wie man politische Gedanken auf eine lyrische Art einbringt.<\/p><p><strong>Sie kommen aus der DDR, wo es das Festival &bdquo;Rock f&uuml;r den Frieden&ldquo; und das &bdquo;Festival des politischen Liedes&ldquo; gab. Was ist der Unterschied zu solchen Festivals fr&uuml;her und dem, was Sie heute machen?<\/strong><\/p><p>Der gro&szlig;e Unterschied ist, dass solche Sachen heutzutage nicht staatlich gef&ouml;rdert werden. Die Friedensbewegung in Deutschland wird generell nicht gef&ouml;rdert. Das ist ein riesiger Unterschied zu damals und schafft Probleme, aber auch eine gewisse individuelle Freiheit. Was diese Festivals aber vereint, ist die Internationalit&auml;t &ndash; eine Umarmung der Welt mit Musik.<\/p><p>Musik hat viel mit Spontaneit&auml;t zu tun; es entstehen immer neue R&auml;ume. Wenn man zu musizieren beginnt, &ouml;ffnet jeder Musiker, der dazukommt, einen neuen Raum, weil er seine Seele einbringt. Musik strebt immer nach Harmonie. Wenn eine Note schief ist, halten alle inne, bis die Harmonie wiederhergestellt ist. Daher hat Musik auch einen symbolischen Charakter. Musiker m&uuml;ssten eigentlich die besten Friedensbotschafter sein, weil sie Harmoniebotschafter sind.<\/p><p>Deshalb ist es f&uuml;r mich ein gro&szlig;er Widerspruch, wenn Musik f&uuml;r den Krieg missbraucht wird. Musik bewegt Massen, und Menschen, die Massen zu einer schlechten Tat bewegen wollen, wissen das. F&uuml;r mich ist es ein Missbrauch, Musik zu nutzen, damit Leute losziehen und andere erschlagen. Die urspr&uuml;ngliche Idee der Musik ist die Herstellung von Harmonie. Musik ist die Weltsprache Nummer eins. Man versteht sich &uuml;ber sie &uuml;berall auf der Welt. Es ist oft egal, in welcher Sprache gesungen wird. In Kaliningrad haben mein Freund Tobias Thiele und ich ein Programm mit Liedern in f&uuml;nf Sprachen uraufgef&uuml;hrt. Nach kurzer Eingew&ouml;hnung war es dem Publikum egal, in welcher Sprache wir sangen. Das war auch die Ursprungsidee von &bdquo;Musik statt Krieg&ldquo;, als ich 2002 loszog, um irakische Musiker zu suchen. Die Medien sprachen von der &bdquo;Achse des B&ouml;sen&ldquo;. Ich dachte: &bdquo;Das stimmt nicht&ldquo; &ndash; und habe sie unserem Publikum hier vorgestellt. Daraus entstand die Idee, das auf dem Hof weiterzumachen.<\/p><p><strong>Eine kurze Zwischenfrage zur K&uuml;nstlerauswahl. Uns ist aufgefallen, dass diesmal nur ostdeutsche K&uuml;nstler dabei waren. War das Absicht?<\/strong><\/p><p>Abgesehen von Chilenen und Chinesen? Wir hatten auch schon westdeutsche Kollegen hier. Meistens lade ich Leute ein, denen ich vorher irgendwo begegne. Da ich mich mehr im Osten bewege, lerne ich mehr ostdeutsche Musiker kennen. Aber seit ich in der Friedensbewegung bekannter bin, bekomme ich auch &ouml;fter Anfragen aus dem Westen. Leute aus Flensburg, Bremen und Hamburg fragen, ob ich nicht auch mal zu ihnen kommen kann. Und ich sage immer Ja. Es gibt von meiner Seite keine Sperre. Wenn die Verbindung da ist und man merkt, man geh&ouml;rt zusammen, ist es egal, ob jemand Ost- oder Westdeutscher ist. Ja, in diesem Jahr war es Zufall, dass nur Ostdeutsche dabei waren. Aber schon n&auml;chstes Jahr werden Jens Fischer-Rodrian und L&uuml;&uuml;l dabei sein, beide &bdquo;Wessis&ldquo;.<\/p><p><strong>Ich habe auf Ihrer Webseite gesehen, dass Sie mit dem Puschkin-Programm &ouml;fter im Westen auftreten.<\/strong><\/p><p>Ja, das ist interessant. Das mag am Namen &bdquo;Puschkin&ldquo; liegen. Im Westen kennt man Eisbrenner wenig, aber Puschkin schon. Oft sind es deutsch-russische Gesellschaften, die uns einladen.<\/p><p><strong>Sie haben gerade angedeutet, wie es vor 23 Jahren anfing. Wie geht es weiter?<\/strong><\/p><p>Die 25 Festivals machen wir auf jeden Fall voll. Danach m&uuml;ssen wir mal sehen. Es besteht die Gefahr, dass es uns &uuml;ber den Kopf w&auml;chst und der Hof zu klein wird, besonders bei schlechtem Wetter. Jedes Mal kommen mehr Menschen zum Festival. Wir stellen ein bestimmtes Kontingent an Tickets online, aber viele Leute, die es nicht online schaffen, kommen einfach und fragen, ob sie noch reink&ouml;nnen. Bisher musste ich noch nie jemanden wegschicken, aber gestern war es schon knapp. Die Scheune war rappelvoll.<\/p><p><strong>Sie reisen ja viel. Fr&uuml;her vor allem nach Lateinamerika, jetzt viel in den Osten. Wie beeinflussen diese tiefen Eindr&uuml;cke Ihre k&uuml;nstlerische T&auml;tigkeit und Ihre Sicht auf die Welt?<\/strong><\/p><p>Zun&auml;chst st&auml;rken sie mein weltb&uuml;rgerliches Heimatgef&uuml;hl. Wenn man an einem Ort l&auml;nger als nur im Urlaub war, dann wird die Welt um ein St&uuml;ck Heimat erweitert. Ich war dort, um indianische Kulturen zu erleben, und habe meine k&uuml;nstlerische Arbeit dorthin gebracht. So entstehen neue Freundschaften. Manchmal f&uuml;hle ich mich in Deutschland heimatloser als irgendwo anders, vor allem aus politischen Gr&uuml;nden. Ich stehe nicht hinter der deutschen Politik und sage: &bdquo;Das hat mit mir nichts zu tun, nicht in meinem Namen.&ldquo;<\/p><p>Wenn ich nach Russland oder Georgien reise &ndash; Georgien hat mich sehr an Bulgarien erinnert, wo ich meine Kindheit verbrachte &ndash;, bin ich in einem fremden Land und f&uuml;hle mich trotzdem unter Menschen, die genauso denken und f&uuml;hlen wie ich. Obwohl wir aus vermeintlich &bdquo;nicht befreundeten L&auml;ndern&ldquo; stammen, sind wir als Menschen befreundet und ich f&uuml;hle mich sehr heimisch. Dieses Gef&uuml;hl von Heimat flie&szlig;t direkt in die Kunst, die ich mache. Die Wahl der Musiker, die Art der Melodien &ndash; all das ist vom Herzen gesteuert.<\/p><p><strong>Sie waren im Sommer in Frankreich. Was haben Sie dort beobachtet?<\/strong><\/p><p>Als politisch denkender K&uuml;nstler beobachtet man sofort, wie andere V&ouml;lker mit ihrer Politik umgehen. Als ich k&uuml;rzlich einen Freund in Frankreich besuchte, fragte ich ihn, wie sie mit Macrons Politik umgehen. Er sagte, sie lassen Politik bei Familientreffen v&ouml;llig weg, weil sie sonst an die Decke gehen. Stattdessen sprechen sie &uuml;ber Musik und Essen, sie suchen die Harmonie. Trotzdem sind die Franzosen, was ihren Protest betrifft, viel explosiver als die Deutschen. Die Deutschen sind geduldig, das hat schon Heinrich Heine beschrieben. Wir machen mit, bis es nicht mehr geht, und lassen uns von der Obrigkeit vorschreiben, wie wir uns zu benehmen haben. Dann kommt der Denunziant ins Spiel, wie wir es in der Corona-Zeit erlebt haben. Die Franzosen hingegen gehen auf die Stra&szlig;e, wenn sie genug haben. Nicht umsonst gab es in Frankreich die b&uuml;rgerliche Revolution. Sie sind die &bdquo;Revoluzzer&ldquo;, das finde ich spannend. Als K&uuml;nstler denke ich, dass man den Deutschen auch ein St&uuml;ck dieser Haltung erz&auml;hlen kann, um sie aufzur&uuml;tteln.<\/p><p>Im Mittelalter waren Barden die heutigen Liedermacher, aber auch Nachrichten&uuml;berbringer. Sie zogen von Dorf zu Dorf, sangen Lieder und erz&auml;hlten den Leuten, was in der Welt vor sich ging. F&uuml;r mich sind Kunst und Kultur immer ein Transportmittel f&uuml;r Herzensangelegenheiten und Informationen. Und Informationen k&ouml;nnen entweder spalten oder verbinden. Als K&uuml;nstler versuche ich, Informationen zu transportieren, die Menschen verbinden. Das bedeutet, dass die Menschen merken, dass sie nicht isoliert sind, sondern dass es auch andere gibt, die so f&uuml;hlen wie sie.<\/p><p><strong>Welche Rolle spielt Ihrer Meinung nach Kunst in einer politisch angespannten Zeit?<\/strong><\/p><p>Meine Reisen nach Russland haben vor allem das bewirkt: den Russen zu zeigen, dass nicht alle Deutschen so denken, wie es die Politik vorgibt. Die Politik mag &uuml;ber die meisten Dinge hinweggehen, aber das wird nicht ewig so bleiben. Irgendwann werden auch die Deutschen genug davon haben. Sp&auml;testens, wenn die Menschen Angst bekommen, wird es Ver&auml;nderungen geben. Bei der Irak-Demo 2002 waren eine halbe Million Menschen in Berlin auf der Stra&szlig;e. Damals habe ich auch gesungen. Die Menschen hatten einfach die Bef&uuml;rchtung, dass Deutschland in diesen Kampf hineingezogen wird und der Terrorismus direkt vor der T&uuml;r steht. Heute sind die Leute weniger auf der Stra&szlig;e, weil sie meiner Meinung nach mehr Vertrauen in Putin haben als in Bin Laden damals und denken: &bdquo;Was will er denn? Unsere Windr&auml;der?&ldquo;<\/p><p>Doch die Leute werden immer misstrauischer, besonders wenn sie Politiker wie Anton Hofreiter <em>(B&uuml;ndnis 90\/Die Gr&uuml;nen, Mitglied des Bundestages)<\/em> h&ouml;ren, der behauptet, Putin h&auml;tte &bdquo;mehrfach gesagt&ldquo;, er w&uuml;rde nach der Ukraine so weitermachen. Putin hat so etwas nicht ein einziges Mal gesagt. Ich habe k&uuml;rzlich ein Konzert in Neustrelitz gespielt. Danach kam eine Frau auf mich zu und fragte, warum ich auch auf Russisch singe. Ich sagte, weil es eine sch&ouml;ne Sprache ist. Sie fragte mich, ob ich &bdquo;Putins Krieg&ldquo; in der Ukraine nicht bedenklich f&auml;nde. Ich sagte, sie k&ouml;nne die Wahrheit nicht im &bdquo;heute-journal&ldquo; finden. Ich habe ihr <em>Nachdenkseiten.de<\/em> empfohlen und ihr auch erkl&auml;rt, dass <em>RT Deutsch<\/em> abgeschaltet wurde, damit die Deutschen nicht mehr von zwei Seiten informiert werden konnten. &bdquo;Wir sind doch nicht so jung, dass wir nicht w&uuml;ssten, wie das in der DDR war, wo wir uns aus zwei Quellen unsere Meinung gebildet haben. Jetzt versucht man, uns nur mit einer Seite zu f&uuml;ttern. Das m&uuml;ssen wir verhindern.&ldquo; Die Frau war sehr aufgeschlossen und schrieb sich die Namen der alternativen Medien auf.<\/p><p>Das zeigt, dass viele Menschen Zweifel in sich tragen und die Gelegenheit nutzen, Fragen zu stellen. Sie merken, dass K&uuml;nstler wie ich ihnen mehr zu erz&auml;hlen haben. Die Zahl der Menschen, die anfangen zu zweifeln, w&auml;chst. Das ist der Boden f&uuml;r Ver&auml;nderung. K&uuml;nstler k&ouml;nnen hier unheimlich viel tun, weil die Menschen eher zu einem Konzert gehen als zu einem politischen Vortrag. Ich sehe es als meine Aufgabe. Konrad Wolf hat gesagt: &bdquo;Kunst ist Waffe.&ldquo; Eine Waffe kann man so oder so gebrauchen &ndash; manchmal, um eine Grenze zu ziehen, wie der Igel, der seine Stacheln aufstellt, wenn ein Hund kommt.<\/p><p><strong>Man kann also durch Musik abschrecken statt durch Waffen. Interessant.<\/strong><\/p><p>Kunst ist ein Teil der menschlichen Bildung. Sie transportiert Informationen, sensibilisiert und verbindet Menschen. Sie schafft Begegnungen und baut Vorurteile ab. Das passiert, wenn in einem Konzertsaal ein Punk, ein Biker und ein Banker stehen, die alle denselben K&uuml;nstler lieben. Sie sehen, dass ihr Vorurteil dem anderen gegen&uuml;ber falsch war. Genauso war es f&uuml;r mich in meinem Grundwehrdienst damals, als wir anderthalb Jahre in Uniform waren. Man sah die Menschen, wie sie wirklich waren, nicht nach ihrer Kleidung.<\/p><p>Kunst hat die Aufgabe, Zweifel zu formulieren. Brecht hat in vielen Gedichten das &bdquo;Lob des Zweifels&ldquo; thematisiert: Dinge, die f&uuml;r wahr gehalten wurden, werden eines Tages infrage gestellt und aus den Geschichtsb&uuml;chern gestrichen, weil neue Erkenntnisse gewonnen wurden. Solche Erkenntnisse entstehen, wenn wir zusammen auf einem Festival stehen und uns begegnen. Das liebe ich als K&uuml;nstler: wenn ich merke, dass die Leute inhaltlich folgen und sich die Gesichter erhellen.<\/p><p><small>Titelbild: &Eacute;va P&eacute;li<\/small><\/p><div class=\"moreLikeThis\">\n<strong>Mehr zum Thema:<\/strong>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=138154\">&bdquo;Musik statt Krieg&ldquo;: Ein Festival der Hoffnung auf dem Vier-Winde-Hof<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=133354\">Tino Eisbrenner in Moskau: &bdquo;Wir haben keine Sekunde f&uuml;r den Frieden zu verlieren&ldquo;<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=128387\">Tino Eisbrenner: &bdquo;Wir brauchen eine &sbquo;unidad popular&lsquo;, eine Volksfront&ldquo;<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=135549\">Letzte Hoffnung UN-Charta &ndash; Ein Appell f&uuml;r Frieden und Neutralit&auml;t<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=132397\">&bdquo;Liebe ohne Grenzen&ldquo; &ndash; ein deutsch-russisches &bdquo;FriedensLiebeslied&ldquo;<\/a>\n<\/p><\/div><p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/vg01.met.vgwort.de\/na\/b405a0a113674882b1cdf8ffe9318d78\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Festival &bdquo;Musik statt Krieg&ldquo; ist weit mehr als eine musikalische Veranstaltung; es ist ein Zeichen der Friedensbewegung. Ins Leben gerufen von <strong>Tino Eisbrenner<\/strong>, einem der bekanntesten K&uuml;nstler Ostdeutschlands, hat es sich zur Aufgabe gemacht, Menschen durch die Kraft der Musik zu verbinden. 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