{"id":138188,"date":"2025-08-30T15:00:48","date_gmt":"2025-08-30T13:00:48","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=138188"},"modified":"2025-08-29T18:23:01","modified_gmt":"2025-08-29T16:23:01","slug":"kriegerischer-kadavergehorsam-wie-onoda-hiroo-seinen-weltkrieg-beendete","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=138188","title":{"rendered":"Kriegerischer Kadavergehorsam: Wie Onoda Hiroo \u201eseinen\u201c Weltkrieg beendete"},"content":{"rendered":"<p>Acht Jahrzehnte sind seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs verflossen. Und es gibt (Kriegs-)Geschichten, die m&uuml;ssten erfunden werden, h&auml;tten sie sich nicht realiter zugetragen. Eine dieser Geschichten endete geschlagene 29 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, als der japanische Offizier Onoda Hiroo auf der philippinischen Insel Lubang f&uuml;r immer seine Waffen streckte &ndash; aber erst, nachdem ihn Verwandte und sein einstiger Vorgesetzter dazu &uuml;berredeten und ihm versicherten, dass der Krieg l&auml;ngst beendet war. Von <strong>Rainer Werning<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nAbtauchen, untertauchen, auftauchen &ndash; dazwischen lagen knapp drei Jahrzehnte. So lange dauerte es, bis sich der einst in Diensten der Kaiserlich Japanischen Armee stehende Leutnant und Nachrichtenoffizier <em>Onoda Hiroo<\/em> auf Lubang ergab. Das aber erst, nachdem man seinen fr&uuml;heren Kommandeur ausfindig gemacht hatte. Dieser gute Mann namens Taniguchi Yoshimi hatte den Rang eines Majors l&auml;ngst abgelegt und war im heimatlichen Japan Buchh&auml;ndler geworden. Am 9. M&auml;rz 1974 machte sich Herr Taniguchi auf den Weg nach Lubang und l&ouml;ste dort ein Versprechen ein, dass er Onoda und anderen Soldaten 1944 gegeben hatte:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;<em>Was immer auch passiert, wir werden zu Ihnen zur&uuml;ckkommen.&ldquo;<\/em>\n<\/p><\/blockquote><p>Als Onoda seinen fr&uuml;heren Vorgesetzten wiedererkannte, nahm er von ihm die f&ouml;rmliche Order entgegen, die Waffen zu strecken, und begab sich in seine Obhut. Er trug noch immer seine Uniform und sein Schwert, f&uuml;hrte auch Munition mit sich.<\/p><p>Da ich zu jener Zeit in den Philippinen weilte, erinnere ich mich noch lebhaft an das Medienecho, das diese &bdquo;Kapitulation&ldquo; der ganz besonderen Art hervorrief. Es war ein Riesenhype, der da veranstaltet wurde, die &bdquo;Entdeckung&ldquo; des Exleutnants kam sozusagen der Sichtung eines Yetis gleich. Philippinische Polizisten und Milit&auml;rs balgten sich f&ouml;rmlich darum, mit diesem sonderbaren Herrn abgelichtet zu werden. H&ouml;hepunkt war Onodas Auftritt beim damaligen Pr&auml;sidenten Ferdinand E. Marcos, der zwei Jahre zuvor landesweit das Kriegsrecht &uuml;ber den Inselstaat verh&auml;ngt hatte. Onoda &uuml;berreichte ihm zeremoniell sein Schwert. Diese Geste r&uuml;hrte den Diktator derma&szlig;en an, dass er den lang Vermissten, ja zwischenzeitlich Totgeglaubten umgehend begnadigte. Die <em>New York Times<\/em> hingegen berichtete in ihrer Ausgabe vom 11. M&auml;rz 1974, Leutnant Onoda habe sein Samuraischwert zeremoniell Generalmajor Jose L. Rancudo &uuml;bergeben, dem damaligen Oberkommandierenden der philippinischen Luftwaffe.<\/p><p>Laut Presseberichten hatte Onoda in seiner Zeit auf Lubang mindestens 20 Menschen get&ouml;tet und weitaus mehr bei Schie&szlig;ereien verwundet. Zu seinen Opfern z&auml;hlten sowohl Polizisten, gegen die er sich zur Wehr gesetzt hatte, als auch Bauern und Fischer, an deren Hab und Gut er sich um des schieren &Uuml;berlebens willen vergriffen hatte.<\/p><p><strong>Verloren im Dschungel<\/strong><\/p><p>Als US-Truppen im Februar 1945 Lubang eingenommen und die dort stationierten japanischen Soldaten im Gefecht get&ouml;tet oder gefangen genommen hatten, war Onoda mit den drei Kameraden Kozuka Kinshichi, Shimada Shoichi und Akatsu Yuichi die Flucht gelungen. Von einer zwischenzeitlich erfolgten Kapitulation wussten sie nichts. Sie entschlossen sich deshalb, dort zu bleiben, wo sie waren, und ern&auml;hrten sich von Fr&uuml;chten und Tieren, die sie im Wald fanden. Sie &bdquo;beschlagnahmten&ldquo; auch K&uuml;he, deren Fleisch sie trockneten und rationierten, damit sie mehrere Monate lang reichten, sowie Reis, Salz, Dachmaterialien, Kleidung, Nadeln, Schuhe und andere Gegenst&auml;nde, die von Bauern zur&uuml;ckgelassen worden waren, die ihre Felder bewirtschafteten.<\/p><p>Onodas Kameraden gerieten in den kommenden Jahren in Gefangenschaft oder wurden bei Schusswechseln mit der &ouml;rtlichen Polizei get&ouml;tet. 1959 wurde Onoda offiziell f&uuml;r tot erkl&auml;rt. Dass er schlie&szlig;lich ausfindig gemacht wurde, war Zufall. Ein im Lande herumreisender japanischer Studienabbrecher und Abenteurer namens Suzuki Norio entdeckte ihn, freundete sich mit ihm an und konnte Anfang 1974 in Japan glaubhaft versichern, dass Onoda noch lebte. Erst diese Nachricht f&uuml;hrte dazu, ihn im Dschungel von Lubang aufzusp&uuml;ren &ndash; in Begleitung von Verwandten und eben Onodas fr&uuml;herem Vorgesetzten.<\/p><p>Nach seiner R&uuml;ckkehr musste Onoda neuerlichen Rummel um seine Person erdulden. Er avancierte &uuml;ber Nacht zum Star und zur Galionsfigur all jener, die der militaristischen Vergangenheit nachtrauerten. Bald darauf folgte er dem Beispiel seines &auml;lteren Bruders und setzte sich nach Brasilien ab, um dort Viehz&uuml;chter zu werden. Als er 1980 zuf&auml;llig einen Bericht &uuml;ber einen japanischen Jugendlichen las, der seine Eltern umgebracht hatte, entschloss er sich, in seine Heimat zur&uuml;ckzukehren, um dem &bdquo;Werteverfall&ldquo; mit der Gr&uuml;ndung eigener Schulen zu begegnen. Bevor er Anfang 2014 in Tokio 91-j&auml;hrig verstarb, hatte er noch Lubang besucht und einer dortigen Schule umgerechnet 10.000 US-Dollar geschenkt.<\/p><p><strong>Verfilmung<\/strong><\/p><p>Im Jahre 2021 entstand schlie&szlig;lich der franz&ouml;sische Kinofilm &bdquo;Onoda &ndash; 10.000 N&auml;chte im Dschungel&rdquo; (Originaltitel: &bdquo;Onoda, 10 000 nuits dans la jungle&rdquo;) unter der Regie von Arthur Harari, der u.a. ein Jahr sp&auml;ter anl&auml;sslich des renommierten s&uuml;damerikanischen <em>Mostra Internacional de Cinema de S&atilde;o Paulo<\/em> als bester ausl&auml;ndischer Film ausgezeichnet wurde.<\/p><p><small>Titelbild: Wikicommons CC-BY-SA-4.0<\/small><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Acht Jahrzehnte sind seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs verflossen. Und es gibt (Kriegs-)Geschichten, die m&uuml;ssten erfunden werden, h&auml;tten sie sich nicht realiter zugetragen. 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