{"id":13849,"date":"2012-07-13T09:13:18","date_gmt":"2012-07-13T07:13:18","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=13849"},"modified":"2018-12-27T12:43:01","modified_gmt":"2018-12-27T11:43:01","slug":"was-vor-20-jahren-verschworungstheorie-war-ist-heute-eine-unbestrittene-tatsache","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=13849","title":{"rendered":"Was vor 20 Jahren Verschw\u00f6rungstheorie war, ist heute eine unbestrittene Tatsache"},"content":{"rendered":"<p>Vor neun Monaten erfuhren wir, dass die zwei toten M&auml;nner im Campingwagen nicht nur routinierte Bankr&auml;uber, sondern vor allem Mitglieder einer neonazistischen Terrorgruppe namens &rsaquo;NSU&lsaquo; waren, von deren Existenz keine staatliche Stelle etwas gewusst haben will.<br>\nSeither gibt es eine Flut von Medienberichten und zahllose journalistische Recherchen, die sich um Aufkl&auml;rung bem&uuml;hten. Die These, der Grund f&uuml;r den &bdquo;blinden Staat&ldquo; sei ein Verkettung von Vers&auml;umnissen, Pannen und pers&ouml;nlichen Unzul&auml;nglichkeiten l&auml;sst sich kaum noch halten. Ein Verfassungschef nach dem anderen tritt zur&uuml;ck, ein Dominoeffekt wird bef&uuml;rchtet, ein Systemabsturz.<br>\nDie Gefahr, dass man aus diesem organisierten Versagen eben nicht die St&auml;rkung jener Geheimdienste ableiten kann, sondern ihre Aufl&ouml;sung, bringt aber nun Aufkl&auml;rungs- und Verdunklungswillen wieder zusammen. Soweit will es niemand kommen lassen, bei allem Bed&uuml;rfnis nach Quote und Auflagesteigerung. Jetzt hei&szlig;t es, als Regierung und Opposition zusammenzuhalten und das ersch&uuml;tterte Vertrauen in den Verfassungsschutz in einer Blitzheilung wiederherzustellen. Von <strong>Wolf Wetzel<\/strong>.<br>\n<!--more--><\/p><p><strong>Zwischen &rsaquo;blindem&lsaquo; und &rsaquo;tiefem&lsaquo; Staat<\/strong><\/p><blockquote><p><em>&raquo;Ungereimtheiten, Widerspr&uuml;che und R&auml;tsel begleiten viele Aff&auml;ren. Und wenn man Skandale durchs Mikroskop betrachtet, w&auml;chst gew&ouml;hnlich das Grauen. Aber ein solches Staatsversagen wie im Fall der Zwickauer Terrorzelle ist schon eine Rarit&auml;t. Daf&uuml;r muss es Gr&uuml;nde geben: Versagen von Amts wegen, enorme Schlamperei &ndash; oder doch eine Kumpanei einiger Staatsdiener mit einer M&ouml;rderbande?&laquo;<\/em><\/p><\/blockquote><p> (Chaostheorie, S&uuml;ddeutsche Zeitung vom 5.7.2012)<\/p><p>Vor neun Monaten erfuhren wir, dass die zwei toten M&auml;nner im Campingwagen nicht nur routinierte Bankr&auml;uber, sondern vor allem Mitglieder einer neonazistischen Terrorgruppe namens &rsaquo;NSU&lsaquo; waren, von deren Existenz keine staatliche Stelle etwas gewusst haben will.<\/p><p>Herrschte &uuml;ber ein Jahrzehnt Ahnungslosigkeit, so wurden wir in der Folgezeit mit einer Flut von Medienberichten konfrontiert, die Fakten, Indizien, Ausz&uuml;ge aus bislang geheim gehaltenen Akten an die Oberfl&auml;che sp&uuml;lten, &uuml;ber die alle Verfolgungsbeh&ouml;rden, von Polizeidienststellen, &uuml;ber Landes&auml;mter des Verfassungsschutzes, bis hin zu Bundesbeh&ouml;rden (BfV, BKA, GBA) den Teppich des Schweigens ausgebreitet hatten.<br>\nAlle gro&szlig;en Medien beteiligten sich an dieser Aufkl&auml;rungsarbeit, unabh&auml;ngig von ihrer politischen Ausrichtung. Die BILD-Zeitung interviewte einen SOKO-Chef, der der offiziellen Version von den t&ouml;dlichen Ereignissen am 4. November 2011 deutlich widersprach, die S&uuml;ddeutsche Zeitung und die Frankfurter Rundschau zitierten aus geheim gehaltenen Unterlagen, die der offiziellen Version, man habe keine &rsaquo;hei&szlig;e Spur&lsaquo; zu den NSU-Mitgliedern gehabt, eklatant widersprachen. Auch einige Fernsehsender beteiligten sich mit eigenen Recherchen daran, wie die ZDF-Dokumentation, die die Eltern von Uwe B&ouml;hnhardt ausf&uuml;hrlich interviewte und die massive Behinderung der Aufkl&auml;rung des Mordes 2006 in Kassel durch den damaligen hessischen Innenminister Bouffier belegen konnte.<\/p><p>Nun scheint sich aber der Wind in vielerlei Hinsicht zu drehen: Zum einen gibt es jetzt doch Verantwortliche f&uuml;r den Umstand, dass einer der bestausger&uuml;steten Gewaltmonopole in Europa &uuml;ber zehn Jahre keine Ahnung von den abgetauchten Mitgliedern des Th&uuml;ringer Heimatschutzes\/THS gehabt haben will, obwohl dieser von so vielen V-M&auml;nnern durchsetzt war, dass man heute mit dem Z&auml;hlen nicht nachkommt. Aktuell mussten der Chef des Bundesamtes f&uuml;r Verfassungsschutz\/BfV und des Th&uuml;ringer Verfassungsschutzes ihre &Auml;mter aufgeben. Aber jetzt wird ein Dominoeffekt bef&uuml;rchtet, ein Systemabsturz. Denn die These, es handele sich bei alledem um Vers&auml;umnisse, Pannen und pers&ouml;nliche Unzul&auml;nglichkeiten l&auml;sst sich kaum noch halten.<\/p><p>Die Gefahr, dass man aus diesem organisierten Versagen eben gerade nicht die St&auml;rkung jener Geheimdienste ableiten kann, sondern ihre Aufl&ouml;sung, bringt nun Aufkl&auml;rungs- und Verdunklungswillen wieder zusammen. Soweit will es schlie&szlig;lich niemand kommen lassen, bei allem Bed&uuml;rfnis nach Quote und Auflagesteigerung. Jetzt hei&szlig;t es, als Regierung und Opposition zusammenzuhalten und das ersch&uuml;tterte Vertrauen in den Verfassungsschutz in einer Blitzheilung wiederherzustellen.<\/p><p><strong>Die umbrella-man-Theorie &ndash; der Rettungsschirm der Aufkl&auml;rer?<\/strong><\/p><p>Auch medial wird das Ruder wieder herumgerissen. In der Politsendung &rsaquo;Panorama&lsaquo; vom 5.7.2012 kommt ausf&uuml;hrlich das Ehepaar Temme zu Wort. Im Zentrum steht die Rolle des hessischen Ex-Verfassungsschutzmannes Andreas Temme, der zur selben Zeit in jenem Internet-Caf&eacute; in Kassel war, als der t&uuml;rkische Besitzer hingerichtet wurde. L&auml;sst man die Bilder und Worte auf sich wirken, hat man nur eines: Mitleid mit einem Verfassungsschutzmann, der seinen Job verloren hat, mit seiner Ehefrau, die alles mit ertragen musste und dennoch und jetzt erst recht zu ihm h&auml;lt. Am Ende dieses Beitrages erscheint das Opfer nicht der t&uuml;rkische Internet-Besitzer, sondern Andreas Temme, der all dem wehrlos ausgeliefert ist.<br>\nGemeinsames Fazit der Panorama-Redakteure und des Ehepaares Temme: am falschen Ort, zur falschen Zeit! An allem anderen sind die Medien schuld.<\/p><p>Am selben Tag &uuml;berrascht auch die S&uuml;ddeutsche Zeitung mit einem ganzseitigen Artikel: <\/p><blockquote><p><em>&raquo;Chaostheorie &ndash; Gibt es in Deutschland einen &rsaquo;Tiefen Staat&lsaquo; &ndash; also eine Zusammenarbeit von Beh&ouml;rden und Rechtsextremisten?&laquo;<\/em><\/p><\/blockquote><p>Der Titel liegt noch ganz auf der kritischen Linie der Redaktion und macht neugierig. Was dann jedoch folgt, ist eine ganzseitige Selbstidiotisierung, auf scheinbar hohem Niveau. Man l&auml;sst die Story im Jahr 1963 beginnen, als John F. Kennedy ermordet wurde. In der Elm Street in Dallas, wo das Attentat geschah, wurde ein Mann unter einem Regenschirm gesehen, der einzige an diesem recht warmen, himmelblauen Tag. Angeblich ranken sich um diesen <em>&rsaquo;umbrella man&lsaquo;<\/em> zahlreiche Geschichten, bis heute: &raquo;Eine der vielen bis heute umlaufenden Verschw&ouml;rungstheorien besagt, dass Kennedy aus dem Regenschirm heraus erschossen wurde.&laquo;<\/p><p>Dann folgt ein gro&szlig;er Zeitsprung und wir landen im Jahr 2012 &ndash; in Deutschland. Die Redakteure John Goetz, Hans Leyendecker und Tanjev Schultz wollen zwei Wiederg&auml;nger ausfindig gemacht haben. Der erste &rsaquo;umbrella man&lsaquo; ist der Leiter der Referatsgruppe 2b im Bundesamt f&uuml;r Verfassungsschutz, der die Vernichtung der Akten &uuml;ber die &rsaquo;Operation Rennsteig&lsaquo; auf sich genommen hat.<\/p><p>Der zweite Wiederg&auml;nger ist der bereits erw&auml;hnte ehemalige hessische Verfassungsschutzmitarbeiter Andreas Temme. Was sollen der umbrella man und die Beiden gemeinsam haben? Bis die Redakteure darauf eine Antwort geben, lassen sie uns Leser noch eine ganze Weile zappeln. Bevor die Aufl&ouml;sung kommt, werden noch einige bekannte Merkw&uuml;rdigkeiten aufgez&auml;hlt, die eine wie auch immer geartete Zusammenarbeit zwischen Beh&ouml;rden und Neonazis begr&uuml;nden k&ouml;nnten.<\/p><p>Welchen Schluss sie daraus ziehen, verr&auml;t ganz Ende der Plot, ein erneuter Zeitensprung in die USA: &raquo;Jahre nach dem Attentat in Dallas auf den damals m&auml;chtigsten Mann der Welt sagte er (<em>der umbrella man<\/em>, d.V.) im amerikanischen Kongress aus. Er brachte seinen Schirm mit und erkl&auml;rte, er habe ihn damals nur als Zeichen des Protests verwendet.&laquo;<\/p><p>Was will uns diese Parabel sagen? Der umbrella man in den USA, der BfV-Referatsleiter und der hessischen Verfassungsschutzmitarbeiter sind Opfer missverst&auml;ndlicher, ungl&uuml;cklicher Umst&auml;nde! Ganz in diesem Sinne hat der Ex-Verfassungsschutzmitarbeiter Andreas Temme auch das letzte Wort: <\/p><blockquote><p><em>&raquo;Ich war ganz einfach der falsche Mann am falschen Ort.&laquo;<\/em><\/p><\/blockquote><p>Ganz einfach!?<br>\nEin vielleicht literarisch gekonntes Pl&auml;doyer f&uuml;r einen Freispruch, der sich auf jeden Fall mit einem messen lassen kann: mit dem Aufkl&auml;rungswillen der Verfolgungsbeh&ouml;rden.<br>\nSelbstverst&auml;ndlich handelt es sich auch hier um einen reinen Zufall: Der Mitredakteur John Goetz des Artikels in der S&uuml;ddeutschen Zeitung war auch Mitredakteur bei der <a href=\"http:\/\/daserste.ndr.de\/panorama\/archiv\/2012\/nsu151.html\">erw&auml;hnten Panorama-Sendung vom 5.7.2012<\/a>. <\/p><p>Haben die Aufkl&auml;rer pl&ouml;tzlich Angst vor der eigenen Courage bekommen? Warum kommen sie zu einem Schluss, der ihre eigenen Zweifel ad absurdum f&uuml;hrt?<br>\nSind es die Fakten, die sie mit zusammengetragen haben, die sie zu einem solch billigen Ende f&uuml;hren, oder die Angst vor den politischen Konsequenzen, die sich daraus ergeben m&uuml;ssten? <\/p><p><strong>Wer kann im Darkroom (was) sehen?<\/strong><\/p><blockquote><p><em>&bdquo;Man wei&szlig; so wenig. Nur eins: Geheimdiensten ist absolut alles zuzutrauen. Es ist ihr Job, zu l&uuml;gen, zu t&auml;uschen und zu tarnen. Manchmal auch zu morden &ndash; wer das bestreitet, lebt im Gl&uuml;cksb&auml;rchenland.&ldquo;<\/em><\/p><\/blockquote><p>Mark Nenecke, Kriminalbiologe, FR vom 17.6.2011<\/p><p>Sich auf das Terrain von Geheimdiensten und Verfolgungsorganen zu begeben, hei&szlig;t immer, sich in verdunkelten R&auml;umen zurechtzufinden. Das hat nichts mit obskuren Bed&uuml;rfnissen zu tun, sondern mit dem Gegenstand der Untersuchung. Sowohl Geheimdienste als auch Verfolgungsorgane nehmen f&uuml;r sich in Anspruch, nicht alles preiszugeben, schon gar nicht, ihr Tun vor der &Ouml;ffentlichkeit zu rechtfertigen. Als Begr&uuml;ndung dienen &rsaquo;&uuml;bergeordnete Staatsinteressen&lsaquo;, zu deren Schutz tats&auml;chliches Wissen und Tun der Geheimhaltung unterliegen.<\/p><p>Einer unter diesen Bedingungen abgegebenen offiziellen Version zu widersprechen, ist folglich schnell dem Vorwurf ausgesetzt, man k&ouml;nne nur im Tr&uuml;ben fischen. Schlie&szlig;lich k&ouml;nne man in einem beweisfreien Raum keinen Gegenbeweis f&uuml;hren. Diese Schwierigkeit, die nicht die KritikerInnen, sondern die Herren beweisfreier R&auml;ume zu verantworten haben, wird schnell und gedankenlos den KritikerInnen selbst angelastet. Genauso schnell wird jede andere Version als die Offizielle als Verschw&ouml;rungstheorie gebrandmarkt, ganz vehement und laut vor allem von jenen, die diesen beweisfreien Raum angelegt haben.<br>\nAuch unter linken, staatskritischen Gruppierungen genie&szlig;en Verschw&ouml;rungstheorien keinen guten Ruf. Lassen wir alle g&auml;ngigen Verallgemeinerungen einmal beiseite, gibt es tats&auml;chlich auch innerhalb der Linken Erkl&auml;rungen, die dem b&ouml;sen Ruf von Verschw&ouml;rungstheorien durchaus gerecht werden. Es geht um Erkl&auml;rungsversuche, die bei besonders schweren Staatsverbrechen so etwas wie eine geheime Kommandozentrale ausmachen, die hinter dem R&uuml;cken politisch Gew&auml;hlter die wirklichen F&auml;den der Macht in der Hand halten.<\/p><p>Dieser Art der Enth&uuml;llung dient dieser Text nicht. Wenn im Folgenden der offiziellen Version &uuml;ber die Mordserie der &rsaquo;NSU&lsaquo; widersprochen wird, dann wird hinter der m&ouml;glicherweise ganz anderen Version keine geheimnisvolle Macht vermutet.<br>\n<strong>Die hier ge&auml;u&szlig;erte Bef&uuml;rchtung ist eine ganz andere: Die M&ouml;glichkeit, die Wahrscheinlichkeit, dass das, was bis heute der Geheimhaltung unterliegt, nicht au&szlig;erhalb bestehender Institutionen, sondern im Schutz bestehender Institutionen passiert ist.<\/strong><\/p><p>Wie will, wie kann man also einer Darstellung widersprechen, deren Details der &rsaquo;Geheimhaltung&lsaquo; unterliegen? Wie will man ein Ereignis rekonstruieren, wenn alles konstitutive im Verborgenen bleibt, also au&szlig;erhalb des Rechtsinstituts einer belastbaren &Uuml;berpr&uuml;fbarkeit?<\/p><p>In diesen Darkroom einzutreten, hei&szlig;t also nicht, Gespenster zu sehen, sondern vor allem eines: Plausibel zu begr&uuml;nden, warum staatliche Stellen das Licht ausschalten und genau jene gespenstigen Umst&auml;nde schaffen, die sie den KritikerInnen unterstellen. Der offiziellen Version zu widersprechen, kann also nicht hei&szlig;en, es besser zu wissen. Unter diesen Umst&auml;nden kann dies nur bedeuten, zu belegen, dass eine andere Version der Ereignisse genauso plausibel, m&ouml;glicherweise viel wahrscheinlicher ist. Dieser Vorgehensweise bedienen sich auch Gerichte und kommen auf diesem Wege zu Urteilen.<\/p><p>Jeder Widerspruch zur offiziellen Version lebt mit dem Problem, dass jede andere Erkl&auml;rung nur mit den Fakten agieren kann, die an die &Ouml;ffentlichkeit gelangt sind. Wir sind also auf das angewiesen, was jene, die zehn Jahre nichts gewusst haben wollen, nun preisgeben. Es ist also keinesfalls eine b&ouml;swillige Behauptung, wenn man festh&auml;lt, dass die Fakten, die an die &Ouml;ffentlichkeit dringen, gefiltert sind, dass sie unter dem Vorbehalt zu werten sind, dass es sich um selektive Wahrheiten handelt, um eine Wahrheit, die nicht &uuml;bergeordnete Staatsinteressen gef&auml;hrdet.<\/p><p>Das gilt selbst f&uuml;r Untersuchungsaussch&uuml;sse, die immer wieder damit konfrontiert sind, dass Akten &rsaquo;unter Verschluss&lsaquo; gehalten werden, dass geladene Zeugen nur &rsaquo;beschr&auml;nkte Aussagegenehmigungen&lsaquo; von Ihren Dienststellen erhalten oder schlicht nicht &rsaquo;ladungsf&auml;hig&lsaquo; sind.<\/p><p>Aufgrund dieses selektiven Zugangs zu sogenannten Ermittlungsergebnissen kann eine Kritik nur so vorgehen: &Auml;hnlich einem Gutachter legt man sich alle vorhandenen Fakten &rsaquo;aus dritter Hand&lsaquo; auf den Tisch und ordnet sie verschiedenen Erkl&auml;rungen zu. Welche Fakten machen die offizielle Version plausibel, welche Fakten st&uuml;tzen eine andere Erkl&auml;rung. Es kann also nicht Aufgabe einer Kritik sein, zu beweisen, wie es wirklich war. Es kann nur darum gehen, ganz n&uuml;chtern dar&uuml;ber zu befinden, was angesichts der vorliegenden Fakten genauso wahrscheinlich ist. Dann, so das Fazit dieser Recherche, wird man zu dem Schluss kommen, dass aufgrund der vorliegenden Fakten jede andere Version wahrscheinlicher ist, als die offizielle.<\/p><p><strong>Auf dem Terrain von Geheimdiensten geht es nicht um die Wahrheit, sondern um das Erlangen der Informationshoheit<\/strong><\/p><p>Was Politiker und kapitalstarke Unternehmen qua Status und privilegierter Beziehungen machen, hat bei Geheimdiensten ein eigenes Ressort. Nachrichten zu streuen, &bdquo;embedded&ldquo; Journalisten Informationen zuzuspielen (wof&uuml;r diese sich bei anderer Gelegenheit &rsaquo;erkenntlich&lsaquo; zeigen), Medien zu beeinflussen, ist kein bedauernswerter Auswuchs, sondern das Arbeitsfeld der Abteilungen &rsaquo;Nachrichtenwesen&lsaquo;. Geheimdienste pflegen nicht das naive, liberale Bild von der freien Meinungs- und Pressefreiheit. F&uuml;r sie existiert ein &rsaquo;Informationskrieg&lsaquo;, in dem sie &ndash; wie auf jedem anderen Schlachtfeld auch &ndash; gewinnen m&uuml;ssen, was nichts anderes bedeutet als die &rsaquo;Informations- und Deutungshoheit&lsaquo; zu erlangen bzw. zu bewahren.<\/p><p>Was macht man also mit der Flut der Informationen, die es im Fall der neonazistischen Mordserie der &rsaquo;NSU&lsaquo; gibt? Sie sind widerspr&uuml;chlich, sie passen nicht zusammen, sie verwirren, sie machen ratlos. Will man der Nachricht Glauben schenken, die eine Zeitung ver&ouml;ffentlicht hat oder dem Dementi, das von staatlichen Stellen oder von (anderen) Medien verbreitet wird.<\/p><p>Im Folgenden geht es darum, nicht den Kopf zu verlieren, sondern die Dementis und die zugrundeliegenden Nachrichten abzugleichen, aneinander zu legen. Manchmal verraten auch Dementis mehr, als sie wollen, grenzen den erhobenen Verdacht eher ein, als dass sie ihn ausr&auml;umen.<\/p><p>Der Text der drei Redakteure von der S&uuml;ddeutschen Zeitung, die man eher dem investigativen Journalismus zuordnet, ist eine gute Vorlage.<br>\nWas hat der <em>umbrella man<\/em> in den USA mit den zwei Wiederg&auml;ngern in Deutschland gemein?<br>\nErgebnis dieses Beitrages ist jedenfalls, dass der umbrella man in den USA, der Referatsleiter im Bundesamt f&uuml;r Verfassungsschutz und der hessische Verfassungsschutzmitarbeiter Andreas Temme eines verbindet: Sie waren jeweils der falsche Mann, am falschen Ort, zur falschen Zeit.<\/p><p>Beginnen wir mit dem ersten Wiederg&auml;nger, mit dem BfV-Referatsleiter: Was hat dieser Mann, der hochrangig zur Bek&auml;mpfung des &rsaquo;Rechtsterrorismus&lsaquo; eingesetzt war, mit dem <em>umbrella man<\/em> gemein? Nichts. Der Referatsleiter hat keinen Regenschirm aufgespannt, der f&auml;lschlicherweise f&uuml;r die Mordwaffe gehalten wurde, sondern hat Akten vernichtet, als die Generalbundesanwaltschaft und der Untersuchungsausschuss diese angefordert hatten. Die Handlung des Referatsleiters wurde nicht f&auml;lschlicherweise f&uuml;r bedrohlich gehalten und in ihrer Bedeutung &uuml;berh&ouml;ht, sondern als das bezeichnet was sie ist: die vors&auml;tzliche Vernichtung von Beweismaterial in Verbindung mit einer Falschaussage. Was diese drei investigativen Journalisten dazu bewogen hat, ausgerechnet einen Mann, der am richtigen Ort das f&uuml;r ihn (und seine Beh&ouml;rde) richtige getan hat, mit einem ahnungslosen Mann mit Regenschirm zu vergleichen, ist mehr als schleierhaft.<\/p><p>Was es mit dem zweiten Wiederg&auml;nger des <em>umbrella man<\/em> auf sich hat, dem hessischen Verfassungsschutzmitarbeiter Andreas Temme, ist sicherlich um einiges schwieriger. Dabei greifen die SZ-Autoren auch auf die Panorama-Sendung zur&uuml;ck, in deren Mittelpunkt das Ehepaar Temme stand. Noch einmal kommt Andreas Temme zu Wort: &raquo;Ich war das angreifbarste Opfer.&laquo; Noch einmal wird betont, dass der Internetbesuch des hessischen Staatssch&uuml;tzers am dem Tag, wo sich der Mord ereignete, eine &raquo;Chat-Aff&auml;re&laquo; war, hinter der &raquo;Verschw&ouml;rungstheoretiker bis heute eine gro&szlig;e Staatsaff&auml;re&laquo; vermuten.<\/p><p>Abgesehen davon, dass die SZ-Autoren ihren eigenen investigativen Ehrgeiz l&auml;cherlich machen, geht es bei den Fragen um die Rolle eines Staatssch&uuml;tzers, der vor und nach dem Internet-Besuch mit (von ihm gef&uuml;hrte) Neonazis Kontakt hatte, um etwas anders.<br>\nDass eine Fernsehsendung ausf&uuml;hrlich Frau und Herr Temme zu Wort kommen lassen, ist gut und richtig. Bemerkenswert an dieser Sendung ist jedoch, dass die Redakteure an keiner Stelle die Aussagen des Ehepaars Temme mit bisher unbestrittenen Tatsachen konfrontierten! Warum haben sie diese Gelegenheit nicht genutzt? Herr Temme stellte sich in der Sendung als ein Opfer dar, dem seine neofaschistischen &rsaquo;Jugends&uuml;nden&lsaquo; nachgetragen werden und sagt dazu lediglich, dass all das lange her sei. Warum haben die Redakteure Herr Temme nicht damit konfrontiert, dass 2006 in seiner Wohnung Ausz&uuml;ge aus &rsaquo;Mein Kampf&lsaquo;, Papiere neonazistischer Gruppen und Schriften zum Dritten Reich gefunden wurden?<\/p><p>Herr Temme beschreibt in besagter Sendung seine Seelenqualen, dass er von dem Mord nichts mitbekommen habe, dass er die Sch&uuml;sse nicht geh&ouml;rt habe und die M&ouml;rder nicht hat fliehen gesehen. Warum konfrontieren die Redakteure Herrn Temme nicht mit den Feststellungen aus den Untersuchungsberichten, dass es schier unm&ouml;glich ist, an der Theke des Internetcaf&eacute;s zu bezahlen, ohne den ermordeten Internet-Besitzer dahinter liegend zu sehen? Warum fragen sie ihn nicht, wie es m&ouml;glich ist, 50 Cent auf die Theke zu legen, ohne das Blut des Ermordeten zu sehen?<br>\nWarum lassen die Redakteure diese Gelegenheit nutzlos verstreichen, obwohl all das, was dessen Ahnungslosigkeit widerspricht, auch den Redakteuren bekannt war?<\/p><p><strong>Was vor 20 Jahren Verschw&ouml;rungstheorie war, ist heute eine unbestrittene Tatsache<\/strong><\/p><p>Dass ein anderer Ablauf der m&ouml;rderischer Ereignisse wahrscheinlich, wenn nicht gar naheliegender ist, dass die Verfolgungsbeh&ouml;rden die abgetauchten THS-Mitglieder nicht verloren hatten, sondern zahlreiche Kontakte zu ihnen pflegten, beantwortet nicht die viel schwerwiegendere Frage: Wenn es &rsaquo;ganz anders&lsaquo; war &hellip; welche politischen Motive, welche staatlichen Interessen stecken dahinter, &uuml;ber zehn Jahre eine neofaschistische Terrorgruppe zu sch&uuml;tzen?<\/p><p>Erfahrungsgem&auml;&szlig; kann man auf die hier aufgeworfenen Fragen in zehn, zwanzig Jahren eine beweiskr&auml;ftige Antwort geben, wenn Dokumente freigegeben werden, die heute niemand einsehen oder einfordern kann. Also &rsaquo;unter Verschluss&lsaquo; gehaltene Dokumente, die hier nicht Gegenstand sein k&ouml;nnen.<br>\nWir k&ouml;nnen nicht in die Zukunft schauen, sehr wohl in die Vergangenheit.<\/p><p>Dass etwas, was auch vor 30 Jahren f&uuml;r blanke Verschw&ouml;rungstheorie gehalten wurde, tats&auml;chlich so stattfand, m&ouml;chte ich an einem zur&uuml;ckliegenden Fall erkl&auml;ren. Als es in den 70er und 80er Jahren immer wieder zu neofaschistischen Mord- und Bombenanschl&auml;gen in Europa kam (Bombenanschlag in Bologna am 2. August 1982\/Anschlag auf das Oktoberfest in M&uuml;nchen am 26. September 1980), kam der Verdacht auf, dass viele dieser neofaschistischen Anschl&auml;ge im Schutz staatlicher Stellen und Dienste begangen wurden. <\/p><p>Hinweise, die bereits damals diese Mutma&szlig;ung st&uuml;tzten, wurden jedes Mal von staatlicher Seite als b&ouml;sartige Verleumdungen und aberwitzige Unterstellungen zur&uuml;ckgewiesen. Es dauerte &uuml;ber 20 Jahre, bis Licht in diese verdunkelten Zusammenh&auml;nge drang. Dr. Daniele Ganser, Historiker und Friedensforscher an der Universit&auml;t Basel, hatte das Gl&uuml;ck in Akten Einsicht zu nehmen, die in der Schweiz freigegeben wurden. Er wertete sie aus und kam zu dem Schluss, dass die NATO eine Stand-behind-Armee aus neofaschistischen Gruppen aufgestellt hatte, um diese im Zweifelsfall als faschistische &rsaquo;Reserve&lsaquo; einzusetzen. Im Schutz dieses &rsaquo;Gladio-Programmes&lsaquo; wurden zahlreiche Bombenanschl&auml;ge ausgef&uuml;hrt, um so das Eingreifen des Staates zu provozieren (&rsaquo;Strategie der Spannung&lsaquo;) bzw. zu rechtfertigen &ndash; und wenn n&ouml;tig, einen Putsch zu legitimieren.<\/p><p>Als Reaktion auf die Ver&ouml;ffentlichung der Forschungsergebnisse der ETH Z&uuml;rich gab das Au&szlig;enministerium der USA eine umfangreiche Pressemitteilung heraus. Darin wurde die Existenz der Geheimarmeen sowie die zentrale Rolle der NATO und die Beteiligung der CIA indirekt best&auml;tigt. (Daniele Ganser: NATO&rsquo;s Secret Armies: Operation Gladio and Terrorism in Western Europe: An Approach to NATO&rsquo;s Secret Stay-Behind Armies. Cass, London 2005, ISBN 3-8000-3277-5, S. 25)<\/p><p>Wolf Wetzel &ndash; 2012\/7\/10<\/p><p>Dieser Text basiert auf einer sechsmonatigen Recherche, die <a href=\"http:\/\/wolfwetzel.wordpress.com\/2012\/06\/29\/thesen-zur-neonazistischen-mordserie-des-nationalsozialistischen-untergrundes-nsu\/\">hier nachzulesen ist<\/a>. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vor neun Monaten erfuhren wir, dass die zwei toten M&auml;nner im Campingwagen nicht nur routinierte Bankr&auml;uber, sondern vor allem Mitglieder einer neonazistischen Terrorgruppe namens &rsaquo;NSU&lsaquo; waren, von deren Existenz keine staatliche Stelle etwas gewusst haben will.<br \/> Seither gibt es eine Flut von Medienberichten und zahllose journalistische Recherchen, die sich um Aufkl&auml;rung bem&uuml;hten. 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