{"id":1386,"date":"2006-07-04T16:49:14","date_gmt":"2006-07-04T14:49:14","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/v2\/?p=1386"},"modified":"2019-03-02T13:33:32","modified_gmt":"2019-03-02T12:33:32","slug":"das-wettbewerbsdogma-ein-mythos-kritische-anmerkungen-von-jacques-sapir-und-heiner-flassbeck","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=1386","title":{"rendered":"Das Wettbewerbsdogma \u2013 ein Mythos! Kritische Anmerkungen von Jacques Sapir und Heiner Flassbeck"},"content":{"rendered":"<p>&bdquo;Konkurrenz bzw. Wettbewerb stimuliert Umsatz und Absatzm&auml;rkte der Unternehmen, was diese wiederum veranlasst, neue Arbeitspl&auml;tze zu schaffen&ldquo; (&hellip;) stellen Volkswirte der OECD fest. Allerdings beruhen die dem Wettbewerb zugeschriebenen &ouml;konomischen Tugenden weniger auf wissenschaftlicher Erkenntnis als auf interessengeleiteter Glaubenshaltung. Da durch solche offiziellen Verlautbarungen das Konkurrenzdogma immer wieder bekr&auml;ftigt wird, f&auml;llt es neoliberalen &Ouml;konomen leicht, sich einer ernsthafte Diskussion &uuml;ber ihre Glaubens&uuml;berzeugungen zu entziehen &ndash; und die Unternehmen k&ouml;nnen ihre spezifischen Strategien weiter durchsetzen.<br>\nZum nicht mehr in Frage gestellten Dogma des Wettbewerbs empfehlen wir unseren Leserinnen und Lesern zwei aktuelle kritische Beitr&auml;ge: &bdquo;La concurrence, un mythe&ldquo; von Jacques Sapir (&uuml;bertragen von Gerhard Kilper) und &bdquo;Was ist Wettbewerb?&ldquo; von Heiner Flassbeck mit einer erg&auml;nzenden Anmerkung von Wolfgang Lieb.<br>\n<!--more--><br>\n<strong style=\"display:block; text-align: center\">I.<\/strong><\/p><p><strong>La concurrence, un mythe.<\/strong><\/p><p>Von Jacques Sapir<\/p><p><em>Zusammenfassende &Uuml;bertragung des in der franz&ouml;sischen Monatszeitung &bdquo;Le Monde diplomatique&ldquo; (Ausgabe Juli 2006) erschienen Artikels &laquo;La concurrence, un mythe&raquo; von Jacques Sapir durch Gerhard Kilper.<br>\n(Jacques Sapir, Direktor der &laquo;&Eacute;cole des hautes &eacute;tudes en sciences sociales&raquo; (EHESS) ist Autor der beiden B&uuml;cher &bdquo;Les Economistes contre la d&eacute;mocratie&ldquo;, Verlag Albin, Paris 2002 und &bdquo;La fin de l&rsquo;eurolib&eacute;ralisme&ldquo;, Verlag Seuil, Paris 2006).<\/em><\/p><p>Die politische Debatte wird heutzutage durch behauptete, angeblich offensichtliche &ouml;konomische Wahrheiten vergiftet, die mit (wissenschaftlicher) Autorit&auml;t verk&uuml;ndet werden. Diese angeblichen Wahrheiten bewirken, dass bestimmte Themen, wie etwa (Formen wirtschaftlichen) Protektionismus, die positive Rolle &ouml;ffentlicher Unternehmen oder (wirtschafts- und finanzpolitische) Interventionen des Staates &uuml;berhaupt nicht mehr diskutiert werden. Im Namen ihres (angeblich) objektiven Charakters beanspruchen diese vorgeblichen Wahrheiten allgemein und jenseits der politischen Lager als solche anerkannt zu werden.<\/p><p>Wenn offensichtliche &ouml;konomische Wahrheiten tats&auml;chlich wissenschaftlich begr&uuml;ndet w&auml;ren, k&ouml;nnten sie (wie etwa naturwissenschaftliche Gesetze) nicht in Frage gestellt werden. Wenn aber die Grundlagen der angeblichen Wahrheiten sich als zweifelhaft herausstellen, dann ist ihr Stellenwert in der Debatte nicht nur Betrug, sondern eine antidemokratische Anma&szlig;ung, da diese Wahrheiten n&auml;mlich von einer Minderheit von Leuten verk&uuml;ndet werden, die politisch nicht verantwortlich gemacht werden k&ouml;nnen. Wenn diese Expertenminderheit Wissenschaftlichkeit behauptet, muss das Studium der &Ouml;konomie verifizierbaren Regeln unterworfen und durch (spezifisch wissenschaftliche) Argumentationsmuster strukturiert werden. Diesen Wissenschaftszw&auml;ngen entzieht sich die neoliberale &Ouml;konomie.<\/p><p>Die wichtigste von ihr verbreitete Pseudo-Wahrheit ist die Betonung der fundamentalen Bedeutung der Konkurrenz f&uuml;r das Wirtschaftsleben, aus der die neoliberale Schule makro&ouml;konomisch den Primat des Freihandels und mikro&ouml;konomisch die &uuml;berragende Rolle der Flexibilit&auml;t ableitet. Und auf der Basis dieser Pseudo-Wahrheit wollten die Neoliberalen das Konkurrenzprinzip zu einem Eckpfeiler der Europ&auml;ischen Verfassung machen!<\/p><p>Tats&auml;chlich befindet man sich hier mitten in einer der &auml;ltesten Debatten des &ouml;konomischen Denkens der Moderne. Zur Frage steht nicht, ob unter bestimmten Umst&auml;nden und zur Erreichung bestimmter Ziele mit dem Konkurrenzprinzip eine (zielgerichtet bessere) Koordination der Aktionen der beteiligten Wirtschaftssubjekte erreicht werden kann. So begriffen w&auml;re die (Untersuchung der) Konkurrenzproblematik in der gesellschaftlichen Realit&auml;t verankert. Aber f&uuml;r die Liberalen sind Wirken und Rolle der Konkurrenz ein absolutes Dogma geworden, das &uuml;ber der Problematik konkreter Bedingungen bei der tats&auml;chlichen Anwendung des Konkurrenzprinzips steht.<\/p><p>Das Konkurrenz-Dogma geht auf die im XVIII. Jahrhundert lebenden und wirkenden Gr&uuml;nder der klassischen &Ouml;konomie David Hume, Bernard de Mandeville und Adam Smith zur&uuml;ck. Diese wollten mit ihren Schriften zeigen, dass die Aktivit&auml;ten h&ouml;chst egoistisch motivierter Wirtschaftssubjekte in einer Konkurrenzsituation spontan zu einem positiven Resultat f&uuml;r die Gesellschaft f&uuml;hren. Das war der Inhalt der ersten &bdquo;Freihandelstheorie&ldquo; David Humes, der &bdquo;Bienenfabel&ldquo; Bernard de Mandevilles und der &bdquo;Unsichtbaren Hand&ldquo; Adam Smiths. Die Argumentationslinien der drei Autoren erweisen sich jedoch bei einer genaueren &Uuml;berpr&uuml;fung am Ende als nicht haltbar.<\/p><p>Humes Theorie des automatischen Gleichgewichts internationalen Freihandels, von den Apologeten der WTO heute praktisch Wort f&uuml;r Wort nachgebetet, gr&uuml;ndet sich auf vollkommen irrealen Annahmen. Hume ging von umfassender Information aller beteiligten Wirtschaftsakteure und von sofortigen, kostenlosen Anpassungen aus. Gleichzeitig sollte es sowohl Anpassungen zwischen Angebot und Nachfrage als auch Anpassungen innerhalb von Angebot und Nachfrage geben. Tats&auml;chlich ist Voraussetzung daf&uuml;r, dass alle in Frage kommenden G&uuml;ter und Dienstleistungen vollst&auml;ndig substituierbar sind &ndash; sowohl f&uuml;r die Nachfrager als auch f&uuml;r die Anbieter.<\/p><p>Die These Mandevilles, nach der sich die menschlichen Laster Egoismus und Ehrgeiz oft ohne Zutun &ndash; wie im Bienenstock &ndash; in kollektive Tugenden umwandeln, war eine rein literarische Konstruktion (bzw. Fiktion).<\/p><p>Adam Smith schlie&szlig;lich hat nie den Mechanismus seiner &bdquo;Unsichtbaren Hand&ldquo; beweisen k&ouml;nnen (&bdquo;der Markt&ldquo; sorge spontan besser f&uuml;r Produktion und Konsum als jedes andere denkbare System). Smiths &bdquo;Unsichtbare Hand&ldquo; ist &ndash; wie der Historiker Jean-Claude Perrot zeigte &ndash; tats&auml;chlich eher als eine Art religi&ouml;se Aporie beim Versuch des Aufbaus einer wissenschaftlichen Argumentation anzusehen.<\/p><p>Die drei Autoren verfolgten mit der Behauptung &bdquo;nat&uuml;rlicher Gesetze&ldquo; (in ihrer Epoche) tats&auml;chlich politische Ziele. Hume wollte (im vom Krieg gepr&auml;gten absolutistischen Zeitalter) zeigen, dass Freihandel zwischen Staaten allen Beteiligten nur Vorteile bringt und Kriege &uuml;berfl&uuml;ssig macht. F&uuml;r Smith und Mandeville machte die von der Konkurrenz bewirkte, spontane wirtschaftliche Selbst-Organisation der Gesellschaft das despotisch-absolutistische Willk&uuml;r-Regime &uuml;berfl&uuml;ssig (die absolutistische Volkswirtschaft ist eine streng reglementierte, f&uuml;rstlich-merkantilistische Verwaltungswirtschaft, deren Hauptzweck Ausr&uuml;stung und Versorgung des Milit&auml;rs ist). <\/p><p>Man kann f&uuml;r den Pazifismus Humes und f&uuml;r die Zur&uuml;ckweisung willk&uuml;rlichen F&uuml;rsten-Despotismus durch Mandeville und Smith eigentlich nur Sympathie empfinden. Aber man sollte nicht die absichtliche Instrumentalisierung eines pseudowissenschaftlichen Diskurses mit wissenschaftlicher Beweisf&uuml;hrung verwechseln.<\/p><p>Gegen Ende des XIX. Jahrhunderts und im XX. Jahrhundert nahm die Konkurrenztheorie eine vielf&auml;ltigere Gestalt an und es bildeten sich drei Schulen heraus. <\/p><p>Die erste, auf L&eacute;on Walras (1834-1910) zur&uuml;ckgehende Schule, die heute noch den gr&ouml;&szlig;ten Einfluss aus&uuml;bt, lehrte, der Konkurrenzmechanismus f&uuml;hre zu einem wirtschaftlichen Gleichgewicht zwischen der Nachfrage und dem auf die Nachfrage reagierenden Angebot. Vilfredo Pareto (1848-1910) f&uuml;hrte erg&auml;nzend aus, dieses &ouml;konomische Gleichgewicht sei von seiner Natur her auch ein gesellschaftliches Gleichgewicht. Daher gebe es f&uuml;r die diversen &ouml;konomischen Probleme der real existierenden Wirtschaft nur eine einzige L&ouml;sung: die Einf&uuml;hrung der Konkurrenzwirtschaft sei f&uuml;r die Organisation von &Ouml;konomie und Gesellschaft die optimale L&ouml;sung und damit sei die Debatte ein f&uuml;r allemal beendet.<\/p><p>F&uuml;r die zweite, die &ouml;sterreichische Schule stehen die Namen Ludwig von Mises (1881-1973) und Friedrich von Hayek (1899-1992). Diese Schule entstand als Antwort auf Probleme (und Ungereimtheiten) der Walras&rsquo;schen Theorie. F&uuml;r die &ouml;sterreichische Schule war Walras&rsquo; Konkurrenzmechanismus (hin zum automatisch entstehenden Gleichgewicht) kein spontan wirkender Mechanismus, sondern eine Art neodarwinistische Eliminierung der ineffektivsten L&ouml;sungselemente.<\/p><p>Schlie&szlig;lich bedeutete Konkurrenz f&uuml;r die dritte Schule die Entfaltung von Innovationsdynamik zur beschleunigten Zerst&ouml;rung veralteter Verh&auml;ltnisse. Die neuen, fortschrittlicheren Wirtschaftsaktivit&auml;ten w&uuml;rden der L&ouml;sung bestehender Probleme besser gerecht werden. Diese Schule verzichtete auf jede Art von wirtschaftlichem Gleichgewicht, f&uuml;r sie war die Konkurrenzwirtschaft einfach ein Instrument zur permanenten Revolutionierung wirtschaftlicher Aktivit&auml;ten, &bdquo;sch&ouml;pferische Zerst&ouml;rung&ldquo; genannt. <\/p><p>Joseph Schumpeter (1883-1950) steht f&uuml;r die meisten Beitr&auml;ge dieser dritten Schule. Er hatte im Grunde dieselben Intentionen wie Hume, Mandeville und Smith im XVIII. Jahrhundert, er wollte die &Ouml;konomie entpolitisieren. Schumpeter erhob aber auch den Anspruch, er k&ouml;nne (durch seine Theorie) die auf &bdquo;rationalem und abgestimmtem&ldquo; Handeln der Individuen beruhenden, immanenten &bdquo;Gesetze&ldquo; (der beiden anderen Schulen) ersetzen.<\/p><p>Die drei Schulen gehen von nicht miteinander zu vereinbarenden, inkompatiblen Rahmenbedingungen aus. Wenn man z.B. von den Walras-Pareto-Modellhypothesen her argumentiert, wie das Kenneth Arrow und G&eacute;rard Debreu tun, zwei Begr&uuml;ndern der neoklassischen Schule in den 1940-er und 1950-er Jahren, dann kann man weder den theoretischen Konkurrenz-Ansatz der &ouml;sterreichischen Schule noch den Konkurrenz-Ansatz eines Joseph Schumpeter akzeptieren. Auch die umgekehrten F&auml;lle treffen zu. Wer z.B. im Rahmen der Hypothesen des Hayekschen Modells argumentiert, muss jeden Bezug zur Gleichgewichtstheorie (L&eacute;on Walras&rsquo;) ablehnen. Die drei Konkurrenz-Theorien k&ouml;nnen sich von ihren Anspr&uuml;chen und Inhalten her nicht kumulieren, im Gegenteil, sie heben sich gegenseitig auf.<\/p><p>Ein anderer &bdquo;Totschl&auml;ger&ldquo; (im Hinblick auf ihre Verifizierbarkeit) sind die den Modellen zugrunde liegenden Hypothesen. Die Hypothese vollst&auml;ndiger und umfassender Information aller Wirtschaftssubjekte als Voraussetzung eines allgemeinen Gleichgewichts ist absurd, au&szlig;er man h&auml;lt alle Wirtschaftssubjekte f&uuml;r rundum allwissend. Diese Hypothese ist im &Uuml;brigen (f&uuml;r die Stimmigkeit dieser Modelle und Theorien) genauso wichtig. Sobald man irgendwelche Unvollst&auml;ndigkeiten und Asymmetrien im Informationsstand der Wirtschaftssubjekte annimmt, sind die M&auml;rkte nicht mehr stabil und Konkurrenz wirkt destabilisierend, eine direkte &ouml;ffentliche Intervention wird erforderlich &ndash; das ist bekannt und das wissen Theoretiker schon lange.<\/p><p>Andere notwendige Hypothesen erweisen sich als genauso unhaltbar. Das Modell von Arrow und Debreu setzt etwa voraus, dass die Pr&auml;ferenzen der Wirtschaftssubjekte unabh&auml;ngig von ihrem pers&ouml;nlichen Kontext und ihrer pers&ouml;nlicher Situation sind. Wenn man das Gut A dem Gut B vorzieht und das Gut B dem Gut C, so wird angenommen dies sei bei allen m&ouml;glichen Konstellationen so und unsere Reaktionen k&ouml;nnten niemals anders sein.<\/p><p>Hayeks Selektionsprozess impliziert, dass die angenommenen Pr&auml;ferenzen auf Dauer gleich sind. Damit dann tats&auml;chlich Selektion stattfinden kann, m&uuml;ssen pers&ouml;nliche Erfahrungen vollst&auml;ndig miteinander vergleichbar sein und wir k&ouml;nnen unsere Pr&auml;ferenzen nicht etwa aufgrund zweier unterschiedlicher Erfahrungswerte &auml;ndern. Au&szlig;erdem m&uuml;ssen dar&uuml;ber hinaus die Erfahrungen der Individuen zu identischen Erinnerungen f&uuml;hren, egal ob die Erfahrungen weit zur&uuml;ck liegen oder j&uuml;ngst gemacht wurden. Mathematisch gesagt reagieren wir bei Hayek alle auf unsere Erfahrungen mit einem durchschnittlichen Mittelwert und nicht etwa mit au&szlig;ergew&ouml;hnlich intensiven Erfahrungsspitzen.<\/p><p>Das Schumpeter-Modell geht davon aus, dass die von Innovationen ausgel&ouml;sten Schocks keinen Einfluss auf die Struktur unserer Pr&auml;ferenzen als Wirtschaftssubjekte haben. Wir ziehen Gewinn der Sicherheit vor oder umgekehrt. Unser Bezug zu m&ouml;glichen Graden der Bed&uuml;rfnisbefriedigung &auml;ndert sich nicht, auch dann nicht, wenn das Sortiment innovativ-neuer Produkte vollst&auml;ndig anders ist als das schon vorher vorhandene Sortiment.<\/p><p>In den 1970-er Jahren wurden alle diese individuellen Verhaltens-Hypothesen wissenschaftlich &uuml;berpr&uuml;ft. Die &hellip; Resultate dieser unter wissenschaftlichen Bedingungen vorgenommenen Verifizierungen&hellip; widerlegen bzw. zerst&ouml;ren praktisch alle Hypothesen des neoklassischen Modells (Stabilit&auml;t der Pr&auml;ferenzen und der Strategien), aber auch des Hayekschen und des Schumpeterschen Modells.<\/p><p>Tats&auml;chlich werden unsere Pr&auml;ferenzen vom Kontext unserer Optionsm&ouml;glichkeiten (framing effect) oder von unserem pers&ouml;nlichen Reichtum (unserer materiellen Lage) bestimmt (endowment effect). Unser kognitives System reagiert eher auf intensive Erfahrungsspitzen als auf progressiv-gleichm&auml;&szlig;ige Entwicklungen und das Auftauchen neuer Erfahrungselemente zieht permanent auch eine Neuausrichtung unserer Optionsmodelle nach sich. <\/p><p><strong>Die Verweigerungsstrategie mancher &Ouml;konomen<\/strong><\/p><p>Die massive (wissenschaftliche) Widerlegung bzw. Unhaltbarkeit der Modelle, die von der Annahme der Voraussehbarkeit des (rationalen) Handelns der Wirtschaftssubjekte ausgehen, egal in welchem Kontext oder in welcher Situation sich das Individuum befindet, ist f&uuml;r die Sozialwissenschaften sicherlich eine der bedeutendsten Errungenschaften der letzten 30 Jahre. Man muss aber (leider) feststellen, dass die meisten &Ouml;konomen (heutzutage) die Strategie verfolgen, diese Ergebnisse einfach zu ignorieren, weil sie ihre Modellwelt nicht radikal in Frage stellen wollen. Indem sie das tun, zeigen sie, dass sie f&uuml;r sich nicht den Anspruch erheben, Wissenschaftler zu sein. Es stellte sich (nach wissenschaftlicher &Uuml;berpr&uuml;fung) heraus, dass die fundamentale Rolle der Konkurrenz f&uuml;r die Organisation des Wirtschaftslebens nicht einfach eine Hypothese, sondern eine Art religi&ouml;ser Glaubenshaltung ist.<\/p><p>Die (neoliberal ausgerichtete) &Ouml;konomie f&auml;llt von ihrem wissenschaftlichen Anspruch her zu Beginn dieses 21. Jahrhunderts auf den Stand am Ende des VIII. Jahrhunderts zur&uuml;ck. <\/p><p>Ein legitimes wissenschaftliches Projekt &ndash; die Untersuchung der Vorg&auml;nge von Produktion, Tausch und Konsumtion in menschlichen Gesellschaften &ndash; wurde (von den Neoliberalen) aus rein ideologischen Gr&uuml;nden auf ein falsches Geleise gelenkt. Man k&ouml;nnte noch anf&uuml;gen, dass angesichts des Skandals der Privatisierung der russischen Volkswirtschaft oder der Enron-, WorldCom- und Parmalat-Aff&auml;ren uns die Zielsetzungen (heutiger &Ouml;konomen) auf ganze andere Weise eben nicht so vornehm erscheinen k&ouml;nnen wie die eines Hume, Mandeville oder Smith (im absolutistisch gepr&auml;gten XVIII. Jahrhundert). <\/p><p>Wenn heute manche &Ouml;konomen ihr wissenschaftliches Fach dem Mammon der Macht oder einem (ganz bestimmten) kurzfristigen Mammon opfern\/preisgeben, machen sie sich moralisch doppelt schuldig: <\/p><p>Erstens vers&uuml;ndigen sie sich an der Demokratie, wenn sie versuchen, einen Mythos mit katastrophalen sozialen Folgen als wissenschaftliche Wahrheit bzw. als von niemand in Frage zu stellende Evidenz zu verkaufen. Zweitens versto&szlig;en sie gegen den Grundsatz fortschreitender wissenschaftlicher Erkenntnis auf der Basis von Forschungsergebnissen und diskreditieren damit die Legitimit&auml;t einer wirklich wissenschaftlichen &ouml;konomischen Forschung.<\/p><p>Von Sapir angegebene Literatur:<\/p><ol>\n<li>Bruce J.Caldwell &bdquo;Economic methodlogy: Rationale, foundations, prospects&ldquo;, in M&auml;ki\/Gustafsson\/Knudsen, &ldquo;Rationality, Institutions &amp; Economic Methodology&rdquo;; Routledge, London und New York 1993<\/li>\n<li>Daniel M.Hausman &ldquo;The Inexact and Separate Science of Economics&rdquo;, Cambridge University Press, Cambridge (GB) 1994<\/li>\n<li>Fr&eacute;d&eacute;ric Lordon &ldquo;Et les lendemains n&rsquo;ont pas chant&eacute;&hellip; &raquo;, Le Monde diplomatique, Mai 2005<\/li>\n<li>J.-C. Perrot &bdquo;Une histoire intellectuelle de l&rsquo;&eacute;conomie politique (XVII. Bis XVIII. Jhd.), EHESS, Paris 1992<\/li>\n<li>David Hume, &laquo; Discours politiques &raquo;, &Uuml;bersetzung aus dem Englischen, Amsterdam 1754<\/li>\n<li>&bdquo;Les Trous noirs de la science &eacute;conomique &raquo;, Angabe ohne Autor, Albin Michel, Paris 2000<\/li>\n<li>Jacques G&eacute;n&eacute;reux &laquo; Les Vraies Lois de l&rsquo;&eacute;conomie &raquo;, Seuil, Paris 2002<\/li>\n<li>Sandford J. Grossmann und Joseph Stiglitz &laquo; On the impossiblity of informationally efficient markets &raquo; in &laquo; American Economic Review, Pittsburgh, Band 44\/2, 1980<\/li>\n<li>Daniel Kahneman &ldquo;New challenges to the rationality assumption&rdquo; und Amos Tversky &ldquo;Rational theory and constructive choice&rdquo;, in Kenneth J. Arrow, Enrico Colombatto, M. Perlman und Christian Schmidt &ldquo;The Rational Foundations of Economic Behavoir&rdquo;, Saint Martin&rsquo;s Press, New York 1996<\/li>\n<li>Hazel Henderson &ldquo;Prix Nobel d&rsquo;&eacute;conomie, l&rsquo;imposture &raquo;, Le Monde diplomatique vom Februar 2005<\/li>\n<li>Nina Bachkatov &laquo; Le Kremlin contre les oligarques &raquo;, Le Monde diplomatique vom Dezember 2003<\/li>\n<li>Tom Frank &laquo; Enron aux mille et une escroqueries &raquo;, Le Monde diplomatique vom Februar 2002.<\/li>\n<\/ol><p><strong style=\"display:block; text-align: center\">II.<\/strong><\/p><p><strong>Was ist Wettbewerb?<\/strong><br>\nVon Heiner Flassbeck<br>\nWuM, Juni 2006<br>\nQuelle: <a href=\"http:\/\/www.flassbeck.de\/pdf\/2006\/28.6.2006\/Was%20ist%20Wettbewerb.pdf\" title=\"Externer Link zu http:\/\/www.flassbeck.de\/pdf\/2006\/28.6.2006\/Was%20ist%20Wettbewerb.pdf\">www.flassbeck.de [PDF &ndash; 48 KB]<\/a><\/p><p><strong style=\"display:block; text-align: center\">III.<\/strong><\/p><p><strong>Anmerkung Wolfgang Lieb:<\/strong><\/p><p>Zur &Uuml;bertragung des Wettbewerbsprinzips auf Staat und Gesellschaft erlaube ich mir einen erg&auml;nzenden Hinweis:<\/p><p>Nichts gegen Wettbewerb, weder im Sport und schon gar nichts gegen den Wettbewerb zwischen Betrieben und ihren jeweiligen Produkten auf dem Markt. Der Wettbewerb hat zwischen den Marktteilnehmern eine unersetzbare steuernde Funktion. Das Wettbewerbsprinzip jedoch immer mehr auf die Gesellschaft und den Staat zu &uuml;bertragen, birgt riesige Gefahren f&uuml;r den Zusammenhalt des politischen Gemeinwesens und f&uuml;r die Demokratie insgesamt.<\/p><p>Dazu braucht man sich nur einmal kurz auf die Prinzipien oder Motive zu besinnen, die hinter einer wettbewerbsgesteuerten im Unterschied oder sogar Gegensatz zu einer demokratischen (politischen) Gesellschaft stehen.<br>\nMan wird wohl kaum bestreiten k&ouml;nnen, dass hinter dem Wettbewerb das Motiv des <strong>Eigennutzes<\/strong> steht, w&auml;hrend die demokratische Gesellschaft f&uuml;r das <strong>Gemeinn&uuml;tzige<\/strong> oder sogar f&uuml;r das Solidarische steht. Wettbewerb richtet sich gegen den anderen Wettbewerber und ist diesem gegen&uuml;ber tendenziell <strong>destruktiv<\/strong>, w&auml;hrend die demokratische Gesellschaft und immer auch das Ganze im Auge haben sollte und von daher eher <strong>konstruktiv<\/strong> ist. Die Mitglieder der Gesellschaft sind auch f&uuml;reinander da oder zumindest aufeinander angewiesen.<br>\nWettbewerb lebt von der <strong>Konkurrenz<\/strong>, ein demokratisches Gemeinwesen aber auch von der <strong>Kooperation<\/strong>. Wettbewerb misst sich am Anderen. Triebkr&auml;fte sind also eher <strong>extrinsische Motive<\/strong>. Ein demokratisches Gemeinwesen lebt aber auch von der <strong>intrinsischen Motivation<\/strong> seiner B&uuml;rger, einer Motivation die auch Anreizen folgt, die jenseits der &ouml;konomischen liegen und auch inneren, wertbezogenen Antrieben Raum gibt.<br>\nWettbewerb schielt auf den <strong>kurzfristigen Erfolg<\/strong>. Ein Staat muss auch die <strong>l&auml;ngerfristigen Interessen<\/strong> der Gesamtbev&ouml;lkerung im Auge haben.<br>\nDer Wettbewerb schafft <strong>&auml;u&szlig;ere, fremdbestimmte Zw&auml;nge<\/strong>, Demokratie macht aber <strong>Selbstbestimmung<\/strong> oder wenigstens <strong>Mitbestimmung<\/strong> aus.<br>\nEs wird doch geradezu als Kult gepflegt, dass im einzelwirtschaftlichen Wettbewerb immer auch <strong>autorit&auml;re Entscheidungen<\/strong> der &bdquo;Unternehmensf&uuml;hrer&ldquo; verlangt und erwartet werden, die Gesellschaft, der Staat oder die L&auml;nder untereinander, sind jedoch keine einzelwirtschaftlich agierende Unternehmen mit einem Unternehmer oder Managern an der Spitze, sondern sie sind jedenfalls nach unserer Verfassung <strong>demokratisch<\/strong> konstituiert. Wettbewerb <strong>h&auml;lt Ungleichheit aus<\/strong>, ja braucht sie geradezu als Antriebskraft, eine Gesellschaft bricht jedoch auseinander, wenn <strong>zuviel Ungleichheit<\/strong> herrscht.<br>\nWettbewerb ist <strong>gewinnorientiert<\/strong>, eine offene demokratische Gesellschaft, die ihre Zukunft gestalten will, verlangt jedoch gerade mehr <strong>Spielraum f&uuml;r das Neue<\/strong>, das Unsichere, das sich nicht sofort und kalkulierbar in Profit Niederschlagende &ndash; man denke doch nur an Bildung und Forschung.<br>\nWettbewerb mag zu <strong>einzelwirtschaftlicher Effizienz<\/strong> f&uuml;hren, die <strong>volkswirtschaftliche Effizienz<\/strong> misst sich aber auch am Allgemeinwohl und am allgemeinen Wohlstand und daf&uuml;r bedarf es zumindest auch wertender Rahmensetzungen &ndash; z.B. der Prinzipien des Sozialstaats.<\/p><p>Um es noch einmal zu sagen: Es geht hier nicht um eine radikale Kritik am Wettbewerb oder gar dessen Ablehnung, dort wo er seinen Sinn und seinen Platz hat. Wenn der Wettbewerbsgedanke jedoch zum herrschenden Funktionsprinzip f&uuml;r Staat und Gesellschaft wird, dann ger&auml;t die demokratische Substanz in Gefahr.<br>\nEine demokratische Gesellschaft braucht zwar auch den Wettbewerb als ein wichtiges Regulativ der Wirtschaft, aber die historische Erfahrung zeigt, dass umgekehrt Wettbewerb durchaus auch ohne Demokratie auskommt. F&uuml;r die Geltung von Wettbewerbsprinzipien ist die Demokratie vielleicht hilfreich, aber keineswegs konstituierend. Es ist ja schlie&szlig;lich kein Zufall, dass in den faschistischen Diktaturen von Hitler bis Franco, von der griechischen &uuml;ber die portugiesische bis zur chilenischen Milit&auml;rdiktatur der kapitalistische Wettbewerb weitgehend unangetastet blieb und selbst die imperialistische Kriegswirtschaft im Nazi-Deutschland kannte zumindest noch einen oligopolistischen Wettbewerb. <\/p><p>Quelle: <a href=\"?p=267\">NachDenkSeiten vom 20.12.2005<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&bdquo;Konkurrenz bzw. Wettbewerb stimuliert Umsatz und Absatzm&auml;rkte der Unternehmen, was diese wiederum veranlasst, neue Arbeitspl&auml;tze zu schaffen&ldquo; (&hellip;) stellen Volkswirte der OECD fest. Allerdings beruhen die dem Wettbewerb zugeschriebenen &ouml;konomischen Tugenden weniger auf wissenschaftlicher Erkenntnis als auf interessengeleiteter Glaubenshaltung. Da durch solche offiziellen Verlautbarungen das Konkurrenzdogma immer wieder bekr&auml;ftigt wird, f&auml;llt es neoliberalen &Ouml;konomen leicht,<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=1386\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[141,13,201,157],"tags":[364,895,866,233,1048,678,687,924],"class_list":["post-1386","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-arbeitsmarkt-und-arbeitsmarktpolitik","category-denkfehler-wirtschaftsdebatte","category-ideologiekritik","category-wettbewerbsfaehigkeit","tag-flassbeck-heiner","tag-freihandel","tag-konkurrenzdenken","tag-marktliberalismus","tag-neoklassische-wirtschaftstheorie","tag-smith-adam","tag-ungleichheit","tag-von-hayek-friedrich-august"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1386","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1386"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1386\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":30871,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1386\/revisions\/30871"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1386"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1386"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1386"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}