{"id":138786,"date":"2025-09-14T12:00:35","date_gmt":"2025-09-14T10:00:35","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=138786"},"modified":"2025-09-12T18:15:03","modified_gmt":"2025-09-12T16:15:03","slug":"die-vereinnahmung-der-eliten-und-die-selbstzerstoerung-europas-teil-44","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=138786","title":{"rendered":"Die Vereinnahmung der Eliten und die Selbstzerst\u00f6rung Europas \u2013 Teil 4\/4"},"content":{"rendered":"<p>Von dem Schweigen zur Sabotage der Nord-Stream-Pipelines bis zur wirtschaftlich und politisch ruin&ouml;sen NATO-Aufr&uuml;stung: Viele Menschen in Deutschland fragen sich, warum unsere &bdquo;Eliten&ldquo; in Medien und Politik so h&auml;ufig die geopolitischen und wirtschaftlichen Interessen der USA &uuml;ber die der eigenen Bev&ouml;lkerung zu stellen scheinen. Unsere neue Gastautorin Nel Bonilla analysiert in einer Reihe von vier Artikeln die verborgene Architektur der transatlantischen Hegemonie und die Netzwerke hinter dem transatlantischen Wahnsinn. Ein Artikel von <strong>Nel Bonilla<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_86\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-138786-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/250912-Vereinnahmung-der-Eliten-Teil-4-NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/250912-Vereinnahmung-der-Eliten-Teil-4-NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/250912-Vereinnahmung-der-Eliten-Teil-4-NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/250912-Vereinnahmung-der-Eliten-Teil-4-NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=138786-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/250912-Vereinnahmung-der-Eliten-Teil-4-NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"250912-Vereinnahmung-der-Eliten-Teil-4-NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p><em>Wir verlinken f&uuml;r Sie an dieser Stelle <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=138428\">Teil 1<\/a>, <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=138528\">Teil 2<\/a> und <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=138782\">Teil 3<\/a> zum Nachlesen.<\/em><\/p><p><strong>Die biographische Flie&szlig;bandproduktion: Konsens als Fabrikat<\/strong><\/p><p>Ein Blick in die Lebensl&auml;ufe des Kabinetts von Friedrich Merz zeigt ein Muster nicht nur aus Karrierestationen, sondern aus <strong>ideologischer Pr&auml;gung <\/strong>durch drei aufeinanderfolgende Phasen der Elitenbildung: <strong>drei Stufen, die nacheinander den Konsens herstellen<\/strong>. Jakob Schrot und Lars Klingbeil verdeutlichen diesen Prozess aus zwei Blickwinkeln: der eine &uuml;ber eine akademische Schnellspur, der andere &uuml;ber eine Krisenerfahrung. Am Ende aber treten beide mit denselben atlantischen Reflexen hervor.<\/p><p><strong>Erwerbsphase &#9474; Ideologische Taufe<\/strong><\/p><p><em>In dieser Phase werden Weltbilder allm&auml;hlich verankert. Der Prozess beginnt mit US-finanzierten Programmen, die gezielt junge Menschen an beruflichen oder sogar pers&ouml;nlichen Wendepunkten ansprechen.<\/em><\/p><p><strong>Jakob Schrot<\/strong> (Leiter des Kanzlerb&uuml;ros im Bundeskanzleramt und Leiter des neu geschaffenen Nationalen Sicherheitsrats) &ndash; &uuml;bernimmt die atlantische <a href=\"https:\/\/germany.alumni.columbia.edu\/ttip_get_together\">Orthodoxie<\/a> &uuml;ber Studienprogramme:<\/p><ul>\n<li><strong>TransAtlantic Masters, 2013 &ndash; 2016:<\/strong> Ein gemeinsamer Master in transatlantischen Beziehungen, der ihn an die University of North Carolina in Chapel Hill, die Humboldt-Universit&auml;t und die Freie Universit&auml;t Berlin f&uuml;hrte.<\/li>\n<li><strong>Washington Semester, American University, 2012 &ndash; 2013:<\/strong> Ein Forschungsjahr im Washington-Semester-Programm der American University zur US-Au&szlig;enpolitik brachte ihn mitten ins politische Herz der USA. Vormittags beim German Marshall Fund (einem NATO-nahen Thinktank), nachmittags als Praktikant im Kongress bei dem Abgeordneten Eliot Engel (Au&szlig;enpolitischer Ausschuss), der sp&auml;ter Hauptarchitekt des US-Sanktionsgesetzes <a href=\"https:\/\/www.govinfo.gov\/content\/pkg\/CHRG-115hhrg31453\/html\/CHRG-115hhrg31453.htm\">CAATSA<\/a> (<em>Countering America&rsquo;s Adversaries Through Sanctions Act<\/em>) wurde.<\/li>\n<li><strong>Mit 25 Jahren NGO-Gr&uuml;nder (2014):<\/strong> Gr&uuml;ndung der <a href=\"https:\/\/junge-transatlantiker.de\/projekte\/\"><strong>Initiative junger Transatlantiker<\/strong><\/a>; ein Jahr sp&auml;ter bereits Vorsitzender der <strong>Federation of German-American Clubs<\/strong> (Dachverband von 30 Alumni-Gruppen).<\/li>\n<\/ul><p>Als Schrot mit 30 nach Berlin zur&uuml;ckkehrte, war sein Weltbild in Beton gegossen: NATO und Atlantizismus galten als einzig legitime Perspektive. US-F&uuml;hrung war f&uuml;r ihn eine moralische Tatsache bis hin zu der Auffassung, dass deutsche Interessen gleichbedeutend seien mit denen Washingtons.<\/p><p><strong>Lars Klingbeil (Vizekanzler und Finanzminister) &ndash; gepr&auml;gt durch Krisenerfahrungen und Sozialisation<\/strong><\/p><ul>\n<li><strong>9\/11-Praktikum (2001, Manhattan):<\/strong> Die Friedrich-Ebert-Stiftung (FES), das politische Fundament der SPD, vermittelte dem 23-j&auml;hrigen Politikwissenschaftsstudenten ein Praktikum bei einer NGO in Manhattan. Ausgerechnet w&auml;hrend der Terroranschl&auml;ge vom 11. September 2001 befand sich Klingbeil dort. Dieses Erlebnis wurde f&uuml;r ihn zu einem emotionalen Schl&uuml;sselmoment, der sein atlantisches Weltbild pr&auml;gte. <a href=\"https:\/\/www.kreiszeitung.de\/lokales\/rotenburg\/rotenburg-ort120515\/und-ich-war-mittendrin-90973883.html\">Er beschreibt es r&uuml;ckblickend so<\/a>:<\/li>\n<\/ul><p><em>&bdquo;Danach habe ich mich sehr intensiv mit Au&szlig;en- und Sicherheitspolitik besch&auml;ftigt. Sp&auml;ter kehrte ich in die USA zur&uuml;ck, nach Washington, und habe dort meine <strong>Masterarbeit &uuml;ber die amerikanische Verteidigungspolitik<\/strong> geschrieben. Mein Verh&auml;ltnis zur Bundeswehr und zu Milit&auml;reins&auml;tzen hat sich durch diese schrecklichen Anschl&auml;ge grundlegend ver&auml;ndert. Ohne 9\/11 h&auml;tte ich vielleicht nie mein Interesse an Sicherheitspolitik entdeckt und w&auml;re wom&ouml;glich nie im Verteidigungsausschuss gelandet.&ldquo;<\/em><\/p><ul>\n<li><strong>Georgetown-Programm und Praktikum am Capitol Hill (2002 &ndash; 2003):<\/strong> Ein Jahr sp&auml;ter ging Klingbeil erneut in die USA. &Uuml;ber ein Austauschprogramm studierte er 2002 bis 2003 an der renommierten Georgetown University in Washington amerikanische <a href=\"https:\/\/euperspectives.eu\/2025\/04\/lars-klingbeil-unlikely-revolutionary\/\">Verteidigungspolitik<\/a>. Diese Phase vermittelte ihm von Anfang an eine klar transatlantische Sichtweise, gewisserma&szlig;en eine sanfte Einbindung in amerikanisches strategisches Denken. W&auml;hrend dieser Zeit absolvierte er zudem ein Praktikum im B&uuml;ro der Kongressabgeordneten <a href=\"https:\/\/freedomhouse.org\/expert\/jane-harman\">Jane Harman<\/a>. Harman geh&ouml;rte damals dem Geheimdienstausschuss des Repr&auml;sentantenhauses an und war sp&auml;ter Pr&auml;sidentin des Woodrow-Wilson-Centers, eines Thinktanks mit engen Verbindungen zu den US-Geheimdiensten. Der <a href=\"https:\/\/www.ndscommission.senate.gov\/bio-jane-harman\/\">Ausschuss<\/a>, in dem sie sa&szlig;, <a href=\"https:\/\/irp.fas.org\/dni\/reform-ocr.pdf\">&uuml;berwachte<\/a> unter anderem die NSA-Programme zur Massen&uuml;berwachung und die Anti-Terror-Gesetzgebung nach 9\/11.<\/li>\n<\/ul><p>Solche Aufenthalte sind f&uuml;r junge Politiker enorm pr&auml;gend. Man taucht nicht nur in das politische Alltagsgesch&auml;ft in Washington ein, sondern wird auch direkt in die Denkweise der amerikanischen Au&szlig;en- und Sicherheitspolitik eingef&uuml;hrt. Viele sp&auml;tere Spitzenpolitiker, nicht nur aus Deutschland, tragen diese fr&uuml;he Sozialisation wie einen unsichtbaren Rucksack mit sich, der ihr politisches Handeln langfristig beeinflusst.<\/p><p><strong>Konversionsphase &#9474; Aufstieg durch Netzwerke<\/strong><\/p><p><em>In dieser Phase gilt: Loyalit&auml;t und Anpassung werden mit Zugeh&ouml;rigkeit belohnt.<\/em><\/p><p>Jacob Schrot kann man hier als einen <strong>unternehmerischen Netzwerker <\/strong>beschreiben. Wie bereits erw&auml;hnt, gr&uuml;ndete er mit 25 Jahren, also noch w&auml;hrend seines Studiums, die Jugendorganisation <em>Initiative junger Transatlantiker<\/em>. Zugleich &uuml;bernahm er den Vorsitz der <em>Federation of German-American Clubs<\/em>, eines Dachverbands mit mehr als 30 Alumni-Vereinigungen. Anders als die meisten seiner Altersgenossen schuf Schrot damit transatlantische Strukturen nicht nur durch Teilnahme, sondern von innen heraus.<\/p><p>Im Gegensatz dazu schlug Lars Klingbeil in dieser Phase einen eher traditionellen Weg ein, den Aufstieg &uuml;ber Parteigremien, versehen mit einem <strong>leicht progressiven Anstrich<\/strong>, wie es seine SPD-Mitgliedschaft vermuten l&auml;sst. Zur&uuml;ck in Deutschland nutzte er die klassischen Karriereleitern und wurde Mitglied der <em>Atlantik-Br&uuml;cke<\/em>. Bemerkenswert ist, dass Klingbeil in einem <a href=\"https:\/\/www.atlantik-bruecke.org\/wp-content\/uploads\/190606_Atlantik_Bruecke_final_web.pdf#:~:text=Wolfgang%20Ischinger%20unten%20links%20Sawsan,Diekmann%2C%20Lars%20Klingbeil%2C%20Friedrich%20Merz\">Bericht der Atlantik-Br&uuml;cke aus dem Jahr 2018<\/a> gemeinsam mit der US-Botschafterin Amy Gutmann, Friedrich Merz (heute Bundeskanzler) und dem damaligen Chef von BlackRock Deutschland erscheint.<\/p><p>Zusammengefasst l&auml;sst sich sagen: Schrot baut elit&auml;res Sozialkapital selbst auf, w&auml;hrend Klingbeil es anzapft. Am Ende f&uuml;hrt beides in denselben Zirkel von Gartenpartys, nur mit unterschiedlichen Eintrittskarten.<\/p><p><strong>Verst&auml;rkungsphase &#9474; Systemische Reproduktion<\/strong><\/p><p><em>Die Absolventen werden selbst zu Gatekeepern, also zu denjenigen, die kontrollieren, wer Zugang zu den entscheidenden Posten erh&auml;lt &ndash; der Kreis schlie&szlig;t sich.<\/em><\/p><p>Heute ist Jakob Schrot Kanzler Merz&rsquo; Chef des Stabes und Koordinator des Nationalen Sicherheitsrats. Er pr&uuml;ft die Kandidatenlisten f&uuml;r Beraterposten und entwirft sicherheitspolitische Memos. Damit kontrolliert Schrot inzwischen die Personalschleusen im Kanzleramt. Lars Klingbeil wiederum treibt einen 100-Milliarden-Euro-Aufr&uuml;stungsfonds im Rahmen der <strong>Zeitenwende<\/strong> voran und l&auml;sst erneut &uuml;ber eine Art TTIP-light-Handelsabkommen sprechen. Zudem nahm Klingbeil (wie zuvor schon Friedrich Merz 2024) an der Bilderberg-Konferenz 2025 teil, einem exklusiven Treffen, bei dem sich NATO-Generalsekret&auml;r, US-Gener&auml;le, Konzernchefs aus dem Tech-Bereich und hochrangige Politiker in einem informellen Planungszirkel austauschen.<\/p><p>Schrot entscheidet, <strong>wer<\/strong> die Lageeinsch&auml;tzungen schreibt; Klingbeil legt fest, <strong>wof&uuml;r<\/strong> die Gelder flie&szlig;en. Gemeinsam verschwei&szlig;en sie so das R&auml;derwerk der deutschen Politik. Das Entscheidende dabei: Sie tun es nach den Spielregeln Washingtons. Mit solchen Biographien w&auml;re es auch kaum anders m&ouml;glich.<\/p><p>Neben diesen Anreizen gibt es noch eine andere Seite: den <strong>&bdquo;Schr&ouml;der-Effekt&ldquo;<\/strong>. Abweichler vom transatlantischen Konsens riskieren den beruflichen Untergang. Das zeigte sich am ehemaligen Kanzler Gerhard Schr&ouml;der. Sein Eintreten f&uuml;r Nord Stream 2 und seine Diplomatie gegen&uuml;ber Moskau f&uuml;hrten dazu, dass man ihm die &uuml;blichen Privilegien ehemaliger Kanzler aberkannte. Als Begr&uuml;ndung diente sein Festhalten an gesch&auml;ftlichen Verbindungen zu russischen Energiekonzernen, ein angeblicher Versto&szlig; gegen die Pflichten des Amtes. In der Folge wurde Schr&ouml;der aus dem &ouml;ffentlichen Mediendiskurs nahezu ausgel&ouml;scht.<\/p><p><strong>Das operative Ergebnis: ein geschlossenes Denk-Universum<\/strong><\/p><p>Am Ende dieser Produktionskette entsteht nicht nur eine einheitliche Politikrichtung. Viel bedeutsamer ist: Es entsteht ein <strong>gemeinsamer Wahrnehmungsrahmen<\/strong>, der wie ein Gef&auml;ngnis wirkt. Wenn die Mehrheit der deutschen, und auch der europ&auml;ischen, politischen Eliten dieselben US-Programme durchlaufen, hat das drei zentrale Folgen:<\/p><ul>\n<li><strong>Die geistigen Grenzen verengen sich:<\/strong> <em>Entspannungspolitik<\/em> gilt pl&ouml;tzlich als &bdquo;Appeasement&ldquo;. <em>Neutralit&auml;t<\/em> wird als &bdquo;Kollaboration&ldquo; gebrandmarkt. Energiegesch&auml;fte mit Russland erscheinen als &bdquo;geopolitischer Verrat&ldquo;.<\/li>\n<li><strong>Die emotionalen Reaktionen werden konditioniert:<\/strong> Ein Stirnrunzeln eines Pentagon-Beamten l&ouml;st mehr Angst aus als der &Auml;rger der eigenen W&auml;hler. Das Lob des <em>Economist<\/em> wiegt schwerer als jede Umfrage im Inland.<\/li>\n<li><strong>Die politische Vorstellungskraft verk&uuml;mmert:<\/strong> Alternative Modelle wie eine OSZE-basierte Sicherheitsarchitektur sind unvorstellbar. Der Aufstieg Chinas wird als blo&szlig;e &bdquo;vor&uuml;bergehende Abweichung&ldquo; von der US-gef&uuml;hrten Weltordnung abgetan.<\/li>\n<\/ul><p>Das Schlimmste daran: Die Betroffenen erleben diesen Prozess (m&ouml;glicherweise) gar nicht als Zwang. Sp&auml;testens wenn sie ein Regierungsamt &uuml;bernehmen, ist der Atlantizismus f&uuml;r sie l&auml;ngst <strong>politisches Allgemeingut<\/strong>, so selbstverst&auml;ndlich wie das Atmen.<\/p><p>Die eigentliche Trag&ouml;die liegt in dem, was verloren gegangen ist: F&uuml;hrungspers&ouml;nlichkeiten wie Willy Brandt, dessen Jahre im Exil ihn lehrten, dass Souver&auml;nit&auml;t mit dem Mut zum Widerspruch beginnt. Im heutigen Berlin hingegen gibt es kaum noch Raum f&uuml;r Politiker mit unorthodoxen Biographien. Die F&ouml;rderketten bringen Kader hervor, die sich gar nicht mehr bewusst f&uuml;r Anpassung <em>entscheiden<\/em> m&uuml;ssen, weil sie sich nichts anderes mehr vorstellen k&ouml;nnen. Kein Wunder also, dass Vizekanzler Robert Habeck bei einem Besuch in Washington im Jahr 2022 <a href=\"https:\/\/www.focus.de\/politik\/deutschland\/besuch-in-den-usa-habeck-sieht-deutschland-in-einer-dienenden-fuehrungsrolle_id_61552626.html\">erkl&auml;ren konnte<\/a>, Deutschland sei bereit, eine &bdquo;<em>dienende F&uuml;hrungsrolle<\/em>&ldquo; zu &uuml;bernehmen. Eine Formulierung, die so sehr von ihrer eigenen Logik &uuml;berzeugt war, dass niemand die naheliegenden Fragen stellte: <strong>Wem gegen&uuml;ber f&uuml;hren? Und welchem Zweck dienen?<\/strong><\/p><p><strong>Den Griff l&ouml;sen: realistische Ansatzpunkte<\/strong><\/p><p>Was ist zu tun? Im Grunde ist dies eine Aufgabe sowohl f&uuml;r die Menschen in den westlichen L&auml;ndern, die in die transatlantischen Netzwerke eingebunden sind, als auch f&uuml;r die neu entstehende multipolare Weltordnung:<\/p><ul>\n<li><strong>Prestige-Konkurrenz<\/strong>: In einer fr&uuml;hen Phase k&ouml;nnte es z.B. <strong>ein EU-BRICS-Friedensstipendium<\/strong> geben (oder nur BRICS), mit demselben Stipendium und denselben &ouml;ffentlichen Ehren wie beim Fulbright-Programm. So w&uuml;rden junge Studierende lernen, dass auch eine sicherheitspolitische Orientierung jenseits der NATO ihrer Karriere dienen kann und vielleicht sogar besser f&uuml;r die Welt.<\/li>\n<li><strong>Verpflichtende multipolare Karrierestationen<\/strong>: Keine Bef&ouml;rderung in ein Regierungsamt ohne mindestens ein zw&ouml;lfmonatiges Praktikum oder eine Rotation bei z.B. der OSZE in Wien, der Afrikanischen Union in Addis Abeba oder beim UN-Institut f&uuml;r Abr&uuml;stungsforschung (UNIDIR) in Genf.<\/li>\n<li><strong>Register f&uuml;r ausl&auml;ndische Einflussnahme<\/strong>: Bundestagsabgeordnete m&uuml;ssen heute schon ihre Aktienanteile offenlegen. Ebenso sollten k&uuml;nftig alle von Stiftungen finanzierten Reisen, Aufsichtsratsposten und Einladungen zu Konferenzen wie Bilderberg ver&ouml;ffentlicht werden.<\/li>\n<li><strong>Matching-Fonds f&uuml;r Thinktanks<\/strong>: Der Wissenschaftliche Dienst des Bundestags k&ouml;nnte so ausgestattet werden, dass er jede private Spende aus der R&uuml;stungsindustrie an Forschungsinstitute mit derselben Summe aus &ouml;ffentlichen Mitteln ausgleicht. Auf diese Weise w&uuml;rde der politische Einfluss der R&uuml;stungsindustrie verw&auml;ssert. Nat&uuml;rlich lie&szlig;e sich an dieser Stelle noch mehr tun.<\/li>\n<\/ul><p>Solche Scharniere lassen sich oft nur &ouml;ffnen, wenn &auml;u&szlig;ere Schocks Druck aus&uuml;ben: etwa ein US-Staatsbankrott, der die Ukraine-Finanzierung beendet, oder eine Protestwelle, die sich polizeilich nicht mehr einkesseln l&auml;sst. Doch selbst solche Ereignisse zerst&ouml;ren das bestehende Netzwerk nicht, sie spritzen lediglich ein St&uuml;ck Pluralismus hinein.<\/p><p><strong>Schlussbemerkung: Hegemonie oder &Uuml;berleben<\/strong><\/p><p>Die Spur, die sich durch Stiftungen, Thinktank-Karrieren und geschlossene Konklaven zieht, l&auml;sst kaum Zweifel: <strong>Das transatlantische Eliteprojekt ist auf Selbsterhaltung programmiert<\/strong>.<\/p><p>Seine kulturelle Hegemonie verpflichtet Europa dazu, ein US-zentriertes Imperium und die Eliten aller verb&uuml;ndeten L&auml;nder zu st&uuml;tzen, selbst dann, wenn dieses Imperium Europas eigene materiellen Interessen sabotiert. Hegemonien brechen selten aus moralischer Einsicht zusammen; sie weichen nur dann, wenn &auml;u&szlig;erer Druck oder innere Br&uuml;che die Gefolgschaft teurer machen als den Widerstand. Drei Faktoren (oder eine Kombination daraus) k&ouml;nnten diese Maschinerie ins Wanken bringen:<\/p><ul>\n<li><strong>Narrativbruch von unten:<\/strong> Organisierte Verweigerung, sei es durch Massenstreiks, Boykotte oder anhaltende Gegenkampagnen in den Medien, kann den Konsens der Kriegswirtschaft delegitimieren und die atlantische Treue politisch untragbar machen.<\/li>\n<li><strong>Systemischer Schock von au&szlig;en:<\/strong> Ein entscheidender Verlust der US-Finanz- oder Milit&auml;rdominanz (etwa durch einen Bruch des Petrodollar-Systems bzw. die Koppelung des globalen &Ouml;lhandels an den US-Dollar oder einen gescheiterten Stellvertreterkrieg) w&uuml;rde die europ&auml;ischen Eliten zwingen, ihre Loyalit&auml;ten neu zu bewerten.<\/li>\n<li><strong>Rechenschaft von oben:<\/strong> N&uuml;rnberger Prozesse sind heute zwar kaum vorstellbar, bleiben aber historisch ein Instrument, das Elitenabenteuer tats&auml;chlich eind&auml;mmt, indem es pers&ouml;nliches Risiko an strategische Torheit koppelt.<\/li>\n<\/ul><p>Jede Stufe ihrer Karriereleiter hat die n&auml;chste Eskalation normalisiert. Die heutigen europ&auml;ischen F&uuml;hrungskr&auml;fte entscheiden sich nicht bewusst f&uuml;r den permanenten Krieg, sie erben und normalisieren ihn. Denn innerhalb eines Systems, das Atlantiktreue mit beruflicher Legitimit&auml;t gleichsetzt, erscheint er ihnen als der sicherste Weg.<\/p><p><strong>Ein Aufruf zu neuen Strukturen<\/strong><\/p><p>Es reicht nicht, einfach nur Personen auszutauschen. Die eigentliche Aufgabe besteht darin, das <strong>biographische Flie&szlig;band<\/strong> zu demontieren, jenes, das mit von Stiftungen finanzierten Jugendaustauschprogrammen beginnt, &uuml;ber Thinktank-Stipendien verl&auml;uft und schlie&szlig;lich in Minister&auml;mtern oder Vorstandsetagen endet. Solange dieses Flie&szlig;band nicht unterbrochen oder zumindest &uuml;ber den atlantischen Echoraum hinaus diversifiziert wird, werden auch &bdquo;neue Gesichter&ldquo; dieselben strategischen Reflexe reproduzieren.<\/p><p>Die Alternative ist klar: Entweder zusehen, wie das eigene Land im Dienste der Eliten eines anderen Imperiums blutet, oder die F&auml;higkeit zur&uuml;ckgewinnen, &uuml;ber die eigene Zukunft zu entscheiden.<\/p><p>Die Entscheidung lautet also nicht mehr <em>Status quo<\/em> oder Reform, sondern <strong>Hegemonie oder &Uuml;berleben<\/strong>. Das Zeitfenster f&uuml;r eine friedliche Losl&ouml;sung mag sich schlie&szlig;en, doch es ist noch nicht endg&uuml;ltig zugefallen. Aus der Geschichte zu lernen garantiert nichts, er&ouml;ffnet aber Chancen, den Kreislauf zu unterbrechen.<\/p><p><em>Ende Teil 4<\/em><\/p><p><em>Dieser Artikel wurde zuerst im englischen Original auf <a href=\"https:\/\/themindness.substack.com\/\">Nel Bonillas Substack<\/a> ver&ouml;ffentlicht und von der Autorin selbst ins Deutsche &uuml;bersetzt.<\/em><\/p><p><small>Titelbild: US-Botschaft Berlin \/ <a href=\"https:\/\/www.flickr.com\/photos\/usbotschaftberlin\/32022685940\/\">Ambassador Emerson Gives Atlantik Br&uuml;cke Farewell Speech<\/a><\/small><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von dem Schweigen zur Sabotage der Nord-Stream-Pipelines bis zur wirtschaftlich und politisch ruin&ouml;sen NATO-Aufr&uuml;stung: Viele Menschen in Deutschland fragen sich, warum unsere &bdquo;Eliten&ldquo; in Medien und Politik so h&auml;ufig die geopolitischen und wirtschaftlichen Interessen der USA &uuml;ber die der eigenen Bev&ouml;lkerung zu stellen scheinen. Unsere neue Gastautorin Nel Bonilla analysiert in einer Reihe von vier<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=138786\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":138429,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[169,107,126,127,11],"tags":[2328,282,2965,374,1426,2200,2269,3276,466,1625,382,1338,1556],"class_list":["post-138786","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-aussen-und-sicherheitspolitik","category-audio-podcast","category-erosion-der-demokratie","category-lobbyismus-und-politische-korruption","category-strategien-der-meinungsmache","tag-atlantik-bruecke","tag-buergerproteste","tag-einflussagenten","tag-eliten","tag-hegemonie","tag-klingbeil-lars","tag-konformitaetsdruck","tag-multipolare-welt","tag-nato","tag-stiftungen","tag-think-tanks","tag-transatlantiker","tag-usa"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2025\/09\/Ambassador_Emerson.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/138786","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=138786"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/138786\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":138896,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/138786\/revisions\/138896"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/138429"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=138786"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=138786"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=138786"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}