{"id":1389,"date":"2006-07-06T17:19:29","date_gmt":"2006-07-06T15:19:29","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/v2\/?p=1389"},"modified":"2016-02-04T12:21:54","modified_gmt":"2016-02-04T11:21:54","slug":"die-bundesprasidenten-partei-im-bild-interview","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=1389","title":{"rendered":"Die \u201eBundespr\u00e4sidenten-Partei\u201c im BILD-Interview"},"content":{"rendered":"<p>&bdquo;K&ouml;hler ist ein abgeschnittener Pr&auml;sident&hellip; Er ist die Hinterlassenschaft einer nicht zustande gekommenen schwarz-gelben Koalition ist.&ldquo; Diese S&auml;tze von Heribert Prantl las ich am 4. Juli in der <a href=\"http:\/\/www.sueddeutsche.de\/deutschland\/artikel\/877\/79798\/print.html\" title=\"Externer Link zu http:\/\/www.sueddeutsche.de\/deutschland\/artikel\/877\/79798\/print.html\">S&uuml;ddeutschen Zeitung<\/a>. K&ouml;hler best&auml;tigt am Tag darauf mit seinem zweiseitigen <a href=\"http:\/\/www.bild.t-online.de\/BTO\/news\/aktuell\/2006\/07\/05\/koehler-interview-stolz-deutschland\/koehler-interview-stolz-deutschland.html\" title=\"Externer Link zu http:\/\/www.bild.t-online.de\/BTO\/news\/aktuell\/2006\/07\/05\/koehler-interview-stolz-deutschland\/koehler-interview-stolz-deutschland.html\">Interview in der BILD-Zeitung<\/a> dieses Urteil. Uns ist das schon etwas l&auml;nger aufgefallen und deshalb haben wir auf den NachDenkSeiten unsere Serie die <a href=\"?p=1318\">&bdquo;Bundespr&auml;sidenten-Partei&ldquo;<\/a> aufgelegt.<br>\n<!--more--><br>\nWie Heribert Prantl in der SZ haben wir mehrfach <a href=\"?p=492\">analysiert<\/a>, dass sich Bundespr&auml;sident K&ouml;hler als der von der schwarz-gelben Mehrheit der Bundesversammlung &uuml;brig gebliebene Protagonist der vom W&auml;hlervotum zur&uuml;ckgewiesenen neoliberalen &bdquo;Reformen&ldquo; verh&auml;lt und es nicht lassen kann, sich st&auml;ndig in dieser Parteilichkeit in die Tagespolitik einzumischen. Er ist sich nicht zu schade, daf&uuml;r auch die Trib&uuml;ne der BILD-Zeitung zu nutzen.<\/p><p>Schauen wir uns das gro&szlig;e BILD-Interview etwas genauer an und blicken hinter die dort benutzten Tarnw&ouml;rter: Selbst die Fu&szlig;ball-WM-Euphorie will K&ouml;hler als Zeichen f&uuml;r die Bereitschaft zu politischen &bdquo;Ver&auml;nderungen&ldquo; &ndash; wohlgemerkt Ver&auml;nderungen, wie er diese versteht &ndash; umdeuten:<\/p><blockquote><p>Es ist auch das Gef&uuml;hl, wir k&ouml;nnen Erfolg haben, etwas bewegen, etwas voranbringen.<br>\n&bdquo;Die B&uuml;rger wissen, dass die Zeiten Ver&auml;nderungen verlangen &ndash; und Anstrengungen.<\/p><\/blockquote><p>Die Begeisterung um die WM sieht er als neuen &bdquo;Patriotismus&ldquo; und als Ausdruck einer Stimmung &bdquo;Neues zu wagen&ldquo;:<\/p><blockquote><p>Wir k&ouml;nnen viel erreichen, wenn wir Mut haben, Neues zu wagen. Daran sollten wir uns auch nach der WM erinnern.<\/p><\/blockquote><p>K&ouml;hler bleibt bei seinen apokalyptischen Zustandsbeschreibungen &uuml;ber das Land wie in seiner Begr&uuml;ndung f&uuml;r die vorzeitige Aufl&ouml;sung des Bundestages:<\/p><blockquote><p>Dieses Land hat schwerwiegende Probleme &ndash; reden wir nicht darum herum.&ldquo; &bdquo;Deutschland stand damals und steht noch heute vor gro&szlig;en Herausforderungen: F&uuml;r mich ist der Kampf gegen die Arbeitslosigkeit die wichtigste politische Aufgabe unserer Gesellschaft, und ich bleibe dabei: Wir brauchen eine politische Vorfahrtsregel f&uuml;r Arbeit. Was gut ist f&uuml;r neue, zukunftsf&auml;hige Arbeitspl&auml;tze, muss getan werden. Was ihnen schadet, muss unterlassen werden. Unser Arbeitsmarkt muss vor allem auch denen wieder Chancen geben, denen nur einfache Arbeit gelingt. Was sie leisten, verdient Respekt, und ohne ihre Leistungen kommt Deutschland nicht in Fahrt.<\/p><\/blockquote><p>Was sich als Plattit&uuml;de anh&ouml;rt, kann man zwanglos durchaus auch so &uuml;bersetzen: Vorfahrt f&uuml;r Arbeit &ndash; und zwar um und zu jedem Preis. Und wenn der &bdquo;Arbeitsmarkt&ldquo; auch den Niedrigqualifizierten wieder eine Chance geben soll, so eben nicht &uuml;ber einen Mindestlohn sondern &uuml;ber Billigl&ouml;hne &ndash; wie sonst? Aber den &bdquo;Respekt&ldquo; des Bundespr&auml;sidenten verdienen die einfachen Arbeiter immerhin. Dieser Respekt macht sie aber leider nicht satt, genauso wenig wie die Beteiligung der Arbeitnehmer &bdquo;am Ertrag oder am Produktivverm&ouml;gen der Unternehmen&ldquo;. K&ouml;hler fordert, ganz in der Sprache der neoliberalen Reformer, so genannte &bdquo;Strukturreformen&ldquo;:<\/p><blockquote><p>Steuererh&ouml;hungen werden meines Erachtens nur dann helfen, wenn sie mit Strukturreformen zur Beseitigung der Ursachen unserer Probleme einhergehen.<\/p><\/blockquote><p>Unter dem Reformsprech &bdquo;Strukturreformen&ldquo; versteht man, ohne K&ouml;hler &uuml;berzuinterpretieren: Flexibilisierung des Arbeitsmarkts (Lockerung des K&uuml;ndigungsschutzes und der Fl&auml;chentarifvertr&auml;ge, Deregulierung etc.). &bdquo;Den Umbau das Sozialsystems&ldquo;, den R&uuml;ckzug des Staates durch eine Austerit&auml;tspolitk (&bdquo;wir haben vor allem ein Ausgabeproblem&ldquo;) oder die Senkung von Steuern und der Lohnnebenkosten (&bdquo;beides zusammen ist in Deutschland eher zu hoch&ldquo;) oder die St&auml;rkung der &bdquo;Eigenverantwortung&ldquo; (sprich Privatisierung) &ndash; alles die bekannten Schlagworte aus diesem Reformkatalog &ndash; erw&auml;hnt K&ouml;hler ausdr&uuml;cklich.<\/p><p>&bdquo;Ich finde: Reform ist, wenn man hinterher sp&uuml;rbar etwas Besseres f&uuml;r die Menschen erreicht&ldquo;, meint der Bundespr&auml;sident. Diese Meinung teile ich ausdr&uuml;cklich, K&ouml;hler h&auml;tte aber vielleicht andeuten k&ouml;nnen, wo mit den bisherigen &bdquo;Strukturreformen&ldquo;, also Unternehmenssteuersenkungen, Rentenreformen, Gesundheitsreformen, Arbeitsmarktreformen, sp&uuml;rbar etwas Besseres f&uuml;r die Menschen erreicht worden ist &ndash; zumindest f&uuml;r die Mehrheit der Menschen, f&uuml;r die Lohnabh&auml;ngigen, f&uuml;r die Rentner, die Kranken oder f&uuml;r die Arbeitslosen und eben nicht nur f&uuml;r die Besserverdienenden. <\/p><p>Wo K&ouml;hler Recht hat, hat er Recht: Die Lage ist zwar nach seiner Meinung so ernst, dass wir &bdquo;uns keine Verz&ouml;gerung erlauben&ldquo; k&ouml;nnen, aber immerhin gesteht er inzwischen zu: &bdquo;es gilt gleichzeitig der Grundsatz: Gr&uuml;ndlichkeit vor Schnelligkeit. Gesetze, die mit hei&szlig;er Nadel gestrickt sind, schaffen mehr Probleme, als sie l&ouml;sen.&ldquo;<br>\nSoviel hat er wenigstens aus dem Schr&ouml;derschen Reform-Desaster gelernt.<\/p><p>Obwohl inzwischen kaum noch jemand behauptet, dass die Hartz-Gesetze ein Erfolg seien, verteidigt K&ouml;hler die Agenda 2010:<\/p><blockquote><p>Ich halte die Reformagenda 2010 und die Zusammenlegung von Arbeitslosenhilfe und Sozialhilfe aber nach wie vor f&uuml;r grunds&auml;tzlich richtig. Denn damit wird vor allem die versteckte Arbeitslosigkeit sichtbar. Das wird sich <strong>langfristig<\/strong> auch positiv auf dem Arbeitsmarkt auswirken.<\/p><\/blockquote><p>Aha, also nicht kurz- oder mittelfristig, sondern &bdquo;langfristig&ldquo;. Die Langfristigkeit der Wirkung von neoliberalen Reformen ist das Argument mit der schon immer alle Kritik an ihrer Wirkungslosigkeit abgeblockt wurde. &bdquo;In the long-run, we are all dead!&ldquo; hat zu dieser Art von Wirtschaftspolitik schon vor siebzig Jahren Keynes in seiner &bdquo;General Theory&ldquo; &uuml;ber die liberale &Ouml;konomie gel&auml;stert.<\/p><p>Wie &ndash; so darf man wohl auch den auch den Bundespr&auml;sidenten fragen &ndash; soll die Gleichsetzung von Sozialhilfe und Arbeitslosenhilfe au&szlig;er vielleicht durch den Arbeitszwang aus schierer Not sich positiv auf dem Arbeitsmarkt auswirken?<\/p><p>Zu Hartz IV f&auml;llt K&ouml;hler auch nicht viel anderes ein als die &uuml;blich gewordenen Schmarotzeranspielungen:<\/p><p><strong>Es kann nicht der Sinn von Hartz IV sein, jungen Leuten auf Kosten der Steuerzahler eine sturmfreie Bude zu finanzieren.<\/strong><\/p><p>Kein Wort des Bundespr&auml;sidenten zu den Sorgen, &Auml;ngsten und N&ouml;ten der Alg II-Empf&auml;nger. W&auml;hrend die Kanzlerin die beschlossene neue Gesundheitsreform als &bdquo;Durchbruch&ldquo; feiert und jubiliert, dass &ldquo;noch nie eine Regierung den Weg f&uuml;r so tief greifende strukturelle Ver&auml;nderungen im Gesundheitswesen frei gemacht&ldquo; habe, k&uuml;ndigt der schwarz-gelbe Oppositionspolitiker K&ouml;hler jetzt schon an, &bdquo;dies sei ein Zwischenschritt f&uuml;r eine gro&szlig;e Strukturreform. Diese Reform brauchen wir in der Tat dringend, denn unser Gesundheitssystem ist krank.&ldquo; So &auml;hnlich hatte sich auch Westerwelle eingelassen.<br>\nDass K&ouml;hler selbst zu dieser &bdquo;Krankheit&ldquo; des Gesundheitssystems als fr&uuml;herer Staatssekret&auml;r im Finanzministerium durch die Belastung der Gesundheitskassen durch die falsche Finanzierung der deutschen Einheit beigetragen hat, verschweigt K&ouml;hler geflissentlich. Schuld sind immer die anderen: Die Leute gehen &bdquo;zu nachl&auml;ssig&ldquo; mit ihrer Gesundheit um, sie verhalten sich nicht kostenbewusst (&bdquo;Wir erfahren zu wenig, wieviel Arztbesuche eigentlich kosten.&ldquo;) und nat&uuml;rlich darf der mangelnde &bdquo;Wettbewerb&ldquo; f&uuml;r einen Marktradikalen wie K&ouml;hler nicht fehlen. <\/p><p>Zum Thema Lobbyismus reitet K&ouml;hler mal wieder auf dem ziemlich abgestandenen &bdquo;gestandenen Gewerkschaftsf&uuml;hrer, der zugleich Bundestagsabgeordneter ist&ldquo; als Entlastungszeugen herum. Herr Bundespr&auml;sident, glauben Sie ernsthaft, dass der Gewerkschafter im Parlament ein treffendes Beispiel f&uuml;r die massive Verflechtung zwischen Politik und Wirtschaftslobby und f&uuml;r die Aushebelung des Parlamentarismus ist?<\/p><p>Es gibt einen Satz des Bundespr&auml;sidenten, den ich nachdr&uuml;cklich unterstreiche:<\/p><p><strong>Die B&uuml;rger haben ein sehr feines Gesp&uuml;r daf&uuml;r, ob sie an der Nase herumgef&uuml;hrt werden. Sie lassen sich nicht f&uuml;r dumm verkaufen.<\/strong><\/p><p>Das trifft allerdings auch auf das zu, was der Bundespr&auml;sident im &bdquo;gro&szlig;en&ldquo; BILD-Interview sagte.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&bdquo;K&ouml;hler ist ein abgeschnittener Pr&auml;sident&hellip; Er ist die Hinterlassenschaft einer nicht zustande gekommenen schwarz-gelben Koalition ist.&ldquo; Diese S&auml;tze von Heribert Prantl las ich am 4. Juli in der <a href=\"http:\/\/www.sueddeutsche.de\/deutschland\/artikel\/877\/79798\/print.html\" title=\"Externer Link zu http:\/\/www.sueddeutsche.de\/deutschland\/artikel\/877\/79798\/print.html\">S&uuml;ddeutschen Zeitung<\/a>. K&ouml;hler best&auml;tigt am Tag darauf mit seinem zweiseitigen <a href=\"http:\/\/www.bild.t-online.de\/BTO\/news\/aktuell\/2006\/07\/05\/koehler-interview-stolz-deutschland\/koehler-interview-stolz-deutschland.html\" title=\"Externer Link zu http:\/\/www.bild.t-online.de\/BTO\/news\/aktuell\/2006\/07\/05\/koehler-interview-stolz-deutschland\/koehler-interview-stolz-deutschland.html\">Interview in der BILD-Zeitung<\/a> dieses Urteil. Uns<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=1389\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[96,140,123,41],"tags":[531,1806,312],"class_list":["post-1389","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-bundespraesident","category-hartz-gesetze-buergergeld-grundsicherung","category-kampagnentarnworteneusprech","category-medienanalyse","tag-koehler-horst","tag-patriotismus","tag-reformpolitik"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1389","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1389"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1389\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":30868,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1389\/revisions\/30868"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1389"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1389"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1389"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}