{"id":13919,"date":"2012-07-20T11:42:03","date_gmt":"2012-07-20T09:42:03","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=13919"},"modified":"2019-01-30T10:56:16","modified_gmt":"2019-01-30T09:56:16","slug":"das-kind-als-bio-aktie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=13919","title":{"rendered":"Das Kind als Bio-Aktie"},"content":{"rendered":"<p>Kinder des digitalen Zeitalters leiden unter neuartigen Formen der Missachtung.<br>\nEltern betrachten ihr Kind offenbar nicht mehr als Geschenk, sondern als eine Art Bio-Aktie, von der eine gute Performance erwartet wird. Seit die Bergwerke stillgelegt sind und keine Kohle mehr gef&ouml;rdert wird, hat man die kindlichen Gehirne als &bdquo;Ressource&ldquo; und &bdquo;Humankapital&ldquo; entdeckt. Schon wird von Frauen berichtet, die ihre schwangeren B&auml;uche mit Kopfh&ouml;rern beschallen. Schluss mit dem zweckfreien Spiel am Bach und im Sandkasten, die Konkurrenz schl&auml;ft nicht: Andere Kinder haben mit zwei Jahren bereits 600 englische oder chinesische W&ouml;rter aufgesogen und dabei ihre &bdquo;Synapsen optimal vernetzt&ldquo;. Es erscheinen Ratgeber, die propagieren: &bdquo;Ein Leben lang f&uuml;r Vorsprung sorgen.&ldquo; Mutterliebe und eine vertrauensvolle Atmosph&auml;re sind nicht l&auml;nger um ihrer selbst willen da, sondern f&ouml;rdern die Herausbildung einer leistungsf&auml;higen neuronalen Struktur. Von <strong>G&ouml;tz Eisenberg[<a href=\"#foot_1\" name=\"note_1\">*<\/a>]<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nNeulich sa&szlig; ich auf dem Balkon und genoss die Sonne. Von der Stra&szlig;e drang das Schreien eines Kleinkindes herauf. Eine junge Mutter schob ihr Kind in einem Designer-Kinderwagen vor sich her. Sie trug ihre Haare zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden und eine gro&szlig;fl&auml;chige Sonnenbrille. Sie telefonierte mit ihrem Handy. Das Schreien des Kindes wurde immer w&uuml;tender und lauter. Die Mutter hielt an, beugte sich hinab und nestelte aus einem Einkaufsnetz eine S&uuml;&szlig;igkeit hervor, die sie dem Kind in den Mund stopfte. Gierig lutschte es die S&uuml;&szlig;igkeit in sich hinein. Die Frau schob den Wagen weiter und setzte ihr Telefonat fort. 150 Meter weiter begann das Schreien von neuem. Wieder folgte der Griff ins Einkaufsnetz, wieder bekam das Kind &bdquo;das Maul gestopft&ldquo;. Lachend sagte die Mutter etwas in ihr Telefon und ging weiter.<\/p><p>Auf die Idee, dass das Kind weint, weil es sich einsam f&uuml;hlt und das Telefonieren als Missachtung empfindet, kam diese Mutter offensichtlich nicht. Man muss ja nur f&uuml;r einen Moment die Perspektive wechseln und sich vorstellen, man ginge als Erwachsener mit jemandem spazieren, der unabl&auml;ssig in sein Handy hineinredet. Man w&uuml;rde es kein zweites Mal tun. Kinder haben nicht die Wahl  und so sitzen sie ratlos und verst&ouml;rt in ihren Wagen, w&auml;hrend Mutter oder Vater fernm&uuml;ndlich mit anderen Menschen sprechen. Nur selten sind sie wirklich bei ihrem Kind. Was sollen diese Kinder machen? Sie schreien sich die Seele aus dem Leib, weil die erfahrene Bindungslosigkeit sie in einen Zustand der Angst versetzt. Vorbei die Zeiten, da M&uuml;tter den Kinderwagen schoben und dabei mit ihrem Kind plapperten oder Kinderlieder sangen, zum Beispiel  &ldquo;Nur wenn du den Blick hebst, kannst du die Sterne sehen. Nur wenn du den Blick hebst, kannst du nach vorne gehen.&rdquo; Die Sterne des Kindes sind &ndash; im Sinne Heinz Kohuts &ndash; die Augen der Mutter und der Glanz des Gl&uuml;cks in ihnen, der auf das Kind zur&uuml;ckf&auml;llt und von ihm als Gl&uuml;cksversprechen und Gewissheit des eigenen Werts verinnerlicht wird. Die Mutter und die Welt sind anfangs eins, die Mutter gibt dem Kind im Rahmen dessen, was Margaret Mahler als die &bdquo;psychische Geburt des Kindes&ldquo; bezeichnet hat, also in einem Akt fortgesetzter Sch&ouml;pfung, seine Realit&auml;t. Der S&auml;ugling erf&auml;hrt sich selber &uuml;ber das Gesicht der Mutter, das sein erster Spiegel ist. Die Mutter leiht ihm ihre Augen. Wenn das Kind seinen Blick um sich herum schweifen l&auml;sst, spiegeln ihm die Dinge den m&uuml;tterlichen Blick wider. Der Augenkontakt der Mutter zu ihrem Baby stellt die intersubjektive Urform bereit, eine Art Matrix f&uuml;r alle sp&auml;teren Beziehungen und Kommunikationen. Eine Mutter, die ihre Augen hinter einer Sonnenbrille verbirgt und st&auml;ndig &bdquo;anderswo ist&ldquo;, beraubt das Kind seines Realit&auml;tsbezugs und damit seiner Wahrheit. <\/p><p>Beim Betrachten alter Kinderbilder fiel mir auf, dass die Kinderwagen fr&uuml;her so konstruiert waren, dass die Blickrichtung des Kindes auf die Person wies, die den Wagen schob &ndash; also meist die Mutter, am Wochenende damals vielleicht auch mal auf den Vater. Der Blick des Kindes traf also zuerst auf das Gesicht desjenigen, der den Wagen schob. Von dort aus schweifte er in die Welt, deren beruhigender Mittel- und Fluchtpunkt aber stets die Mutter oder der Vater war. Die heute g&auml;ngigen Modelle sind dreir&auml;drige Sportwagen, die mit gr&ouml;&szlig;eren R&auml;dern, Sicherheitsgurten und einer Bremse ausgestattet sind. Sie sind auf die Bed&uuml;rfnisse der Erwachsenen ausgerichtet und sollen das Joggen mit Kinderwagen erm&ouml;glichen. Bei dieser Variante des Kinderwagens sitzt oder liegt das Kind in Fahrtrichtung und der Blick des Kindes kann nur unter extremen Verrenkungen den der Mutter oder des Vaters finden. Wir sehen: Die Konstruktion der Gegenst&auml;nde nimmt Einfluss auf unseren Welt- und Menschenbezug, auf die Art und Weise, wie Bindungen zustande kommen oder aber verhindert und erschwert werden. Das Zeitalter der Bindungslosigkeit findet das ihm entsprechende Design.<br>\nDer neueste Trend scheint darin zu bestehen, den Kinderwagen bei Sonnenschein mit einem Tuch vollkommen abzudecken, damit die Kleinen nur ja keiner UV-Strahlung ausgesetzt werden. Dieser Tage sah ich eine junge Mutter, deren Kind im Wagen einer vollkommenen sensorischen Deprivation unterlag, w&auml;hrend sie &ndash; mit einem Arm den Wagen schiebend &ndash; sich mit der freien Hand intensiv mit ihrem Smartphone besch&auml;ftigte. M&uuml;tter schieben ihre Kinder im Wagen vor sich her und pressen dabei ihr Handy mit der Schulter ans Ohr. Eines Tages werden sie einen Schiefhals davon bekommen.<br>\nWie kann man sich ein solches Verhalten von M&uuml;ttern oder auch V&auml;tern erkl&auml;ren? Ist es Gedankenlosigkeit, Indifferenz, Hilflosigkeit, Missachtung, Grausamkeit oder von alldem etwas? Ein junges M&auml;dchen erz&auml;hlte mir unl&auml;ngst, dass sie sich, wenn sie auch nur stundenweise auf ihr Handy verzichten m&uuml;sse, wie amputiert f&uuml;hle. Stets sind die Mitglieder der ersten digitalen Generation auf der Suche nach elektronischen Belegen f&uuml;r die eigene Existenz. Hat eine Weile das Handy nicht geklingelt oder ist l&auml;ngere Zeit keine Nachricht von &bdquo;Freunden&ldquo; eingegangen, f&uuml;hlen sie sich vom sozialen Tod und oder einem Sturz aus der Welt bedroht. Beim Warten an der Ampel, auf dem Fahrrad, beim Einkaufen, beim Spazierengehen oder Joggen im Wald &ndash; immer und &uuml;berall muss man &bdquo;online sein&ldquo;.  Sogar im Theater wandern die Finger unruhig &uuml;ber den Touchscreen. Das geht zwar stumm vonstatten, aber st&ouml;rt doch ungemein &ndash; mal ganz abgesehen davon, dass es eine Beleidigung der Schauspieler und der Kunst darstellt. In der Handy- und Laptopgesellschaft hat sich die Umgebung offenbar an dieses Verhalten gew&ouml;hnt und auch die Akteure auf der B&uuml;hne scheinen sich damit abgefunden zu haben. <\/p><p>Einer gro&szlig;en deutschen Tageszeitung entnehme ich, dass das f&uuml;r den Schweizer Schauspieler Robert Hunger-B&uuml;hler nicht zutrifft. Als dieser unl&auml;ngst in Shakespeares St&uuml;ck <em>Der Kaufmann von Venedig<\/em> in Z&uuml;rich auf der B&uuml;hne stand und gerade zu Shylocks ber&uuml;hmten Monolog anheben wollte, fiel ihm auf, dass im Parkett lauter Handys flimmerten. Dem Schauspieler ist in diesem Moment vieles durch den Kopf geschossen, etwa die Frage, ob er &uuml;berhaupt weiterspielen solle. Aber dann ist er, ohne gro&szlig; zu &uuml;berlegen, in den Zuschauerraum gestiegen und hat nach den Handyleuten gesucht. Ungef&auml;hr in der zehnten Reihe hat er &bdquo;das Nest&ldquo; ausgemacht und zwei von den &bdquo;Burschen&ldquo; auf die B&uuml;hne geholt. Dort sprach Hunger-B&uuml;hler den ganzen Monolog mit Shylocks b&ouml;sen rhetorischen Fragen &bdquo;Wenn ihr uns stecht, bluten wir nicht? Wenn ihr uns kitzelt, lachen wir nicht? Wenn ihr uns vergiftet, sterben wir nicht?&ldquo; noch einmal &ndash; den Jungen direkt ins Gesicht, als seien sie Quizshow-Kandidaten. Ganz still sei es da pl&ouml;tzlich im Theater gewesen, stiller als sonst. Bevor er sie wieder entlie&szlig;, trieb Hunger-B&uuml;hler das Spiel auf die Spitze und nahm das Handy eines der Jugendlichen &ndash; und machte ein Foto.<br>\nNachts leuchten die Displays vom B&uuml;rgersteig zu meinem Balkon hinauf, die Gl&uuml;hw&uuml;rmchen des digitalen Zeitalters. Die jungen Leute sitzen sich in Fastfood-Lokalen gegen&uuml;ber mit vor Unruhe zuckenden und wippenden Beinen &ndash; unkonzentriert, nerv&ouml;s, flackernd &ndash; und fotografieren sich mit ihren Handys, als w&uuml;rde erst das Erscheinen auf dem Display die Authentizit&auml;t der Situation und die Anwesenheit des Anderen verb&uuml;rgen. Das Schimmern des Kameraauges scheint an die Stelle des Kohut&rsquo;schen &bdquo;Glanzes im Mutterauge&ldquo; getreten zu sein. Aber was soll auch anderes entstehen, wenn M&uuml;tter beim Stillen oder F&uuml;ttern telefonieren oder fernsehen? Die an der Schwelle zur Moderne von Ren&eacute; Descartes formulierte Seinsvergewisserung: &bdquo;Ich denke, also bin ich&ldquo;, sie scheint unter unseren Augen von einer zeitgen&ouml;ssischen Form abgel&ouml;st zu werden, die lautet: &bdquo;Ich telefoniere &ndash; oder simse, chatte, maile -, also bin ich.&ldquo;  Hinter Handys und Flachbildschirmen lauert das Nichts.<\/p><p>M&uuml;tter und V&auml;ter sollten, wenn sie mit ihrem Kind zusammen sind, mit ihm in einem regen emotionalen Austauschprozess und nicht st&auml;ndig mit anderen Dingen besch&auml;ftigt sein. Die liebende Aufmerksamkeit der Eltern und die sichere Bindung an diese offenbaren dem Kind sein Leben als eine Bewegung auf ein Ziel hin: Das Kind ist, wie Jean-Paul Sartre im ersten Band seines Werkes &bdquo;Der Idiot der Familie&ldquo; schreibt, &bdquo;der bewusste Pfeil, der mitten im Flug erwacht und zugleich den fernen Bogensch&uuml;tzen, das Ziel und den Rausch des Fliegens entdeckt. Wenn es wirklich die erste Pflege, die ihm durch das vielf&auml;ltige L&auml;cheln der Welt gewidmet wurde, in seiner ganzen F&uuml;lle empfangen, wenn es sich in der archaischen Zeit des Stillens absolut souver&auml;n gef&uuml;hlt hat, dann werden die Dinge weitergehen.&ldquo; <\/p><p>Die Krux ist, Liebe und Zuwendung lassen sich nicht verordnen. &bdquo;Vor allem aber&ldquo;, schrieb Adorno in seinem ber&uuml;hmten Aufsatz &bdquo;Erziehung nach Auschwitz&ldquo; aus dem Jahr 1966, &bdquo;kann man Eltern, die selber Produkte dieser Gesellschaft sind und ihre Male tragen, zur W&auml;rme nicht animieren. Die Aufforderung, den Kindern mehr W&auml;rme zu geben, dreht die W&auml;rme k&uuml;nstlich an und negiert sie dadurch.&ldquo; <\/p><p>Um noch einmal auf die Ausgangsgeschichte zur&uuml;ckzukommen: Vielleicht muss das Kind warten, bis es &uuml;ber ein eigenes Handy verf&uuml;gt. Dann kann es vom Kinderwagen aus, wenn es nach Aufmerksamkeit und Zuwendung d&uuml;rstet, mal bei seiner telefonierfreudigen Mutter &bdquo;anklopfen&ldquo;.<\/p><p>Kurz nach dieser Szene traf ich im botanischen Garten eine Bekannte, die vor ein paar Monaten Mutter geworden ist und ihr Kleinkind im Kinderwagen vor sich her schob. Vor dem Gesicht des Kindes schwebte ein Mobile. Als ich fragte, warum das Kind nicht einfach das Gesicht der Mutter, die Wolken, die B&auml;ume und die Eichh&ouml;rnchen betrachten d&uuml;rfe, bekam ich von der jungen Mutter zu h&ouml;ren: &bdquo;Das Mobile regt die Synapsenbildung an!&ldquo; &bdquo;Oh je&ldquo;, sagte ich erschrocken.<\/p><p>Eltern betrachten ihr Kind offenbar nicht mehr als Geschenk, sondern als eine Art Bio-Aktie, von der eine gute Performance erwartet wird. Seit die Bergwerke stillgelegt sind und keine Kohle mehr gef&ouml;rdert wird, hat man die kindlichen Gehirne als &bdquo;Ressource&ldquo; und &bdquo;Humankapital&ldquo; entdeckt. Schon wird von Frauen berichtet, die ihre schwangeren B&auml;uche mit Kopfh&ouml;rern beschallen. Schluss mit dem zweckfreien Spiel am Bach und im Sandkasten, die Konkurrenz schl&auml;ft nicht: Andere Kinder haben mit zwei Jahren bereits 600 englische oder chinesische W&ouml;rter aufgesogen und dabei ihre &bdquo;Synapsen optimal vernetzt&ldquo;. Es erscheinen Ratgeber, die propagieren: &bdquo;Ein Leben lang f&uuml;r Vorsprung sorgen.&ldquo; Mutterliebe und eine vertrauensvolle Atmosph&auml;re sind nicht l&auml;nger um ihrer selbst willen da, sondern f&ouml;rdern die Herausbildung einer leistungsf&auml;higen neuronalen Struktur. Liebe regt die Dopaminproduktion an und f&ouml;rdert die Herausbildung neuronaler Autobahnen. <\/p><p>Sie habe, berichtete meine Bekannte stolz, Amelie bereits f&uuml;r einen bilingualen Kindergarten und ein Tanzprojekt angemeldet, damit ihre emotionale Intelligenz nicht zu kurz komme. Fr&uuml;he Selbstwertf&ouml;rderung sei das Stichwort, von dem sie sich bei der Erziehung von Amelie leiten lasse. Ihr werde es dann sp&auml;ter sicher nicht so schwer fallen, sich in der Berufswelt zu behaupten wie ihr. Sie selbst habe sich f&uuml;r den Sommer zu einem Arroganztraining f&uuml;r weibliche F&uuml;hrungskr&auml;fte angemeldet, denn sie neige dazu, in Konkurrenzsituationen mit M&auml;nnern zur&uuml;ckzustecken und m&uuml;sse erst noch m&uuml;hsam lernen, die Spielregeln der M&auml;nnerwelt zu beherrschen und ihr eigenes Revier zu verteidigen. Das sei f&uuml;r Amelie auf der Basis einer systematischen Entwicklung ihres Selbstwertgef&uuml;hls sicher sp&auml;ter gar kein Thema mehr. &bdquo;Na, dann passt mal auf, dass euer Kind nicht noch vor Schuleintritt mit einem Burnout zusammenbricht&ldquo;, sagte ich und wandte mich zum Gehen. &bdquo;Sie legen sich ein Kind zu, geben es anschlie&szlig;end wie eine Bio-Aktie ins Depot und hoffen auf eine gute Performance&ldquo;, dachte ich.<\/p><p>Der Stundenplan der Kinder wird strukturiert wie der Tag eines Managers &ndash; genau darauf sollen die Kinder ja vorbereitet werden. Kein Wunder, dass viele Kinder hektisch und getrieben wirken. Sie werden mehr und mehr von elektronischen Ger&auml;ten sozialisiert  und einem Fr&uuml;hf&ouml;rderungsstress &uuml;berantwortet, der ihnen jede Freude am Kind-Sein austreibt und elterliche Zuwendung mit Leistungsanforderungen verbindet. Heutige Familien sind l&auml;ngst keine Orte der Ruhe mehr, an dem Kinder von der Hektik der Welt abgeschirmt werden. Sie werden Belastungen und Erregungen ausgesetzt, die zu gro&szlig; und zu  stark f&uuml;r sie sind und ihre noch unfertigen Wahrnehmungs- und Verarbeitungsf&auml;higkeiten &uuml;berfordern. Die Folge ist ein irisierendes, flackerndes Bewusstsein, dessen Kern die zeitgen&ouml;ssische Unruhe selbst ist. Die rasend gewordene Weltzeit und die Rhythmen der entfesselten &Ouml;konomie dringen in die Kinderzimmer vor und &uuml;berlagern und zerst&ouml;ren die Zeitma&szlig;e, in denen ein Kind heranwachsen und seine &bdquo;psychische Geburt&ldquo; vollenden kann. Wie der ins Milchglas gefallene Frosch so lange strampelt, bis aus der Milch Butter geworden ist und er das Glas verlassen kann, zappeln diese Kinder in der vagen Hoffnung, dass jemand kommen m&ouml;ge, der sie h&auml;lt und beruhigt und so die Bedingungen daf&uuml;r herstellt, dass sich in ihrem Innern eine angstmindernde und identit&auml;tsstiftende psychische Struktur herausbilden kann. <\/p><p>Viele Eltern wollen, dass ihre Kinder dennoch &bdquo;brav&ldquo; sind und funktionieren, aber sie sind nicht bereit, durch Bereitstellung gesch&uuml;tzter R&auml;ume und durch pers&ouml;nlichen Einsatz von Nerven und Lebenszeit dazu beizutragen. Sie &uuml;berlassen die anstrengende Erziehungsarbeit Erzieherinnen und Lehrern und vertrauen ansonsten auf den gro&szlig;en &bdquo;Bravmacher&ldquo; Ritalin. Diese psychoaktive Substanz &ndash; der Wirkstoff Methylphenidat geh&ouml;rt zu den Amphetaminen &ndash; wird einer st&auml;ndig wachsenden Zahl von Kindern beinahe wie ein Nahrungserg&auml;nzungsmittel t&auml;glich verabreicht. <\/p><p>Man kann angesichts der beschriebenen Prozesse fast den Eindruck gewinnen, dass das Ganze Methode hat: Charakterliche Pr&auml;gungen und halbwegs stabile Identit&auml;tsstrukturen sind nicht mehr erw&uuml;nscht, weil sie Flexibilit&auml;t und Fungibilit&auml;t einschr&auml;nken, die vom &bdquo;unternehmerischen Selbst&ldquo; und von &bdquo;den  M&auml;rkten&ldquo; als neue Kardinaltugenden abverlangt werden. Der heutige Mensch soll sich m&ouml;glichst an nichts mehr emotional binden, weder an Menschen und Orte noch an T&auml;tigkeiten, sondern sich den st&auml;ndig drehenden Marktwinden &uuml;berlassen. Arthur Rimbauds einst skandal&ouml;se Behauptung: &bdquo;Ich ist ein anderer&ldquo;, mit der er seinen Ausbruch aus dem Gef&auml;ngnis des b&uuml;rgerlichen Ich vorbereitete, geh&ouml;rt heute zu den Verhaltensanforderungen des neoliberalen Zeitalters und zur psychischen Grundausstattung des &bdquo;flexiblen Menschen&ldquo; (Richard Sennett). Wenn K&auml;lte und Indifferenz, die aus der Grundstruktur der heutigen Gesellschaft stammen, bis in die Poren des Alltagslebens und die intimen Binnenwelten der Menschen vordringen und sogar das Verh&auml;ltnis der Eltern zu ihren Kindern pr&auml;gen, darf man sich nicht wundern, dass vermehrt psychisch frigide und moralisch verwilderte Menschen heranwachsen. Ein nur an privater Nutzenmaximierung interessierter und zur Einf&uuml;hlung in andere unf&auml;higer Menschentyp droht zur sozialpsychologischen Signatur des globalen und digitalen Zeitalters zu werden.<\/p><p>Es mag sein, dass heutige Kinder weniger geschlagen und k&ouml;rperlich gez&uuml;chtigt werden, aber daf&uuml;r haben sie unter neuartigen Entbehrungen und Formen der Missachtung zu leiden, die wom&ouml;glich nicht minder grausam sind. Nietzsches Satz: &bdquo;Welches Kind h&auml;tte nicht Grund, &uuml;ber seine Eltern zu weinen?&ldquo; hat offensichtlich nichts an Aktualit&auml;t eingeb&uuml;&szlig;t.<\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><div class=\"footnote\">\n<p>[<a href=\"#note_1\" name=\"foot_1\">&laquo;*<\/a>] &Uuml;ber den Autor:<br>\nG&ouml;tz Eisenberg (* 1951), Sozialwissenschaftler und Publizist, arbeitet als Gef&auml;ngnispsychologe im Erwachsenenstrafvollzug. Neben intensiver, auch kultureller Arbeit mit den Gefangenen schreibt er Essays, die in &ldquo;Der Freitag&rdquo;, der Zeitschrift &ldquo;psychosozial&rdquo;, der &bdquo;Frankfurter Rundschau&ldquo;, im Online-Magazin &bdquo;Auswege&ldquo; und auf den &bdquo;NachDenkSeiten&ldquo; erscheinen. Als einer der ersten Autoren in Deutschland wandte er sich dem Thema &bdquo;Amok&ldquo; zu und ver&ouml;ffentlichte zu diesem Thema zuletzt 2010 im M&uuml;nchner Pattloch-Verlag den Band &ldquo;Damit mich kein Mensch mehr vergisst! Warum Amok und Gewalt kein Zufall sind&rdquo;.<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kinder des digitalen Zeitalters leiden unter neuartigen Formen der Missachtung.<br \/> Eltern betrachten ihr Kind offenbar nicht mehr als Geschenk, sondern als eine Art Bio-Aktie, von der eine gute Performance erwartet wird. Seit die Bergwerke stillgelegt sind und keine Kohle mehr gef&ouml;rdert wird, hat man die kindlichen Gehirne als &bdquo;Ressource&ldquo; und &bdquo;Humankapital&ldquo; entdeckt. Schon wird von<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=13919\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[161],"tags":[866],"class_list":["post-13919","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-wertedebatte","tag-konkurrenzdenken"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/13919","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=13919"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/13919\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":48856,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/13919\/revisions\/48856"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=13919"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=13919"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=13919"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}