{"id":139227,"date":"2025-09-18T15:16:13","date_gmt":"2025-09-18T13:16:13","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=139227"},"modified":"2025-09-19T23:25:18","modified_gmt":"2025-09-19T21:25:18","slug":"wero-und-der-vergebliche-wunsch-der-digitalen-souveraenitaet-europas","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=139227","title":{"rendered":"Wero und der vergebliche Wunsch der digitalen Souver\u00e4nit\u00e4t Europas"},"content":{"rendered":"<p>In wenigen Tagen soll der Zahlungsdienst <a href=\"https:\/\/wero-wallet.eu\/\">Wero<\/a> als europ&auml;ische PayPal-Alternative im Onlinehandel starten. Die Hoffnungen der Europ&auml;er, das Monopol der &uuml;berm&auml;chtigen US-Konkurrenz zu brechen, sind gro&szlig;. Noch gr&ouml;&szlig;er sind die weiteren Pl&auml;ne, soll Wero doch sp&auml;ter auch im station&auml;ren Handel die US-Platzhirsche Mastercard und Visa und die ebenfalls aus den USA stammenden Plattform-Monopolisten Apple- und Google-Pay herausfordern. Wie abh&auml;ngig Europa von den USA ist, zeigt der Bereich der Zahlungsdienste. Doch dass Wero den Wunsch nach einer digitalen Souver&auml;nit&auml;t verwirklichen kann, ist sehr unwahrscheinlich. Die Fehler der Vergangenheit sind wohl nicht mehr zu korrigieren und es fehlt ohnehin der echte Wille, den USA abseits von Sonntagsreden die Stirn zu bieten. Von <strong>Jens Berger<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_7602\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-139227-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/250919_Wero_und_der_vergebliche_Wunsch_der_digitalen_Souveraenitaet_Europas_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/250919_Wero_und_der_vergebliche_Wunsch_der_digitalen_Souveraenitaet_Europas_NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/250919_Wero_und_der_vergebliche_Wunsch_der_digitalen_Souveraenitaet_Europas_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/250919_Wero_und_der_vergebliche_Wunsch_der_digitalen_Souveraenitaet_Europas_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=139227-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/250919_Wero_und_der_vergebliche_Wunsch_der_digitalen_Souveraenitaet_Europas_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"250919_Wero_und_der_vergebliche_Wunsch_der_digitalen_Souveraenitaet_Europas_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>Wer denkt, dass PayPal weltweit die gleiche Dominanz im Onlinehandel wie in Deutschland hat, t&auml;uscht sich gewaltig. In Spanien gibt es Bizum, in den Niederlanden iDEAL, in den nordeurop&auml;ischen L&auml;ndern hei&szlig;en die Marktf&uuml;hrer MobilePay oder Swish und selbst in Polen dominiert nicht PayPal den Markt, sondern eine nationale L&ouml;sung namens Blik. Vermutlich haben Sie diese Namen noch nie geh&ouml;rt. Und vermutlich sagen Ihnen auch die Namen giropay und Paydirekt nichts &ndash; diese beiden Produkte sollten einst Deutschlands Alternative zu PayPal sein, wurden aber nach kurzer Zeit wegen ihrer Erfolglosigkeit eingestellt. Wir reden hier &uuml;brigens nicht &uuml;ber windige Fintech-Startups kleiner Firmen, sondern von den &bdquo;offiziellen&ldquo;, gro&szlig;spurig eingef&uuml;hrten Produkten der gro&szlig;en deutschen privaten und genossenschaftlichen Banken und den Sparkassen. Wenn es um Zahlungsl&ouml;sungen f&uuml;r den e-Commerce geht, muss man leider sagen: Deutschland kann es nicht. Das ist bitter.<\/p><p>Nun werden sich sicherlich einige Leser fragen, warum es &uuml;berhaupt erstrebenswert sein soll, eine nationale Alternative zu PayPal zu finden. Viele unserer Leser sind bekannterma&szlig;en Anh&auml;nger des Bargelds und stehen dem bargeldlosen Zahlungsverkehr ohnehin kritisch gegen&uuml;ber. Das mag seine Gr&uuml;nde haben, aber beim Onlinehandel stellt nun einmal die Bargeldzahlung keine Option dar und die traditionelle bargeldlose Abwicklung &uuml;ber eine Lastschrift oder eine Online&uuml;berweisung ist f&uuml;r den Kunden und f&uuml;r den H&auml;ndler aufw&auml;ndig und risikobehaftet &ndash; Lastschriften k&ouml;nnen zur&uuml;ckgebucht werden, Online&uuml;berweisungen kosten meist viel Zeit und sind umst&auml;ndlich. Man kann die Entwicklungen kritisieren, aufhalten kann man sie nicht.<\/p><p><strong>PayPal: der Quasi-Monopolist mit horrenden Geb&uuml;hren<\/strong><\/p><p>Doch warum stellt die Marktf&uuml;hrerschaft von PayPal eigentlich ein Problem dar? Daf&uuml;r gibt es gleich mehrere Gr&uuml;nde. Der erste ist, dass PayPal sich sein Quasi-Monopol f&uuml;rstlich bezahlen l&auml;sst. Davon merken Sie als Kunde in der Regel nichts, zahlt doch der H&auml;ndler f&uuml;r Ihre Bequemlichkeit &ndash; und das nicht zu knapp. F&uuml;r normale H&auml;ndler, die keine Millionenums&auml;tze machen und ihre Geb&uuml;hren mit PayPal individuell verhandeln k&ouml;nnen, fallen bei regul&auml;ren Eink&auml;ufen mindestens drei Prozent Geb&uuml;hren an, die PayPal bei der Abwicklung der Bezahlung ganz einfach einbeh&auml;lt. Wenn also der Kunde z.B. ein neues iPhone f&uuml;r 1.000 Euro kauft und via PayPal bezahlt, kassiert PayPal daf&uuml;r rund 30 Euro an Geb&uuml;hren. <\/p><p>Stellt sich die Frage, wof&uuml;r derart hohe Geb&uuml;hren &uuml;berhaupt anfallen. Die Transaktionen, die im Hintergrund laufen, kosten PayPal &ndash; wenn &uuml;berhaupt &ndash; einen einstelligen Centbetrag. Zusatzfeatures, wie der ber&uuml;hmte &bdquo;K&auml;uferschutz&ldquo;, m&ouml;gen dem K&auml;ufer Vorteile bieten, f&uuml;r den H&auml;ndler sind dies aber im Zweifel eher Nachteile. Dennoch gilt: Da PayPal zumindest in Deutschland schon beinahe Standard ist, muss man es als H&auml;ndler anbieten, Geb&uuml;hren hin, Geb&uuml;hren her.<\/p><p>Nat&uuml;rlich sind diese Geb&uuml;hren &ndash; wie alle Kosten &ndash; bereits vom H&auml;ndler eingepreist und da keine separate Rechnungsstellung je nach verwendeter Zahlungsart stattfindet, werden diese Kosten auf alle Kunden verteilt. Auch der brave Kunde, der den Kaufpreis kosteng&uuml;nstig per SEPA-&Uuml;berweisung bezahlt, f&uuml;r die der H&auml;ndler gar keine Geb&uuml;hren abf&uuml;hren muss, zahlt die eingepreisten PayPal-Geb&uuml;hren mit; und nicht nur die, Kreditkarten-Anbieter verlangen oft sogar noch h&ouml;here Geb&uuml;hren von den H&auml;ndlern, aber dazu kommen wir sp&auml;ter noch.<\/p><p>Volkswirtschaftlich stellen diese Geb&uuml;hren nichts anderes als eine Art zweiter Umsatzsteuer dar. 19 Prozent Mehrwertsteuer flie&szlig;en an das Finanzamt, 3 Prozent Geb&uuml;hren flie&szlig;en an PayPal bzw. bei Kreditkartenzahlung an Mastercard und Visa &ndash; also an den Fintech-Sektor in den USA.<\/p><p><strong>Datenschutz &aacute; la Palantir &ndash; wir machen uns nackig <\/strong><\/p><p>Hinzu kommt ein weiteres Problem: Bei jeder Transaktion fallen Daten an und auch wenn wir in Europa ein recht strenges Datenschutzrecht haben, ist PayPal nun einmal ein US-Konzern und es entzieht sich unserem Einfluss, was letzten Endes mit diesen Daten passiert. Sie haben sich beispielsweise in einem Online-Shop ein &bdquo;Free Palestine Shirt&ldquo; gekauft oder sind Abonnent eines trump-kritischen kostenpflichtigen Newsletters? PayPal ist meist so tief in die E-Commerce-Software integriert, dass eine Zuordnung solcher K&auml;ufe auf bestimmte Personen m&ouml;glich ist. Und wenn diese Daten in die H&auml;nde von Big-Data-Analysetools wie denen von PayPals &bdquo;Schwesterunternehmen&ldquo; Palantir geraten, was sicher niemanden &uuml;berraschen w&uuml;rde, sollten Sie sich nicht wundern, wenn Ihnen beispielsweise demn&auml;chst ein Visum in die USA verweigert werden k&ouml;nnte. Schon heute z&auml;hlt Trumps Einwanderungs- und Zollbeh&ouml;rde ICE zu den <a href=\"https:\/\/www.businessinsider.de\/wirtschaft\/palantir-us-behoerde-bestellt-millionen-technologie-um-einwanderer-zu-tracken\/\">besten Kunden von Palantir<\/a>.<\/p><p>Aber das war es noch nicht mit den Problemen. Das geostrategisch wohl bedeutsamste Problem ist die Abh&auml;ngigkeit Deutschlands und der gesamten EU von den USA. Stellen wir uns doch einmal kurz vor, es k&auml;me tats&auml;chlich zu einem Zerw&uuml;rfnis und einem Handelskrieg. PayPal, Visa, Mastercard, Apple, Google und Co. &ndash; also all die Unternehmen, die heute die Schnittstellen anbieten, die allein schon wegen ihrer Monopolstellung f&uuml;r den Onlinehandel (&uuml;ber-)lebenswichtig sind, sind US-Unternehmen, deren Europagesch&auml;ft die US-Regierung mit einem Fingerschnipp abschalten k&ouml;nnte. Doch auch unterhalb dieses Extremszenarios unterstehen diese Unternehmen den Weisungen aus Washington. So stoppte beispielsweise PayPal 2010 auf Weisung der US-Regierung den <a href=\"https:\/\/www.spiegel.de\/netzwelt\/netzpolitik\/wachsender-druck-paypal-stoppt-geldfluss-an-wikileaks-a-732856.html\">Geldfluss an Julian Assanges Organisation WikiLeaks<\/a>, die zuvor Dokumente und Videos ver&ouml;ffentlicht hatte, die u.a. Kriegsverbrechen der USA im Irakkrieg belegt hatten.<\/p><p>Die theoretisch m&ouml;glichen Sanktionen gegen europ&auml;ische Unternehmen, Organisationen oder Einzelpersonen durch diese Technologien liegen auf der Hand. Haben Sie vielleicht in den letzten Wochen etwas &bdquo;Unfreundliches&ldquo; zur Instrumentalisierung des Todes von Charlie Kirk durch die Trump-Regierung auf <em>X<\/em> oder <em>Facebook<\/em> geschrieben? Dann wundern Sie sich nicht, wenn demn&auml;chst beim Einkauf in Ihrem Supermarkt Ihre Kreditkarte nicht akzeptiert wird. Na klar, noch ist das eine Dystopie, ein d&uuml;steres Zukunftsszenario. Doch die j&uuml;ngere Geschichte zeigt, wie schnell solche Szenarien Wirklichkeit werden k&ouml;nnen.<\/p><p>Um sich vor derartigen realen und potenziellen Strafaktionen durch die USA zu sch&uuml;tzen und den stetigen Abfluss von Geldern an US-Monopolisten zu unterbinden, m&uuml;ssten Deutschland und die EU auf dem weiten Feld der Zahlungsdienstleistungen souver&auml;n werden. Doch das ist leichter gesagt als getan und hier schlie&szlig;t sich der Kreis und nun kommt Wero ins Spiel.<\/p><p><strong>Ist Wero eine Alternative?<\/strong><\/p><p>Wero soll die Vorherrschaft von US-Konzernen gleich auf drei Feldern brechen. Seit 2024 ist der Dienst bereits in der Lage, kostenlose Zahlungen von Einzelpersonen an andere Einzelpersonen &uuml;ber eine App zu erm&ouml;glichen. Hier hat PayPal mit seinem Produkt &bdquo;PayPal Freunde&amp;Familie&ldquo; bislang die Marktf&uuml;hrerschaft &ndash; obgleich die meisten solcher Transfers sicherlich &uuml;ber die etwas aufw&auml;ndigere, ganz normale Online&uuml;berweisung und nicht &uuml;ber spezielle Apps abgewickelt werden d&uuml;rften. Ob diese bereits vorhandene Funktion von Wero &uuml;berhaupt genutzt wird, ist schwer zu sagen. Mir selbst war es zumindest neu, dass es so was &uuml;berhaupt gibt und bereits in meiner normalen Banking-App der Volksbank integriert ist. Wero selbst meldete zum Jahreswechsel stolz, dass es bereits <a href=\"https:\/\/www.n-tv.de\/ratgeber\/Wero-statt-Paypal-Was-der-neue-Zahlungsdienst-bislang-kann-article25445433.html\">&uuml;ber 17 Millionen Nutzer verf&uuml;ge<\/a>, die rund 12 Millionen solcher Transaktionen get&auml;tigt h&auml;tten; das ist weniger als eine Transaktion pro Nutzer. Zum Vergleich: PayPal wickelt derzeit rund 72 Millionen Transaktionen pro Tag(!) ab.<\/p><p>Aber um die simple Funktion, Geld an andere Personen zu schicken, soll es bei Wero ja auch nicht gehen. Die entscheidende Funktion, PayPal im Onlinehandel anzugreifen, startet in den Wero-Kernl&auml;ndern Deutschland, Frankreich und Belgien in den n&auml;chsten Tagen und es ist daher nat&uuml;rlich noch zu fr&uuml;h, um ein belastbares Urteil abzugeben. Allzu optimistisch sollten die Europ&auml;er jedoch nicht sein. Den allermeisten Kunden sind Fragen wie H&auml;ndlergeb&uuml;hren, Datenschutz oder US-Dominanz leider schlichtweg egal. <\/p><p>Anders sieht es bei den H&auml;ndlern aus, f&uuml;r die vor allem die Geb&uuml;hren ein sehr wichtiger Faktor sind. Hier scheint Wero in der Tat Vorteile zu haben, es ist von 0,6 Prozent bis 0,8 Prozent Geb&uuml;hren die Rede, was schon mal deutlich unter den PayPal-Geb&uuml;hren f&uuml;r normale H&auml;ndler liegt. Doch hier kommt das Henne-Ei-Problem, das ja gerade im Technologiebereich die Monopolisten sch&uuml;tzt. Wie soll ein Onlineh&auml;ndler seinen Kunden eine Bezahlfunktion schmackhaft machen, bei der er etwas geringere Geb&uuml;hren zahlen muss, die die Kunden aber noch nicht einmal kennen? Die naheliegende L&ouml;sung, Rabatte anzubieten, scheidet aus, da dies in der EU dummerweise gesetzlich verboten ist.[<a href=\"#foot_1\" name=\"note_1\">*<\/a>] Was also tun? Eine milliardenschwere Marketingkampagne? Bezahlt von deutschen Banken, die sich nach den teuren Vorg&auml;ngerflops bereits schwer damit tun, &uuml;berhaupt Mitglied dieser gemeinsamen Initiative zu werden? Das ist wohl auszuschlie&szlig;en. <\/p><p>Es ist schon paradox: Wir reden hier immerhin &uuml;ber das Who is Who der deutschen Bankenlandschaft; aber im Vergleich zu PayPal, Mastercard und Visa oder gar Apple und Google ist dies in der Tat ein Kampf von David gegen Goliath. Ersterer hat zwar in der Bibel gewonnen, aber die Chancen, sich aus der US-Dominanz bei den Zahlungsdienstleistern zu befreien, sind leider keine imagin&auml;re Geschichte, sondern bittere Realit&auml;t.<\/p><p><strong>Im station&auml;ren Handel sieht es noch d&uuml;sterer aus<\/strong><\/p><p>Angesichts der schlechten Chancen im Onlinehandel ist wohl der dritte angedachte Einsatzbereich von Wero ohnehin hinf&auml;llig. Zumindest den Pl&auml;nen nach soll Wero, nachdem es sich im Onlinehandel etabliert hat, ab 2026 auch fl&auml;chendeckend im station&auml;ren Handel verf&uuml;gbar gemacht werden. Doch hier stellen sich ganz andere Fragen und Probleme. In Deutschland ist in diesem Einsatzbereich immer noch die gute alte Girocard mit gro&szlig;em Abstand Marktf&uuml;hrer. Girocard ist jedoch kein US-Produkt, sondern ein Produkt der deutschen Banken. Und Girocard ist kein schlechtes Produkt, bietet es mit einer Geb&uuml;hr von rund 0,2 Prozent der Transaktionssumme doch attraktive Konditionen f&uuml;r den H&auml;ndler. Aber die deutschen Banken w&auml;ren nicht die deutschen Banken, wenn sie diesen Wettbewerbsvorteil nicht verspielt h&auml;tten. So hat es Girocard nie geschafft, &uuml;ber die Grenzregionen hinaus im Ausland &uuml;ber technische Kooperationen Akzeptanzstellen zu finden.<\/p><p>Stattdessen spendieren die deutschen Banken ihren Kunden lieber eine &bdquo;Co-Badging&ldquo; genannte L&ouml;sung, bei der den betreffenden Geldkarten die Funktionen der US-Konzerne Mastercard und Visa spendiert werden. Der Kunde kann damit auch im EU-Ausland bezahlen. Das ist gut. Weniger gut ist freilich, dass &uuml;ber die Funktionen von Mastercard und Visa die Girocard-Funktionen immer h&auml;ufiger ausgehebelt werden &ndash; dies gilt vor allem bei den immer h&auml;ufiger eingesetzten Bezahlfunktionen von Apple und Google, bei denen der Kunde nicht mehr mit der Karte selbst, sondern bequem &uuml;ber das Smartphone zahlt. Solche Funktionen will Girocard <a href=\"https:\/\/die-dk.de\/zahlungsverkehr\/girocard\/die-zukunft-des-bezahlens-girocard-40\/\">zwar k&uuml;nftig auch anbieten<\/a> &ndash; aber dann k&ouml;nnte es bereits zu sp&auml;t sein. Haben sich Systeme erst einmal etabliert, sind sie schwer zu verdr&auml;ngen &ndash; vor allem im Technologiebereich.<\/p><p>Was hei&szlig;t das f&uuml;r den station&auml;ren Handel? Hier sind die Geb&uuml;hren etwas anders gestaffelt. Girocard liegt mit seinen 0,2 Prozent an erster Stelle, danach kommen die Debit-Produkte von Mastercard und Visa mit rund 0,7 Prozent, die oft auf den ganz normalem Geldkarten der Banken implementiert sind. Hier sieht man bereits den volkswirtschaftlichen Schaden. Ohne einen erkennbaren Mehrwert verlangen die US-Konzerne stolze 0,5 Prozent mehr f&uuml;r die gleiche Dienstleistung. Das klingt vielleicht wenig, ist aber viel, da im Einzelhandel &ndash; vor allem bei Superm&auml;rkten &ndash; die Nettomargen oft bei nur 2 Prozent bis 5 Prozent liegen. Und &auml;hnlich wie beim Onlinehandel ist dieser Aufschlag von Mastercard und Visa im Grund eine leistungslose Geb&uuml;hr, die stetig an US-Konzerne abflie&szlig;t. Dies ist nur m&ouml;glich, weil Deutschland es schlicht verpennt hat, eigene Alternativen zu etablieren; die Politik hat es verpennt, die n&ouml;tigen Rahmenbedingungen zu schaffen, die Banken haben bei der Umsetzung von technisch gleichwertigen Alternativen kl&auml;glich versagt.<\/p><p>Und das ist noch nicht einmal das Ende der Fahnenstange. Immer mehr Banken gehen dazu &uuml;ber, ihren Kunden nicht nur die Debit-Funktionen der US-Konzerne bei den normalen Geldkarten mitzugeben, sondern sie &ndash; die n&ouml;tige Bonit&auml;t vorausgesetzt &ndash; sogar auf den &bdquo;echten&ldquo; Kreditkarten dieser Anbieter anzufixen. Und der Handel macht &ndash; mal mehr, mal weniger freiwillig &ndash; bei diesem b&ouml;sen Spiel mit.<\/p><p><strong>Kreditkarten &ndash; ein teures Problem, meist ohne erkennbaren Nutzen<\/strong><\/p><p>Was ist der Unterschied zwischen einer Debit- und einer Kreditkarte? Ganz einfach. Bei einer Debitkarte wird im Hintergrund die Transaktionssumme per Lastschrift von ihrem Girokonto abgebucht und dem Girokonto des H&auml;ndlers gutgeschrieben. Der Zahlungsdienstleister sorgt im Grunde nur f&uuml;r die Abwicklung, ein nennenswertes Risiko besteht nicht, da die Deckung der Transaktion ja in Echtzeit gepr&uuml;ft wird. <\/p><p>Anders sieht es bei der Kreditkarte aus. Hier wird finanztechnisch ein revolvierender Konsumentenkredit vergeben. Der Anbieter tr&auml;gt das Ausfallrisiko, l&auml;sst sich dies jedoch auch vom H&auml;ndler f&uuml;rstlich bezahlen &ndash; normale H&auml;ndler, wie der B&auml;cker um die Ecke, m&uuml;ssen f&uuml;r diesen f&uuml;r sie vollkommen irrelevanten Dienst oft 3 Prozent und mehr an Geb&uuml;hren zahlen; wobei f&uuml;r den H&auml;ndler selbst bei der Zahlung v&ouml;llig unklar ist, wie hoch die Geb&uuml;hren konkret ausfallen werden. Kein B&auml;cker rechnet schlie&szlig;lich damit, dass beim Kauf eines Br&ouml;tchens im Hintergrund technisch ein Kredit an den Kunden vergeben wird, f&uuml;r dessen Ausfallabsicherung der B&auml;cker zur Kasse gebeten wird. Und wenn der B&auml;cker die Kosten daf&uuml;r auf den Br&ouml;tchenpreis aufschl&auml;gt, zahlen wir alle daf&uuml;r, dass vollkommen ohne Not beim Br&ouml;tchenkauf oft aus technischer Sicht ein Kredit vergeben wird. Das ist doch Wahnsinn.<\/p><p>Den wenigsten Kunden d&uuml;rfte zudem &uuml;berhaupt bekannt sein, dass es f&uuml;r den H&auml;ndler einen gro&szlig;en Unterschied machen kann, wenn man statt mit der normalen Geldkarte mit einer Kreditkarte zahlt. Dies ist vor allem bei der Zahlung via Smartphone &auml;rgerlich, da hier die &ndash; f&uuml;r den H&auml;ndler &ndash; preiswerten Varianten durch die Schlafm&uuml;tzigkeit der deutschen Banken mangels technischer Kompatibilit&auml;t gar nicht zur Verf&uuml;gung stehen und der Kunde durch die Technik geradezu dazu getrieben wird, den Weg des geringsten Aufwands und Widerstands zu gehen, und sein Apple- oder Google-Pay-System &ndash; so vorhanden &ndash; mit einer &bdquo;echten&ldquo; Kreditkarte zu koppeln. Vordergr&uuml;ndig bietet das ja nur Vorteile, es ist bequem, schnell und funktioniert fast &uuml;berall. Die Kosten daf&uuml;r tr&auml;gt jedoch in erster Linie der H&auml;ndler und da dieser die Kosten selbstverst&auml;ndlich auf die Preise umlegt, tragen wir sie letzten Endes alle &ndash; egal, ob wir bar, mit der Geldkarte oder eben dem Smartphone zahlen.<\/p><p><strong>Too little, too late<\/strong><\/p><p>In diesem Bereich soll Wero k&uuml;nftig das US-Monopol brechen. Dass dies auch gelingen wird, ist aber nahezu auszuschlie&szlig;en. Das w&uuml;rde nur funktionieren, wenn die Abwicklungssysteme der US-Anbieter Mastercard und Visa vom Handel benachteiligt oder besser noch gar nicht angeboten werden. Ersteres ist in der EU (s.o.) rechtlich untersagt, da indirekte Kosten f&uuml;r die Zahlungsabwicklung nicht direkt auf den Kunden umgelegt werden d&uuml;rfen. Letzteres w&auml;re freilich m&ouml;glich, aber auch hier haben wir einmal mehr das Henne-Ei-Problem. Welcher H&auml;ndler w&uuml;rde freiwillig den Zahlungsstandard aussperren, der bei den Kunden am weitesten verbreitet ist? Gro&szlig;e Handelsketten wie REWE, Aldi, Lidl, Edeka oder die Tankstellenketten h&auml;tten dazu vielleicht die Marktmacht. Sie haben jedoch kein erkennbares Motiv, k&ouml;nnen Konzerne mit Milliardenums&auml;tzen die Geb&uuml;hren von Mastercard und Visa doch anders als der B&auml;cker um die Ecke frei aushandeln. Und die Handelsriesen werden sicher sehr g&uuml;nstige Konditionen bekommen haben, ist es doch relativ neu, dass sie &uuml;berhaupt die Zahlung mit Kreditkarten akzeptieren.<\/p><p>Lange Rede, kurzer Sinn: Was wird denn nun mit der digitalen Souver&auml;nit&auml;t Europas im Zahlungsbereich? Nichts. Auf Englisch w&uuml;rde man sagen: Too little, too late. Systeme wie Wero kommen mehr als 10 Jahre zu sp&auml;t. PayPal ist mittlerweile etabliert und Mastercard und Visa haben es vor allem &uuml;ber den Umweg der Banken und die Integration in Smartphone-Bezahlfunktionen geschafft, zum Standard zu werden. Europa hat die Entwicklung schlicht verschlafen und sich vollkommen ohne Not von den USA abh&auml;ngig gemacht. Auch wenn man nun zumindest so tut, als h&auml;tte man das Problem erkannt, fehlen einem doch erkennbar die Mittel, um den l&auml;ngst abgefahrenen Zug noch einzuholen. Nun ist es zu sp&auml;t.<\/p><p>Wie es anders gehen kann, hat einmal mehr China gezeigt. Die dortigen Angebote WeChat Pay und Alipay sind PayPal und Co. sowohl technisch als auch hinsichtlich der Geb&uuml;hrenstruktur meilenweit voraus und haben in China die meisten Lebensbereiche durchdrungen. F&uuml;r Datensch&uuml;tzer sind sie freilich ein Albtraum, das muss man auch kritisch sagen.<\/p><p><strong>Alternativen w&auml;ren m&ouml;glich, sind aber nicht gewollt<\/strong><\/p><p>Aber warum hat Europa derart versagt? Geht es nur um die Inkompetenz der Politik und die US-H&ouml;rigkeit der Banken? Nicht nur. Auch die Innovationsfeindlichkeit der Europ&auml;er spielt hier eine Rolle. Denn paradoxerweise hat &bdquo;ausgerechnet&ldquo; die EZB bereits 2018 ein System fertiggestellt, das eigentlich die perfekte Grundlage f&uuml;r digitale Zahlungsdienstleistungen sein k&ouml;nnte &ndash; das <a href=\"https:\/\/www.ecb.europa.eu\/paym\/target\/tips\/html\/index.en.html\">Target Instant Payment Settlement (TIPS)<\/a>. TIPS ist eine Schnittstelle, &uuml;ber die eine &bdquo;echte&ldquo; &Uuml;berweisung von Girokonto zu Girokonto binnen maximal f&uuml;nf Sekunden durchgef&uuml;hrt werden kann. Und dies zu einer Transaktionsgeb&uuml;hr von 0,2 Cent pro &Uuml;berweisung. W&uuml;rde man diese Funktion in eine Geldkarte implementieren, k&ouml;nnte man in der gesamten EU als Kunde am Tresen (oder online) in Echtzeit den f&auml;lligen Betrag auf das Konto des Anbieters &uuml;berweisen. Es gibt kein Kreditrisiko, da hier der gleiche Deckungsvorbehalt wie bei einer normalen &Uuml;berweisung gilt. Ist kein Geld auf dem Konto, kann man auch nichts &uuml;berweisen. Dienstleister wie Visa oder Mastercard werden schlicht nicht mehr ben&ouml;tigt, &uuml;berzogene Geb&uuml;hren f&uuml;r faktisch nicht vorhandene Risiken w&uuml;rden ebenso der Vergangenheit angeh&ouml;ren wie die Abh&auml;ngigkeit von den USA.<\/p><p>Mehr noch: Theoretisch braucht es daf&uuml;r noch nicht einmal die Banken, da eine TIPS-Transaktion auch &uuml;ber eine Smartphone-App abgewickelt werden k&ouml;nnte. Danke der <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Zahlungsdiensterichtlinie\">PSD2-Richtlinie der EU<\/a> w&auml;ren die Banken sogar verpflichtet, Dienstleistern, die ein solches Produkt anbieten w&uuml;rden, eine Schnittstelle zu den Girokonten der Kunden einzurichten. Spinnen wir das ruhig ein wenig weiter: &Uuml;ber TIPS w&auml;re sogar ein echtes demokratisches Banking m&ouml;glich, bei dem statt irgendwelcher Geb&uuml;hren nur die realen Kosten &ndash; die auch dank der EZB-Technologie recht niedrig w&auml;ren &ndash; an die H&auml;ndler weitergegeben werden. Davon w&uuml;rden wir alle profitieren, da unn&ouml;tig hohe Kosten f&uuml;r Finanzdienstleister nicht mehr vom Handel eingepreist werden m&uuml;ssten. Man braucht jedoch nicht viel Fantasie, um zu erkennen, dass die Vorteile f&uuml;r die Allgemeinheit f&uuml;r den Finanzsektor eher Nachteile sind. Wer will sich schon gerne freiwillig &uuml;berfl&uuml;ssig machen? Daher wird diese Revolution wohl ausbleiben.<\/p><p><small>Titelbild: Wero.eu<\/small><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg04.met.vgwort.de\/na\/7d3acf1ef4f545adb0c2ed74ef8a3f65\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><div class=\"footnote\">\n<p>[<a href=\"#note_1\" name=\"foot_1\">&laquo;*<\/a>] Erg&auml;nzung, 19. Sep.: Ein Leser machte uns darauf aufmerksam, dass diese Formulierung falsch ist. Korrekt ist, dass Rabatte zwar erlaubt, daf&uuml;r aber Aufschl&auml;ge f&uuml;r bestimmte Zahlungsarten verboten sind. Das ist nat&uuml;rlich korrekt. Wir bitten, den Fehler zu entschuldigen.<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In wenigen Tagen soll der Zahlungsdienst <a href=\"https:\/\/wero-wallet.eu\/\">Wero<\/a> als europ&auml;ische PayPal-Alternative im Onlinehandel starten. Die Hoffnungen der Europ&auml;er, das Monopol der &uuml;berm&auml;chtigen US-Konkurrenz zu brechen, sind gro&szlig;. Noch gr&ouml;&szlig;er sind die weiteren Pl&auml;ne, soll Wero doch sp&auml;ter auch im station&auml;ren Handel die US-Platzhirsche Mastercard und Visa und die ebenfalls aus den USA stammenden Plattform-Monopolisten Apple-<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=139227\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":8,"featured_media":139228,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[107,136,134],"tags":[3144,2097,1288,3142,2231,3584,1556,3585],"class_list":["post-139227","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-audio-podcast","category-banken-boerse-spekulation","category-finanzen-und-waehrung","tag-bargeldloser-zahlungsverkehr","tag-big-data","tag-einzelhandel","tag-mastercard","tag-onlinehandel","tag-paypal","tag-usa","tag-wero"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2025\/09\/wero-wordpress-pronamic-pay.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/139227","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/8"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=139227"}],"version-history":[{"count":15,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/139227\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":139394,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/139227\/revisions\/139394"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/139228"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=139227"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=139227"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=139227"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}