{"id":139307,"date":"2025-09-19T14:00:24","date_gmt":"2025-09-19T12:00:24","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=139307"},"modified":"2025-09-22T16:15:43","modified_gmt":"2025-09-22T14:15:43","slug":"die-russische-berichterstattung-zum-gaza-krieg-ist-zurueckhaltend-warum","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=139307","title":{"rendered":"Die russische Berichterstattung zum Gaza-Krieg ist zur\u00fcckhaltend \u2013 Warum?"},"content":{"rendered":"<p>Die Berichterstattung des russischen Fernsehens zum Gaza-Krieg bem&uuml;ht sich um Objektivit&auml;t. Es gibt keine emotionalisierenden Berichte. Pal&auml;stinenser aus Gaza kommen fast nicht zu Wort. Viele Artikel in russischen Medien enden mit einem Absatz, in dem es um den &bdquo;Beginn des Konfliktes&ldquo; geht, den Angriff der Hamas auf israelische Zivilisten im Oktober 2023. Warum ist das so? Ein Kommentar von <strong>Ulrich Heyden<\/strong> (Moskau).<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_5787\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-139307-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/250922-russische-Berichterstattung-zum-Gaza-Krieg-NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/250922-russische-Berichterstattung-zum-Gaza-Krieg-NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/250922-russische-Berichterstattung-zum-Gaza-Krieg-NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/250922-russische-Berichterstattung-zum-Gaza-Krieg-NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=139307-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/250922-russische-Berichterstattung-zum-Gaza-Krieg-NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"250922-russische-Berichterstattung-zum-Gaza-Krieg-NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>Auch der israelische Generalstabschef kommt in den russischen Nachrichten zu Wort, mit einer Stellungnahme zu den Zielen bei der Eroberung von Gaza-Stadt. Man werde die 2.500 Hamas-Mitglieder finden, verspricht der Milit&auml;r, und man sp&uuml;rt, dass er sein Versprechen nicht einhalten kann. In ihren Berichten aus Israel bem&uuml;hen sich russische Korrespondenten um einen sachlichen Ton. Aber man merkt, dass sie keinerlei Sympathie mit dem Feldzug der israelischen Armee in Gaza haben. <\/p><p>Doch ich finde, das ist zu wenig. Die Fl&uuml;chtlingsstr&ouml;me aus Gaza sind kein gro&szlig;es Thema in den russischen Medien. Auch &uuml;ber die Sumud-Flotte, die sich auf den Weg nach Gaza gemacht hat, gibt es fast keine Berichte. <\/p><p>In Talk-Shows geht es um andere Themen, wie den Besuch von Trump in London. Man lacht h&auml;misch &uuml;ber Trump, der von der ehemaligen Weltmacht England Tribut einfordere. <\/p><p>Aber ist das ein so wichtiges Thema im Vergleich zur Fl&uuml;chtlingskatastrophe in Gaza, frage ich mich? Baut Russland nicht an der multipolaren Welt? Sind seine nat&uuml;rlichen B&uuml;ndnispartner nicht die Opfer von Kolonialismus, also auch die Pal&auml;stinenser? Warum wird &uuml;ber ihr Elend zur&uuml;ckhaltend berichtet? Liegt es daran, dass Russland sich nicht weiter vorwagen will wie die arabischen Staaten? Oder will man die Zuschauer nicht &uuml;berlasten mit Kriegsbildern, f&uuml;hrt man doch einen Krieg in der Ukraine und findet dieser Krieg doch auch im eigenen Land statt, mit Angriffen ukrainischer Drohnen auf russische Grenzregionen und Raffinerien und R&uuml;stungsbetriebe?<\/p><p><strong>Russische Hoffnungen auf die westliche &Ouml;ffentlichkeit<\/strong><\/p><p>M&ouml;glicherweise gibt es unter den russischen Medien-Machern auch die Hoffnung, dass sich in den westlichen L&auml;ndern, die Netanjahu unterst&uuml;tzen, eine breite Widerstandsfront aufbaut, und eine starke russische Stimme zum Thema Genozid in Gaza gar nicht n&ouml;tig ist.<\/p><p>Nach Meinung von Pjotr Akopow, Kommentator der russischen Nachrichtenagentur <em>Ria Novosti<\/em>, ist die Position von Netanjahu stark angeschlagen. Am 13. September schrieb der Kommentator, &bdquo;von Israel wenden sich gezwungenerma&szlig;en seine festesten Unterst&uuml;tzer ab &ndash; Gro&szlig;britannien und Frankreich (nur Deutschland h&auml;lt sich noch zur&uuml;ck), weil es sich die herrschenden Eliten nicht leisten k&ouml;nnen, die &ouml;ffentliche Meinung zu ignorieren und so zu tun, als ob es einen Genozid in Gaza nicht gibt&ldquo;.<\/p><p>Zu den USA schreibt der Kommentator, &bdquo;Trump kann Netanjahu nicht ewig decken, insbesondere wenn der israelische Ministerpr&auml;sident Aktionen macht wie die Attacke auf Katar&ldquo;.<\/p><p>Zu der Flottille Sumud kommentiert Akopow, &bdquo;es besteht kein Zweifel daran, dass Israel die Flotte nicht nach Gaza l&auml;sst, aber Versuche diese Flotte aufzuhalten, wird Opfer zur Folge haben, was ein weiterer Schlag gegen die noch verbliebene Reputation von Netanjahu in Europa sein wird&ldquo;.<\/p><p>Die USA h&auml;tten versucht, Netanjahu bei der Aussiedlung der Pal&auml;stinenser aus Gaza zu helfen. &bdquo;Aber es wird keine Aussiedlung geben &ndash; und das ist das wichtigste Resultat des zwei Jahre dauernden Widerstandes der Pal&auml;stinenser.&ldquo; Alle w&uuml;rden sehen, dass Netanjahu &bdquo;nichts gelingt&ldquo;. &bdquo;Die Pal&auml;stinenser gehen nicht weg, und die Zeit, die Kraft und die Unterst&uuml;tzung von au&szlig;en, um den Genozid in Gaza fortzusetzen, hat Netanjahu nicht mehr.&ldquo;<\/p><p>Diese Beschreibung der Lage ist sehr hoffnungsvoll. Aber meiner Meinung nach &uuml;bersch&auml;tzt Akopow die Kraft der &ouml;ffentlichen Meinung in der westlichen Welt. Noch ist der Punkt nicht erreicht, wo Netanjahu die Segel streichen muss.<\/p><p><strong>Erinnerungen an Grosny<\/strong><\/p><p>Die aktuelle Situation in Gaza ist der Situation in Grosny, der Hauptstadt des von Russland 1996 faktisch abgespaltenen Territoriums &bdquo;Itschkerija&ldquo;, &auml;hnlich. F&uuml;r die Russen ist das eine traumatische Erinnerung. Der Kampf um Gaza-Stadt erinnert an Grosny und an die Tatsache, dass die Einnahme einer Gro&szlig;stadt nur unter sehr gro&szlig;en Opfern auf beiden Seiten zu erreichen ist. <\/p><p>Die russische Armee bombardierte Grosny 1999\/2000, als die Stadt unter Kontrolle von islamistischen Radikalen stand, die von Geldgebern aus dem wahhabitischen Lager in den arabischen Staaten unterst&uuml;tzt wurden. <\/p><p>Damals organisierte das russische Notstandsministerium Fl&uuml;chtlings-Korridore f&uuml;r die Menschen in Grosny. Unter den Fl&uuml;chtlingen waren damals auch zehntausende Russen. <\/p><p>Vor Grosny gab es Fl&uuml;chtlingslager, die ich damals besuchte. Nicht vergessen werde ich eine &Auml;u&szlig;erung von Walentina Matwijenko, der Vorsitzenden des russischen F&ouml;derationsrates, die im Gespr&auml;ch mit tschetschenischen Fl&uuml;chtlingsfrauen in vorwurfsvollem Ton fragte, &bdquo;warum unterst&uuml;tzt ihr die Terroristen?&ldquo; Ich stand damals auf der Seite der tschetschenischen Zivilbev&ouml;lkerung. Und mir stockte der Atem bei dieser Belehrung. <\/p><p>Der Krieg in Tschetschenien dauerte von 1994 bis 1996 und von 1999 bis 2003. Den Krieg hatte Wladimir Putin von seinem Amtsvorg&auml;nger Boris Jelzin, dem Liebling des Westens, geerbt. Jelzin stachelte den tschetschenischen Separatismus erst an, um sich gegen Gorbatschow durchzusetzen und dann im Dezember 1994 selbst schlecht ausger&uuml;stete russische Truppen mit jungen Wehrpflichtigen nach Grosny zu schicken. <\/p><p><strong>Russen und Tschetschenen achten sich wieder<\/strong><\/p><p>Ein russischer Kommentator sagte am Mittwoch in einer Debatte &uuml;ber den Gaza-Krieg auf <em>Radio Sputnik<\/em> &ndash; sehr klug, wie ich fand -, Russland habe in Tschetschenien gegen islamistischen Terrorismus gek&auml;mpft, aber Russland habe einen Weg gefunden, wieder mit den Tschetschenen zusammenzukommen. <\/p><p>Warum war das m&ouml;glich? Weil Russland keinen Krieg gegen die tschetschenische Kultur f&uuml;hrte, sondern gegen Islamisten, die mit der Besetzung eines Krankenhauses in S&uuml;drussland, Terroranschl&auml;gen auf Wohnh&auml;user in Moskau und die Moskauer U-Bahn und der Besetzung einer Schule im Nordkaukasus Angst und Schrecken verbreiteten. <\/p><p>Zugegeben: Die Stimmung in Russland war bis zum Ende des Tschetschenien-Krieges eindeutig anti-tschetschenisch. Nicht wenige Russen hegten Rachegedanken. <\/p><p>Aber es gibt einen Unterschied zum Krieg in Gaza. W&auml;hrend die Regierung Israels die Pal&auml;stinenser seit Jahrzehnten als eine Art Untermenschen behandelt, sind die Tschetschenen jetzt wieder Teil der russl&auml;ndischen V&ouml;lkerfamilie. Grosny und ganz Tschetschenien wurden wieder aufgebaut, mit neuen Moscheen und modernen Geb&auml;uden. Tschetschenen k&auml;mpfen Schulter an Schulter mit Russen im Ukrainekrieg. Tschetschenen arbeiten in Moskau auf dem Bau oder sind als Sicherheitskr&auml;fte in Superm&auml;rkten im Einsatz. <\/p><p>Ja, es gibt in der russischen Bev&ouml;lkerung Vorbehalte gegen Arbeitsmigranten aus islamisch gepr&auml;gten Staaten. Aber die F&uuml;hrung Russlands &ndash; und insbesondere Wladimir Putin &ndash; betonen immer wieder, dass Russland ein Viel-V&ouml;lker-Staat ist und sich nur deshalb auch in schwierigen Zeiten behaupten kann.<\/p><p>Nicht alles ist in Russland ideal. Aber das heutige Verh&auml;ltnis zwischen Russen und Tschetschenen zeigt, dass Russland einen Weg gefunden hat, mit einem kleinen Volk ein friedliches Auskommen zu finden. <\/p><p><em>Von Ulrich Heyden erschien: <a href=\"https:\/\/mediashop.at\/buecher\/mein-weg-nach-russland\/\">Mein Weg nach Russland. Erinnerungen eines Reporters<\/a>, Verlag Promedia, Wien 2024<\/em><\/p><p><small>Titelbild: Melnikov Dmitriy \/ Shutterstock<\/small><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/vg04.met.vgwort.de\/na\/9a3c9cbc16394fcd9e9f0568af1a002f\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Berichterstattung des russischen Fernsehens zum Gaza-Krieg bem&uuml;ht sich um Objektivit&auml;t. Es gibt keine emotionalisierenden Berichte. Pal&auml;stinenser aus Gaza kommen fast nicht zu Wort. Viele Artikel in russischen Medien enden mit einem Absatz, in dem es um den &bdquo;Beginn des Konfliktes&ldquo; geht, den Angriff der Hamas auf israelische Zivilisten im Oktober 2023. 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