{"id":139455,"date":"2025-09-23T09:00:39","date_gmt":"2025-09-23T07:00:39","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=139455"},"modified":"2025-09-23T11:59:35","modified_gmt":"2025-09-23T09:59:35","slug":"daniele-ganser-im-interview-der-westen-ist-die-groesste-gefahr-fuer-den-weltfrieden","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=139455","title":{"rendered":"Daniele Ganser im Interview: Der Westen ist die gr\u00f6\u00dfte Gefahr f\u00fcr den Weltfrieden"},"content":{"rendered":"<p><strong>Daniele Ganser<\/strong>, Schweizer Historiker und Friedensforscher, geh&ouml;rt zu den sch&auml;rfsten Kritikern der westlichen Au&szlig;enpolitik seit dem Ende des Kalten Krieges. Seine B&uuml;cher &ndash; von &bdquo;NATO-Geheimarmeen in Europa&ldquo; &uuml;ber &bdquo;Illegale Kriege&ldquo; bis zuletzt &bdquo;Imperium USA&ldquo; &ndash; zeichnen ein faktenreiches Panorama milit&auml;rischer Interventionen, geheimer Operationen und Machtpolitik. Ganser argumentiert, dass die USA und ihre Verb&uuml;ndeten seit 1991 mehr illegale Kriege gef&uuml;hrt haben als jede andere Gro&szlig;macht und dabei Millionen Opfer verursachten. Im Interview spricht er &uuml;ber die Rolle des Westens in Afghanistan, Irak, Libyen, Syrien und der Ukraine, &uuml;ber die Sprengung von Nord Stream, &uuml;ber den Genozid in Gaza und die Gefahr eines atomaren Schlagabtauschs &ndash; und erkl&auml;rt, warum er trotz allem an die M&ouml;glichkeit von Weltfrieden glaubt. Das Gespr&auml;ch f&uuml;hrte <strong>Michael Holmes<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\n<div class=\"external-2click\" data-provider=\"Youtube\" data-provider-slug=\"youtube\"><div class=\"external-placeholder\"><p><strong>Externer Inhalt<\/strong><\/p><p>Beim Laden des Videos werden Daten an Youtube &uuml;bertragen.<\/p><button type=\"button\" class=\"external-load\">Inhalt von Youtube zulassen<\/button><\/div><div class=\"external-content\"><iframe loading=\"lazy\" width=\"560\" height=\"315\" src=\"\" frameborder=\"0\" allowfullscreen class=\"external-2click-target \" data-src=\"https:\/\/www.youtube-nocookie.com\/embed\/SbDLRpUFlK8\"><\/iframe><\/div><div class=\"external-optout\"><a href=\"#\" data-revoke=\"youtube\">Inhalte von Youtube nicht mehr zulassen<\/a><\/div><\/div><\/p><p><em>Die verschriftlichte Fassung des Interviews finden Sie hier: <\/em><\/p><p><strong>Hallo, mein Name ist Michael Holmes, und heute ist es meine gro&szlig;e Freude, mit Daniele Ganser zu sprechen.<\/strong><\/p><p><strong>Daniele Ganser:<\/strong> Hallo, Michael.<\/p><p><strong>Hallo. Du bist Schweizer, Historiker und Friedensforscher. Du bist wahrscheinlich den meisten unserer Leser und Zuschauer bekannt. Du bist Autor vieler B&uuml;cher, darunter &bdquo;NATO-Geheimarmeen in Europa&ldquo;, &bdquo;Illegale Kriege&ldquo; und zuletzt &bdquo;Imperium USA&ldquo;, das ich sehr empfehlen kann.<\/strong> <strong>Man h&ouml;rt schon ein bisschen an den Titeln, was deine Themen sind. Dein Schwerpunkt ist die USA und ihre Verb&uuml;ndeten, ihre Au&szlig;enpolitik, vor allem der Imperialismus seit 1945 bis heute.<\/strong><\/p><p><strong>Wenn man dich googelt, wei&szlig; man, dass du sehr umstritten bist, das ist aber jeder, der kritisch ist gegen&uuml;ber der westlichen Au&szlig;enpolitik. Also das spricht nicht gegen dich. Was ich heute gerne machen w&uuml;rde, Daniele, w&auml;re, dass wir ein bisschen versuchen zu erkl&auml;ren, was eigentlich genau dein gr&ouml;&szlig;eres Weltbild ist und was deine Motive sind, um ein paar dieser Missverst&auml;ndnisse auszur&auml;umen.<\/strong><\/p><p>Das k&ouml;nnen wir gerne machen. Wir k&ouml;nnen transparent sagen: Wir haben uns noch nie getroffen, wir haben die Fragen nicht vorher abgesprochen. Die Leute haben ja wirklich ungeschnittenes Material. K&ouml;nnen wir jetzt machen, und ich bin gespannt auf deine Fragen, Michael.<\/p><p><strong>Okay, also wir beginnen mit einer kl&auml;renden These. Danach kommt eine provokative These. Aus deinen B&uuml;chern wird sehr klar, dass du extrem kritisch bist gegen&uuml;ber der westlichen Au&szlig;enpolitik seit 1945 bis heute. Die erste These: Du bist ein ausgewiesener Demokrat. Du glaubst an die positiven Kr&auml;fte der Demokratie und des Liberalismus im politischen Sinne, also nicht unbedingt an die radikale Marktwirtschaft, aber im Sinne der pers&ouml;nlichen Freiheiten und vor allem der Meinungsfreiheit. Statt weniger Demokratie und Meinungsfreiheit h&auml;ttest du wahrscheinlich gerne mehr Demokratie und Meinungsfreiheit sowohl im Westen als auch im Rest der Welt, wobei du wahrscheinlich sagen w&uuml;rdest: Diese Werte kann man nicht mit Gewalt erzwingen, schon gar nicht mit milit&auml;rischer Gewalt. Trotzdem w&auml;re es wahrscheinlich w&uuml;nschenswert, auch in deinem Sinne, dass mehr Demokratie und Meinungsfreiheit nach Asien, Afrika, dem Mittleren Osten und Lateinamerika k&auml;men &ndash; durch die Menschen dort selbst.<\/strong><\/p><p>Absolut, absolut. Ich bin Schweizer. Ich bin in der Schweiz geboren. Wir haben hier die direkte Demokratie. Das hei&szlig;t, wir k&ouml;nnen &uuml;ber Sachfragen abstimmen. Zum Beispiel, wenn die Frage ist: Soll man eine zweite Gotthardr&ouml;hre bauen? Der Gotthard ist ja ein bekannter Stra&szlig;entunnel. Wenn man von Deutschland nach Italien f&auml;hrt und man f&auml;hrt durch die Schweiz, dann hat man oft Stau am Gotthard. Dann gab es halt diese Frage: Soll man da einen zweiten Tunnel bauen? Da konnten wir abstimmen. Wir k&ouml;nnen in der Schweiz &uuml;ber Sachfragen abstimmen.<\/p><p>Wir k&ouml;nnen auch dar&uuml;ber abstimmen, ob das Rentenalter f&uuml;r Frauen gleich hoch sein soll wie das Rentenalter f&uuml;r M&auml;nner, oder wir k&ouml;nnen dar&uuml;ber abstimmen, ob die Schweiz mehr und neue Milit&auml;rflugzeuge kaufen soll. Das ist das Prinzip der direkten Demokratie. Ich bin in dem Sinn ein typischer Schweizer. Ich liebe die direkte Demokratie, und ich w&uuml;rde mir w&uuml;nschen, dass auch in Deutschland, &Ouml;sterreich, auch in den USA oder in England, dass man direkt demokratische Entscheidungen zu Sachfragen f&auml;llen kann.<\/p><p>Ich sehe nat&uuml;rlich, dass das da und dort auf kommunaler Ebene m&ouml;glich ist, also auf der Ebene der Gemeinde. Aber gerade bei internationalen Fragen, wenn ich zuspitzen darf, h&auml;tte ich mir gew&uuml;nscht, dass die US-Bev&ouml;lkerung h&auml;tte abstimmen d&uuml;rfen, ob man den Irak angreift 2003, oder dass die Bev&ouml;lkerung in Deutschland h&auml;tte abstimmen d&uuml;rfen, ob die Bundeswehr Afghanistan angreift nach den Terroranschl&auml;gen vom 11. September 2001. Das ist ja nicht passiert.<\/p><p>Das hei&szlig;t, bei wichtigen Fragen wird die Demokratie sozusagen ausgeschaltet.<\/p><p><strong>Ich bin auch neidisch auf eure direkte Demokratie in der Schweiz. Wahrscheinlich ist die Schweiz das demokratischste Land der Welt. So, dann kommen wir gleich zur ersten provokativen These. Ich behaupte, du zeigst in deinen B&uuml;chern oder versuchst zu zeigen, dass kein Land mehr illegale Angriffskriege gef&uuml;hrt hat als die USA, zusammen mit ihren Verb&uuml;ndeten, seit 1945. Du schreibst auch &uuml;ber die Kriege anderer Staaten. Du zeigst auch, dass die meisten dieser Kriege keinerlei Rechtfertigung hatten und verbunden waren mit schlimmen Kriegsverbrechen vor Ort.<\/strong><\/p><p><strong>Das ist f&uuml;r die meisten Menschen im Westen, vor allem f&uuml;r die Eliten im Westen, nat&uuml;rlich provokativ. Wir wollen es heute mal nicht ab 1945 machen. Das w&uuml;rde viel zu weit f&uuml;hren. Aber k&ouml;nntest du versuchen, kurz, zumindest plausibel zu machen, dass das auch f&uuml;r das 21. Jahrhundert gilt?<\/strong><\/p><p><strong>Die These w&auml;re: Die USA haben mehr illegale Angriffskriege gef&uuml;hrt, mehr Kriegsverbrechen auf dem Gewissen und mehr Leid angerichtet durch ihre Milit&auml;rinterventionen und Wirtschaftssanktionen als ihre wichtigsten Gegner. Das w&auml;ren China, Russland, der Iran, Venezuela. K&ouml;nntest du das verteidigen?<\/strong><\/p><p>Ja klar, das ist richtig zusammengefasst: Das ist die Basis. Das ist das Resultat meiner Forschung. Die Russen sind illegal einmarschiert in der Ukraine am 24. Februar 2022. Das ist sehr bekannt. Die Russen haben auch Syrien bombardiert ab 2015, aber das ist nicht illegal, weil damals &ndash; ab 2014 haben die Amerikaner schon in Syrien bombardiert, und die Amerikaner haben schon 2013 und vorher durch die CIA bewaffnete Einheiten in Syrien trainiert. Dann hat der gew&auml;hlte Pr&auml;sident Assad, damals noch im Amt, Russland um Hilfe gebeten. Also den Syrienkrieg kann man den Russen nicht anh&auml;ngen, sondern das ist als Beistand im Sinne vom internationalen V&ouml;lkerrecht gedeckt. Das ist die UN-Charta, das ist das Recht auf Selbstverteidigung. Da hat Assad die Russen gerufen, weil er gesehen hat, dass die Amerikaner versuchen, ihn abzur&auml;umen.<\/p><p>Wenn du jetzt sagst, nicht ab 1945, eine gute Zeitachse w&auml;re 1991. Da muss man verstehen: 1991 ist der unipolare Moment. Die Sowjetunion bricht zusammen.<\/p><p>Die Sowjetunion war ein gro&szlig;es Land, und Russland war ein Teil der Sowjetunion, auch die Ukraine oder Estland, Lettland, Litauen oder Georgien, Armenien, Aserbaidschan, Turkmenistan, Usbekistan, Kasachstan, Kirgistan und Tadschikistan. Das waren alles Teile der Sowjetunion. Dann ist die Sowjetunion zusammengebrochen, und Russland war sozusagen der Nachfolgestaat. Also im UN-Sicherheitsrat hat dann Russland den Sitz der Sowjetunion &uuml;bernommen. Da war der unipolare Moment, und unipolar meint eigentlich, die Amerikaner hatten die Vorherrschaft &uuml;ber die Welt.<\/p><p>China war noch schwach, das kann man sich heute gar nicht mehr vorstellen. China ist heute sehr, sehr stark, ist hinter den USA die zweitgr&ouml;&szlig;te Wirtschaftsmacht der Welt. Einige sagen schon, ist schon so stark wie die USA. Aber sagen wir mal, China ist auf Platz zwei.<\/p><p>Dann war eigentlich diese Zeit in den 90er-Jahren, wo man h&auml;tte sagen k&ouml;nnen: Okay, jetzt wird eine friedliche Zeit kommen. Aber dann haben die USA 1999 Serbien bombardiert, und das war eben illegal. Das war ein Angriffskrieg. Wir haben auch gesehen, dass Deutschland mitbombardiert hat und dass D&auml;nemark mitbombardiert hat und dass Frankreich mitbombardiert hat usw. Es gab eine ganze Serie von L&auml;ndern, die mitgemacht haben 1999, wo man sich heute fragt: Warum haben die denn da mitgemacht? Das war eigentlich die Initiative von Bill Clinton.<\/p><p>Nach 1999 kommt eigentlich der Angriff auf Afghanistan 2001. Da ist eben sehr wichtig zu verstehen: Die Franzosen sind in Afghanistan einmarschiert. Auch die Australier und die Deutschen sind auch einmarschiert. Die Amerikaner haben nat&uuml;rlich den Angriff auf Afghanistan angef&uuml;hrt, und die Briten auch.<\/p><p>Die meisten Historiker in Europa und auch in den USA halten diesen Angriff auf Afghanistan f&uuml;r berechtigt, und ich halte ihn f&uuml;r nicht berechtigt. Das hat eben damit zu tun, dass ich sage, die Terroranschl&auml;ge vom 11. September 2001 sind nicht gekl&auml;rt. Dazu habe ich die These: WTC 7 wurde gesprengt. Darum sage ich: Der Afghanistan-Krieg ist illegal. Da muss man eben unterscheiden: Wie sieht denn dieser oder jener Historiker den 11. September? Darum wird eben dann auch Afghanistan unterschiedlich beurteilt. Ich bin ein Kritiker des Afghanistan-Krieges.<\/p><p>Jetzt habe ich Serbien 1999 erw&auml;hnt. Ich habe Afghanistan 2001 erw&auml;hnt. Dann 2003 haben die USA den Irak angegriffen. Da war die Geschichte mit den Massenvernichtungswaffen. Da sind sich eigentlich alle Beobachter einig: Das war ganz klar illegal. Da ist jetzt nicht so ein gro&szlig;er Streit wie bei 9\/11 und Afghanistan, weil die Sache mit den Massenvernichtungswaffen ist dahingehend gekl&auml;rt, dass Colin Powell &ndash; das war der damalige Au&szlig;enminister &ndash; sp&auml;ter auch zugegeben hat, dass es diese Massenvernichtungswaffen nie gegeben hatte, dass seine Rede vor dem UN-Sicherheitsrat eben eine L&uuml;ge und ein Schandfleck in seiner politischen Karriere war.<\/p><p>Dann gehen wir von 2003 weiter. Dann war eigentlich 2011 Libyen. Das war dann zur Zeit von Barack Obama. Hillary Clinton war Au&szlig;enministerin. Und sie haben dann wirklich Gaddafi gest&uuml;rzt in Libyen. Da bin ich auch ein Kritiker dieses Krieges. Einige Historiker sagen: Ja gut, aber dieser Krieg hatte ein Mandat des UN-Sicherheitsrates. Da bin ich auch wieder anderer Meinung. Wenn man die Protokolle vom Sicherheitsrat genau liest, dann sieht man: Die Chinesen und die Russen haben kein Veto eingelegt. Das ist richtig. Aber das Mandat, die Resolution, die damals verabschiedet wurde, gab nur das Recht f&uuml;r eine No-Fly-Zone, dass man sozusagen den Luftraum von Libyen &uuml;bernimmt, und auf keinen Fall, dass man Tripolis oder Bengasi bombardiert oder auch Gaddafi t&ouml;tet und eine neue Regierung installiert. Das hei&szlig;t, ich bin auch ein Kritiker des Libyen-Krieges.<\/p><p>Den Syrien-Krieg haben wir schon angesprochen. Beim Syrien-Krieg, Michael, wenn ich das kurz ausf&uuml;hren darf, ist die Operation Timber Sycamore sehr, sehr wichtig. Das ist auch von der <em>New York Times<\/em> best&auml;tigt. Das ist eine Operation der CIA, und die CIA hat eigentlich in Syrien alle Gegner von Pr&auml;sident Assad bewaffnet, und das waren zum Teil radikale Dschihadisten. Man muss sich das mal vorstellen, dass im Krieg gegen den Terrorismus dann eigentlich Terroristen bewaffnet werden, das ist eigentlich ein Widerspruch.<\/p><p>Das hat dann auch dazu gef&uuml;hrt, dass Assad gest&uuml;rzt wurde und Julani jetzt eigentlich der neue Pr&auml;sident ist in Syrien, der nicht gew&auml;hlt wurde. Syrien war zuvor eigentlich eine pluralistische Gesellschaft. Ich m&ouml;chte nicht sagen, Assad war sozusagen ein demokratischer Herrscher. Das war er in dem Sinne nicht. Er hat ja auch seine Gegner gefoltert etc. Aber der Sturz dann von Assad hat eigentlich sehr viel mit der CIA zu tun. Viele Leute haben das gar nicht im Blick, dass diese Operation Timber Sycamore ein verdeckter Krieg der CIA gegen Assad war. Jeffrey Sachs, amerikanischer &Ouml;konom, hat das gut aufgegriffen. Auch andere haben dazu gearbeitet. Das w&auml;re dann Syrien.<\/p><p>Vielleicht kann man ziemlich schnell dann zum Ukraine-Krieg kommen. Der Ukraine-Krieg &ndash; viele haben das Gef&uuml;hl, dass er 2022 begonnen hat. Das stimmt so nicht. Er hat 2014 begonnen. Zwar gab es damals einen Putsch in der Ukraine, in Kiew. Da gab es ja diese Demonstrationen auf dem Maidan, und Janukowitsch wurde gest&uuml;rzt. Da sind sich jetzt alle einig, dass das so ist. Einige sind sich nicht einig, wer den Putsch gemacht hat. Wenn du so ein bisschen herausfinden m&ouml;chtest, warum &ndash; was ist denn der Streit mit Daniele Ganser? &ndash; ich sage halt, das war ein amerikanischer Putsch. Ich sage: Victoria Nuland und ihr Gespr&auml;ch mit Geoffrey Pyatt, das abgeh&ouml;rt wurde. Geoffrey Pyatt war der amerikanische Botschafter in Kiew. Das habe ich auch hier in meinem Buch &bdquo;Imperium USA&rdquo; drin.<\/p><p>Das war ein amerikanischer Putsch, und man hat eigentlich den Pr&auml;sidenten damals in der Ukraine gest&uuml;rzt, weil er die Ukraine nicht in die NATO reinnehmen wollte. Das hat dann eigentlich zum Chaos in der Ukraine gef&uuml;hrt, das wir heute haben. So zusammengefasst siehst du, habe ich einige Kriege, die ich den USA oder der NATO anlaste, und auch Kriege, die ich den Russen anlaste. Den Chinesen kann ich jetzt, wenn du sagst ab 1991, gar keine Kriege anlasten. Die Chinesen haben ab 1991 gar keinen Krieg gef&uuml;hrt. Wenn man fr&uuml;her zur&uuml;ckgeht, kann man Tibet nehmen, die Invasion von Tibet, und Vietnam. Aber jetzt, in den letzten 30 Jahren, sehe ich das nicht.<\/p><p>Das bedeutet, wenn ich die drei vergleiche &ndash; also USA, Russland und China &uuml;ber die Zeitachse 1991 bis 2025 -, dann haben die USA eindeutig am meisten illegale Kriege gef&uuml;hrt.<\/p><p><strong>Super, sehr sch&ouml;n. Man k&ouml;nnte noch erg&auml;nzen: &Uuml;ber Somalia h&auml;tte man noch sprechen k&ouml;nnen, Ruanda und Kongo, viel zu unbekannt. In Lateinamerika nat&uuml;rlich.<\/strong><\/p><p>Venezuela, den versuchten Putsch gegen Maduro. Es g&auml;be noch mehr Daten, aber das sind eigentlich die bekannten. Ich habe jetzt auch Israel\/Gaza rausgelassen, aber das sind eigentlich die bekannten gro&szlig;en Konflikte: Irak, Libyen, Serbien und Afghanistan. Das sind die gro&szlig;en f&uuml;nf.<\/p><p><strong>Dann kommen wir gleich zur n&auml;chsten kl&auml;renden These. Dir wird dann vorgeworfen, unter anderem von der <em>FAZ<\/em>, genau wie auch uns, den <em>NachDenkSeiten<\/em>, du w&uuml;rdest sympathisieren, ein Freund sein von Putin und Xi Jinping, dem Iran, Hamas und Kuba usw. Das w&auml;re seltsam. Du hast vorhin schon gesagt, dass du Demokrat bist.<\/strong><\/p><p><strong>Warum klingt es manchmal so, als ob wir Russland und China verteidigen? In gewisser Hinsicht verteidigen wir sie ja durchaus. Es geht ja darum, auch ihre Perspektive einzunehmen, wenn man mit Diplomatie Frieden schaffen m&ouml;chte. K&ouml;nntest du das kurz ausf&uuml;hren? Bist du ein Freund von Putin? Oder warum versuchst du Verst&auml;ndnis f&uuml;r die russische Sichtweise, zum Beispiel, die chinesische Sichtweise oder die iranische Sichtweise zu erheischen?<\/strong><\/p><p>Es ist nat&uuml;rlich so, dass ich sage: Deutschland sollte keine Waffen in die Ukraine liefern. Das habe ich sofort gesagt nach der russischen Invasion. Die war ja am 24. Februar 2022. Das habe ich dann gepostet, auf <em>Facebook<\/em> und auf <em>Instagram<\/em> oder auf <em>Telegram<\/em> oder was es da alles gibt, auch auf meinem YouTube-Kanal.<\/p><p>Ich kann ja das eigentlich nicht mehr auf <em>ARD<\/em> oder auf <em>SRF<\/em> oder auf <em>FAZ<\/em> schreiben, weil in diesen Zeitungen ist ja ein sehr, sehr enger Korridor. Der Meinungskorridor ist so: Die Experten d&uuml;rfen schreiben, aber nur die Experten, die mit der Regierung einverstanden sind. Das war vorher auch bei Corona so im Sinne von: Es gibt Experten, und die Regierung hat sie ausgew&auml;hlt, und jetzt ist die Regierung erstaunt, dass die Experten mit der Regierung einverstanden sind. Ich meine, sie w&auml;hlen ja nur die Experten. Die Regierung w&auml;hlt ihre Experten aus und sagt dann: Die Experten sind mit uns einverstanden. Das hat &uuml;berhaupt nichts mit Wissenschaft zu tun. Es gab sowohl w&auml;hrend der Corona-Zeit sehr gut ausgewiesene &Auml;rzte, Experten etc., die gesagt haben: Ihr macht das falsch. Die wurden dann eben nicht eingeladen von <em>ARD<\/em> oder <em>ZDF<\/em> oder nur so in einer Konstellation vier zu eins und dann niedergemacht.<\/p><p>Genau gleich beim Ukraine-Krieg. Da bin ich ja nicht der Einzige, der sozusagen erstens nicht eingeladen wird und zweitens diffamiert wird. Zum Beispiel Ulrike Gu&eacute;rot, die ich kenne, die ich sch&auml;tze. Die ist eine sehr kluge Frau, die hatte eine Professur, die ihr dann irgendwie weggenommen wurde, weil sie bei Markus Lanz, einer bekannten Sendung, gesagt hat: Man sollte jetzt nicht einfach nur auf Waffenlieferungen in die Ukraine setzen, sondern man sollte das Gespr&auml;ch suchen. Man sollte Diplomatie wagen.<\/p><p>Da hat sie nat&uuml;rlich, weil sie eine &uuml;berzeugte Europ&auml;erin ist, einfach gesagt: Aber wir Europ&auml;er in Europa, wir k&ouml;nnen uns doch nicht einfach umbringen. Russland bis zum Ural ist ja ein europ&auml;isches Land. Die Ukraine ist ein europ&auml;isches Land: Deutschland, Frankreich, England. Wir sind doch alles Europ&auml;er! Lasst uns doch bitte sozusagen zusammenarbeiten. Lasst uns doch sozusagen nicht einfach nur mit den Waffen gegeneinander losrennen und uns erschie&szlig;en.<\/p><p>Das ist eine v&ouml;llig korrekte Position. Ich meine, ich liebe Ulrike f&uuml;r diese Aussage. Aber dann wurde sie ja geteert und gefedert. Man hat ihr alles B&ouml;se vorgeworfen. Jetzt, drei Jahre sp&auml;ter, zeigt sich: Sie hat recht. Aber eine Million Tote sp&auml;ter, muss ich schon fast sagen, zeigt sich: Sie hat recht. Gabriele Krone-Schmalz ging es genau gleich. Die hat auch gesagt: Waffenlieferungen aus Deutschland in die Ukraine sind falsch.<\/p><p>Ich habe das gesagt, und dann gab es eben diese Artikel &bdquo;Ganser, der Putin-Versteher&rdquo; oder auf Tagesschau gab es &bdquo;Die falschen Experten&rdquo;. Da wurde dann ein Bild von mir und von Gabriele Krone-Schmalz und Ulrike Gu&eacute;rot gezeigt. Auch Albrecht M&uuml;ller wird ja manchmal dann auch angegriffen, weil er sagt: Hallo, es ist nicht die Tradition der europ&auml;ischen, sage ich mal, f&uuml;hrenden Intellektuellen, dass wir sagen: &lsquo;Jetzt m&uuml;ssten wir mal wieder einen Krieg gegen Russland haben. Das hat schon bei Napoleon und Hitler super geklappt. Also machen wir doch das bitte noch mal.&rsquo; Sondern Albrecht M&uuml;ller hat auch immer daran erinnert, dass ein Willy Brandt oder ein Helmut Schmidt, die Bundeskanzler waren in Deutschland, dass die eben niemals in eine Konfrontation mit Russland gegangen w&auml;ren. Deutschland ist ein m&auml;chtiges Land. Russland ist ein m&auml;chtiges Land, und Russland hat sehr viele Rohstoffe: &Ouml;l und Gas. Wenn Deutschland diese Rohstoffe benutzen kann, dann hat Deutschland g&uuml;nstige Energie, und mit dieser g&uuml;nstigen Energie kann Deutschland eine prosperierende Wirtschaftsnation sein. Deutschland geh&ouml;rt zu den f&uuml;nf gr&ouml;&szlig;ten Wirtschaftsnationen der Welt von 193 L&auml;ndern. Das muss man sich mal wieder in Erinnerung rufen.<\/p><p>Die Amerikaner haben die Nord-Stream-Pipeline gesprengt &ndash; Seymour Hersh hat das aufgekl&auml;rt &ndash; hei&szlig;t nat&uuml;rlich wieder: &lsquo;Verschw&ouml;rungstheorie! Stimmt nicht. Die Ukrainer waren es.&rsquo; Da kann man lange dar&uuml;ber sprechen, aber ich folge da Seymour Hersh: Die Amerikaner haben Nord Stream gesprengt &ndash; Deutschland hat hohe Energiepreise, und man sieht, die deutschen Konzerne gehen runter, die haben zu hohe Energiepreise. Deutschland verliert im Moment eigentlich diese Standortvorteile.<\/p><p>Darum ist es wirklich erstaunlich, dass die meisten Politiker sozusagen diese Spaltung gegen&uuml;ber Russland weiter vorantreiben. Ich sehe es eben ganz anders. Ich sehe es so, dass man wieder Freundschaft mit Russland pflegen sollte und dass man die Nord-Stream-Pipeline wieder er&ouml;ffnen sollte, um g&uuml;nstiges Erdgas in Deutschland zu haben.<\/p><p>Daf&uuml;r werde ich nat&uuml;rlich kritisiert, dass ich Putin verstehe. Aber ich habe Putin noch nie getroffen.<\/p><p>Ich sage einfach, es hat &uuml;berhaupt nichts mit Putin zu tun. Putin wird irgendwann sterben, und dann wird ein anderer Politiker in Moskau an der Macht sein. Aber das bleibt trotzdem ein Nachbarland von Deutschland. Ich wei&szlig;, es ist nicht ein direktes Nachbarland. Ich kenne schon die Landkarte, und da liegt ja noch Polen und die Ukraine und Wei&szlig;russland. Aber wenn man es vereinfacht, sind Deutschland und Russland Nachbarl&auml;nder. Das bedeutet: F&uuml;r Nachbarl&auml;nder ist es immer viel besser, man geht in den Handel, man geht in den Austausch. Also g&uuml;nstiges Erdgas &uuml;ber eine Pipeline von Russland nach Deutschland zu liefern &ndash; etwas Kl&uuml;geres gibt es nicht. Ich verstehe nicht, warum man das nicht tut.<\/p><p><strong>Ich habe die n&auml;chste provokative These, n&auml;mlich: Der Westen hat nicht nur die meisten Kriegsverbrechen begangen im 21. Jahrhundert, sondern auch einige der schlimmsten. Ich denke vor allem an die Genozide in Gaza und davor im Jemen &ndash; schon fast vergessen, der Jemen. Wir haben auch viele der schlimmsten Diktaturen unterst&uuml;tzt, vor allem in Saudi-Arabien, die Vereinigte Arabische Emirate, Aserbaidschan und &ndash; fast v&ouml;llig unbekannt &ndash; in Zentralasien in den Stans. Wir haben, glaube ich, in jedem der f&uuml;nf Stans &ndash; Usbekistan, Tadschikistan, Kasachstan usw. &ndash; f&uuml;rchterliche Diktaturen unterst&uuml;tzt.<\/strong><\/p><p><strong>K&ouml;nntest du das ein bisschen ausf&uuml;hren? W&uuml;rdest du dieser These zustimmen, dass wir auch viele der schlimmsten Verbrechen und der schlimmsten Diktaturen unterst&uuml;tzt haben im 21. Jahrhundert?<\/strong><\/p><p>Ich w&uuml;rde da wirklich Gaza jetzt herausgreifen, wenn du das schon ansprichst. Ich habe mich nat&uuml;rlich auch mit der Geschichte von Israel besch&auml;ftigt, habe wenig dazu geschrieben. Im Buch &bdquo;Imperium USA&ldquo; habe ich praktisch noch gar nicht dar&uuml;ber geschrieben. Aber ich beobachte nat&uuml;rlich, dass es eine extreme Solidarit&auml;t gibt vonseiten der USA und vonseiten von Deutschland mit der israelischen Regierung, und dass jegliche Kritik an Premierminister Benjamin Netanyahu als Antisemitismus auf die Seite geschoben wird. Das halte ich f&uuml;r falsch, weil nat&uuml;rlich muss man die israelische Regierung kritisieren f&uuml;r das, was im Moment im Gazastreifen vor sich geht. Ich bin der Meinung, es ist ein Genozid.<\/p><p>Da k&ouml;nnen jetzt nat&uuml;rlich die verschiedenen Beobachter andere Meinungen haben, und ich finde, das kann man auch diskutieren. Einige sagen: Nein, es ist kein Genozid, es ist einfach eine gro&szlig;e Hungersnot. Andere sagen: Es ist Terrorbek&auml;mpfung. Das ist ja das Narrativ, das Netanyahu gebraucht, dass er sagt: Es ist kein Genozid. Es ist Terrorbek&auml;mpfung. Wir bek&auml;mpfen die Hamas usw. Da kann jeder sich einbringen und seine Sichtweise sozusagen darlegen. John Mearsheimer, amerikanischer Professor, sagt: Es ist Genozid. Es sind schon ziemlich viele. Jeffrey Sachs, auch ein amerikanischer Professor, j&uuml;discher Professor. Es sind eigentlich jetzt einige, die diese Einsch&auml;tzung haben.<\/p><p>Warum? Das ist nicht nur, weil S&uuml;dafrika jetzt geklagt hat und eben geklagt hat, dass Israel einen Genozid begeht, sondern weil eben im Moment ein Aushungern passiert. Wir sind jetzt im September 2025, und es tut mir nat&uuml;rlich im Herzen leid, dass Leute gerade jetzt ausgehungert werden, absichtlich.<\/p><p>Man kann dann sagen: Nein, das stimmt gar nicht. Die haben gen&uuml;gend zu essen. Aber wenn man in die Daten einsteigt, sieht man: Okay, nein, die haben nicht gen&uuml;gend zu essen. Dann kann man sagen: Warum haben die denn nicht gen&uuml;gend zu essen? Denn gibt es irgendwie auf der Welt nicht gen&uuml;gend essen, diese zwei Millionen Menschen im Gazastreifen zu ern&auml;hren? Nat&uuml;rlich gibt es gen&uuml;gend. Wir k&ouml;nnen so viel Essen produzieren als Menschheitsfamilie. Wir sind durchaus f&auml;hig, gen&uuml;gend Essen zu produzieren und das in den Gazastreifen zu liefern.<\/p><p>Aber dann ist die Frage: Wie kommt man rein? Dann sieht man, dass eigentlich die IDF, die Israeli Defence Forces, die Kontrolle &uuml;ber den Gazastreifen haben, und die IDF untersteht nat&uuml;rlich dem Kommando von Premierminister Benjamin Netanyahu. Ich habe den Eindruck, dass er einfach die Lage im Gazastreifen so aussichtslos wie m&ouml;glich gestalten m&ouml;chte, damit diese zwei Millionen Pal&auml;stinenser weggehen. Die gehen aber nicht weg.<\/p><p>Das ist meiner Meinung nach ein Genozid, der eben von Deutschland und den USA unterst&uuml;tzt wird. Die Amerikaner liefern Waffen. Die Deutschen haben Waffen geliefert, jetzt ist es ein bisschen hin und her: Wir liefern keine Waffen mehr. Aber die Diskussion in Deutschland ist total blockiert. Man darf &ouml;ffentlich fast nicht sagen: Es gibt einen Genozid im Gazastreifen. Wer das sagt, wird sofort angegriffen. Ich bin eigentlich gewohnt, dass ich angegriffen werde. Ich habe gesagt: 9\/11 glaube ich nicht. Da habe ich gesagt: Bitte, WTC 7 wurde gesprengt. Dann hie&szlig; es: Herr Ganser, Sie sind ein Verschw&ouml;rungstheoretiker. Dann 2014 habe ich gesagt: Das war ein Putsch der USA in Kiew. Dann hie&szlig; es: Herr Ganser, Sie sind ein Putin-Versteher. W&auml;hrend Corona habe ich gesagt: Diese Impfung mache ich nicht. Ich traue der nicht. Dann hie&szlig; es: Corona-Leugner.<\/p><p>Jetzt habe ich gesagt: Das ist ein Genozid im Gazastreifen. Dann hei&szlig;t es: Sind Sie Antisemit?<\/p><p>Also, hallo, was ist denn das f&uuml;r eine Art zu diskutieren? Man geht ja gar nicht auf die Fakten ein und sagt: Okay, Moment. Was ist die Sachlage vor Ort? Oder was ist dann WTC 7 oder was ist dieser Putsch? Sondern es wird so mit Schlagw&ouml;rtern gearbeitet. Ich bin nicht Mitglied einer politischen Partei. Ich bin parteilos. Ich muss also nicht sozusagen fragen: Was sagt die Parteileitung? Fr&uuml;her war ich ja an der ETH Forschungsstelle f&uuml;r Sicherheitspolitik. Ich war aber auch an der Universit&auml;t Basel und an der Universit&auml;t Z&uuml;rich und an der Universit&auml;t St. Gallen und an der Universit&auml;t Luzern und habe unterrichtet. Wenn man noch angestellt ist an einer Universit&auml;t, dann kann das auch heikel sein, wenn man zum Beispiel sagt: 11. September, das stimmt so nicht. Das habe ich selber erfahren.<\/p><p>Aber jetzt habe ich mein eigenes Institut. Nun kann kein Rektor anrufen und sagen: Sie verlieren ihren Lehrauftrag oder ihre Stelle. Ich bin auch nicht in irgendeiner Kirche. Ich bin weder bei den Protestanten noch bei den Katholiken noch bei den Juden noch bei den Muslimen noch bei den Hindus irgendwie organisiert. Nichts. Ich bin v&ouml;llig frei.<\/p><p>Diese Freiheit nutze ich, und das sage ich ganz ehrlich, Michael, nach bestem Wissen und Gewissen mir ein Bild zu machen. Ich verurteile auch den Anschlag der Hamas vom 7. Oktober 2023, und gleichzeitig verurteile ich den Genozid. Man kann durchaus beides verurteilen.<\/p><p><strong>Selbstverst&auml;ndlich. Dann habe ich noch eine kl&auml;rende These. Uns wird oft vorgeworfen, dir oder auch uns von den <em>NachDenkSeiten<\/em>, dass wir uns nur auf Verbrechen des Westens konzentrieren, uns nicht genug interessieren f&uuml;r Konflikte, die sehr wenig oder sogar gar nichts zu tun haben mit westlicher Au&szlig;enpolitik. In letzter Zeit w&auml;ren dazu besonders zu nennen: Die gro&szlig;en Kriege in &Auml;thiopien und im Sudan.<\/strong><\/p><p><strong>In beiden L&auml;ndern hat der Westen auch in der Vergangenheit, im Kalten Krieg und davor schlimme Verbrechen begangen. Der Sudan war ja auch eine britische Kolonie, aber jetzt die letzten Kriege &ndash; es gibt nat&uuml;rlich sehr indirekte Verbindungen. Zum Beispiel haben die Vereinigten Arabischen Emirate, ein wichtiger Verb&uuml;ndeter des Westens, da viel Dreck am Stecken im Sudan. Trotzdem denke ich, dass diese Kriege sich vor allem aus internen Ursachen erkl&auml;ren und wirklich sehr gro&szlig; waren, also zwei der gr&ouml;&szlig;ten Kriege der letzten Jahre.<\/strong><\/p><p><strong>Da k&ouml;nnte man uns fragen: Warum interessiert uns das so wenig? Erst mal k&ouml;nnten wir sagen: Das interessiert die meisten unserer Kritiker auch sehr wenig. Die schreiben auch sehr wenig dar&uuml;ber. Ich finde es &uuml;brigens schade. Man sollte sich mehr daf&uuml;r interessieren. Aber mein Argument ist zu sagen: Gerade weil es wenig mit uns zu tun hat, kann ich pers&ouml;nlich wenig dazu beitragen, dass sie geschlichtet werden.<\/strong><\/p><p><strong>Ich interessiere mich vor allem auch f&uuml;r den Genozid in Gaza, weil meine Regierung so lange Waffen geliefert hat an diese Regierung, und weil die USA, und wir sind Teil des westlichen B&uuml;ndnisses, der NATO usw., diesen Genozid so extrem unterst&uuml;tzen. W&auml;re ich &Auml;thiopier oder Sudanese, w&uuml;rden mich sicherlich diese Kriege mehr interessieren. Sie sollten uns auch mehr interessieren, aber das ist das, was ich zu meiner Verteidigung zu sagen habe, warum ich bis jetzt keinen Artikel &uuml;ber diese Kriege geschrieben habe. Was sagst du dazu?<\/strong><\/p><p>Bei mir ist es &auml;hnlich. Ich sage, das sind sicher wichtige Themen: &Auml;thiopien und Sudan. Venezuela ist wichtig. Ich habe auch mal einen Vortrag &uuml;ber Venezuela gemacht. Dann kommen nat&uuml;rlich immer auch die Nachfragen: K&ouml;nnen Sie nicht noch mal mehr jetzt zu diesem oder jenem Land arbeiten? Das sind 193 L&auml;nder, und ich kann ganz klar nicht zu allen L&auml;ndern arbeiten. Das w&auml;re auch unseri&ouml;s, sozusagen noch zu sagen: Ich bin jetzt noch der &Auml;thiopien-Experte. Das bin ich nicht, sondern ich habe wirklich mit dem US-Imperialismus am meisten Erfahrung. Ich kenne da nat&uuml;rlich auch die Pr&auml;sidenten. Ich kenne die Au&szlig;enminister. Ich wei&szlig;, wie die verschiedenen Akteure hei&szlig;en, auch &uuml;ber die Jahre.<\/p><p>Dann ist es tats&auml;chlich auch so, dass ich mir sage: Zum Beispiel, jetzt bin ich Schweizer, und die Schweiz hat jetzt diese Wirtschaftssanktionen gegen&uuml;ber Russland &uuml;bernommen. Das war so: Am 24. Februar 2022 ist Russland in der Ukraine einmarschiert, und nur vier Tage war die Schweiz neutral. Dann hat unser Au&szlig;enminister Ignazio Cassis, unser Bundesrat &ndash; wir haben ja sieben Bundesr&auml;te &ndash; gesagt: Die Schweiz &uuml;bernimmt diese Wirtschaftssanktionen gegen&uuml;ber Russland, obwohl diese nicht vom UN-Sicherheitsrat verh&auml;ngt wurden. Das waren Sanktionen der Europ&auml;ischen Union, und die Schweiz ist ja nicht Mitglied der Europ&auml;ischen Union. Also habe ich gesagt: Das ist ein Fehler. Die Schweiz gibt hier die Neutralit&auml;t auf.<\/p><p>Darum ist zum Beispiel die Ukraine, wenn ich jetzt das vergleiche mit &Auml;thiopien, f&uuml;r mich einfach als Thema viel n&auml;her. Es ist viel n&auml;her dran, weil mein Land sozusagen die Neutralit&auml;t aufgibt. Da muss ich schon hinschauen: Warum tut sie das? Dann sehe ich das in der Schweiz, in der Medienlandschaft &ndash; wir haben ja <em>SRF<\/em>, unser Leitmedium, und da wird eine &ndash; ja, muss ich schon sagen &ndash; einseitige Erz&auml;hlung erz&auml;hlt. Da hei&szlig;t es einfach: Der Ukraine-Krieg fing mit der russischen Invasion an. Also sage ich immer: Das stimmt einfach gar nicht. Schon 2008 haben die Probleme angefangen, als Bush in Bukarest die Ukraine eingeladen hat, NATO-Mitglied zu werden, und auch Georgien. Dann gab es ja 2008 den Georgien-Krieg etc. Das hei&szlig;t, ich sehe es auch so, Michael, dass eigentlich die Themen, die uns direkt betreffen &ndash; das hei&szlig;t: Sprengung von Nord Stream, Krieg in der Ukraine, Terroranschl&auml;ge vom 11. September, Invasion in Afghanistan, Aufweichung der Neutralit&auml;t in der Schweiz &ndash; die Themen behandle ich nat&uuml;rlich mehr. Das ist klar, weil sie mich mehr interessieren, weil sie mich mehr betreffen, weil sie meine Freunde, meine Familie betreffen.<\/p><p>Wir diskutieren nat&uuml;rlich &uuml;ber 9\/11. <\/p><p>Wir diskutieren tats&auml;chlich nicht &uuml;ber &Auml;thiopien. Damit m&ouml;chte ich nicht sagen, dass &Auml;thiopien nicht interessant ist. Aber es ist auch bei den Menschen, die zu meinen Vortr&auml;gen kommen oder die meine B&uuml;cher lesen. Die wollen nat&uuml;rlich auch wissen: Wie ist das &uuml;brigens mit dem Ukraine-Krieg passiert? Muss jetzt mein Sohn bald in die Bundeswehr im Sinne, dass er dann in die Bundeswehr geht, danach in die Ukraine und k&auml;mpft gegen die Russen? Also, was l&auml;uft da? Das betrifft die Leute viel, viel mehr. Ich glaube, so ist es normal auch.<\/p><p>In Venezuela w&auml;re auch sehr, sehr spannend. Ich bekomme da immer wieder: K&ouml;nnen Sie mehr zu Maduro arbeiten? Hat Trump versucht, Maduro zu st&uuml;rzen? Ich habe da extra auch mal einen Vortrag gemacht. Es ist nicht so, dass ich nichts zu Afrika mache. Ich habe zu Libyen gearbeitet, der Libyen-Krieg 2011. Aber nat&uuml;rlich auch vor allem, weil dort die Amerikaner bombardiert haben. Immer wenn die Amerikaner bombardieren, schaue ich ein bisschen genauer hin, vor allem, wenn dann noch die Briten und die Franzosen und die Norweger auch gleich noch mit bombardieren.<\/p><p><strong>Jetzt habe ich noch eine sehr provokante These f&uuml;r dich, vielleicht zum Abschluss, n&auml;mlich dass die gr&ouml;&szlig;ten existenziellen Bedrohungen f&uuml;r die Menschheit auch zu einem gro&szlig;en Teil &ndash; nat&uuml;rlich nicht alleine &ndash; auch in der Verantwortung des Westens liegen. Ich denke, ich mache eine Reihenfolge, in der ich es sehe. Du kannst das anders sehen.<\/strong><\/p><p><strong>Die drittgr&ouml;&szlig;te Bedrohung, w&uuml;rde ich sagen, ist die Klimaerw&auml;rmung, und da ist es ganz zweifellos, wenn man sich die historischen Emissionen anguckt: Das Meiste ist bis heute der Westen, und wir tun viel zu wenig, die Klimaerw&auml;rmung zu besiegen. Die meisten Opfer sind nat&uuml;rlich im Globalen S&uuml;den, nicht bei uns.<\/strong><\/p><p><strong>Die zweitgr&ouml;&szlig;te existenzielle Bedrohung in meinen Augen ist ein atomarer Holocaust. Das w&auml;re vor allem, wenn es zum atomaren Schlagabtausch zwischen Russland und dem Westen kommt. Dazu w&uuml;rde ich pers&ouml;nlich &ndash; da k&ouml;nnen wir nicht ins Detail gehen, leider &ndash;, aber ich w&uuml;rde behaupten, daf&uuml;r tragen die USA und ihre Verb&uuml;ndeten genauso viel Verantwortung wie Russland. Wir m&uuml;ssen beiden Seiten in diesem v&ouml;llig unverantwortlichen Krieg wirklich vorwerfen, mit dem Schicksal der Menschheit zu spielen in der Ukraine. Das ist eigentlich auch ein total untersch&auml;tzter Skandal.<\/strong><\/p><p><strong>Die gr&ouml;&szlig;te existenzielle Bedrohung f&uuml;r die Menschheit ist in meinen Augen das KI-Wettr&uuml;sten zwischen den USA und China. Die KI wird ja viel zu wenig reguliert in den USA und auch in China. Der Grund ist, weil sie zuerst die Super-KI entwickeln wollen, um dann sozusagen die Weltherrschaft f&uuml;r sich allein beanspruchen zu k&ouml;nnen. Also beide Seiten wollen unbedingt dieses Wettr&uuml;sten gewinnen und so schnell wie m&ouml;glich und ohne Regulierung KI schaffen. Das macht die Wahrscheinlichkeit viel gr&ouml;&szlig;er, dass die KI, statt zum Wohle der Menschheit eingesetzt zu werden &ndash; Krankheiten zu bek&auml;mpfen, Armut zu bek&auml;mpfen, Klimaerw&auml;rmung zu bek&auml;mpfen &ndash;, dass sie am Ende zum Schaden der Menschheit eingesetzt wird, vielleicht sogar uns alle vernichtet. Ich bin kein KI-Experte, aber einige KI-Experten sagen, das ist ein reales Risiko.<\/strong><\/p><p><strong>Man muss nat&uuml;rlich auch sagen: F&uuml;r dieses KI-Wettr&uuml;sten tr&auml;gt die USA und der Westen mit seiner st&auml;ndigen D&auml;monisierung von China und Provokationen gegen&uuml;ber China genauso viel Verantwortung wie China selbst. Mindestens.<\/strong><\/p><p>Das sind alles wichtige Themen. Ich bin nat&uuml;rlich, sage ich mal, von meiner Arbeit her vor allem mit dem Thema der Gewalt immer wieder sozusagen in Kontakt und &uuml;berlege mir: Warum bringen wir uns &uuml;berhaupt untereinander um? Das ist eigentlich so die Grundfrage, die mich schon &ndash; jetzt bin ich 53 &ndash; also diese Frage besch&auml;ftigt mich, seit ich 18 bin. Eigentlich habe ich fr&uuml;her, wei&szlig;t du, bevor ich 18 war, da habe ich irgendwie Handball gespielt und bin Motorrad gefahren &ndash; nein, das durfte ich noch nicht, das war mit 19 oder 20. Das hat mich nicht so brennend interessiert, warum wir uns t&ouml;ten. Aber dann habe ich Geschichte studiert an der Universit&auml;t Basel. KI gab es da noch gar nicht. Diese ganze Diskussion war da nicht da. Atomwaffen, das war schon ein bisschen da, hat man sich gedacht: Wenn jetzt alle gleichzeitig ihre Atombomben z&uuml;nden, dann ist aber auch Ende Gel&auml;nde. Dann habe ich mir &uuml;berlegt: Warum bringen wir uns um?<\/p><p>Ich glaube, meiner Meinung nach &ndash; ich will jetzt deinen Fragen nicht ausweichen, aber ich bin wirklich bei der KI selber noch so am Lernen. Ich frage mich: Ist das jetzt etwas Gutes? Ist das etwas Schlechtes? Was passiert da genau? Ich w&uuml;rde nat&uuml;rlich allen sagen: Schaut das Thema an. Es ist sehr spannend. Ich habe k&uuml;rzlich ein Gespr&auml;ch von Kayvan Soufi-Siavash mit ChatGPT von OpenAI mir angeh&ouml;rt, wie es dann darum ging, wie ChatGPT eigentlich verschiedene Diskurse einordnet. Dann fragt dieser Journalist, der fr&uuml;her Ken Jebsen hie&szlig; &ndash; den ich nat&uuml;rlich gut kenne und auch sch&auml;tze &ndash; er fragt dann ChatGPT: Mach mal eine Liste von Menschen im deutschsprachigen Raum, die sozusagen schlecht dargestellt werden durch ChatGPT. Dann kommt eben Kayvan Soufi-Siavash in dieser Liste vor. Ich komme auch in dieser Liste vor als jemand, der dann schlecht dargestellt wird, weil ChatGPT sehr stark von <em>Wikipedia<\/em> eigentlich die Daten zieht, und <em>Wikipedia<\/em> &ndash; habe ich ja schon einen sehr schlechten Eintrag. Dann sagt er: Und wer wird denn gesch&uuml;tzt? Dann sagt er: Bill Gates zum Beispiel, der amerikanische Milliard&auml;r, wird gesch&uuml;tzt, und Benjamin Netanyahu wird gesch&uuml;tzt und noch ein paar andere mehr.<\/p><p>Das finde ich einfach interessant, dass wir uns auch hier klarmachen, weil die Menschen ja immer mehr ChatGPT nutzen, man soll nicht einfach blind glauben. Ich denke, das ist ein gutes Instrument, zu recherchieren. Aber man soll, wie wenn man eben die <em>Neue Z&uuml;rcher Zeitung<\/em> liest oder wenn man <em>Spiegel<\/em> liest, sich immer noch fragen: Wer schreibt eigentlich das? Ist das wahr? Gibt es auch eine andere Sicht? Also kritisches Denken nicht jetzt einfach an die KI auslagern.<\/p><p>Die andere Frage, warum wir uns &uuml;berhaupt t&ouml;ten und ob es m&ouml;glich ist, dass wir mit der Natur in einer viel achtsameren Koexistenz sind &ndash; das war ja die Frage nach dem Klima. Da ist bei mir noch die Erinnerung: Wei&szlig;t du, als ich jung war, war so die Diskussion Abholzung der Regenw&auml;lder. Aber warum holzen wir die Regenw&auml;lder ab? Das ist doch so wertvolle Vegetation. Wenn das mal weg ist, und dann die Rinder da ein paar Jahre grasen, und dann gibt es irgendwie Fleisch f&uuml;r einen Hamburger, und dann kommt der Wind und der Regen, und die ganze gute Humusschicht wird abgetragen, und dann haben wir eine W&uuml;ste.<\/p><p>Das war so. Ich bin auch einer, der sagt: Unbedingt versuchen, als Menschheitsfamilie in einen achtsamen Umgang mit der Natur zu kommen. Es macht ja keinen Sinn, dass eben Plastik im Pazifik treibt. Das sind diese Prozesse. Da w&uuml;rde ich eben dieses Verh&auml;ltnis von Mensch zu Natur ein sehr wichtiges Verh&auml;ltnis nennen, wo wir achtsamer sein sollten. Da hat der Westen sicher viel Zerst&ouml;rung angerichtet. Das war ja deine Frage nach der Rolle des Westens. Auch im Bereich der Gewalt haben wir nat&uuml;rlich 500 Jahre Vorherrschaft von Europa. Das muss man sich auch mal &ndash; das haben viele wieder vergessen.<\/p><p>Ich sage dann immer: Ihr schaut euch zum Beispiel an: Was sind denn die Sprachen, die in Nord- und S&uuml;damerika gesprochen werden? In den USA wird Englisch gesprochen, in Kanada wird Englisch und Franz&ouml;sisch gesprochen. In Mittelamerika ist es Spanisch, in S&uuml;damerika Portugiesisch und Spanisch. Das sind ja alles europ&auml;ische Sprachen. Schon rein von der Sprachstruktur dieser L&auml;nder sieht man: Die Europ&auml;er sind &uuml;ber den Atlantik gefahren und haben die indigenen V&ouml;lker ausgerottet und haben sich dann ausgebreitet. Das ist einfach so passiert. Da kann man jetzt nichts daf&uuml;r, wenn man 2010 geboren ist, aber das muss man schon zur Kenntnis nehmen. Diese 500 Jahre europ&auml;ischer Kolonialismus hat sich auch &uuml;ber Afrika ausgegossen, wenn man so will. In vielen L&auml;ndern von Afrika wird ja Franz&ouml;sisch gesprochen, nicht jetzt als erste Landessprache. Warum spricht man hier Franz&ouml;sisch? Es war eine franz&ouml;sische Kolonie, oder man spricht dann Englisch etc. Australien, Neuseeland, genau das Gleiche. Das war ja nicht die urspr&uuml;ngliche Sprache, Englisch dort, sondern da gab es ja auch die Aborigines, und die wurden eben ausgerottet oder an den Rand gedr&auml;ngt.<\/p><p>Dieser europ&auml;ische Imperialismus und Kolonialismus, mit dem habe ich mich sehr intensiv besch&auml;ftigt, und dann vor allem als Spezialform den US-Imperialismus ab 1945 mit dem Abwurf der Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki. Dann habe ich einfach gesehen, dass eigentlich die zwei L&auml;nder, die dann eben nicht unterworfen durch die Europ&auml;er oder, sagen wir mal, nicht dauerhaft unterworfen waren, eben Russland und China sind. Die Briten haben nat&uuml;rlich schon Hongkong und andere Kolonien gehabt, und die Deutschen haben auch dann gebrandschatzt in China. Aber es gab nie diese Art Zerst&ouml;rung, wie sie eben in S&uuml;damerika war. Da gibt es ja keine indigene Kultur in dem Sinne mehr. Die chinesische Kultur hat &uuml;berlebt. Es gibt die chinesische Sprache, man spricht jetzt nicht einfach Englisch in China etc. Das ist eigentlich etwas, was mich immer wieder bewegt.<\/p><p>Da hoffe ich, dass wir &ndash; und du hast die Atombomben angesprochen &ndash; dass wir lernen, in einen respektvollen Umgang zu kommen. Eigentlich haben die Russen etwa 6.000 Atombomben. Die Amerikaner haben etwa 6.000. Es gibt also 12.000 Atombomben. Die Chinesen, ich glaube, haben nur etwa 600. Wir haben noch nicht so viele. Die Franzosen und die Israelis und die Pakistaner und die Inder und die Engl&auml;nder haben auch nur wenige. Also, eigentlich sind 90 Prozent der Atombomben entweder in der Hand von Moskau oder in der Hand von Washington.<\/p><p>Ich finde es einfach wichtig, und ich glaube, das ist auch keine &uuml;bertriebene Forderung, dass die zwei die Atombomben nicht abfeuern. Das ist einfach f&uuml;r mich &ndash; meine Kinder und f&uuml;r alle anderen, die hier auf der Erde sind &ndash;, ist das einfach eine Forderung, die ich da habe, wo ich sage: Ich m&ouml;chte bitte keinen Atomkrieg. Viele verstehen gar nicht &ndash; die denken ja: Gut, wenn eine Atombombe in Moskau landet, dann sind die Russen platt, oder umgekehrt, wenn eine Atombombe in Washington landet, dann sind die Amerikaner platt. Sage ich immer: Leute, so ist das nicht, sondern die haben absichtlich noch &uuml;berall U-Boote, die k&ouml;nnen auch Atombomben abschie&szlig;en. Das ist dann die Zweitschlagf&auml;higkeit. Da wei&szlig; man gar nicht, wo die sind. Wenn einer anf&auml;ngt, dann nimmt das ein schlechtes Ende.<\/p><p>Darum: Ja, das sind gro&szlig;e Herausforderungen, die wir haben im 21. Jahrhundert, aber trotzdem bin ich optimistisch. Ich bin der Meinung, wir haben die F&auml;higkeit einfach als Menschheitsfamilie. Wir haben die F&auml;higkeit, &uuml;ber diese Dinge zu sprechen, dann dar&uuml;ber nachzudenken und gute L&ouml;sungen zu finden. Es ist nicht notwendig, dass die absoluten Hitzk&ouml;pfe sozusagen die internationale Politik &uuml;bernehmen.<\/p><p>Ich habe jetzt eigentlich auch dieses Treffen von Putin und Trump in Alaska. Da gibt es jetzt kein Transkript, was die besprochen haben. Als Historiker w&uuml;rde ich mich nat&uuml;rlich freuen, h&auml;tte ich das Transkript von Putin und Trump in Alaska &ndash; habe ich nicht. Da bin ich auch am Spekulieren. Aber ich habe doch den Eindruck, dass sie versuchen, diesen Krieg in der Ukraine zu beenden. Im Gegensatz zu den Europ&auml;ern &ndash; also bei Keir Starmer und Emmanuel Macron und auch bei Bundeskanzler Merz habe ich nicht den Eindruck. Da habe ich immer noch das Gef&uuml;hl, dass sie sagen: Die Ukraine muss noch lange weiterk&auml;mpfen. Aber das ist jetzt vielleicht eine bisschen lange Antwort. Ich m&ouml;chte doch auch unterstreichen, dass ich jetzt schon so viele Konflikte untersucht habe, dass ich immer auch betonen m&ouml;chte: Die Mehrheit der Menschen will diese Konflikte einfach nicht. Wir sind die Mehrheit. Auch die Menschen in der Ukraine.<\/p><p><strong>In weltweiten Meinungsumfragen sind, glaube ich, die Mehrheit der Menschen gegen all diese Kriege.<\/strong><\/p><p>Absolut. Sogar in der Ukraine ist die Mehrheit der Menschen der Meinung, der Krieg muss aufh&ouml;ren. Diese Darstellung, wie wir sie dann manchmal bekommen, dass Krieg immer notwendig ist oder schon fast, dass ein Genozid hin und wieder notwendig ist &ndash; das ist absoluter Irrsinn. Es ist &uuml;berhaupt nicht notwendig.<\/p><p>Wir beweisen ja eigentlich als Menschheitsfamilie, dass wir durchaus respektvoll miteinander umgehen k&ouml;nnen. Wir sind 8 Milliarden, und ein Prozent von 8 Milliarden w&auml;re 80 Millionen. Das w&auml;re die Bev&ouml;lkerung von Deutschland. Wenn ich jetzt die ukrainische Armee nehme, die russische Armee, die israelische Armee, noch die Hamas &ndash; man kann auch noch die Hisbollah nehmen, andere Kampfeinheiten &ndash; da komme ich nie auf 80 Millionen. Dann bedeutet das ja eigentlich, dass die k&auml;mpfenden Einheiten &ndash; nat&uuml;rlich, es gibt auch noch die R&uuml;stungskonzerne usw., kommt immer drauf an, wie lang man die Kette spannen will. Wenn man bis zu BlackRock und dann Vanguard gehen will, sind es nat&uuml;rlich mehr. Aber die rein k&auml;mpfenden Einheiten, das ist weniger als ein Prozent der Weltbev&ouml;lkerung.<\/p><p>Wenn dann 99 Prozent diesem einen Prozent sagen: Du, es reicht! Wir wollen jetzt nicht mehr diese Kriege &ndash; dann muss das doch m&ouml;glich sein. Ich finde auch, manchmal haben die Leute so ein bisschen das Gef&uuml;hl, dass sie sagen: Ukraine-Krieg und Gaza-Krieg, wir l&ouml;schen uns aus. Dann sage ich: Nein, das ist nicht so. Es kommen eigentlich pro Tag etwa 380.000 Menschen auf die Welt, also Neugeborene. Das sind viele. Da kann man nicht allen eine Gl&uuml;ckwunschkarte schicken. Gleichzeitig haben wir etwa 180.000, die sterben &ndash; nat&uuml;rlich nicht Neugeborene, sondern vor allem alte Menschen, aber auch gewisse Menschen sterben schon in der Jugend oder sterben, wenn sie 50 sind, irgendwo. Das sind 180.000.<\/p><p>Dann haben wir also Nettozuwachs pro Tag von 200.000. Wenn ich das summiere &uuml;bers Jahr, haben wir einen Zuwachs von 80 Millionen. Das hei&szlig;t, die Weltbev&ouml;lkerung w&auml;chst pro Jahr etwa um die Gr&ouml;&szlig;e von Deutschland. Wenn ich dann das &uuml;berlege, als Friedensforscher sage ich: Es ist nicht so, dass die Weltbev&ouml;lkerung ausstirbt. Das ist im Moment einfach &uuml;berhaupt nicht die Situation. Wir sind eigentlich als Spezies erfolgreich, wenn du sagst &ndash; Erfolg definieren wir: Ob sich eine Spezies vermehrt oder ob die Population zusammenbricht. So macht man das ja in der Biologie. Man sagt: Die Spezies ist erfolgreich, sie vermehrt sich, oder sie bricht zusammen. Dann sage ich: Was ist unser Problem? Wir sind ja erfolgreich. Unser Problem ist, dass wir immer noch zu viel Gewalt einsetzen und dass wir in diesem Gewaltspektrum jetzt Techniken haben wie Atomkrieg oder Drohnen, die unbemannt sind und irgendwann von KI sozusagen gesteuert werden k&ouml;nnten, dass wir einfach noch ein Problem mit der Gewalt haben.<\/p><p><strong>Wir vergessen oft, dass die &uuml;bergro&szlig;e Mehrheit der Staaten auf der Welt &uuml;berhaupt keinen Krieg mit irgendjemandem f&uuml;hren.<\/strong><strong> Etwa <\/strong><strong>193 Staaten. Aber sie f&uuml;hren keinen Krieg. Sie haben irgendwelche Grenzstreitigkeiten, aber sie f&uuml;hren keinen Krieg. Oder es gibt kurze Kriege &ndash; wie jetzt zwischen Kambodscha und Thailand, da gab es wenig Tote. Sie haben da irgendwelche Grenzstreitigkeiten, konnten es aber schnell beilegen. Ich hoffe, es bleibt dabei. Die meisten Staaten der Welt f&uuml;hren &uuml;berhaupt keinen Krieg mit irgendjemandem und einigen sich irgendwie, manchmal z&auml;hneknirschend, und denken: Das geh&ouml;rt eigentlich uns oder so. Aber Gott, es lohnt sich einfach nicht, Krieg zu f&uuml;hren.<\/strong><\/p><p><strong>Deswegen ist die Frage: Warum der Westen, wo wir so gerne das Selbstbild haben, dass wir die Guten sind, warum wir nicht einfach den Frieden als einen h&ouml;heren Wert f&uuml;r uns begreifen k&ouml;nnen? Ich frage mich manchmal, was passieren w&uuml;rde, wenn die USA und Europa wirklich bei jedem Konflikt weltweit einfach statt Soldaten Diplomaten hinschicken w&uuml;rden und wirklich mit ernsthaftem Bem&uuml;hen versuchen w&uuml;rden, Konflikte beizulegen. Ich m&ouml;chte gar nicht behaupten, dass sie jeden Konflikt dann beilegen k&ouml;nnten. Aber ich k&ouml;nnte mir gut vorstellen, dass wir relativ schnell Weltfrieden haben k&ouml;nnten. Also, sagen wir, einen weitgehenden Weltfrieden, vielleicht nicht perfekt.<\/strong><\/p><p>Ja, ich sehe es wie du. Der Weltfrieden ist m&ouml;glich. Das ist ja auch wichtig, dass man das als Mensch im eigenen Herzen so sp&uuml;rt: Der Weltfrieden ist m&ouml;glich. Nat&uuml;rlich m&ouml;chte uns die R&uuml;stungsindustrie immer einreden: Nein, nein, der Weltfrieden ist gar nicht m&ouml;glich. Aber das ist ihre Geschichte. Es ist nicht meine Geschichte.<\/p><p>Ich kann konkret sagen: Wir hatten auch 2021 ein Treffen in der Schweiz, ein diplomatisches Treffen zwischen dem damaligen Pr&auml;sidenten Joe Biden und dem Pr&auml;sidenten von Russland, Wladimir Putin. Das war ein Treffen in Genf. Das hat leider nicht funktioniert. Aber Putin hat damals gesagt: K&ouml;nnen wir nicht abmachen, dass die Ukraine neutral bleibt und nicht in die NATO kommt? Biden hat gesagt: Nein.<\/p><p>Wenn man hier den Diplomaten mehr Raum gibt, dann h&auml;tte wirklich der Ukraine-Krieg verhindert werden k&ouml;nnen, und dann h&auml;tten wir diese eine Million Toten nicht. Das ist eine Trag&ouml;die f&uuml;r alle sozusagen, die ihre Kinder verlieren, die ihren Bruder, ihren Vater verlieren. Das tut mir wirklich weh f&uuml;r jeden Ukrainer und jeden Russen.<\/p><p>Da sehe ich es wie du: Wir k&ouml;nnten es besser machen. Das ist doch nicht die beste Art. Ich finde immer, man muss unterscheiden zwischen Konflikten. Konflikte sind normal. Konflikt hat jeder mit dem Arbeitgeber, mit der Freundin, mit der Frau, mit den Kindern, mit dem Mann, mit dem Lehrer, im Stra&szlig;enverkehr, wenn einer sozusagen die Regeln missachtet und noch knapp reinf&auml;hrt. Konflikte, das geh&ouml;rt zum Leben. Das k&ouml;nnen wir einfach einbuchen. Da soll sich niemand wundern, dass er Konflikte hat: Welcome to the club. Das haben wir alle. Ich habe auch Konflikte, und du hast sicher auch Konflikte. Jeder, der uns zuschaut, hat Konflikte. Die einen haben mehr Konflikte, die anderen haben weniger Konflikte, aber ich kenne niemanden, der zwischen Geburt und Tod keine Konflikte hat.<\/p><p>Aber das, was eben entscheidend ist meiner Meinung nach, ist, dass wir die Konflikte nicht mit Gewalt l&ouml;sen. Wenn der Mann und die Frau einen Konflikt haben und dann gie&szlig;t die Frau dem Mann Gift ins Essen &ndash; der merkt es nicht, l&ouml;ffelt die Suppe rein und kippt vom Stuhl &ndash; das ist eben keine gute Art, einen Konflikt zu l&ouml;sen. Oder wenn der Mann die Frau irgendwie erschie&szlig;t &ndash; so soll man Konflikte nicht l&ouml;sen. Das ist eben auch in der internationalen Politik so. Man soll Konflikte nicht mit Gewalt l&ouml;sen.<\/p><p>Da werde ich immer angegriffen und es hei&szlig;t: Herr Ganser, das ist doch nicht m&ouml;glich. Seit 2.000 Jahren bringen sich die Menschen um. Dann sage ich: Schau her. Afghanistan-Krieg &ndash; h&auml;tten wir doch zuerst einmal &uuml;ber 9\/11 diskutiert, und zwar monatelang, bitte. H&auml;tte ich da eine Diskussion gerne gehabt. Aber das ging so schnell: 11. September und war schon die Invasion. Da gab es ja keine Diskussion. Die Leute wurden &uuml;berrumpelt. Oder auch Irak-Krieg: Da h&auml;tten wir so lange &uuml;ber diese ABC-Waffen diskutieren sollen und dann am Schluss eben nicht die Invasion machen. Auch die Bombardierung von Libyen &ndash; das w&auml;re nicht notwendig gewesen. Oder Gaza: Nat&uuml;rlich hat Israel das Recht, nach dem 7. Oktober 2023 zur&uuml;ckzuschlagen und sich zu verteidigen. Aber dann muss man auch wieder aufh&ouml;ren. Das hei&szlig;t nicht, weil man sozusagen das Recht hat, einmal sich zu verteidigen und zur&uuml;ckzuschlagen, kann man dann unentwegt auf den anderen draufhauen, bis alle tot sind. Das ist kein Recht in dieser Art.<\/p><p>Das hei&szlig;t, ich schaue auf diese Konflikte, und ich m&ouml;chte wirklich alle Zuh&ouml;rerinnen und Zuh&ouml;rer daran erinnern: Es ist die Minderheit, die in der direkten Gewalt ist. Das ist wirklich die Minderheit. Wir sind die Mehrheit, und wir sollten uns auch nicht immer sozusagen kleinmachen lassen, wenn die anderen sagen: Ihr habt halt keine Ahnung, ist doch normal, dass man jemandem in den Kopf schie&szlig;t, wie seid ihr verwirrt? Dann sagen wir: Nein, das ist nicht normal. H&ouml;rt bitte auf.<\/p><p><strong>Es hat was sehr Ironisches: Im Westen heute, wenn jemand erz&auml;hlt von allen m&ouml;glichen Konflikten, die er im Privaten hat mit der Partnerin usw. und dann behauptet, dass alle anderen an diesen Konflikten schuld sind und man selber ist immer der Gute, dann vermuten wir sehr stark, dass wir es mit einem Narzissten zu tun haben usw. Er macht sich sehr unsympathisch. Im Grunde genommen ist die westliche Au&szlig;enpolitik sehr narzisstisch in dem Sinne: Wir haben st&auml;ndig Konflikte mit allen m&ouml;glichen L&auml;ndern, und immer sind alle anderen schuld, und zwar nicht mal nur mehr Schuld als wir, sondern sie haben quasi die Alleinschuld. Putin soll die Alleinschuld tragen am Ukraine-Krieg. Ich finde es v&ouml;llig plausibel, zu sagen, und man kann dar&uuml;ber diskutieren, ob er mehr Schuld tr&auml;gt am Ukraine-Krieg als der Westen. Ich denke, das nimmt sich nicht viel. Aber man kann sich dar&uuml;ber streiten. Aber zu sagen, dass er die Alleinschuld tr&auml;gt, ist absurd. <\/strong><\/p><p><strong>Noch absurder ist es nat&uuml;rlich mit Israel und Hamas, zu sagen, oder Israel und Iran &ndash;, es ist noch absurder, dass Iran und Hamas die Alleinschuld tragen an dem V&ouml;lkermord am pal&auml;stinensischen Volk und dem Angriffskrieg gegen den Iran. Da wird es wirklich v&ouml;llig absurd, und im Grunde genommen ist es eine Form von Narzissmus, von Gr&ouml;&szlig;enwahn: Wir erl&ouml;sen die Welt, und wenn es irgendjemandem nicht gef&auml;llt, dann sind sie selber schuld. Es hat was ganz B&ouml;sartiges fast schon in der westlichen Welt.<\/strong><\/p><p>Du hast einen ganz wichtigen Punkt aufgebracht, weil ich glaube, der Narzisst hat dann gar keine Empathie. Er sagt einfach: Ich habe die Sache schon &uuml;berblickt, wir m&uuml;ssen jetzt einfach die Leute in Afghanistan umbringen oder in Vietnam. Wenn wir die mit Agent Orange bombardieren &ndash; die haben es nicht anders verdient &ndash; oder Napalm oder eine Atombombe auf die Japaner &ndash; das tut denen nur gut. Das sind ja ganz offensichtliche Gr&auml;ueltaten, auch was man mit dem Irak gemacht hat. Diese Folter in Abu Ghraib, ich habe mir das ein bisschen genauer angeschaut. Da haben die Leute v&ouml;llig die Orientierung verloren und sind wirklich in ihre tiefste Ebene heruntergefallen.<\/p><p>Ich habe immer das Gef&uuml;hl, dass diese Analyse &ndash; das hei&szlig;t, dass die westliche Au&szlig;enpolitik narzisstisch ist &ndash; das haben mir schon viele gesagt. Es ist nicht mein Vokabular, muss ich zugeben, aber jetzt, wo du es aufbringst &ndash; ich habe das schon so oft geh&ouml;rt. Da habe ich immer gesagt: Es hat etwas von dem, weil im Privaten ist es genau, wie du sagst: Ein Narzisst sieht doch immer die Fehler bei den anderen, und die Eigenreflexion fehlt beim Narzisst, wenn ich das richtig verstehe.<\/p><p>Im Westen fehlt die Eigenreflexion &ndash; jetzt die Ukraine &uuml;ber die NATO-Osterweiterung, Gaza &uuml;ber die Waffenlieferungen, Afghanistan &uuml;ber 9\/11. Was haben denn die Afghanen mit 9\/11 zu tun? Wo ist da der Beweis? Da brauchen wir gar nicht dar&uuml;ber reden. Die Selbstreflexion, die fehlt.<\/p><p>Da k&ouml;nnte man sicher ein Argument machen und sagen: Die westliche Au&szlig;enpolitik ist narzisstisch in dem Sinne, dass sie keine Empathie f&uuml;r die Opfer ihrer eigenen Taten hat und dass sie eigentlich auch nicht f&auml;hig ist &ndash; im Christentum sagt man: den Balken im eigenen Auge zu sehen. Man sieht dann den Splitter beim Gegner, aber man ist nicht f&auml;hig, zu sehen: Die NATO-Osterweiterung war vielleicht auch eine Provokation von Russland. Dann noch Janukowitsch zu st&uuml;rzen 2014 &ndash; das war der gew&auml;hlte Pr&auml;sident der Ukraine. Ihn zu st&uuml;rzen, ist auch keine Kleinigkeit. Dann die Ukraine aufzur&uuml;sten, und dann der B&uuml;rgerkrieg mit 14.000 Toten. Alles: Nein, gab es nicht. Will ich nicht h&ouml;ren. Putin-Versteher usw.<\/p><p>Ich habe das in Vortr&auml;gen in Deutschland, in Kiel oder in Dortmund gesagt. Drau&szlig;en hatte es zehn Polizeiautos und eine Pro-Ukraine-Demonstration mit ukrainischen Flaggen. Dann hie&szlig; es: Herr Ganser, Putin-Versteher usw. Ich habe mich nicht einsch&uuml;chtern lassen. Ich sage immer, was ich als meine Forschungsresultate habe.<\/p><p>Da habe ich eben gesagt: Moment mal. Wir m&uuml;ssen einen Geschichtenabgleich machen. Wie sehen es die Russen? Wie sieht es die NATO? Die NATO kritisiert zu Recht, dass das eine illegale Invasion ist. Das ist meiner Meinung nach eine illegale Invasion. Aber die Russen kritisieren zu Recht, dass die NATO versucht hat, die Ukraine in die NATO zu ziehen, und dass die USA einen Putsch gemacht haben. Das war eben auch nicht demokratisch. Das waren ja eben radikale Ukrainer, die dann eben auch in Odessa noch gemordet haben etc.<\/p><p>Ein Geschichtenabgleich w&auml;re eben der Weg des Friedens. Genau den braucht es ja zwischen Israel und Pal&auml;stina auch: Wie siehst du das? Zum Geschichtenabgleich ist ja der Narzisst nicht f&auml;hig.<\/p><p><strong>Was auch passen w&uuml;rde zu der Diagnose sozusagen, ist, dass der Narzisst diese gro&szlig;e Vision hat und dann das Leiden, das er anderen zuf&uuml;gt, damit rechtfertigt, dass sie einfach nicht verstehen wollen, wie gro&szlig;artig er ist. Der Westen hat diese Vision von: Wir bringen Demokratie und Menschenrechte in die Welt. Wenn wir das mit V&ouml;lkermord tun und die Pal&auml;stinenser sauer auf uns sind, dann liegt das nur daran, dass sie verblendet sind, dass sie das nicht erkennen wollen, was f&uuml;r eine gro&szlig;artige Demokratie Israel ist usw. Sie verlangen ja sogar von Pal&auml;stinensern, dass sie unsere Sichtweise, unsere pro-israelische Sichtweise teilen, was wirklich ein so tiefgr&uuml;ndiger Zynismus ist. <\/strong><\/p><p><strong>So wirklich abscheulich, muss ich sagen, dass man h&ouml;ren m&ouml;chte von Pal&auml;stinensern, dass sie sagen: Ja, der Zionismus ist eine tolle Sache usw. Man versteht &uuml;berhaupt nicht, dass man das definitiv von einem Pal&auml;stinenser nicht verlangen kann. Auch sonst kann man von anderen Menschen nicht immer verlangen, dass sie unsere Ansichten teilen.<\/strong><\/p><p>Nein. Ich denke, da wird auch der Westen &hellip; Wenn wir ein bisschen nach vorne spekulieren, dann k&ouml;nnte es ja sein, dass die Russen in der Ukraine gewinnen, und es k&ouml;nnte auch sein, dass wirklich Israel sehr scharf kritisiert wird f&uuml;r diesen Genozid. Das wissen wir noch nicht. Es kommt jetzt darauf an, was die internationalen Gerichte dann urteilen. Aber wenn das irgendwann so ist, dann ist das f&uuml;r den Westen eine doppelte Niederlage, weil die Niederlage in der Ukraine gegen Russland bedeutet oder w&uuml;rde dann bedeuten, dass die NATO mehr oder weniger alles reingeworfen hat &ndash; au&szlig;er Truppen, aber Waffen und Geld haben wir alles reingeworfen, was wir hatten &ndash; und es hat dann nicht gereicht.<\/p><p>Das ist ein bisschen anders als &hellip; Okay, wir haben in Afghanistan verloren. Das war ja eigentlich schon peinlich, weil alle NATO-Offiziere haben immer gesagt: Diese Sandalentaliban auf ihren Motorr&auml;dern und so, die pusten wir weg. Nein, sie haben verloren. Die NATO hat in Afghanistan 20 Jahre Krieg gef&uuml;hrt und verloren. Die Sowjetunion hat in Afghanistan 10 Jahre Krieg gef&uuml;hrt, hat auch verloren.<\/p><p><strong>Und die Briten haben zwei Mal Afghanistan zu erobern versucht im 19. Jahrhundert.<\/strong><\/p><p>Friedhof der Gro&szlig;m&auml;chte! Und jetzt in der Ukraine. Ich sage eigentlich selten etwas &uuml;ber die Zukunft, aber einfach, dass man sich mal das durchdenkt: Wenn die NATO in der Ukraine verliert &hellip; Was ist verlieren? Verlieren bedeutet, dass die Ukraine sozusagen die russischen Bedingungen &uuml;bernehmen muss. Das hei&szlig;t: Nicht in die NATO kommt, sondern neutral wird. Dass die Krim russisch ist. Dass der Donbass &ndash; der besteht aus Donezk und Luhansk und Saporischschja und Kherson &ndash;, dass diese ganzen Oblaste, welche Russland erobert hat, dass die nicht zur&uuml;ckgehen an die Ukraine. Ich denke, so wird es kommen. Ich wei&szlig; es auch nicht. Aber warten wir mal ab. Wenn es so kommt, dann hat die NATO verloren.<\/p><p>Das ist in der Selbstwahrnehmung des Narzissten, des NATO-Narzissten oder des CIA-Narzissten, nat&uuml;rlich eine schwere Kr&auml;nkung. Die zweite Kr&auml;nkung w&auml;re dann, wenn es dazu kommen sollte, dass Israel verurteilt wird und internationale Gerichte zum Schluss kommen, dass es ein Genozid ist, weil dann wird man sagen: Wir hatten das unterst&uuml;tzt. Dann wird man sehen: Die USA haben immer an Netanyahu Waffen geliefert, und die deutsche Regierung hat auch immer gesagt: Wir stehen solidarisch mit Israel, egal was die machen. Dann ist nat&uuml;rlich diese Situation, dass man dort moralisch verloren hat und am anderen Ort hat man milit&auml;risch verloren. Das wird, wenn das so kommt &ndash; man muss jetzt die n&auml;chsten Jahre abwarten &ndash;, dann muss wirklich der Westen &uuml;ber die B&uuml;cher gehen und sich fragen: In was haben wir uns da hineingeritten? Eine m&ouml;gliche Analyse w&auml;re: Wir haben uns von Narzissten f&uuml;hren lassen, und die haben ein Riesenchaos gemacht, und wir werden die jetzt nicht mehr w&auml;hlen, und wir wollen die auch nicht mehr an der Macht haben.<\/p><p>Das ist ja immer das Prinzip von Demokratie, dass letztendlich das Volk schon auch mitbestimmen kann: Glauben wir das alles, was diese Politiker sagen? Lassen wir das alles mit uns machen oder sagen wir irgendwann: Ihr seid abgew&auml;hlt, bitte abtreten? Das ist ja das Prinzip der Demokratie, dass wir immer wieder die M&ouml;glichkeit haben zu w&auml;hlen. Einige Menschen kommen auf mich zu und sagen: Wen soll ich denn w&auml;hlen? Das sind ja alles Idioten. Es ist nicht ganz einfach. Ich kann da auch keine Wahlempfehlung geben &ndash; gebe ich eh nie. Aber ich sage: Die M&ouml;glichkeiten sind jetzt da. Wir k&ouml;nnen &ndash; solange wir uns noch als Demokratien verstehen &ndash;, k&ouml;nnen wir &uuml;ber die Jahre, nicht jedes Jahr, aber &uuml;ber die Jahre k&ouml;nnen wir friedlich &Auml;nderungen bewirken. Wenn wir der Meinung sind, dass diese Parteien nicht gut geliefert haben, dann ist es ein normaler demokratischer Prozess, dass man sagt: Die Mannschaft soll bitte abtreten.<\/p><p>Da bin ich sehr gespannt, was dann in der Ukraine und was in Gaza passiert &uuml;ber die n&auml;chsten Jahre, sagen wir mal, zwischen 2025 und 2030, und wie man dann 2030 darauf zur&uuml;ckschauen wird. Das interessiert mich sehr.<\/p><p><strong>Was mir immer wieder auch aufgefallen ist, dass wir fast nie &uuml;ber gewaltlosen Widerstand sprechen. Nicht nur die Diplomatie f&auml;llt v&ouml;llig unter die R&auml;der, sondern auch gewaltloser Widerstand. Ich glaube, die Ukraine wird fr&uuml;her oder sp&auml;ter gezwungen sein, ungef&auml;hr 20 Prozent ihres Territoriums an Russland abzutreten. Ich glaube, das ist tats&auml;chlich ein gro&szlig;es Unrecht.<\/strong><\/p><p><strong>Russische Freunde sagen mir, dass die meisten Russen und auch Putin glauben, dass die meisten Menschen im Osten der Ukraine das so wollen. Ich glaube, da irren sie sich. Wenn sie sich irren, warum sagen nicht die Selenskyj-Regierung und die Menschen im Westen einfach: So, wir machen jetzt erst mal Frieden, beenden den Krieg, und der weitere Widerstand gegen die russische Besatzung wird gewaltlos sein? <\/strong><\/p><p><strong>Weil ich glaube &ndash; also man kann mich da naiv schimpfen &ndash;, ich glaube, das w&auml;re von Erfolg gekr&ouml;nt, wenn wirklich die meisten Menschen &ndash; ich bin da nicht ganz sicher &ndash;, aber wenn wirklich die meisten Menschen im Osten der Ukraine zur Ukraine geh&ouml;ren wollen und nicht von Russland besetzt sein wollen, warum wehren sie sich dann nicht in einem Massenaufstand, der friedlich ist, mit ukrainischen Fahnen? Ich glaube, ich w&uuml;rde Putin so einsch&auml;tzen, dass er dann auch bereit w&auml;re, zu verhandeln und das vielleicht r&uuml;ckg&auml;ngig zu machen.<\/strong><\/p><p>Wichtiger Punkt. Ich habe auch mit Patrik Baab gesprochen, ein deutscher Journalist, der ja ein Buch geschrieben hat: &bdquo;Auf beiden Seiten der Front&ldquo;. Er hat sowohl auf der russischen Seite als auch auf der ukrainischen Seite diese Gebiete bereist. Er sagt, dass diese Gebiete, weil sie eben im B&uuml;rgerkrieg bombardiert wurden, nicht mehr unter der Regierung von Kiew sein wollen. Ich wei&szlig; es pers&ouml;nlich nicht, aber es ist manchmal auch ein bisschen eng gedacht, wenn man sagt: Die m&uuml;ssen entweder zur Ukraine geh&ouml;ren, oder die m&uuml;ssen zu Russland geh&ouml;ren. Es gibt tats&auml;chlich einen dritten Weg.<\/p><p>Es gibt ja S&uuml;dtirol. Ich wei&szlig; nicht, ob du schon mal dort warst. S&uuml;dtirol, das ist wirklich eine sch&ouml;ne Ecke. Ich habe da schon Vortr&auml;ge gehalten. In S&uuml;dtirol &ndash; das geh&ouml;rt heute zu Italien, aber alle sprechen Deutsch. Man spricht dann auch Italienisch dazu noch. Aber S&uuml;dtirol &ndash; wenn ich da in den Laden reingehe, kann ich immer Deutsch sprechen. Ich kann schon auch Italienisch. Aber S&uuml;dtirol ist ein Teil von Italien, wo man Deutsch spricht, und die haben einen sehr gro&szlig;en Autonomiegrad. Autonomie bedeutet ja eigentlich, dass du zwar zu einem Land geh&ouml;rst &ndash; eben geh&ouml;rst dann zu Russland oder geh&ouml;rst zur Ukraine &ndash;, aber du hast einen gro&szlig;en Selbstbestimmungsgrad.<\/p><p>Das ist immer auch eine M&ouml;glichkeit, Frieden zu schaffen. Da bin ich ganz bei dir. Diese Palette an M&ouml;glichkeiten, wie man friedlich Konflikte l&ouml;sen kann, die wird eigentlich in der Politik und in der internationalen Politik viel zu wenig genutzt. Sie wird &ndash; und das finde ich die gute Nachricht &ndash; mehr genutzt in den privaten Beziehungen. Also, Mord und Gewalt gibt es immer noch, aber es gibt weniger, hoffe ich doch, Mord und Gewalt, wenn ein Konflikt ist bei Ehepaaren, sondern dann gibt es die M&ouml;glichkeit, dass man Paartherapie macht oder dass man sich trennt und neue Partner hat oder dass man Patchwork-Familie macht. <\/p><p>Da gibt es ja viele M&ouml;glichkeiten. Aber da hat sich so ein bisschen durchgesetzt, dass das alles okay ist &ndash; einfach nicht Gewalt. Das ist so. Alle sagen: Therapeuten und Sozialp&auml;dagogen und staatliche Stellen und Richter und Professoren, die das Ganze untersuchen. Da hat sich jetzt niemand ge&auml;u&szlig;ert und gesagt: Eigentlich m&uuml;sste man hier mal jemanden ermorden, das w&auml;re eine gute Idee. Nein. Da haben alle gesagt: Sucht eure L&ouml;sung, und beide Partner sind gleichberechtigt, und der Dialog ist wichtig, und die Kommunikation ist wichtig &ndash; also genau das, was ihr f&uuml;r die internationale Politik fordert.<\/p><p>In den Schulen gibt es auch immer Konflikte zwischen den Lehrern untereinander, dann gibt es Konflikte zwischen den Lehrern und den Sch&uuml;lern, weil die Sch&uuml;ler sich dann ungerecht behandelt f&uuml;hlen, oder dann rufen noch die Eltern an und sagen: Der Lehrer hat dem Sch&uuml;ler die falsche Note gegeben. Ich habe von einigen Lehrern geh&ouml;rt, dass eigentlich die gr&ouml;&szlig;ten Konflikte nicht mit den Sch&uuml;lern, sondern mit den Eltern der Sch&uuml;ler sind. Aber auch dort ist man sich sozusagen einig: Keine Gewalt, einfach keine Gewalt. Man kann sprechen, und im besten Fall spricht man h&ouml;flich ohne Abwertung und sachlich.<\/p><p>Diese Prinzipien gilt es jetzt zu &uuml;bertragen auf die Ukraine und auch auf Gaza. Weil in Gaza k&ouml;nnten wir eine Zwei-Staaten-L&ouml;sung machen. Dann h&auml;tte einfach Israel einen israelischen Staat, und Pal&auml;stina w&uuml;rde aus dem Gazastreifen und dem Westjordanland bestehen mit einem Teil von Jerusalem. Das ist m&ouml;glich. Das ist nicht unm&ouml;glich. Die Mehrheit der UN-Mitgliedsstaaten stimmt immer wieder daf&uuml;r, aber die USA legen dann immer wieder ihr Veto ein. Dann sage ich einfach: Wenn die Probleme ja menschengemacht sind, dann sind die L&ouml;sungen auch menschengemacht. Da habe ich gro&szlig;es Vertrauen. Ich wei&szlig;, einige sind immer ein bisschen niedergeschlagen und sagen: Nein, ich sehe schwarz f&uuml;r die Erde.<\/p><p>Ich glaube, wir gehen durch revolution&auml;re Zeiten. Das ist schmerzhaft. Viele leiden, viele sterben. Aber es sind auch viele Menschen, die wach werden und sagen: K&ouml;nnten wir nicht bessere Entw&uuml;rfe machen? Da bekomme ich ja fast t&auml;glich E-Mails von Menschen, die sagen: Ich habe diesen Entwurf, man k&ouml;nnte das machen, und ich habe diese Idee. Ich schreibe immer zur&uuml;ck: Ich kann das alles nicht umsetzen. Aber es gibt schon viele Menschen, die andere Ideen haben f&uuml;r das einundzwanzigste Jahrhundert als einfach R&uuml;stungsausgaben rauffahren und aufeinander schie&szlig;en. Weil das ist offensichtlich die d&uuml;mmste Idee.<\/p><p><strong>Der Gro&szlig;teil der Menschen ist ja sehr unzufrieden mit der Politik und schimpft &uuml;ber die Korruption der Eliten &ndash; zu Recht &ndash; und auch oft &uuml;ber diese Kriege &ndash; leider ging es einfach so oft nach rechts, also nach noch schlimmer, zur AfD und zu Trump usw. Was denkst du dar&uuml;ber? Warum ging es nicht weiter nach links zu einer humaneren Kritik an diesen Eliten? Warum geht das so h&auml;ufig nach rechts?<\/strong><\/p><p>Ich habe das Gef&uuml;hl, links und rechts funktionieren nicht mehr so gut als Begriffe. Ich habe fr&uuml;her gedacht: Die Linken sind f&uuml;r den Frieden und die Rechten sind f&uuml;r den Krieg. Dann habe ich gesehen, dass Gerhard Schr&ouml;der und Joschka Fischer &ndash; der Gerhard Schr&ouml;der war ja SPD und Joschka Fischer war Gr&uuml;ne &ndash; dass die dann Serbien bombardiert haben. Das war 1999. Das war so mein erster Moment, wo ich mir gesagt habe: Was ist denn das f&uuml;r eine Einteilung links und rechts?<\/p><p>Jetzt sehe ich bei der AfD eigentlich eher Tendenzen, dass sie sagen: Wir sollten keinen Krieg mit Russland f&uuml;hren. Dass eigentlich die Gr&uuml;nen jetzt, so wie Olivgr&uuml;n, dann eher sagen: Aber doch, man muss unbedingt jetzt aber auch Taurus-Marschflugk&ouml;rper an Selenskyj liefern, und notwendigerweise muss er die dann auf Russland abschie&szlig;en. Weil ich denke: Ihr wart einmal eine Friedenspartei, die gesagt hat: Raus aus der NATO. Es gibt Plakate von den Gr&uuml;nen Anfang der 80er-Jahre, wo sie diese Forderung &bdquo;Raus aus der NATO&ldquo; noch hatten mit dem Wollpullover, mehr oder weniger direkt von Woodstock her waren sie in dieser pazifistischen Tradition. Da hat sich ja die Partei v&ouml;llig gewandelt.<\/p><p>Ich finde, auch die CDU &hellip; Ich k&ouml;nnte mir nicht vorstellen, dass ein Helmut Kohl gesagt h&auml;tte: Wir m&uuml;ssen die Feindschaft mit Russland pflegen. Weil, es waren ja Kohl und Gorbatschow &ndash; die M&auml;nner haben auf einer freundschaftlichen Ebene eigentlich die deutsche Wiedervereinigung m&ouml;glich gemacht. Das muss man herausarbeiten, was das f&uuml;r ein gro&szlig;es Verdienst von Kohl war und f&uuml;r ein gro&szlig;es Verdienst von Gorbatschow. Da ist ja kein Schuss gefallen. Die DDR und die BRD wurden wiedervereinigt. Die Jungen wissen das gar nicht mehr, aber wir wissen das, und wir wissen: Das ist ein gro&szlig;es Geschenk. Das war weder links noch rechts. Dann sehe ich auch bei der SPD: Gab es fr&uuml;her wirklich, vor allem mit Helmut Schmidt und mit Willy Brandt, gab es f&uuml;r mich Bundeskanzler, die ich als Friedensbundeskanzler bezeichnen w&uuml;rde, weil sie eigentlich immer gedacht haben: Eine europ&auml;ische Friedensordnung geht nicht gegen Russland, sondern sie geht nur mit Russland. Da m&uuml;ssen halt die Interessen der Franzosen, der Engl&auml;nder, der Deutschen und der Russen &ndash; das sind eigentlich die vier gro&szlig;en &ndash; die m&uuml;ssen eigentlich zusammengefasst werden.<\/p><p>Das ist eigentlich jetzt bei dieser Ampel-Koalition, die ja Olaf Scholz von der SPD angef&uuml;hrt hat und dann mit Annalena Baerbock von den Gr&uuml;nen und auch die FDP &ndash; da war nichts von dem. Das w&auml;re ja eigentlich &ndash; h&auml;tte man gesagt: Das ist eine linke Regierung. Aber die linke Regierung hat direkt ins Verderben gef&uuml;hrt, hat Nord Stream nicht aufgekl&auml;rt, hat Leopard-Panzer an die Ukraine geliefert. Dann denke ich: Okay, aber dann kann man mit links-rechts hier &uuml;berhaupt nicht mehr argumentieren.<\/p><p>Dann kommt die CDU an die Macht, wieder mit der SPD als Gro&szlig;e Koalition, und man denkt: Nach der Ampel &ndash; schlimmer geht es nimmer. Aber meiner Meinung nach ist Merz noch schlimmer als Olaf Scholz, weil Merz jetzt also eigentlich einen Konfrontationskurs f&auml;hrt mit Russland. Ich hoffe, dass er sich irgendwann beruhigt und einsieht, dass das keinen Sinn macht. Aber der ist weit weg von einem Helmut Kohl.<\/p><p><strong>Dass er sagt, dass Israel &ndash; wenn es den Iran angreift &ndash; unsere Drecksarbeit macht &hellip; Das hat mich schon schockiert, muss ich sagen.<\/strong><\/p><p>Da bin ich jenseits von links und rechts. Auch bei Trump finde ich es schwierig. Nat&uuml;rlich ist er in der Republikanischen Partei, aber ist er links, ist er rechts? Ich habe danach bei den amerikanischen Pr&auml;sidenten &hellip; Zuerst habe ich mal Noam Chomsky &hellip; Ich habe Noam Chomsky getroffen am MIT in Boston. Das war ja 20 Jahre her. Dann hat er mir erkl&auml;rt: Daniele, es gibt hier keine linke und keine rechte Partei in den USA. Sowohl die Demokraten wie die Republikaner sind eigentlich zwei Fl&uuml;gel des milit&auml;risch-industriellen Komplexes, und beide erh&ouml;hen stets die R&uuml;stungsausgaben. Du kommst mit einer Links-Rechts-Analyse auch in der amerikanischen Politik gar nicht weiter.<\/p><p>Wenn man schaut, was hat denn Joe Biden gemacht? Er hat ja als Demokrat &ndash; w&uuml;rde man sagen links &ndash; und Trump als Republikaner rechts. Dann sage ich: Aber Joe Biden hatte eigentlich diesen Ukraine-Krieg angeheizt von hinten, nicht &ouml;ffentlich, sondern von hinten. Immer wieder. Es gab ja Friedensverhandlungen in Istanbul. <\/p><p>Da haben aber die Briten und die Amerikaner das sabotiert. Jetzt Keir Starmer, der Premierminister von England, ist Labour. Aber wenn das Labour ist &ndash; also Labour w&auml;re links, w&auml;re sozialdemokratisch? Keir Starmer ist ein Kriegstreiber. Da muss ich wirklich sagen: Ich habe mich jetzt daran gew&ouml;hnt, dass ich diese Labels links\/rechts weglasse und dass eigentlich ich die einzelnen Akteure beurteile, ob sie f&uuml;r den Frieden arbeiten. Ich finde, es sind wirklich einzelne Personen, die sich einsetzen f&uuml;r den Frieden. Ich finde Oskar Lafontaine einen sehr interessanten Mann, habe ich mal getroffen. Klar, ist jetzt nicht mehr in der aktiven Politik. Es gibt schon diese Menschen da drau&szlig;en, die immer wieder sagen: Wir sollten uns nicht t&ouml;ten. Dann schaue ich gar nicht, in welcher Partei die sind, sondern dann schaue ich eigentlich immer: Okay, und bei den letzten Abstimmungen f&uuml;r R&uuml;stungsausgaben &ndash; hast du f&uuml;r ein Erh&ouml;hen der R&uuml;stungsausgaben gestimmt oder nicht? Da schaue ich dann genau hin. Zum Beispiel die Linke in Deutschland hat im Bundesrat, also in der kleinen Kammer, dann daf&uuml;r gestimmt, dass die Schuldenbremse gelockert werden kann. <\/p><p>Da habe ich gedacht: Wie k&ouml;nnen die &ouml;ffentlich sagen: Wir sind gegen Krieg und gegen R&uuml;stungsausgaben, aber dann, wenn es drauf ankommt, wenn man wirklich Merz h&auml;tte sagen k&ouml;nnen: Nein, es gibt die Schuldenbremse, und es gibt jetzt hier nicht eine Hintert&uuml;r, mehr Geld in die R&uuml;stungsindustrie zu pumpen &ndash; weil man ja wei&szlig;, Merz kommt von BlackRock &ndash; da h&auml;tte die Linke dagegenhalten m&uuml;ssen. Haben sie nicht gemacht. Das kann man nachschauen.<\/p><p>Also insgesamt komme ich mit diesen Begriffen links\/rechts nicht mehr richtig weiter, sondern ich versuche wirklich zu unterteilen in: Wer sagt, wir sollten Konflikte ohne Gewalt l&ouml;sen? Da finde ich zum Gl&uuml;ck viele Menschen, und ich finde auch die Arbeit der <em>NachDenkSeiten<\/em> sehr, sehr gut. Ich m&ouml;chte da an dieser Stelle mal ein Lob aussprechen.<\/p><p><strong>Danke sch&ouml;n.<\/strong><\/p><p>Ich lese immer gerne eure Texte und auch Albrecht M&uuml;ller. Auch <em>Multipolar<\/em> von Paul Schreyer. Da sind ja einige da drau&szlig;en, die sich als Gegenstimme gegen diese Kriegst&uuml;chtigkeit hinstellen und sagen: Wir m&uuml;ssen friedenst&uuml;chtig sein, nicht kriegst&uuml;chtig. Da bin ich also ganz bei euch.<\/p><p><strong>Sch&ouml;n. Daniele, es war eine gro&szlig;e Freude, hat Spa&szlig; gemacht. Ich fand es auch sch&ouml;n und &uuml;berraschend ein bisschen, dass du so optimistische T&ouml;ne angeschlagen hast gegen Ende hin. Hoffen wir, dass die Menschheitsfamilie, wie du es so sch&ouml;n sagst, mehr zusammenfindet.<\/strong><\/p><p>Das hoffe ich auch, und ich bin optimistisch, weil wir die Mehrheit sind. Ich gehe so &uuml;ber quantifizierbare Daten. Ich habe gesagt: Die Menschheitsfamilie bricht nicht zusammen. Wir wachsen, und die Mehrheit will sich nicht t&ouml;ten. Wenn ich diese zwei Faktoren anschaue und noch kombiniere, dass wir eine Informationsrevolution haben, wo die Regierungen ihre Geschichten schon erz&auml;hlen k&ouml;nnen, aber du und ich unterhalten uns hier, und da wird nicht geschnitten. Das gab es nicht in den 80er-Jahren &ndash; das muss ich immer f&uuml;r die Jungen erz&auml;hlen. Gab es nicht. 90er-Jahre gab es nicht. Das war alles Staatsfernsehen, war kontrolliert. Darum bin ich optimistisch.<\/p><p>Es hat mich auch sehr gefreut, Michael, dass wir zusammen sprechen konnten.<\/p><p><strong>Vielen herzlichen Dank. Ich hoffe, wir machen das mal wieder und alles Gute.<\/strong><\/p><p>Gerne. Dir auch. Tsch&uuml;ss.<\/p><p><strong>Tsch&uuml;ss.<\/strong><\/p><p><small>Titelbild: NachDenkSeiten<\/small><\/p><div class=\"moreLikeThis\">\n<strong>Mehr zum Thema:<\/strong>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=96507\">Daniele Ganser im Gespr&auml;ch mit Albrecht M&uuml;ller<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=109070\">Ein Hoch auf die &bdquo;Umstrittenen&rdquo; &ndash; Hier: Daniele Ganser<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=107715\">USA und Deutschland &ndash; eine schwierige Beziehung. 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