{"id":139460,"date":"2025-09-24T11:00:30","date_gmt":"2025-09-24T09:00:30","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=139460"},"modified":"2025-09-26T19:59:49","modified_gmt":"2025-09-26T17:59:49","slug":"vom-sozialstaat-zum-ruestungsstaat","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=139460","title":{"rendered":"Vom Sozialstaat zum R\u00fcstungsstaat"},"content":{"rendered":"<p>Bundeskanzler Merz und Finanzminister Klingbeil er&ouml;ffnen eine neue Epoche deutscher Politik: Weg vom <a href=\"https:\/\/www.tagesspiegel.de\/politik\/sozialstaat-im-herbst-der-reformen-mit-diesen-tabus-musste-gebrochen-werden-14337170.html\">&bdquo;unsinnigen&ldquo; Sozialstaat<\/a> hin zu einem R&uuml;stungs- und Milit&auml;rstaat, in dem die <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?gastautor=alexander-neu&amp;paged=2\">&bdquo;Bundeswehr zur konventionell st&auml;rksten Armee Europas werden soll&ldquo;<\/a>. Die Armut in Deutschland wird erheblich anwachsen &ndash; nicht nur, weil die Gelder f&uuml;r den Sozialstaat in die Militarisierung umgeschichtet werden, sondern auch, weil Deutschland und EU-Europa politisch selbstverschuldet in eine massive strukturelle Wirtschaftskrise abgleiten, die sich nicht mal eben so wieder korrigieren lassen wird. So l&auml;sst sich beispielsweise der politisch motivierte R&uuml;ckzug von eurasiatischen Absatzm&auml;rkten nicht so einfach wieder zur&uuml;ckgewinnen &ndash; <a href=\"https:\/\/www.tagesschau.de\/wirtschaft\/konjunktur\/exporte-importe-bip-industrie-china-eurozone-usa-konjunktur-exportwirtschaft-100.html\">andere Anbieter f&uuml;llen rasch die L&uuml;cken<\/a>. Wirtschaftlicher Niedergang plus Abbau des Sozialstaates sind ein bombenfestes Rezept f&uuml;r die Verarmung wachsender Teile der Bev&ouml;lkerung bis weit in die Mittelschicht hinein. Von <strong>Alexander Neu<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_5780\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-139460-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/250923_Vom_Sozialstaat_zum_Ruestungsstaat_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/250923_Vom_Sozialstaat_zum_Ruestungsstaat_NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/250923_Vom_Sozialstaat_zum_Ruestungsstaat_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/250923_Vom_Sozialstaat_zum_Ruestungsstaat_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=139460-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/250923_Vom_Sozialstaat_zum_Ruestungsstaat_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"250923_Vom_Sozialstaat_zum_Ruestungsstaat_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p><strong>Bundeshaushalt 2025<\/strong><\/p><p>Der erste Bundeshaushalt der neuen Bundesregierung wurde letzte Woche verabschiedet. Der verabschiedete Bundeshauhalt betrifft das laufende Jahr. Normalerweise wird im Zeitraum September bis Anfang Dezember der Bundeshaushalt f&uuml;r das k&uuml;nftige Jahr verhandelt und verabschiedet. Angesichts der zunehmenden Unf&auml;higkeit der alten Ampelregierung, sich auf den Haushalt 2025 zu einigen, und den damit einhergehenden vorgezogenen Neuwahlen im Februar dieses Jahres musste die neue Bundesregierung diese Aufgabe &bdquo;nachholen&ldquo;. Nichtsdestotrotz laufen derweil die Verhandlungen bereits zum Bundeshaushaltsentwurf f&uuml;r 2026.<\/p><p>Der Bundeshaushalt 2025 betr&auml;gt 503 Milliarden Euro und wird damit um 26 Milliarden Euro im Vergleich zu 2024 (477 Milliarden Euro) <a href=\"https:\/\/www.bundeshaushalt.de\/DE\/Bundeshaushalt-digital\/bundeshaushalt-digital.html\">erh&ouml;ht<\/a>. Hinzu kommt ein Anteil aus dem &bdquo;Sonderverm&ouml;gen&ldquo; f&uuml;r die Bundeswehr in H&ouml;he von rund 24 Milliarden Euro &ndash; sachlich korrekt Sonderschulden, da kreditiert &ndash;, die nicht im Bundeshaushalt als solches vermerkt sind.<\/p><p>Der Bundeshaushalt wird in sogenannte Einzelpl&auml;ne hinsichtlich der bundesstaatlichen Ausgaben aufgeteilt. So beispielsweise der Einzelplan 11 f&uuml;r den Bereich &bdquo;Arbeit und Soziales&ldquo;. Dieser umfasst rund 190 Milliarden Euro und ist der gr&ouml;&szlig;te Einzelhaushalt. Dahinter kommt der Einzelplan 14 f&uuml;r die Ausgaben des Milit&auml;rs mit rund 62 Milliarden Euro. Allerdings ist das nur die halbe Wahrheit: Tats&auml;chlich kommen weitere, in anderen Einzelpl&auml;nen versteckte Ausgaben mit milit&auml;rischem Bezug hinzu. Die Gesamtheit nennt man Milit&auml;rausgaben nach &bdquo;NATO-Kriterien&ldquo;. Wir haben es also mit drei Ausgabenkomponenten zu tun: Erstens die Ausgaben des Einzelplans 14 (62 Milliarden Euro), zweitens die versteckten Ausgaben in anderen Einzelpl&auml;nen (7 Milliarden Euro) und drittens die Ausgaben des &bdquo;Sonderverm&ouml;gens&ldquo; (im Jahr 2025 also 24 Milliarden Euro). Das macht rund 93 Milliarden Euro Milit&auml;rausgaben.<\/p><div class=\"imagewrap\"><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/250923-Sozialstaat-01.jpg\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/250923-Sozialstaat-01.jpg\" alt=\"\" title=\"\"><span><\/span><\/a><\/div><p><small>Graphik: Dr. Alexander Neu<\/small><\/p><div class=\"imagewrap\"><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/250923-Sozialstaat-02.jpg\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/250923-Sozialstaat-02.jpg\" alt=\"\" title=\"\"><span><\/span><\/a><\/div><p><small>Graphik: Sevim Dagdelen<\/small><\/p><p>Schaut man sich die Milit&auml;rausgaben seit 2014 an, so ist festzustellen: Es geht nur in eine Richtung. Die Steigerungen werden insbesondere ab 2019 immer umfassender, nehmen fast einen exponentiellen Charakter an.<\/p><p>Die Haushaltsplanungen f&uuml;r das Jahr 2026 schreiben die Tendenz fort. Im Entwurf sind bereits 82,6 Milliarden Euro allein im Einzelplan 14 veranschlagt, mithin eine Steigerung um 20 Milliarden Euro im Vergleich zum Bundeshaushaltsplan 2025. Hinzu kommen die derweil noch nicht identifizierbaren Ausgaben aus den weiteren Einzelpl&auml;nen sowie weitere 25,5 Milliarden Euro aus dem &bdquo;Sonderverm&ouml;gen&ldquo;. Veranschlagt man die Ausgaben aus anderen Einzelpl&auml;nen &ndash; konservativ gerechnet &ndash; in gleicher H&ouml;he, so w&auml;ren es rund sieben Milliarden Euro. Das macht zusammen rund 115 Milliarden Euro Milit&auml;rausgaben f&uuml;r 2026.<\/p><div class=\"imagewrap\"><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/250923-Sozialstaat-03.jpg\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/250923-Sozialstaat-03.jpg\" alt=\"\" title=\"\"><span><\/span><\/a><\/div><p><small>Graphik: Dr. Alexander Neu<\/small><\/p><p>Die &bdquo;Eckwerte&ldquo;-Planungen allein f&uuml;r den <a href=\"https:\/\/www.bmvg.de\/de\/presse\/deutlicher-anstieg-des-verteidigungshaushalts-ab-2025-5958092\">Einzelplan 14<\/a> f&uuml;r den Zeitraum 2026 bis 2029 sind noch betr&uuml;blicher f&uuml;r den Steuerzahler und wohl auch f&uuml;r den Empf&auml;nger sozialstaatlicher Leistungen:<\/p><div class=\"imagewrap\"><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/250923-Sozialstaat-04.jpg\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/250923-Sozialstaat-04.jpg\" alt=\"\" title=\"\"><span><\/span><\/a><\/div><p><small>Graphik: Dr. Alexander Neu<\/small><\/p><p>Es handelt sich wohlgemerkt nur um den Einzelplan 14. Hinzu kommen noch die milit&auml;rischen Ausgaben aus den weiteren Einzelpl&auml;nen, sodass bis zum Jahre 2029 die Ausgaben auf &uuml;ber 160 Milliarden Euro erh&ouml;ht werden. Wenn bis 2035 der F&uuml;nf-Prozent-BIP-Anteil f&uuml;r die Bundeswehr verausgabt werden sollte, was nahezu alle im Bundestag vertretenen Parteien, inklusive der AfD, bef&uuml;rworten, so w&auml;ren das bei einem BIP von 4,3 Billionen Euro (als Referenzgr&ouml;&szlig;e aus dem Jahr 2024 und somit konservativ berechnet) rund 215 Milliarden Euro allein aus dem Einzelplan 14. Hinzu kommen wie immer die zus&auml;tzlichen Ausgaben, die in anderen Einzelpl&auml;nen versteckt sind, also insgesamt rund 225 Milliarden Euro.<\/p><p><strong>Finanzierung des R&uuml;stungsstaates?<\/strong><\/p><p>Die Finanzierung d&uuml;rfte durch Umschichtungen aus den zivilen Bereichen (Arbeit\/Soziales, Gesundheit, Bildung, Umwelt etc.) sowie durch Kreditaufnahmen realisiert werden. Im ersten Fall d&uuml;rfen sich die Menschen auf ihre bevorstehende Armut &bdquo;freuen&ldquo;, im zweiten Fall dann auch die gegenw&auml;rtigen sowie die k&uuml;nftigen Generationen. Die Verschuldung plus Zinszahlungen stehen j&auml;hrlich an und werden aus dem Einzelplan 32 (Bundesschuld) finanziert. Dieser steht derweil auf Platz f&uuml;nf der Ausgabenh&ouml;hen der Einzelpl&auml;ne &ndash; mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit, die Karriereleiter auf Platz drei oder gar zwei zu erklimmen. Auch hier eine konservative Modellrechnung:<\/p><p>Sollte das BIP im Jahre 2035 bei 4,3 Billionen Euro (Referenzzahl aus 2024) liegen, so w&uuml;rden gem&auml;&szlig; der ver&auml;nderten verfassungsrechtlichen Grundlage (alles, was &uuml;ber einem Prozent des BIPs liegt, darf seit dem Verfassungscoup von Kanzler Merz &ndash; Ausschaltung der Schuldenbremse f&uuml;r sicherheitsrelevante Ausgaben &ndash; weiter nach oben kreditiert werden, Art. 109 Grundgesetz) die Milit&auml;rausgaben mindestens 43 Milliarden Euro betragen. Da jedoch mit der &bdquo;Selbstverpflichtung&ldquo; gegen&uuml;ber US-Pr&auml;sident Trump f&uuml;nf Prozent vereinbart sind, k&auml;men 172 Milliarden Euro Milit&auml;rausgaben obendrauf (insgesamt also mindestens 215 Milliarden Euro). Derweil betragen im Bundeshaushalt 2025 (Einzelplan 32 Bundesschuld) die Tilgung und Zinszahlungen 34 Milliarden Euro.<\/p><p>Wenn nur die H&auml;lfte der 215 Milliarden Euro Milit&auml;rausgaben im Jahr 2035 kreditiert und die andere H&auml;lfte &uuml;ber Umschichtungen finanziert werden w&uuml;rden, so m&uuml;ssten 107,5 Milliarden Euro getilgt und weitere Milliarden Zinszahlungen geleistet werden. Die Zinszahlung betr&uuml;ge ungef&auml;hr drei Milliarden Euro (bei einem Zinssatz von rund drei Prozent). Somit w&auml;ren allein f&uuml;r die milit&auml;rischen Ausgaben 110,5 Milliarden Euro an Steuergeldern f&uuml;r ein Haushaltsjahr abzustottern. Die andere H&auml;lfte (107,5 Milliarden Euro) der Finanzierung des R&uuml;stungsstaates, durch haushaltsinterne Umschichtungen, bedeutete massive Einschnitte in den anderen Ressorts. Nach dem Rasenm&auml;herprinzip (sogenannte &bdquo;Globale Minderausgaben&ldquo;) m&uuml;sste jeder Einzelplan und somit jedes Ministerium &ndash; mit Ausnahme des Einzelplans 14 und somit des Verteidigungsministeriums &ndash; rund 30 Prozent einsparen.<\/p><p>Mit dieser wirklich rein finanziell unverantwortlichen Verschuldung zu Gunsten des Milit&auml;rs wird Deutschland in eine Verschuldungsorgie getrieben, die ganz konkret au&szlig;er Kontrolle zu geraten droht.<\/p><p><strong>&bdquo;Wenn wir jetzt nicht investieren, so w&uuml;rde der russische Angriff auf Europa noch viel teurer werden.&ldquo;<\/strong><\/p><p>So oder so &auml;hnlich argumentieren die Protagonisten der obsz&ouml;nen Aufr&uuml;stungspolitik, um die &Ouml;ffentlichkeit von der Notwendigkeit der massiven Milit&auml;rausgaben zu &uuml;berzeugen. Das Motto lautet: Die B&uuml;rger m&uuml;ssen den G&uuml;rtel enger schnallen, ansonsten wird der noch viel enger werden, wenn der Russe &ndash; von &bdquo;Experten&ldquo; als gesichert prognostiziert &ndash; bis 2029 einmarschieren wird.<\/p><p>Aber besteht tats&auml;chlich ein sicherheitspolitisches Erfordernis, wie uns diese selbst- und medienernannten &bdquo;Experten&ldquo; das mit tiefer Sorgenfalte um unser Wohlergehen stets suggerieren? Die Antwort lautet: NEIN!<\/p><p>Erstens: H&auml;tten die NATO-Staaten die auch von ihnen unterzeichnete &bdquo;Charta von Paris&ldquo; aus dem Jahre 1991, die das Ende des Kalten Krieges besiegelte, jemals ernst genommen, dann h&auml;tte ein System der kollektiven Sicherheit anstelle der NATO in Europa etabliert werden k&ouml;nnen. Stattdessen wurde die NATO geh&auml;tschelt und erweitert. Diese hemmungslose NATO-Osterweiterung bis in den postsowjetischen Raum hinein und damit die tats&auml;chliche Schaffung einer neuen politischen und milit&auml;rischen Trennlinie &ndash; 1.000 Kilometer weiter &ouml;stlich &ndash; in Europa ist die Grundursache f&uuml;r den gegenw&auml;rtigen Krieg um die Ukraine. Die &bdquo;Charta von Paris&ldquo; stand f&uuml;r den ungeteilten, den gemeinsamen Sicherheitsraum von Vancouver bis Wladiwostok. Die NATO-Osterweiterung hingegen steht f&uuml;r die geostrategische und milit&auml;rische Ausdehnung von Vancouver bis Donezk.<\/p><p>Die Konsequenzen sehen wir nun: Vermeintliche Sicherheit gegeneinander (Aufr&uuml;stung, Man&ouml;ver, Drohungen, Zwischenf&auml;lle etc.), statt gemeinsame Sicherheit. Nun jedoch liegt das Kind im Brunnen. &bdquo;Die Charta von Paris&ldquo; und der ihr zugrunde liegende progressive und einzig vern&uuml;nftige Ansatz der kollektiven Sicherheit sind bis auf Weiteres tot. Die Schuld hierf&uuml;r tragen nicht nur die USA. Sie tun als imperiale Macht nur das, was Imperien machen: ihren Herrschaftsbereich konsolidieren oder ausbauen. Schuld tragen vor allem die europ&auml;ischen Eliten, die nach 1991 das Zeitfenster f&uuml;r einen gesamteurop&auml;ischen Neuanfang unter Einschluss der Ukraine, Wei&szlig;russlands, Russlands sowie Jugoslawiens auch auf US-Druck hin nicht umgesetzt haben &ndash; obschon sie sich h&auml;tten emanzipieren k&ouml;nnen &ndash;, sondern die M&ouml;glichkeit eines gesamteurop&auml;ischen Neuanfangs vielmehr selbst verhinderten. Es ging nicht um ein vision&auml;res, fortschrittliches und eigenst&auml;ndiges Gesamteuropa, sondern um NATO first, also darum, wie die NATO eine neue Legitimation erhalten k&ouml;nne, nachdem der Feind im Osten der NATO so unerwartet abhandenkam. Die Antworten waren &bdquo;Out-of-area-Eins&auml;tze&ldquo; sowie die NATO-Erweiterung. Das waren die tats&auml;chlichen Debatten der 1990er- und der 2000er-Jahre in der sicherheitspolitischen Community, die ich selbst genauso erlebt habe.<\/p><p>Eine echte Umsetzung der &bdquo;Charta von Paris&ldquo; h&auml;tte meiner Meinung nach die Kriege in und um Jugoslawien sowie der Ukraine verhindert und vielen Millionen Menschen Leid und Tod erspart. Aber die Agenda war eine andere.<\/p><p>Zweitens: Auch die Behauptungen, Russland w&uuml;rde die NATO-Staaten angreifen, ist, rein auf der materiellen Ebene betrachtet, nicht belastbar. (Hierzu auch eine vertiefende Analyse in meinem Beitrag <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=129641\">&bdquo;EU im Aufr&uuml;stungsrausch &ndash; Die Notwendigkeit, die Debatte vom Kopf auf die F&uuml;&szlig;e zu stellen&ldquo;<\/a> auf den NachDenkSeiten.<\/p><p>Russland ist der NATO, ja, allein den europ&auml;ischen NATO-Staaten konventionell signifikant unterlegen. Ein Angriff w&auml;re mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit zum Scheitern verurteilt. Sicherlich w&auml;re die Eroberung des Suwalki-Gaps zwischen Polen und dem Baltikum durch Russland realisierbar. Ob sie es jedoch halten k&ouml;nnten, hinge letztlich von der Entschlossenheit der NATO ab. Weitergehende Territorialeroberungen w&uuml;rden tats&auml;chlich keinen Sinn ergeben und den Widerstand der NATO erst recht erh&ouml;hen. Wenn der Krieg f&uuml;r Russland also nicht zu gewinnen, ja im Gegenteil eine Niederlage ziemlich sicher w&auml;re, warum sollte Russland also diesen Schritt gehen? Eine rationale Erkl&auml;rung gibt es nicht.<\/p><p>Und nein, dem Gegner immer eine Irrationalit&auml;t zu unterstellen, ist infantil, ja definitiv unprofessionell. Und eine Kriegsf&uuml;hrung mit der gr&ouml;&szlig;ten Nuklearmacht der Welt dahingehend zu diskutieren, dass dieser Krieg die atomare Schwelle schon nicht &uuml;berschreiten werde, ist noch infantiler und unprofessioneller, ja geradezu verantwortungslos. Kurzum: Ein Krieg mit Russland bedeutet in letzter Instanz &ndash; und die kommt schneller, als man denkt &ndash; den Atomkrieg und somit die Ausl&ouml;schung mindestens Europas. Das bedeutet wiederum, dass trotz bisheriger &Uuml;berlegenheit eine weitere konventionelle Aufr&uuml;stung EU-Europas und Deutschlands, die ein Vielfaches an materiellen und personellen F&auml;higkeiten gegen&uuml;ber Russland darstellen w&uuml;rde, auch keinen Sinn ergibt &ndash; im Ernstfall w&uuml;rden diese F&auml;higkeiten nuklear pulverisiert. Also, warum fordern Regierung und mediale Hofberichterstatter die totale Aufr&uuml;stung und damit die Verarmung der Gesellschaften in EU-Europa, wenn der Sinn einfach nicht erkennbar ist?<\/p><p>Ist es ein irrationale, eine ideologische Komponente? Oder ist es der Versuch, die gegenw&auml;rtige globale Machtverschiebung aufzuhalten, gar die Uhren zur&uuml;ckzudrehen? Daf&uuml;r ist es zu sp&auml;t. Der Prozess zur multipolaren Weltordnung l&auml;sst sich auch mit milit&auml;rischen Mitteln nicht mehr aufhalten, es sei denn, man ist bereit, einen globalen Atomkrieg zu riskieren. Will man tats&auml;chlich den gro&szlig;en Krieg herbeireden, will man das Ph&auml;nomen der selbsterf&uuml;llenden Prophezeiung bis auf die Spitze treiben? Nur, dann m&uuml;ssen wir nicht mehr &uuml;ber Weltordnungskonzepte diskutieren. Es geht indessen nicht um das Leben einiger Politikentscheider und irgendwelcher Eliten, sondern es geht schlicht um das Leben von mindestens 500 Millionen Menschen in Europa &ndash; nur mal zur Erinnerung f&uuml;r die, die meinen, Schach auf dem R&uuml;cken der Menschen spielen zu m&uuml;ssen. Und die Mainstreammedien? Auff&auml;llig ist, dass Versuche, den Sinn der Aufr&uuml;stung, der sprachlichen und ideologischen Radikalisierung auf einer rationalen Ebene zu diskutieren, abgeblockt, ja bisweilen diffamiert werden. Unsere ach so pluralen Medien unterbinden durch gewisse Methoden eine pluralistische Diskussion. Es ist schlicht nicht gewollt.<\/p><p><small>Titelbild: Shutterstock \/ e-crow<\/small><\/p><div class=\"moreLikeThis\">\n<strong>Mehr zum Thema:<\/strong>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=136788\">Verst&ouml;&szlig;t das 5-Prozent-Ziel f&uuml;r Milit&auml;rausgaben gegen das im Grundgesetz verankerte Sozialstaatsprinzip?<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=135033\">Der deutsche Sozialstaat &ndash; vom Winde verweht &hellip;<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=135080\">Kann Bundesregierung best&auml;tigen, dass ein Drittel aller Einnahmen in R&uuml;stung geht? &ndash; &bdquo;Angesichts der russischen Aggression &hellip;&ldquo;<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=123585\">Die Geschichtenerz&auml;hler der NATO<\/a>\n<\/p><\/div><p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/vg04.met.vgwort.de\/na\/76627a88315748f98698316b663f5267\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bundeskanzler Merz und Finanzminister Klingbeil er&ouml;ffnen eine neue Epoche deutscher Politik: Weg vom <a href=\"https:\/\/www.tagesspiegel.de\/politik\/sozialstaat-im-herbst-der-reformen-mit-diesen-tabus-musste-gebrochen-werden-14337170.html\">&bdquo;unsinnigen&ldquo; Sozialstaat<\/a> hin zu einem R&uuml;stungs- und Milit&auml;rstaat, in dem die <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?gastautor=alexander-neu&amp;paged=2\">&bdquo;Bundeswehr zur konventionell st&auml;rksten Armee Europas werden soll&ldquo;<\/a>. Die Armut in Deutschland wird erheblich anwachsen &ndash; nicht nur, weil die Gelder f&uuml;r den Sozialstaat in die Militarisierung umgeschichtet werden,<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=139460\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":130730,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[107,172,135,156],"tags":[881,1519,3180,3276,466,1367,3532,325],"class_list":["post-139460","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-audio-podcast","category-aufruestung","category-finanzpolitik","category-schulden-sparen","tag-armut","tag-atomwaffen","tag-charta-von-paris","tag-multipolare-welt","tag-nato","tag-ruestungsausgaben","tag-sondervermoegen","tag-staatsschulden"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2025\/03\/Shutterstock_2257277097.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/139460","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=139460"}],"version-history":[{"count":6,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/139460\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":139735,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/139460\/revisions\/139735"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/130730"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=139460"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=139460"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=139460"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}