{"id":13948,"date":"2012-07-23T09:07:25","date_gmt":"2012-07-23T07:07:25","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=13948"},"modified":"2018-12-27T12:38:14","modified_gmt":"2018-12-27T11:38:14","slug":"der-untergrund-des-nsu-war-ein-aquarium-der-geheimdienste","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=13948","title":{"rendered":"Der Untergrund des NSU war ein Aquarium der Geheimdienste"},"content":{"rendered":"<p>Hartn&auml;ckig wird die Legende aufrechterhalten, dass die im Jahr 1998 abgetauchten Neonazis &rsaquo;spurlos&lsaquo; verschwunden seien und man seitdem keine &ldquo;hei&szlig;e Spur&rdquo; gehabt h&auml;tte.<br>\nDas widerspricht allen Fakten, die bislang an die &Ouml;ffentlichkeit gelangt sind.<br>\nFasst man die auszugsweise gew&auml;hrten Einblick in das Leben derer, die &raquo;spurlos&laquo; verschwunden sind, zu denen &uuml;ber 13 Jahre keine &raquo;hei&szlig;e Spur&laquo; gef&uuml;hrt haben soll, zusammen, l&auml;sst sich eines sicher sagen: In der Geschichte des &rsaquo;Untergrundes&lsaquo; gibt es nicht viele Gruppen, deren Untergrund so transparent war, wie der des NSU. Es war ein Aquarium, in dem die NSU-Mitglieder wie Goldfische gehalten wurden.<br>\nDer Verfassungsschutz tappte nicht im Dunklen &ndash; er sa&szlig; quasi am K&uuml;chentisch des NSU. Von <strong>Wolf Wetzel<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nKurz bevor die ehemaligen Mitglieder des Th&uuml;ringer Heimatschutzes\/THS abtauchten, wurden bei Durchsuchungen von Garagen in Jena am 26. Januar 1998 &uuml;ber 1,4 Kilo Sprengstoff und Rohrbomben beschlagnahmt. Die sp&auml;teren Mitglieder des Nationalsozialistischen Untergrundes\/NSU konnten in aller Seeelenruhe fliehen &ndash; auch dank der Warnung eines Polizisten.<br>\nVierzehn Jahre sp&auml;ter erfahren wir, dass das bei weitem nicht alles war: Es wurde auch eine Namensliste gefunden, &raquo;ein &rsaquo;Who is Who&lsaquo; der mutma&szlig;lichen Unterst&uuml;tzer des rechtsextremen Terrortrios &rsaquo;Nationalsozialistischer Untergrund&lsaquo; (NSU) &hellip; Vielfach handelt es sich um Personen, die heute beschuldigt werden, Hilfsdienste f&uuml;r Uwe B&ouml;hnhardt, Uwe Mundlos und Beate Zsch&auml;pe geleistet zu haben.<br>\nSo ist der Name von <em>Rolf Wohlleben<\/em> handschriftlich in das Verzeichnis gekritzelt &ndash; der einstige NPD-Funktion&auml;r aus Jena sitzt derzeit in Untersuchungshaft, weil er verd&auml;chtigt wird, eine Schusswaffe f&uuml;r das Terror-Trio besorgt zu haben.&laquo; (<a href=\"http:\/\/www.sueddeutsche.de\/politik\/nsu-aufklaerung-hinweise-im-karton-1.1411155\">SZ vom 13.7.2012<\/a>).<br>\nAuf dieser Telefon-Adressenliste stand auch Thomas Starke, damals einer der f&uuml;hrenden K&ouml;pfe der s&auml;chsischen &rsaquo;Blood &amp; Honour&lsaquo;-Sektion. Weiterhin befindet sich darauf <em>Matthias Fischer<\/em>, heute Anf&uuml;hrer des militanten bayrischen Kameradschafts-Verbandes &rsaquo;Freies Netz S&uuml;d&lsaquo;. Fischer kommt aus N&uuml;rnberg. Zwischen 2000 &ndash; der erste Mord &ndash; und 2005 wird der NSU hier drei Migranten regelrecht hinrichten.<br>\nInteressant ist noch ein weiterer Name auf der Liste: <em>Thomas Richter<\/em> aus Halle, damals ebenfalls im &rsaquo;Blood &amp; Honour&lsaquo;-Spektrum aktiv.<\/p><p>Der Fund einer solchen Namensliste ist keine belanglose Nebens&auml;chlichkeit, sondern der Traum eines jeden Ermittlers: Mithilfe dieser Liste ist es ein Kinderspiel, &uuml;ber das neonazistische Umfeld direkt an die NSU-Mitglieder heranzukommen.<\/p><p>Und was sagen die Ermittler heute dazu? Man mag es kaum glauben: Man habe die Telefon- und Adressenliste gesichtet und nichts Relevantes entdecken k&ouml;nnen. Daraufhin sei dieser Fund in der Asservatenkammer verschwunden. Diese Version ist vorget&auml;uscht d&auml;mlich. Jede Antifa-Gruppe in dieser Gegend h&auml;tte in f&uuml;nf Minuten sagen k&ouml;nnen, dass es sich um wichtige Figuren im neonazistischen Netzwerk handelt. Abgesehen davon standen fast alle Neonazis auf dieser Liste in irgendeiner Datei der Polizei und\/oder des Verfassungsschutzes.<\/p><p>Die Version der Ermittler hat einen ganz anderen Grund:<\/p><p><strong>Man will heute verschweigen, vertuschen und ggf. vernichten, was belegen hilft, dass die Verfolgungsbeh&ouml;rden den Kontakt zu den abgetauchten NSU-Mitgliedern nie verloren hatten!<\/strong><\/p><p>Tats&auml;chlich hatten die Ermittler auch mithilfe dieser Telefon- und Adressenliste, (die man aus gutem Grund nicht in der Wohnung aufbewahrte) traumhafte Bedingungen, um das Abtauchen der NSU-Mitglieder zu begleiten.<\/p><p>Aus einem Bericht, den der Th&uuml;ringer Verfassungsschutz im November 2011 (<a href=\"https:\/\/nsuleaks.wordpress.com\/2012\/07\/13\/erkenntnisse-lfv-thuringen-30-11-2011\/#more-88\">Az. 293-S-400 062-000110\/11 VS-NfD<\/a>) erstellt hatte, geht eindrucksvoll hervor, dass alleine dieser Landesverfassungsschutz &uuml;ber zahlreiche Helfer des NSU aufs Beste &uuml;ber die n&auml;chsten Schritte dieser neonazistischen Terrorgruppe im Bilde war. In diesem Erkenntnisstandbericht werden verschiedene Protokolle von Telefon&uuml;berwachungen, Observationen, V-Mann-F&uuml;hrern und anderen Quellen (&raquo;Hinweisgebern&laquo;) aufgef&uuml;hrt.<\/p><p>Alle markanten Umst&auml;nde, die angeblich erst 2011\/2012 in ihrer Brisanz verstanden wurden, waren bereits 1998\/99 bekannt.<\/p><ol>\n<li>Bereits 1998 entschlossen sich die NSU-Mitglieder, einen Caravan anzumieten: &raquo;Es sei bekannt gewesen, dass die B&Ouml;HNISCH in Berlin-Adlershof, Waldstra&szlig;e 21, einen Wohnmobil-Verleih (ca. f&uuml;nf Wohnmobile) betreibe. Da sich KAPKE zu dieser Zeit nicht mehr f&uuml;r Adressen im Ausland interessiert habe, sei davon auszugehen, dass den drei Fl&uuml;chtigen m&ouml;glicherweise ein Wohnmobil zur Verf&uuml;gung gestellt werden sollte oder wurde.&laquo; (Hinweis vom 20.02.1998)<\/li>\n<li>Wesentliche Unterst&uuml;tzer des NSU waren seit 1998 bekannt. So wurden u.a.  Ralf WOHLLEBEN und J&uuml;rgen HELBIG mittels einer G-10-Ma&szlig;nahme (damit werden alle &ldquo;nachrichtendienstliche Ma&szlig;nahmen&rdquo; legalisiert)  &uuml;berwacht: <em>&raquo;In dem Begr&uuml;ndungsvermerk f&uuml;r eine gegen Ralf WOHLLEBEN und J&uuml;rgen HELBIG gerichtete G10-Ma&szlig;nahme wird u.a. festgehalten, &bdquo;dass ein bestimmter Personenkreis um den Neonazi Andre KAPKE aus Jena unmittelbare Verbindungen zu den drei Gesuchten hat.&laquo;<\/em> (Vermerk zu G10 &ndash; Ma&szlig;nahmen vom 11.08.1998, Verfasser: TLfV)<\/li>\n<li>Chemnitz als Standort, wo sich die NSU-Mitglieder im Untergrund aufhalten, war ebenfalls seit 1998 bekannt: &raquo;Die Gesuchten sollen sich in Sachsen in der N&auml;he von Chemnitz aufhalten. Es sei eine Ausreise nach S&uuml;dafrika geplant. Der Unterkunftsgeber sei bekannt&hellip;&laquo; (Erkenntnismitteilung vom 17.09.1998, Verfasser LfV Brandenburg)<\/li>\n<li>Ein f&uuml;r den Verfassungsschutz arbeitender &raquo;Hinweisgeber&laquo; hatte direkten Telefonkontakt zu Uwe B&ouml;hnhardt. Man vereinbarte f&uuml;r einen bestimmten Zeitpunkt ein Telefongespr&auml;ch von jeweils anrufbaren Telefonzellen in Chemnitz und Coburg. Da der Standort der Telefonzelle in Chemnitz, von wo aus Uwe B&ouml;hnhardt telefonieren wollte, bekannt war, w&auml;re eine Festnahme m&ouml;glich gewesen. Sie blieb aus: &raquo;Am 22.02.1999, gegen 19:00 Uhr, wurde von einem M&uuml;nzfernsprecher in Chemnitz, Bernsbachplatz 2 (0371-6946258), eine der benannten Telefonzellen in Coburg angerufen, ohne dass der Kontakt zum Hinweisgeber zustande kam &hellip; Nach mehreren Fehlanl&auml;ufen sei der telefonische Kontakt schlie&szlig;lich am 08.03.1999 zustande gekommen. Der Hinweisgeber will die Gespr&auml;chsperson am anderen Ende der Leitung zweifelsfrei als den fl&uuml;chtigen Uwe B&Ouml;HNHARDT erkannt haben. B&Ouml;HNHARDT soll u. a. nach einem neuen Quartier f&uuml;r die drei Gesuchten gefragt haben.&laquo; (Hinweis vom 22.03.1999)<\/li>\n<li>Auch &uuml;ber die Tatsache, dass sich die &rsaquo;Abgetauchten&lsaquo; bewaffnen wollen, wusste der Verfassungsschutz seit ihrem &rsaquo;Verschwinden&lsaquo;: &raquo;Das LfV Brandenburg &uuml;berstellte Erkenntnisse zu einem B&amp;H-Konzert der Sektion S&uuml;dbrandenburg am 05.09.1998 in Hirschfeld bei Lauchhammer. Daran nahmen u a Thomas STARKE und Jan WERNER teil. Zu den &rsaquo;drei s&auml;chsischen Skinheads&lsaquo; habe Jan WERNER pers&ouml;nlichen Kontakt. WERNER soll damals den Auftrag gehabt haben, &rsaquo;die drei Skinheads mit Waffen zu versorgen&lsaquo;. Gelder hierf&uuml;r soll die B&amp;H-Sektion Sachsen bereitgestellt haben. Die Gelder stammen aus Einnahmen aus Konzerten und dem CD-Verkauf. Nach der Entgegennahme der Waffen &ndash; noch vor der beabsichtigten Flucht nach S&uuml;dafrika &ndash; soll das Trio einen weiteren &Uuml;berfall planen, um mit dem Geld sofort Deutschland verlassen zu k&ouml;nnen. Der weiblichen Person des Trios wolle Antje PROBST ihren Pass zur Verf&uuml;gung stellen.&laquo; (Meldung an TLfV und LfV SN vom 11.09.1998)\n<\/li>\n<\/ol><p>Fasst man diesen auszugsweise gew&auml;hrten Einblick in das Leben derer, die &raquo;spurlos&laquo; verschwunden sind, zu denen &uuml;ber 13 Jahre keine &raquo;hei&szlig;e Spur&laquo; gef&uuml;hrt haben soll, zusammen, l&auml;sst sich eines sicher sagen:<\/p><p>In der Geschichte des &rsaquo;Untergrundes&lsaquo; gibt es nicht viele Gruppen, deren Untergrund so transparent war, wie der des NSU. Es war ein Aquarium, in dem die NSU-Mitglieder wie Goldfische gehalten wurden.<\/p><p>Der Verfassungsschutz tappte nicht im Dunklen &ndash; er sa&szlig; quasi am K&uuml;chentisch des NSU.<\/p><p>Siehe auch den <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=13849\">fr&uuml;heren Text von Wolf Wetzel<\/a>.<\/p><p>Die hier ausgewerteten Fakten aus dem Th&uuml;ringer Verfassungsschutz wurden von <em>NSULeak<\/em> der <a href=\"https:\/\/nsuleaks.wordpress.com\/2012\/07\/13\/erkenntnisse-lfv-thuringen-30-11-2011\/#more-88\">&Ouml;ffentlichkeit zug&auml;nglich gemacht und sind nun f&uuml;r alle &uuml;berpr&uuml;fbar<\/a>.<\/p><p>Die nun &uuml;ber sechsmonatige Recherche, die st&auml;ndig aktualisiert wird, ist <a href=\"http:\/\/wolfwetzel.wordpress.com\/2012\/06\/29\/thesen-zur-neonazistischen-mordserie-des-nationalsozialistischen-untergrundes-nsu\/\">im Internet nachzulesen<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Hartn&auml;ckig wird die Legende aufrechterhalten, dass die im Jahr 1998 abgetauchten Neonazis &rsaquo;spurlos&lsaquo; verschwunden seien und man seitdem keine &ldquo;hei&szlig;e Spur&rdquo; gehabt h&auml;tte.<br \/> Das widerspricht allen Fakten, die bislang an die &Ouml;ffentlichkeit gelangt sind.<br \/> Fasst man die auszugsweise gew&auml;hrten Einblick in das Leben derer, die &raquo;spurlos&laquo; verschwunden sind, zu denen &uuml;ber 13 Jahre keine &raquo;hei&szlig;e<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=13948\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[159,125,166],"tags":[901,1266],"class_list":["post-13948","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-fremdenfeindlichkeit-rassismus","category-rechte-gefahr","category-terrorismus","tag-geheimdienste","tag-nsu"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/13948","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=13948"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/13948\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":48038,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/13948\/revisions\/48038"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=13948"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=13948"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=13948"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}