{"id":13956,"date":"2012-07-24T10:01:11","date_gmt":"2012-07-24T08:01:11","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=13956"},"modified":"2015-03-09T16:19:18","modified_gmt":"2015-03-09T15:19:18","slug":"das-marchen-von-der-geldvernichtung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=13956","title":{"rendered":"Das M\u00e4rchen von der Geldvernichtung"},"content":{"rendered":"<p><em>&bdquo;Eine gigantische Geldvernichtung!&ldquo; &bdquo;Billionenwerte in Luft aufgel&ouml;st!&ldquo; &bdquo;Milliardensummen verbrannt!&ldquo; So &auml;hnlich lauten die Schlagzeilen, wenn die Kurse an den Finanzm&auml;rkten wieder einmal in den Keller rutschen. Geldwerte entstehen, sie wachsen und wachsen &ndash; und fallen dann irgendwann wieder in sich zusammen; so sollte man meinen. Dies ist jedoch blanker Unsinn. Das Gerede von der Geldvernichtung im Kontext von Finanzkrisen ist eine L&uuml;ge, die die eigentlichen Probleme des Finanzsektors kaschiert.<\/em> Von <strong>G&uuml;nter Wierichs<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nBeginnen wir unser M&auml;rchen von der Geldvernichtung mit jener Floskel, die im entsprechenden Genre am h&auml;ufigsten anzutreffen ist.<\/p><p>&bdquo;Es war einmal ein h&ouml;chst fideler junger Mann, der im Besitze einer sehr guten Gesch&auml;ftsidee war. Also ging er daran, diese Idee in die Tat umzusetzen. Er &uuml;berzeugte den Existenzgr&uuml;nderexperten seiner Gemeindesparkasse von der Zukunftsf&auml;higkeit des Vorhabens und gr&uuml;ndete, ausgestattet mit einem Sparkassenkredit und einigen mageren Eigenmitteln, ein Unternehmen. Die Gesch&auml;ftsidee erwies sich als sehr tauglich; die Ums&auml;tze unseres kleinen <em>Start-ups<\/em> stiegen und stiegen. Irgendwann wurden Investmentbanker auf den Jungunternehmer aufmerksam. Man m&uuml;sse das Ganze auf eine breite Basis stellen, sagten die Finanzexperten. Ein <em>GoingPublic<\/em>, die Umwandlung in eine Aktiengesellschaft und Ausgabe von Aktien an viele, viele Kapitalanleger, sei notwendig. <\/p><p>Unser Unternehmensgr&uuml;nder, der inzwischen vor lauter Arbeit schon nicht mehr wusste, wo ihm der Kopf stand, und der au&szlig;erdem l&auml;ngst neue Vorhaben plante, ergriff die M&ouml;glichkeit, sich als Multimillion&auml;r aus seinem alten Gesch&auml;ftsleben zu verabschieden. Das Kapital des Unternehmens wurde in 10 Millionen Aktien aufgeteilt; er erhielt pro Aktie 10 Euro und zog sich mit dem Gesamterl&ouml;s von 100 Millionen Euro zun&auml;chst einmal auf eine Finca in S&uuml;dspanien zur&uuml;ck, um von dort aus sein n&auml;chstes Projekt zu planen. Ein neuer, vom Finanzinvestor eingesetzter Vorstand &uuml;bernahm das Ruder.<\/p><p>Mit einem Startkurs von 10 Euro wurde das <em>GoingPublic<\/em> durchgef&uuml;hrt. Die Anleger waren begeistert. Die Aktie war deutlich &uuml;berzeichnet. Wer einen Kaufauftrag von 4.000 St&uuml;ck erteilt hatte, konnte froh sein, wenn ihm im Endeffekt ein Viertel davon ins Depot gelegt wurde. Dann lief die Gewinnmaschinerie so richtig an. Der Kurs stieg innerhalb weniger Monate auf 20, dann auf 30 und in der Spitze sogar auf 50 Euro. Schlie&szlig;lich kam der Einbruch. Etliche Konkurrenten tummelten sich inzwischen am Markt, die seinerzeit tolle, innovative Gesch&auml;ftsidee war jetzt sattsam bekannt. Das Umsatzwachstum ging zur&uuml;ck; schlie&szlig;lich brach der Umsatz v&ouml;llig ein. Der Vorstand stemmte sich mit Gewalt gegen den Trend. Als schlie&szlig;lich noch herauskam, dass die Vorst&auml;nde Bilanzwerte und Auftragszahlen bereits in der Vergangenheit manipuliert und der &Ouml;ffentlichkeit dadurch eine rosige Auftragslage vorgegaukelt hatten, konnte das Unternehmen nicht mehr gerettet werden. Die Aktie war praktisch &uuml;ber Nacht keinen einzigen Cent mehr wert. Unser Firmengr&uuml;nder aber lebte gl&uuml;cklich bis ans Ende seiner Tage.&ldquo;<\/p><p><strong>Umschichtung statt Vernichtung &ndash; ein Nullsummenspiel<\/strong><\/p><p>Soweit unser modernes M&auml;rchen. Es kommt nat&uuml;rlich recht plakativ und holzschnittartig daher, spiegelt aber im Prinzip den Ablauf des Prozesses einer so genannten &bdquo;Geldvernichtung&ldquo; recht gut wider. Analysieren wir die Geschichte einmal vor dem Hintergrund dieses Begriffes. Oberfl&auml;chlich betrachtet verbrennt Geld im Wert von 500 Millionen Euro: Zehn Millionen Aktien, die zuvor bei einem Kurs von 50 Euro noch einen B&ouml;rsenwert (Fachjargon: Marktkapitalisierung) von 500 Millionen Euro aufwiesen, sind urpl&ouml;tzlich wertlos geworden. <\/p><p>Betrachtet man die an dem Prozess beteiligten Personen in ihrer Gesamtheit, kommt ein ganz anderes Ergebnis heraus. Nehmen wir dabei vereinfachend an, dass auf jeder Kursstufe jeweils eine einzige Person involviert ist.<\/p><ul>\n<li>Zun&auml;chst ist da unser Unternehmensgr&uuml;nder. Er kassiert beim B&ouml;rsengang vom Investor 1 schon mal 100 Millionen Euro.<\/li>\n<li>Die Aktien sind kurz nach dem B&ouml;rsengang 20 Euro, insgesamt also 200 Millionen Euro wert, und eine weitere Person (Investor 2) erwirbt sie zu diesem Gesamtpreis.<\/li>\n<li>Investor 2 st&ouml;&szlig;t die Papiere bei einem Aktienkurs von 30 Euro ab. Investor 3 zahlt ihm 300 Millionen Euro.<\/li>\n<li>Dann macht die Aktie einen weiteren Kurssprung, diesmal sogar auf 50 Euro. Investor 4 zahlt f&uuml;r das Aktienpaket 500 Millionen Euro an Nr. 3. Schlie&szlig;lich kommt es zum Kursverfall.<\/li>\n<\/ul><p>Das Prinzip ist klar &ndash; es wird nicht Geld vernichtet, sondern lediglich umgeschichtet:<\/p><table>\n<tr>\n<th>\n<\/th>\n<th>Kaufpreis<br>\n(Mio. Euro)<\/th>\n<th>Verkaufserl&ouml;s<br>\n(Mio. Euro)<\/th>\n<th>Gewinn (+)\/ Verlust (-)<\/th>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>\nUnternehmensgr&uuml;nder\n<\/td>\n<td>\n0\n<\/td>\n<td>\n100\n<\/td>\n<td>\n+ 100\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>\nInvestor 1\n<\/td>\n<td>\n100\n<\/td>\n<td>\n200\n<\/td>\n<td>\n+ 100\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>\nInvestor 2\n<\/td>\n<td>\n200\n<\/td>\n<td>\n300\n<\/td>\n<td>\n+ 100\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>\nInvestor 3\n<\/td>\n<td>\n300\n<\/td>\n<td>\n500\n<\/td>\n<td>\n+ 200\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>\nInvestor 4\n<\/td>\n<td>\n500\n<\/td>\n<td>\n0\n<\/td>\n<td>\n&ndash; 500\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>\n<strong>Gesamtposition der Beteiligten<\/strong>\n<\/td>\n<td>\n<\/td>\n<td>\n<\/td>\n<td>\n&plusmn; 0\n<\/td>\n<\/tr>\n<\/table><p>Investor 4 ist also der &bdquo;Dumme&ldquo;. Sein Verlust entspricht genau dem Gewinn, den seine Vorg&auml;nger insgesamt einfahren konnten. Die Geldmenge ist unver&auml;ndert geblieben. Letztlich steht hinter der viel zitierten Geldvernichtung lediglich ein rein virtueller Vorgang. Irgendein Finanzinstrument wird hochgejubelt und landet wieder dort, wo es hergekommen ist. Zwischendurch werden einige Beteiligte reicher, andere &auml;rmer. Im Gesamtergebnis &auml;ndert sich gar nichts.<\/p><p><strong>Eklatantes Missverh&auml;ltnis<\/strong><\/p><p>Das M&auml;rchen von der Geldvernichtung hat jedoch noch eine Fortsetzung. Denn statt einer Geldvernichtung treffen wir in der wirtschaftlichen Realit&auml;t das genaue Gegenteil, n&auml;mlich das Ph&auml;nomen der Geldvermehrung, an. Und diese Geldvermehrung ist sogar erheblich. Wir haben es mit einem aufgeblasenen Finanzsektor zu tun, der die Real&ouml;konomie seit vielen Jahren in einem atemberaubenden Tempo hinter sich l&auml;sst. Die Aufgabe von Banken soll es eigentlich sein, durch das Einsammeln von Eigenkapital, die Hereinnahme von Kundeneinlagen sowie durch Darlehensaufnahme bei der Zentralbank Geldmittel zu generieren, die dann zur Kreditvergabe an Unternehmen und private Haushalte zur Verf&uuml;gung stehen. Wenn Unternehmen Kredite aufnehmen und mit diesen Geldern Investitionsg&uuml;ter kaufen oder Warenbest&auml;nde aufstocken, wenn Privathaushalte mittels Kreditfinanzierung Konsumg&uuml;ter erwerben, flie&szlig;en die vom Bankensystem eingesammelten Gelder wieder in realwirtschaftliche Verwendungszwecke. Demnach sollten die Gr&ouml;&szlig;en &bdquo;reales Wachstum&ldquo; (Wachstum des Bruttoinlandsproduktes &ndash; BIP) und &bdquo;Geldwachstum&ldquo; (Wachstum der den Banken zur Verf&uuml;gung stehenden Geldmittel &ndash; Bankenaktiva) sich eigentlich relativ gleichf&ouml;rmig entwickeln. Das tun sie jedoch bei weitem nicht, wie ein schlichter Vergleich zeigt:<\/p><p>Im Jahr 1991 wurde in Deutschland ein BIP in H&ouml;he von 1.500 Milliarden Euro erwirtschaftet. Gleichzeitig wiesen die Bankenaktiva einen Wert von 2.500 Milliarden Euro auf. Schon damals klaffte eine erhebliche L&uuml;cke zwischen diesen beiden Gr&ouml;&szlig;en. Die Schere ging danach immer weiter auseinander. 2010 hatte das BIP zwar den Wert der Bankenaktiva von 1991 erreicht, nur waren diese noch weitaus kr&auml;ftiger vorangeschritten; sie lagen zu diesem Zeitpunkt &ndash; trotz der Einbr&uuml;che an den Finanzm&auml;rkten in den Jahren 2000\/2001 und 2007\/2008 &ndash; bereits bei 7.400 Milliarden Euro. Innerhalb von 20 Jahren war die realwirtschaftliche Wertsch&ouml;pfung um den Faktor 1,6 gestiegen &ndash; ein Klacks gegen&uuml;ber dem finanzwirtschaftlichen Wachstumsschub, denn hier fand eine Vermehrung um das Dreifache statt, die sich dar&uuml;ber hinaus auf der Basis eines ohnehin hohen Ausgangsniveaus vollzog.<\/p><p>Diese Zahlen beweisen, dass es offenbar Geld in H&uuml;lle und F&uuml;lle gibt und dass ein hoher Anteil der Geldmittel in nicht-realwirtschaftliche, also spekulative Verwendungszwecke flie&szlig;t. Hier locken Zinsen, Dividenden und Kursgewinne; das Anlagegeld wird dadurch immer weiter vermehrt. Hinzu kommt der steuerliche Aspekt: Weltweit haben wir den Trend, dass Ertr&auml;ge aus Kapitalanlagen steuerliche Vorteile gegen&uuml;ber realwirtschaftlich basierten Eink&uuml;nften, vor allem Eink&uuml;nften aus Arbeitsleistungen, genie&szlig;en. So gelten in Deutschland beispielsweise seit der Einf&uuml;hrung der Abgeltungsteuer alle Zins-, Dividenden- und Spekulationsgewinne mit dem Einheitssteuersatz von 25 % als &bdquo;abgegolten&ldquo;. Eine Nachversteuerung ist nicht notwendig. Angesichts eines f&uuml;r die &uuml;brigen Eink&uuml;nfte geltenden (und auch bereits sehr moderaten) Spitzensteuersatzes von 42 % (bzw. 45 % unter  Einbeziehung der &bdquo;Reichensteuer&ldquo;) ist dies &auml;u&szlig;erst gener&ouml;s. Noch krasser sind die Verh&auml;ltnisse in  den USA. Dort zahlen Finanzjongleure geradezu l&auml;cherlich geringe Steuers&auml;tze auf Kapitalertr&auml;ge. <\/p><p>Der Begriff &bdquo;Geldvernichtung&ldquo; im Kontext von Kurseinbr&uuml;chen an den Finanzm&auml;rkten ist falsch. Im Gegenteil &ndash; Geld vermehrt sich aufgrund der exponentiellen Kraft von Zins- und Zinseszinseffekt und einer gezielten Steuerpolitik im Interesse von (Gro&szlig;-)Anlegern ungebremst weiter. Das mangels realwirtschaftlicher Alternativen verf&uuml;gbare gewaltige Spekulationskapital sorgt dann im Endeffekt f&uuml;r jene Verwerfungen, die allgemein als &bdquo;Finanzkrise&ldquo;, &bdquo;Eurokrise&ldquo; oder &bdquo;Staatsschuldenkrise&ldquo; wahrgenommen werden. Auch diese Verwerfungen werden durch unser M&auml;rchen deutlich. Investor 4 schultert die gleiche Summe, die sich zuvor bei den anderen Beteiligten in Form von Gewinnen aufsummiert hat, als Verlust. H&auml;ufen sich bei diesem Investor solche Verlustgesch&auml;fte (oder handelt es sich um einen einzigen Mega-Verlust, der den &uuml;blichen gesch&auml;ftlichen Rahmen des Unternehmens sprengt), steht eine weitere Bankenrettung an, und dann ist wieder der Staat, also die Allgemeinheit, gefordert. <\/p><p>Bei der n&auml;chsten Spekulationsrunde kann die Sache nat&uuml;rlich ganz anders aussehen. Vielleicht ist dann der Investor 3 f&auml;llig. Gef&auml;hrlich ist das Terrain jedenfalls f&uuml;r alle Beteiligten. Und genau hier liegt das eigentliche Problem. Wir m&uuml;ssen daher schleunigst den Finanzsektor nachhaltig regulieren und der Spekulationsflut Einhalt gebieten. Kapitalertr&auml;ge, insbesondere Spekulationsgewinne, sind h&ouml;her zu besteuern; die Einf&uuml;hrung einer internationalen Finanztransaktionssteuer auf  b&ouml;rsliche und au&szlig;erb&ouml;rsliche Gesch&auml;fte ist dringend notwendig.<\/p><p>Wenn wir so weiter machen wie bisher, wird unser Geld- und W&auml;hrungssystem komplett zusammenbrechen. Das w&auml;re dann in der Tat eine Geldvernichtung.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p><em>&bdquo;Eine gigantische Geldvernichtung!&ldquo; &bdquo;Billionenwerte in Luft aufgel&ouml;st!&ldquo; &bdquo;Milliardensummen verbrannt!&ldquo; So &auml;hnlich lauten die Schlagzeilen, wenn die Kurse an den Finanzm&auml;rkten wieder einmal in den Keller rutschen. Geldwerte entstehen, sie wachsen und wachsen &ndash; und fallen dann irgendwann wieder in sich zusammen; so sollte man meinen. Dies ist jedoch blanker Unsinn. 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