{"id":139567,"date":"2025-09-26T11:00:25","date_gmt":"2025-09-26T09:00:25","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=139567"},"modified":"2025-09-25T09:42:49","modified_gmt":"2025-09-25T07:42:49","slug":"das-verschenkte-kapital-wie-kinderarmut-talente-blockiert-und-milliarden-verschwendet","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=139567","title":{"rendered":"Das verschenkte Kapital \u2013 Wie Kinderarmut Talente blockiert und Milliarden verschwendet"},"content":{"rendered":"<p>Deutschland diskutiert Kinderarmut meist als moralisches Problem oder mit zynischer Herablassung, wie sie der neoliberal stramm durchgeformten &bdquo;Leistungselite&ldquo; eigen ist. &Ouml;konomisch betrachtet ist sie l&auml;ngst ein bilanzwirksamer Risikofaktor. W&auml;hrend Politik und &Ouml;ffentlichkeit &uuml;ber Einzelma&szlig;nahmen streiten, bleibt ein harter Befund konstant: Ein signifikanter Teil der Kinder w&auml;chst mit Startnachteilen auf, die sich in schlechteren Schulnoten, geringeren &Uuml;bergangschancen und sp&auml;ter in l&uuml;ckenhaften Erwerbsbiografien niederschlagen &ndash; mit negativen Folgen f&uuml;r Produktivit&auml;t, Steuereinnahmen und soziale Sicherungssysteme. Von <strong>Detlef Koch<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_721\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-139567-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/250924-Kinderarmut-Verschenktes-Kapital-NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/250924-Kinderarmut-Verschenktes-Kapital-NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/250924-Kinderarmut-Verschenktes-Kapital-NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/250924-Kinderarmut-Verschenktes-Kapital-NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=139567-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/250924-Kinderarmut-Verschenktes-Kapital-NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"250924-Kinderarmut-Verschenktes-Kapital-NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>Nach aktuellen Erstzahlen des Statistischen Bundesamts galten 2024 14,4 Prozent der Minderj&auml;hrigen als armutsgef&auml;hrdet; im L&auml;ndervergleich reichen die Quoten von 13,4 Prozent in Bayern bis 41,4 Prozent in Bremen[<a href=\"#foot_1\" name=\"note_1\">1<\/a>]. Diese Spreizung markiert nicht nur soziale Ungleichheit, sondern verweist auf regionale Produktivit&auml;tsl&uuml;cken.<\/p><p>Die These dieses Artikels lautet: Kinderarmut ist kein &bdquo;Privatrisiko&ldquo; einzelner Familien, sondern ein strukturierter Mechanismus, der Bildungsbiografien systematisch beeintr&auml;chtigt und dadurch dauerhaft Wertsch&ouml;pfung verhindert &ndash; ja, richtig geh&ouml;rt! Armut bei Kindern schadet der Volkswirtschaft. Die Kosten tragen nicht nur die Betroffenen &ndash; sie fallen gesamtwirtschaftlich an. Empirische Synthesen aus Daten des <em>Sozio-oekonomischen Panels<\/em> (SOEP), des Nationalen Bildungspanels (NEPS) und des Instituts f&uuml;r Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) sowie modellgest&uuml;tzte Berechnungen vom Deutschen Institut f&uuml;r Wirtschaftsforschung (DIW), der Organisation for Economic Co-operation and Development (OECD) und der Bildungs&ouml;konomie zeigen konsistent: Schlechtere Abschl&uuml;sse f&uuml;hren zu instabileren Erwerbsverl&auml;ufen, zu geringeren Lebensarbeitsverdiensten, zu niedrigeren Steuern und Sozialbeitr&auml;gen und zu h&ouml;heren Transferausgaben.<\/p><p><strong>Bildungswege unter Vorbehalt &ndash; Wie Armut Schulkarrieren pr&auml;gt<\/strong><\/p><p>Den Zusammenhang zwischen Herkunft und Bildungserfolg haben wir schon in <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=138423\">Folge 1 dieser Artikelserie<\/a> angerissen. Der Zusammenhang bleibt in Deutschland hoch. L&auml;ngsschnittdaten zeigen: Von hundert Kindern ohne Armutserfahrung schaffen 36 den Sprung auf das Gymnasium, unter armutsbetroffenen Kindern sind es nur zw&ouml;lf[<a href=\"#foot_2\" name=\"note_2\">2<\/a>] &ndash; sogar dann, wenn die elterliche Bildung vergleichbar ist. Fr&uuml;hentscheidungen an &Uuml;berg&auml;ngen (Kindergarten &ndash; Grundschule &ndash; Sekundarstufe I) wirken wie Filter: Wer mit knappen Ressourcen startet, landet seltener auf anspruchsvollen Bildungspfaden, h&auml;ufiger auf Nebenrouten.<\/p><p>Die Mechanik ist empirisch gut belegt. Erstens fehlen armutsbetroffenen Kindern h&auml;ufiger fr&uuml;he F&ouml;rderimpulse &ndash; von der sprachlichen Anregung bis zur stabilen Lernumgebung. Zweitens schlagen materielle Engp&auml;sse (beengter Wohnraum, fehlende technische Ausstattung, keine Nachhilfe) in schlechtere Noten und Wiederholerquoten um. Drittens wirkt institutionelle Selektion: Lehrkr&auml;fteempfehlungen f&uuml;r weiterf&uuml;hrende Schulformen fallen bei gleicher Leistung f&uuml;r arme Kinder seltener positiv aus &ndash; ein klassischer Verst&auml;rkereffekt. Im NEPS\/ SOEP zeigt sich dieses Muster &uuml;ber die Sekundarstufe I hinweg: Armutsbetroffene verlassen die Schule deutlich h&auml;ufiger ohne Abschluss oder mit Hauptschule; der direkte &Uuml;bergang in Sekundarstufe II oder Ausbildung gelingt nur einer Minderheit.<\/p><p>Hinzu kommt ein Systemfaktor: Die fr&uuml;he Aufteilung nach Schulformen konserviert soziale Herkunft. Wer mit 10 oder 11 Jahren auf einen weniger akademischen Pfad gelenkt wird, hat im Schnitt geringere Chancen, verloren gegangene Optionen sp&auml;ter zur&uuml;ckzugewinnen. Das Ergebnis ist eine &bdquo;Pfadabh&auml;ngigkeit&ldquo; der Bildungsbiografie &ndash; sichtbar etwa im ifo-Chancenmonitor[<a href=\"#foot_3\" name=\"note_3\">3<\/a>], aber auch in kommunalen &Uuml;bergangsstatistiken, die f&uuml;r benachteiligte Quartiere erh&ouml;hte Abbruch- und Wechselquoten ausweisen. F&uuml;r die Volkswirtschaft bedeutet das: Ein Teil des Fundus an wertvollen F&auml;higkeiten (&Ouml;konomen sprechen von Humankapital) wird schon vor Eintritt in den Arbeitsmarkt selektiv geschm&auml;lert.<\/p><p><strong>Vom Bildungsdefizit zur Arbeitsmarktbenachteiligung<\/strong><\/p><p>Die Konsequenzen treten sp&auml;testens beim Einstieg in den Beruf offen zutage. Rund 1,5 Millionen junge Erwachsene (25 &ndash; 34 Jahre) verf&uuml;gen weder &uuml;ber Abitur noch &uuml;ber eine abgeschlossene Berufsausbildung &ndash; &uuml;berproportional viele von ihnen sind in armutsgepr&auml;gten Haushalten aufgewachsen. Diese Gruppe tr&auml;gt ein erh&ouml;htes Risiko, im &bdquo;&Uuml;bergangssystem&ldquo; h&auml;ngen zu bleiben: befristete Ma&szlig;nahmen, Minijobs, kurzfristige Qualifizierungen &ndash; statt eines stabilen Ausbildungsvertrags.<\/p><p>Das Institut f&uuml;r Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) zeigt: Kinder aus langzeitarbeitslosen SGB-II-Haushalten treten sp&auml;ter in sozialversicherungspflichtige Besch&auml;ftigung ein und sind selbst im jungen Erwachsenenalter h&auml;ufiger auf Grundsicherung angewiesen. Bis zum 24. Lebensjahr liegt die Besch&auml;ftigungsquote in dieser Gruppe um rund vier Prozentpunkte niedriger als bei Gleichaltrigen aus nicht armen Familien; etwa zw&ouml;lf Prozent beziehen mit 24 Jahren noch SGB II\/B&uuml;rgergeld &ndash; gegen&uuml;ber rund acht Prozent in der Vergleichsgruppe[<a href=\"#foot_4\" name=\"note_4\">4<\/a>].<\/p><p>Auch in der Entlohnung schl&auml;gt Bildungsbenachteiligung durch. Lebenseinkommensanalysen auf Basis von Sozialversicherungskonten zeigen: Ohne Abschluss summiert sich das Bruttolebenseinkommen im Mittel auf etwa 0,82 Millionen Euro; mit Ausbildung auf knapp eine Million; mit Hochschulabschluss auf rund 1,45 Millionen &ndash; der Abstand betr&auml;gt damit teils &uuml;ber 600.000 Euro. Wer in Armut aufw&auml;chst und niedrigere Abschl&uuml;sse erlangt, ist von diesen Differenzen mittelbar betroffen. Die geringeren Einkommen verringern die individuelle Resilienz gegen Krisen &ndash; und sie reduzieren das k&uuml;nftige Steuer- und Beitragsaufkommen.<\/p><p><strong>Was der Gesellschaft entgeht &ndash; Produktivit&auml;tsverluste und Humankapitalbrachen<\/strong><\/p><p>Die Makroperspektive macht die ordnungspolitische Dimension sichtbar. Jede nicht genutzte Begabung bedeutet niedrigere Bildungsrendite und damit geringere gesamtwirtschaftliche Produktivit&auml;t. In Deutschland wurde das wiederholt modelliert. F&uuml;r einen Schulabg&auml;ngerjahrgang ohne ausreichende Ausbildung entstehen &ndash; &uuml;ber 35 Erwerbsjahre, auf den heutigen Wert zur&uuml;ckgerechnet[<a href=\"#foot_5\" name=\"note_5\">5<\/a>] &ndash; fiskalische Folgekosten von rund 1,5 Milliarden Euro.<\/p><p>Das ist kein Einmaleffekt, sondern ein &bdquo;rollierender&ldquo; Schaden: J&auml;hrlich r&uuml;cken laut Untersuchungen etwa 150.000 Jugendliche ohne abgeschlossene Ausbildung in den Arbeitsmarkt nach &ndash; mit entsprechend dauerhaften Ertragsl&uuml;cken[<a href=\"#foot_6\" name=\"note_6\">6<\/a>].<\/p><p>Auf der Ebene der Gesamtrechnung lassen internationale und nationale Studien &auml;hnliche Gr&ouml;&szlig;enordnungen erkennen. Die OECD beziffert die gesamtwirtschaftlichen Kosten der Kinderarmut in Deutschland auf rund 3,4 Prozent des BIP pro Jahr &ndash; mehr als 100 Milliarden Euro an entgangener Wertsch&ouml;pfung, geringeren Steuern und h&ouml;heren Sozialausgaben. Eine DIW-Modellierung kommt &ndash; im Kontext der Debatte um die Kindergrundsicherung &ndash; auf langfristige Folgekosten unterlassener Armutsbek&auml;mpfung von bis zu 120 Milliarden Euro. Das wirtschaftliche Argument ist damit klar: Pr&auml;vention ist g&uuml;nstiger als Reparatur.<\/p><p>Zur unterbelichteten Seite geh&ouml;rt das Thema Innovation. Wer arm aufw&auml;chst, nimmt seltener an f&ouml;rdernden Lernumgebungen teil und gelangt seltener in akademische Felder mit hoher Forschungsintensit&auml;t. Aus gesamtwirtschaftlicher Sicht ist das &bdquo;Lost Talent&ldquo; &ndash; also ein Mangel an diverser Nachwuchsrekrutierung, der k&uuml;nftige Produktivit&auml;t und Erfindungsdynamik d&auml;mpft. In einer alternden Volkswirtschaft mit bereits sp&uuml;rbarem Fachkr&auml;ftemangel ist das kein Randaspekt, sondern eine Wachstumsbremse erster Ordnung. &bdquo;Herr Merz, h&ouml;ren Sie mir &uuml;berhaupt zu? Ich sagte Wachstumsbremse!&ldquo;<\/p><p><strong>Was fehlt in der &ouml;ffentlichen Debatte?<\/strong><\/p><ol>\n<li>Die konsequente Verbindung von Bildungs- und Industriepolitik: Talentsicherung ist Standortpolitik. <\/li>\n<li>Die regionale Perspektive: Hohe Kinderarmut in strukturschwachen R&auml;umen (z. B. Stadtstaaten, Ruhrgebiet) signalisiert k&uuml;nftige L&uuml;cken in lokalen Fachkr&auml;ftepools.<\/li>\n<li>Eine bessere Verzahnung von Schule, Jugendhilfe und Arbeitsverwaltung, um Br&uuml;che an &Uuml;berg&auml;ngen fr&uuml;h zu verhindern &ndash; bevor sie fiskalisch teuer werden.<\/li>\n<\/ol><p><strong>Die fiskalische Kehrseite &ndash; entgangene Einnahmen und steigende Ausgaben<\/strong><\/p><p>Kinderarmut erzeugt eine doppelte Bilanzverschlechterung: Mindereinnahmen und Mehrausgaben. Auf der Einnahmenseite fehlen Lohn- und Einkommenssteuern sowie Beitr&auml;ge zur Renten- und Arbeitslosenversicherung, weil Betroffene seltener stabil und gut entlohnt besch&auml;ftigt sind. Auf der Ausgabenseite steigen die Kosten f&uuml;r B&uuml;rgergeld, Wohngeld, Grundsicherung im Alter und flankierende Hilfen (Kinder- und Jugendhilfe, kommunale Programme in benachteiligten Quartieren). <\/p><p>Das IAB beziffert die direkten und indirekten Kosten der Arbeitslosigkeit f&uuml;r ein einzelnes Jahr bereits auf 67,9 Milliarden Euro; der &uuml;berproportionale Anteil gering Qualifizierter in Arbeitslosigkeit wirkt hier als Kostenmultiplikator[<a href=\"#foot_7\" name=\"note_7\">7<\/a>].<\/p><p>Die Lebenslaufperspektive verdeutlicht die Tragweite. Phasen ohne Besch&auml;ftigung bedeuten Ausf&auml;lle bei Beitr&auml;gen &ndash; insbesondere seit 2011, weil ALG-II-Bezug keine Rentenanspr&uuml;che mehr begr&uuml;ndet. Die Folge sind L&uuml;cken im Rentenkonto und niedrigere Anwartschaften; das Risiko, im Alter Grundsicherung beziehen zu m&uuml;ssen, steigt. Bereits 2022 erhielten rund 659.000 &uuml;ber 65-J&auml;hrige Grundsicherung; mit dem Nachr&uuml;cken von Jahrg&auml;ngen mit unterbrochenen Erwerbsverl&auml;ufen d&uuml;rfte die Zahl weiter zunehmen. Regional verst&auml;rken sich die Effekte dort, wo Kinderarmut anhaltend hoch ist: Bremen weist nicht nur die h&ouml;chste Kinder-Armutsgef&auml;hrdung aus, sondern auch &uuml;berdurchschnittliche SGB-II-Quoten bei Minderj&auml;hrigen[<a href=\"#foot_8\" name=\"note_8\">8<\/a>].<\/p><p>Die Gegenrechnung liefern positive Szenarien. Das DIW zeigt, dass ein armutsfreier Aufwuchs &ndash; n&auml;herungsweise: wirksame Reduktion der Kinderarmut durch Transfers und Infrastruktur &ndash; langfristig bis zu 110 Milliarden Euro pro Jahr an fiskalischen Belastungen vermeiden k&ouml;nnte[<a href=\"#foot_9\" name=\"note_9\">9<\/a>]. Besonders gewichtig ist der Posten &bdquo;entgangene Lohnsteuer&ldquo;, der in &ouml;konomischen Modellrechnungen rund 70 Prozent der Verluste erkl&auml;rt: H&ouml;here Bildungsabschl&uuml;sse erh&ouml;hen Erwerbsumfang und L&ouml;hne &ndash; und damit das Steueraufkommen. Dass die geplante Kindergrundsicherung in aktuellen Entw&uuml;rfen zwei bis f&uuml;nf Milliarden Euro pro Jahr kostet, wirkt vor diesem Hintergrund wie eine konservative Vorinvestition in k&uuml;nftige Einnahmen.<\/p><p>Wem n&uuml;tzt es? Kurzfristig armen Familien, die Planungssicherheit und Lernchancen gewinnen. Mittel- und langfristig dem Fiskus: mehr Steuer- und Beitragszahler, weniger Transferbedarf. Und der Wirtschaft: breitere Fachkr&auml;ftebasis, h&ouml;here Produktivit&auml;t. F&uuml;r die Kommunen schlie&szlig;lich bedeutet Pr&auml;vention geringere Ausgaben bei Jugendhilfe und Integrationskosten.<\/p><p><strong>Fazit: Die doppelte Ungerechtigkeit &ndash; und die fiskalische Rationalit&auml;t der Pr&auml;vention<\/strong><\/p><p>Kinderarmut ist eine doppelte Ungerechtigkeit. Sie beschneidet individuelle Lebenschancen und unterminiert zugleich die wirtschaftliche Leistungsf&auml;higkeit des Landes. Das Leistungsversprechen des Sozialstaats &ndash; gleiche Chancen unabh&auml;ngig von Herkunft &ndash; wird unterlaufen, solange fr&uuml;he Selektion und fehlende F&ouml;rderung Bildungswege nach Einkommen sortieren. Die empirische Evidenz ist klar: Wer arm aufw&auml;chst, erreicht im Durchschnitt niedrigere Abschl&uuml;sse, startet sp&auml;ter und instabiler ins Berufsleben, verdient weniger, zahlt weniger Steuern und Beitr&auml;ge &ndash; und ist h&auml;ufiger auf Transfers angewiesen.<\/p><p>Selbst wenn manche Politiker mit ethisch-moralischen Imperativen charakterlich &uuml;berfordert sind, sollten sie den Beitrag als eine fiskalische Empfehlung verstehen: Pr&auml;ventive Investitionen rechnen sich. Fr&uuml;hkindliche Bildung, ganzt&auml;gige Schulen mit verbindlicher F&ouml;rderung, Entlastung armer Haushalte durch eine gut gestaltete Kindergrundsicherung sowie passgenaue &Uuml;bergangsbegleitung in Ausbildung und Arbeit &ndash; all das reduziert sp&auml;tere Kosten in Milliardenh&ouml;he. Die Wahl liegt nicht zwischen Ausgaben und Sparen, sondern zwischen kurzfristigen, &uuml;berschaubaren Investitionen und langfristigen, hohen Folgelasten. In unserer alternden Volkswirtschaft ist Talentsicherung kein &bdquo;Sozialprogramm&ldquo;, sondern Kern von Wettbewerbsf&auml;higkeit.<\/p><p>Die &ouml;konomische Bilanz ist damit n&uuml;chtern: Wer heute bei Kindern spart, zahlt morgen mehr &ndash; nicht nur in verlorenen Biografien, sondern in dauerhaft geringerer Produktivit&auml;t und h&ouml;heren &ouml;ffentlichen Ausgaben. Der Weg aus diesem Minus beginnt dort, wo es am wenigsten spektakul&auml;r wirkt: in fr&uuml;her, verl&auml;sslicher und evidenzbasierter F&ouml;rderung &ndash; f&uuml;r jedes Kind.<\/p><p><small>Titelbild: MAYA LAB \/ Shutterstock<\/small><\/p><div class=\"moreLikeThis\">\n<p><strong>Mehr zum Thema:<\/strong><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=138423\">Abgeh&auml;ngt von Anfang an: Die soziale Dimension der Kinderarmut in Deutschland<\/a>\n<\/p><\/div><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><div class=\"footnote\">\n<p>[<a href=\"#note_1\" name=\"foot_1\">&laquo;1<\/a>] Statista-PDF &ndash; Kinderarmut, S. 19, 21<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_2\" name=\"foot_2\">&laquo;2<\/a>] <a href=\"https:\/\/www.boeckler.de\/de\/boeckler-impuls-armut-verbaut-bildungschancen-6547.htm#:~:text=Von%2520100%2520Kindern%252C%2520die%2520niemals,%25C3%25BCber%2520die%2520Runden%2520kommen%2520muss\">Langzeitstudie<\/a> Gerda Holz et al., <em>&ldquo;Zukunftschancen f&uuml;r Kinder!? &ndash; Wirkung von Armut bis zum Ende der Grundschulzeit&rdquo;<\/em>, Endbericht der 3. AWO-ISS-Langzeitstudie (Frankfurt a.&#8239;M., 2006)<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_3\" name=\"foot_3\">&laquo;3<\/a>] <a href=\"https:\/\/www.ifo.de\/en\/publications\/2023\/article-journal\/der-ifo-ein-herz-fuer-kinder-chancenmonitor\">Chancenmonitor<\/a>: Wie (un-)gerecht sind die Bildungschancen von Kindern aus verschiedenen Familien in Deutschland verteilt?<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_4\" name=\"foot_4\">&laquo;4<\/a>] <a href=\"https:\/\/iab-forum.de\/kinder-aus-haushalten-die-ueber-laengere-zeit-sgb-ii-leistungen-beziehen-haben-geringere-ausbildungs-und-beschaeftigungschancen\/\">Kinder aus Haushalten<\/a>, die &uuml;ber l&auml;ngere Zeit SGB-II-Leistungen beziehen, haben geringere Ausbildungs- und Besch&auml;ftigungschancen<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_5\" name=\"foot_5\">&laquo;5<\/a>] &bdquo;abdiskontiert&ldquo; bedeutet in diesem Zusammenhang, dass die berechneten Kosten nicht einfach als aufsummierte Zahl &uuml;ber 35 Jahre angegeben sind, sondern dass man sie auf den heutigen Geldwert zur&uuml;ckgerechnet hat.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_6\" name=\"foot_6\">&laquo;6<\/a>] <a href=\"https:\/\/www.bertelsmann-stiftung.de\/fileadmin\/files\/BSt\/Presse\/imported\/downloads\/xcms_bst_dms_33661_33662_2.pdf#:~:text=sein,Interesse%2520der%2520betroffenen%2520jungen%2520Menschen\">Unzureichende Bildung<\/a>: Folgekosten f&uuml;r die &ouml;ffentlichen Haushalte &ndash; Jutta Allmendinger, Johannes Giesecke und Dirk Oberschachtsiek &ndash; Eine Studie des Wissenschaftszentrum Berlin f&uuml;r Sozialforschung im Auftrag der Bertelsmann Stiftung<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_7\" name=\"foot_7\">&laquo;7<\/a>] <a href=\"https:\/\/diw-econ.de\/wp-content\/uploads\/Diakonie_DIWEcon_Kindergrundsicherung_v4.0.pdf#:~:text=entstehen%2520in%2520Form%2520von%2520entgangenen,in%2520Folge%2520von%2520Stellenwechsel%2520und\">Institut f&uuml;r Arbeitsmarkt- und Berufsforschung<\/a> &ndash; direkte und indirekte Kosten von Arbeitslosigkeit im Jahr 2021 insgesamt ca. 67,9 Milliarden Euro (S. 17) (Hausner, Weber, &amp; Yilmaz, 2022)<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_8\" name=\"foot_8\">&laquo;8<\/a>] Statista-PDF, S. 31&ndash;32<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_9\" name=\"foot_9\">&laquo;9<\/a>] <a href=\"https:\/\/www.diakonie.de\/informieren\/infothek\/2023\/august\/gutachten-zur-kindergrundsicherung-wer-bei-den-kindern-spart-zahlt-spaeter-drauf#:~:text=Notwendig%2520w%25C3%25A4ren%2520mindestens%252020%2520Milliarden,120%2520Milliarden%2520Euro%25E2%2580%259C%252C%2520so%2520Lilie\">Die gesamtgesellschaftlichen Kosten<\/a> vergangener und aktueller Kinderarmut in Deutschland sch&auml;tzt eine aktuelle OECD-Studie (Clarke et al 2022) auf j&auml;hrlich etwa 3,4 Prozent des Bruttoinlandsproduktes (BIP). &bdquo;Wir sprechen hier also von einem zehnfachen Betrag von 110 bis 120 Milliarden Euro&ldquo;, so Diakonie-Pr&auml;sident Ulrich Lilie.&nbsp;\n<\/p><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Deutschland diskutiert Kinderarmut meist als moralisches Problem oder mit zynischer Herablassung, wie sie der neoliberal stramm durchgeformten &bdquo;Leistungselite&ldquo; eigen ist. &Ouml;konomisch betrachtet ist sie l&auml;ngst ein bilanzwirksamer Risikofaktor. W&auml;hrend Politik und &Ouml;ffentlichkeit &uuml;ber Einzelma&szlig;nahmen streiten, bleibt ein harter Befund konstant: Ein signifikanter Teil der Kinder w&auml;chst mit Startnachteilen auf, die sich in schlechteren Schulnoten, geringeren<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=139567\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":139568,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[107,151,146,132],"tags":[882,409,519,342,217,2702,602,1221,2892,408,3424,425],"class_list":["post-139567","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-audio-podcast","category-bildungspolitik","category-soziale-gerechtigkeit","category-ungleichheit-armut-reichtum","tag-armutsgefaehrdung","tag-bildungschancen","tag-diw","tag-iab","tag-kinderarmut","tag-kindergrundsicherung","tag-oecd","tag-perspektivlosigkeit","tag-pfadabhaengigkeit","tag-soziale-herkunft","tag-soziooekonomischer-status","tag-unterschicht"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2025\/09\/shutterstock_2532801567.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/139567","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=139567"}],"version-history":[{"count":10,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/139567\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":139623,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/139567\/revisions\/139623"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/139568"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=139567"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=139567"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=139567"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}