{"id":139598,"date":"2025-09-26T09:00:53","date_gmt":"2025-09-26T07:00:53","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=139598"},"modified":"2025-09-26T17:27:10","modified_gmt":"2025-09-26T15:27:10","slug":"interview-mit-dem-belarussischen-aussenminister-kooperation-im-schatten-des-krieges","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=139598","title":{"rendered":"Interview mit dem belarussischen Au\u00dfenminister: Kooperation im Schatten des Krieges"},"content":{"rendered":"<p>Trotz des Krieges in der Ukraine hat sich die Beziehung zwischen Belarus und Ungarn aufrechterhalten. Ein rationaler und vern&uuml;nftiger Ansatz beim Aufbau bilateraler Beziehungen, basierend auf gesundem Menschenverstand, wurde durch die Abhaltung der Sitzung der Ungarisch-Belarussischen Regierungskommission f&uuml;r Wirtschaftliche Zusammenarbeit in Minsk symbolisiert, ungeachtet der angespannten internationalen Lage. <strong>G&aacute;bor Stier<\/strong> sprach mit dem belarussischen Au&szlig;enminister <strong>Maxim Ryzhenkov<\/strong> &uuml;ber den Krieg in der Nachbarschaft, die Rolle und Au&szlig;enpolitik von Belarus sowie die bilateralen Beziehungen in einem Interview f&uuml;r die Wochenzeitung <em>Demokrata<\/em> und das Portal <em>#Moszkvat&eacute;r<\/em>. Aus dem Ungarischen &uuml;bersetzt von <strong>&Eacute;va P&eacute;li<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\n<strong>G&aacute;bor Stier: Der Krieg in der Nachbarschaft von Belarus dauert seit &uuml;ber drei Jahren an, w&auml;hrend das Land seit f&uuml;nf Jahren harten westlichen Sanktionen ausgesetzt ist. Trotzdem ist die Regierung stabil, das Land ist ruhig, aber der au&szlig;enpolitische Spielraum hat sich verringert &hellip;<\/strong><\/p><p><strong>Maxim Ryzhenkov<\/strong>: Lassen Sie mich gleich klarstellen, dass Belarus nicht seit f&uuml;nf, sondern seit fast 30 Jahren unter westlichen Sanktionen steht &ndash; und zwar, seitdem es begonnen hat, eine unabh&auml;ngige, souver&auml;ne Politik zu verfolgen. W&auml;hrend es damals noch relativ isolierte Beschr&auml;nkungen waren, gibt es heute Hunderte solcher Sanktionen. Der Plan der westlichen L&auml;nder, die belarussische Wirtschaft zu untergraben, ist jedoch gescheitert und hat ihnen selbst Milliardenverluste beschert. Aber das k&ouml;nnen Sie selbst beurteilen. Zum Beispiel war das Wachstum unserer Exporte in den Westen zwischen 2020 und 2024 etwa doppelt so hoch wie das Wachstum der Warenlieferungen aus der Europ&auml;ischen Union auf die Weltm&auml;rkte.<\/p><p>Diese paradoxe Situation irritiert die europ&auml;ischen Beamten zutiefst, aber es ist eine Tatsache, dass es weder gelungen ist, Belarus noch Russland zu isolieren. Sie haben sich selbst bestraft, indem sie die Lieferketten von G&uuml;tern und Dienstleistungen zu den weiten M&auml;rkten im Osten unterbrochen haben.<\/p><p>Die direkten j&auml;hrlichen Verluste der litauischen Wirtschaft, die sich aus dem Abbruch der Beziehungen zu Belarus ergeben, werden beispielsweise auf etwa eine Milliarde US-Dollar gesch&auml;tzt. Aber das ist noch nicht alles. Die Ersetzung westlicher Produkte durch Waren aus den sogenannten Schwellenl&auml;ndern hat sowohl in Belarus als auch in Russland zum Wirtschaftswachstum beigetragen. Die Ma&szlig;nahmen der Europ&auml;ischen Union haben also das Produktionswachstum angeregt, weshalb ich nicht von einer Verringerung des belarussischen au&szlig;enpolitischen und au&szlig;enwirtschaftlichen Spielraums sprechen kann. Belarus handelt weiterhin mit 200 L&auml;ndern und Regionen, erweitert seine Absatzm&auml;rkte und gewinnt neue Partner. In den vorherigen vier Jahren sind die Exporte nach Asien, in den Nahen Osten, nach Afrika und Lateinamerika um das 2,2-Fache gestiegen, und ihr Anteil am Gesamtexport hat heute 20 Prozent erreicht. Trotz aller Beschr&auml;nkungen entwickelt sich die unsere Wirtschaft schneller als die europ&auml;ische und die globale. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) ist 2023 und 2024 um vier Prozent gestiegen, w&auml;hrend das Wirtschaftswachstum in der EU auf ein Prozent gesunken ist.<\/p><p><strong>Wo sehen Sie die Rolle von Belarus in dieser Situation, wie w&uuml;rden Sie die Richtung und die Bestrebungen seiner Au&szlig;enpolitik beschreiben?<\/strong><\/p><p>Unsere Au&szlig;enpolitik hat sich nicht grundlegend ge&auml;ndert. Sie bleibt auf mehrere Richtungen ausgerichtet und zeichnet sich durch Offenheit, Berechenbarkeit sowie die Prinzipien der Gleichheit, des gegenseitigen Nutzens und der Nichteinmischung aus. Wir vertiefen weiterhin unsere Allianzbeziehungen zu Russland und die strategische Partnerschaft mit China, parallel zum Ausbau unserer Beziehungen zu den Staaten Asiens, Afrikas und Lateinamerikas.<\/p><p>Wir pflegen intensive Beziehungen auf hohem Niveau zu vielen europ&auml;ischen L&auml;ndern &ndash; vor allem zu Ungarn. Ich bin der F&uuml;hrung des Landes dankbar f&uuml;r ihre Unterst&uuml;tzung und ihren Widerstand gegen den Druck aus Br&uuml;ssel.<\/p><p>Belarus beteiligt sich zunehmend an der Arbeit regionaler und interregionaler Integrationsb&uuml;ndnisse. Im Juli 2024 wurde das Land Vollmitglied einer der gr&ouml;&szlig;ten und einflussreichsten regionalen Strukturen, der Shanghaier Organisation f&uuml;r Zusammenarbeit (SOZ). Au&szlig;erdem ist es seit Oktober 2024 BRICS-Partner. Das Wichtigste ist, dass wir in dieser &auml;u&szlig;erst schwierigen geopolitischen Lage den Frieden und die wirtschaftliche Stabilit&auml;t bewahrt und unseren B&uuml;rgern einen anst&auml;ndigen Lebensstandard gesichert haben.<\/p><p><strong>Inwieweit k&ouml;nnte sich diese Situation mit einem zuk&uuml;nftigen Friedensabkommen in der Ukraine &auml;ndern?<\/strong><\/p><p>Wir sind uns der Risiken, die mit dem anhaltenden Konflikt in der Ukraine verbunden sind, sehr bewusst. Aus diesem Grund begr&uuml;&szlig;t und unterst&uuml;tzt Minsk alle Initiativen zur Deeskalation und zur friedlichen Beilegung des Konflikts.<\/p><p>Von Beginn an hat die belarussische Seite zur Stabilisierung der Situation beigetragen und setzt dies fort. Wir haben bereits umfassende Erfahrung in der Organisation von Friedensprozessen, wie die Arbeit der Trilateralen Kontaktgruppe im Rahmen des Minsker Prozesses von 2014 bis 2022 belegt.<\/p><p>Nach dem Ausbruch des milit&auml;rischen Konflikts fanden die ersten drei Runden der russisch-ukrainischen Verhandlungen in Belarus statt. Zudem erleichtern wir den Austausch von Toten und Kriegsgefangenen, wo dies m&ouml;glich ist.<\/p><p>Obwohl Belarus keine Vermittlerrolle anstrebt, sind wir bereit, diese Mission zu &uuml;bernehmen und den Prozess mit voller Verantwortung zu organisieren, falls unsere Nachbarn dies zum Wohle des Friedens w&uuml;nschen.<\/p><p><strong>Was unternimmt Belarus, um nicht direkt in den Krieg verwickelt zu werden?<\/strong><\/p><p>Die Umrisse einer L&ouml;sung f&uuml;r den Ukraine-Konflikt wurden von Donald Trump und Wladimir Putin abgesteckt. Obwohl der Gipfel in Anchorage offiziell ein bilaterales Treffen war, fungierte Aljaksandr Lukaschenka de facto als dritte Partei in den Verhandlungen. Sowohl Putin als auch Trump hatten vor dem Treffen mit ihm telefoniert, was nicht &uuml;berrascht: Das Engagement des belarussischen Pr&auml;sidenten f&uuml;r eine friedliche Beilegung von Konflikten und die Wiederherstellung eines gerechten Gleichgewichts in der internationalen Sicherheit ist bekannt.<\/p><p>Im Zuge der belarussischen Friedensbem&uuml;hungen haben wir 2023 und 2024 bereits zwei internationale Konferenzen zur eurasischen Sicherheit in Minsk ausgerichtet. Eine dritte ist f&uuml;r diesen Oktober geplant. Wir erwarten erneut eine hochrangige Vertretung Ungarns, dessen Standpunkt f&uuml;r uns &ndash; und nicht nur f&uuml;r uns &ndash; von gro&szlig;er Bedeutung ist.<\/p><p><strong>Was ist Ihrer Meinung nach das gr&ouml;&szlig;te Hindernis f&uuml;r die Beendigung des Krieges? Gibt es eine realistische Chance daf&uuml;r in absehbarer Zeit, vielleicht noch im Jahr 2025?<\/strong><\/p><p>Trotz der aggressiven, revanchistischen Rhetorik einiger europ&auml;ischer M&auml;chte und der Versuche, die Abkommen zwischen Donald Trump und Wladimir Putin zu sabotieren, bin ich &uuml;berzeugt, dass langfristig der gesunde Menschenverstand siegen wird, Moskau und Kiew sich einigen werden und die Konfrontation endet. Es ist nur eine Frage der Zeit und des politischen Willens.<\/p><p><strong>Der Krieg und die aktuelle Lage binden Belarus noch st&auml;rker an Russland. Ihre B&uuml;rger k&ouml;nnen nun auch bei den russischen Wahlen abstimmen. Wie sollen wir das interpretieren?<\/strong><\/p><p>Die strategische Partnerschaft zwischen Belarus und Russland hat derzeit ihren H&ouml;hepunkt erreicht. Tats&auml;chlich k&ouml;nnen wir dem Westen in gewisser Weise dankbar sein: Der externe Druck und die Gegner haben uns gezwungen, eine qualitativ neue Ebene der wirtschaftlichen Integration zu erreichen. Dies hat die Schaffung technologischer Souver&auml;nit&auml;t und einheitlicher Energiem&auml;rkte in unseren L&auml;ndern beschleunigt.<\/p><p>Heute genie&szlig;en die B&uuml;rger beider Staaten gleiche Rechte in Bezug auf Freiz&uuml;gigkeit, Sozial- und Rentenversicherung, Bildung, Aufenthalt und Besch&auml;ftigung. K&uuml;rzlich wurde sogar das aktive und passive Wahlrecht bei Kommunalwahlen f&uuml;r Belarussen und Russen, die im jeweils anderen Land leben, eingef&uuml;hrt. All diese Schritte f&ouml;rdern eine effektive und echte Integration in den verschiedensten Bereichen des staatlichen und &ouml;ffentlichen Lebens.<\/p><p><strong>Wie weit ist der Aufbau des belarussisch-russischen Unionsstaates derzeit fortgeschritten?<\/strong><\/p><p>Unter den derzeitigen schwierigen Umst&auml;nden st&auml;rken sich Minsk und Moskau gegenseitig. Meiner Meinung nach bleiben andere Integrationsprojekte, an denen Belarus und Russland beteiligt sind, in Bezug auf die erzielten Ergebnisse deutlich hinter dem Unionsstaat zur&uuml;ck.<\/p><p>Gleichzeitig lassen sich die Belarussen nicht auf eine k&uuml;nstliche &bdquo;Entweder-oder&ldquo;-Wahl ein und spielen nicht nach den Regeln anderer. Ich m&ouml;chte betonen, dass der Begriff &bdquo;sekund&auml;rer Partner&ldquo; im Vokabular belarussischer Diplomaten nicht existiert.<\/p><p>Wir sind offen f&uuml;r die Zusammenarbeit mit jedem Land, das zu einem gleichberechtigten, ehrlichen und respektvollen Dialog bereit ist.<\/p><p><strong>An der gemeinsamen Grenze von Belarus mit Polen und Litauen wird ein Zaun gebaut, was auch symbolisch die Blockbildung der Welt signalisiert. Ob gewollt oder nicht, diese Situation dr&auml;ngt Belarus zum sogenannten Globalen S&uuml;den.<\/strong><\/p><p>Der von den polnischen und litauischen Beh&ouml;rden an der belarussischen Grenze errichtete Zaun ist nicht nur ein Symbol der Ohnmacht und unbegr&uuml;ndeter Phobien, sondern auch ein Zeichen daf&uuml;r, dass die F&uuml;hrungen einiger europ&auml;ischer L&auml;nder unf&auml;hig sind, eine eigenst&auml;ndige Au&szlig;enpolitik zu betreiben. Ganz zu schweigen von den finanziellen Problemen, die den Erfindern des &bdquo;goldenen Zauns&ldquo; entstehen.<\/p><p>Jeder vern&uuml;nftige Mensch versteht, dass das eigentliche Ziel der polnischen und litauischen Eliten darin besteht, in der eigenen Bev&ouml;lkerung und bei den europ&auml;ischen Partnern eine st&auml;ndige Angst und Bedrohung aufrechtzuerhalten. Dieses Bestreben f&uuml;hrt zu immer mehr neuen Milit&auml;rprojekten, die anschlie&szlig;end aus den Haushalten der EU und der NATO finanziert werden sollen.<\/p><p>Gleichzeitig ignorieren Warschau und Vilnius die offensichtlichen Ursachen der Situation. Die &uuml;berwiegende Mehrheit der Migranten stammt aus L&auml;ndern, in denen die sogenannten Kr&auml;fte des kollektiven Westens Milit&auml;roperationen durchf&uuml;hrten, die die Bedingungen und Infrastruktur f&uuml;r ein normales Leben zerst&ouml;rten und Zivilisten t&ouml;teten. All dies hat eine massive Fl&uuml;chtlingswelle ausgel&ouml;st.<\/p><p>Die Folgen der gescheiterten Migrationspolitik der EU sind bereits f&uuml;r die polnischen Beh&ouml;rden sp&uuml;rbar, die gezwungen sind, die Grenzkontrollen zu Deutschland wieder einzuf&uuml;hren. In j&uuml;ngster Zeit hat sich die westliche Richtung zu einer der gef&auml;hrlichsten Routen f&uuml;r illegale Migration nach Warschau entwickelt.<\/p><p><strong>Warschau sieht in Belarus eine Sicherheitsherausforderung nicht nur wegen der russischen Pr&auml;senz, sondern auch wegen der Migration, die seiner Meinung nach als Hybridwaffe genutzt wird. Wie geht Minsk mit der Einwanderungsfrage um?<\/strong><\/p><p>Sehen Sie, die Europ&auml;ische Union hat die Zusammenarbeit mit Belarus im Kampf gegen die illegale Migration eingestellt, unfaire und illegale Sanktionen gegen unser Land verh&auml;ngt und grenz&uuml;berschreitende Projekte eingefroren. Hier ist es sehr passend, an die k&uuml;rzlich ge&auml;u&szlig;erten Worte von Pr&auml;sident Lukaschenka zu erinnern, dass Belarus nicht mit einer Schlinge um den Hals die Interessen der Polen und Balten verteidigen wird.<\/p><p>Ein separates Thema ist die T&auml;tigkeit von organisierten kriminellen Gruppen in Polen, die in Absprache mit lokalen Beamten Migranten gegen Geld bei der illegalen Einreise nach Polen helfen. Es ist sehr bequem, sich hinter dem Popanz des &bdquo;hybriden Krieges&ldquo; zu verstecken, um mit den Fl&uuml;chtlingen Geld zu verdienen, die versuchen, aus der hoffnungslosen Lage in ihren L&auml;ndern zu entkommen.<\/p><p>In diesem Zusammenhang muss der Visa-Skandal erw&auml;hnt werden, der die polnische &Ouml;ffentlichkeit zutiefst schockiert hat. Polnische Auslandsvertretungen haben lange Zeit gegen Bestechung gro&szlig;z&uuml;gig Visa an die &auml;rmsten L&auml;nder des &bdquo;Globalen S&uuml;dens&ldquo; vergeben. Mehr als 360.000 Visa wurden allein an Migranten aus muslimischen L&auml;ndern &bdquo;ausgestellt&ldquo;. Wir haben oft gesagt, dass der Kampf gegen die illegale Migration gemeinsam gef&uuml;hrt werden muss. In der Praxis sind wir jedoch leider weit davon entfernt. Es war besonders vielsagend, dass die polnischen Beh&ouml;rden die Teilnahme an der internationalen Konferenz zur Bek&auml;mpfung der illegalen Migration, die im November 2024 in Minsk stattfand, abgelehnt haben. 150 Personen aus mehr als 30 L&auml;ndern kamen zusammen. Aber Polen interessierte das nicht.<\/p><p><strong>Welche Chancen hat Ihrer Meinung nach die nicht-westliche Welt in der entstehenden neuen Weltordnung?<\/strong><\/p><p>Es ist klar, dass der &bdquo;Globale S&uuml;den&ldquo; bereits jetzt zu einer wichtigen wirtschaftlichen Kraft geworden ist und seine Rolle im globalen Koordinatensystem in Zukunft noch entscheidender sein wird. Die Wirtschaften mehrerer dieser L&auml;nder wachsen schneller als die der entwickelten n&ouml;rdlichen Staaten. All dies hat logischerweise dazu gef&uuml;hrt, dass sich die weltweiten Handels-, Finanz- und Investitionszentren nach Asien verlagert haben. W&auml;hrend sich der Westen zunehmend von den Prinzipien des Freihandels entfernt, unterst&uuml;tzen die L&auml;nder des &bdquo;Globalen S&uuml;dens&ldquo; weiterhin aktiv die globale wirtschaftliche Integration unter gleichen Bedingungen.<\/p><p>Trotz der objektiven Unterschiede verbindet die meisten von ihnen eine &auml;hnliche Einsch&auml;tzung der aktuellen globalen Prozesse und der Wunsch nach einer gerechten und nachhaltigen Weltordnung.<\/p><p>Der Bedarf an einer Institutionalisierung der Zusammenarbeit, an der St&auml;rkung und Erweiterung regionaler und interregionaler Organisationen wie der Afrikanischen Union, der ASEAN (Verband S&uuml;dostasiatischer Nationen), der CELAC (Gemeinschaft der Lateinamerikanischen und Karibischen Staaten), der Shanghaier Organisation f&uuml;r Zusammenarbeit (SOZ) und der BRICS w&auml;chst. Die L&auml;nder des &bdquo;Globalen S&uuml;dens&ldquo;, die bereits die globale Mehrheit bilden, setzen sich f&uuml;r die Aufrechterhaltung der internationalen Sicherheit auf der Grundlage der UN-Charta ein und betonen die Bedeutung der friedlichen Beilegung internationaler Streitigkeiten. Belarus teilt die Prinzipien und Ansichten der sogenannten globalen Mehrheit, betrachtet sich als integralen Bestandteil dieses Blocks und beteiligt sich aktiv an der Gestaltung einer neuen Weltordnung. Ich bin &uuml;berzeugt, dass die weitere Entwicklung der westlichen L&auml;nder in hohem Ma&szlig;e davon abh&auml;ngt, ob sie in der Lage sind, sich in die neue Realit&auml;t zu integrieren, sich von veralteten Dogmen und Stereotypen zu l&ouml;sen und langfristige, gleichberechtigte und respektvolle Beziehungen zum &bdquo;Globalen S&uuml;den&ldquo; aufzubauen.<\/p><p><strong>Russische Atomwaffen wurden auf belarussischem Territorium stationiert. Inwieweit st&auml;rkt das die Sicherheit des Landes? Haben Sie keine Angst vor dem in letzter Zeit so oft erw&auml;hnten Atomkrieg?<\/strong><\/p><p>Belarus hat wiederholt vor der provokativen Ann&auml;herung der NATO-Milit&auml;rinfrastruktur an die Grenzen des russisch-belarussischen Unionsstaates gewarnt. Die ungez&uuml;gelte Militarisierung Europas, die das Machtgleichgewicht untergr&auml;bt, gibt uns Anlass zu ernsthafter Besorgnis. Wir beabsichtigen nicht, gedankenlos teure Waffen zu kaufen und unsere Armee auf das Vielfache aufzustocken. Wir wollen Belarus nicht in ein Waffenlager verwandeln. Angesichts der aktuellen Lage sind wir jedoch gezwungen, defensive Gegenma&szlig;nahmen zu ergreifen, um die Verteidigungsf&auml;higkeit unseres Landes zu st&auml;rken.<\/p><p>Dabei z&auml;hlen wir selbstverst&auml;ndlich auf die Unterst&uuml;tzung unseres engsten Verb&uuml;ndeten Russland. Im Dezember 2024 unterzeichneten die Pr&auml;sidenten beider L&auml;nder ein Abkommen &uuml;ber Sicherheitsgarantien innerhalb des Unionsstaates. Dieses besagt, dass der russische &bdquo;nukleare Schirm&ldquo; Belarus genauso sch&uuml;tzt, wie Russland zum Schutz seiner eigenen Interessen reagieren w&uuml;rde. Ich m&ouml;chte betonen, dass das Abkommen den Einsatz taktischer Atomwaffen nur als &auml;u&szlig;erste und erzwungene Gegenma&szlig;nahme erlaubt.<\/p><p>Pr&auml;sident Lukaschenka sagte k&uuml;rzlich, es sei &bdquo;v&ouml;llig nat&uuml;rlich, dass die Belarussen unter den gegenw&auml;rtigen Umst&auml;nden zus&auml;tzliche Garantien ben&ouml;tigen; dies fordern unsere nationalen Interessen. Aus diesem Grund wurden taktische Atomwaffen in der Republik Belarus stationiert.&ldquo;<\/p><p>Auch die russischen ballistischen Mittelstreckenraketen vom Typ Oreschnik werden ausschlie&szlig;lich zu Verteidigungszwecken auf dem Territorium von Belarus stationiert. All dies sind wichtige Elemente der strategischen Abschreckung.<\/p><p>Weder in Minsk noch in Moskau will jemand eine nukleare Konfrontation. Wie Pr&auml;sident Lukaschenka wiederholt erkl&auml;rt hat, ist der Besitz von Atomwaffen eine gro&szlig;e Verantwortung. Wir werden niemals die Ersten sein, die solche Waffen einsetzen. Wir betrachten ihre Pr&auml;senz in unserem Verteidigungsarsenal in erster Linie als Abschreckung und als Garantie f&uuml;r die Sicherheit unseres Landes.<\/p><p><strong>Trotz des Drucks auf Belarus unterh&auml;lt Budapest weiterhin pragmatische Beziehungen zu Minsk. Welche Bedeutung und welche Botschaft k&ouml;nnen diese Beziehung in einer so zugespitzten internationalen Lage haben?<\/strong><\/p><p>Dieser Ansatz steht im Einklang mit dem au&szlig;enpolitischen Konzept Ungarns, das Offenheit sowohl nach Osten als auch nach S&uuml;den voraussetzt. Dieses Prinzip &auml;hnelt in vielerlei Hinsicht der multivektoriellen Diplomatie von Belarus. Der Wunsch nach einer gegenseitig vorteilhaften und respektvollen Zusammenarbeit mit einer breiten Palette von Partnern ist jedoch nicht das Einzige, was unsere L&auml;nder verbindet. &Auml;hnlichkeiten im Verst&auml;ndnis von Souver&auml;nit&auml;t als Grundwert, der Wunsch, nationale Interessen zu sch&uuml;tzen und die Identit&auml;t zu bewahren, sowie die Ablehnung der Politik illegaler Sanktionen, die von einigen L&auml;ndern des sogenannten kollektiven Westens verh&auml;ngt wurden, sind wichtige Verbindungspunkte, die zur Entwicklung der belarussisch-ungarischen Zusammenarbeit beitragen.<\/p><p>&Auml;hnlich wie Belarus ist auch Ungarn an der Wahrung von Frieden und Harmonie im gemeinsamen eurasischen Raum interessiert und unternimmt erhebliche Anstrengungen, um dies zu erreichen.<\/p><p>Wir sch&auml;tzen die Teilnahme von Au&szlig;enminister P&eacute;ter Szijj&aacute;rt&oacute; an den Internationalen Konferenzen zur Eurasischen Sicherheit 2023 und 2024 in Minsk. Vor einem Jahr hat mein hochgesch&auml;tzter Kollege nicht nur die Teilnehmer und G&auml;ste der Konferenz mit seiner Rede in russischer Sprache beeindruckt, sondern auch den Standpunkt Budapests zu globalen Sicherheitsfragen erneut detailliert und lebhaft dargelegt. Ich bin &uuml;berzeugt, dass unsere L&auml;nder gemeinsam dazu beitragen k&ouml;nnen, die Sicherheitsarchitektur unserer Region zu st&auml;rken und die strategische Stabilit&auml;t aufrechtzuerhalten. W&auml;hrend also einige nur dar&uuml;ber reden, tun andere etwas daf&uuml;r. Belarus und Ungarn haben tats&auml;chlich viele Gemeinsamkeiten, die es uns erm&ouml;glichen, die freundschaftlichen Beziehungen auch unter den gegenw&auml;rtig schwierigen Umst&auml;nden zu pflegen und eine f&uuml;r unsere L&auml;nder und V&ouml;lker gegenseitig vorteilhafte Partnerschaft aufzubauen. In dieser Zusammenarbeit liegt ein erhebliches Potenzial &ndash; unter anderem in den Bereichen Atomenergie, Landwirtschaft, humanit&auml;re Zusammenarbeit und internationale Organisationen &ndash;, das wir noch nicht vollst&auml;ndig ausgesch&ouml;pft haben.<\/p><p><strong>K&ouml;nnen wir trotz Sanktionen und in der Nachbarschaft des Krieges &uuml;berhaupt von funktionierenden Wirtschaftsbeziehungen sprechen?<\/strong><\/p><p>Die Zusammenarbeit zwischen Belarus und Ungarn richtet sich gegen niemanden. Sie dient den Interessen der V&ouml;lker und Volkswirtschaften beider L&auml;nder und entwickelt sich auch unter den derzeitigen, au&szlig;erordentlich schwierigen Umst&auml;nden recht effizient.<\/p><p>In den letzten Jahren fanden zahlreiche gegenseitige Besuche auf der Ebene der Au&szlig;enminister statt. Die bilaterale Wirtschaftskommission und die sektoralen Arbeitsgruppen konnten ihre Arbeit in Form von pers&ouml;nlichen Treffen wieder aufnehmen. In den Jahren 2023 und 2024 fanden in Budapest und Minsk zwei bilaterale Gesch&auml;ftsforen und ein Investitionsforum mit &uuml;ber 200 belarussischen und ungarischen Unternehmen statt. Zuletzt hielten wir die 13. Sitzung der belarussisch-ungarischen Regierungskommission und ein bilaterales Gesch&auml;ftsforum in Minsk ab.<\/p><p><strong>Was kann Belarus derzeit anbieten, und was erwartet es von Ungarn?<\/strong><\/p><p>Leider ist eine echte Zusammenarbeit heute nur in Bereichen m&ouml;glich, die nicht unter Sanktionen fallen. Belarus ist an der Zusammenarbeit mit Ungarn in vielen Bereichen interessiert. So bleibt es ein wichtiger Partner beim Bau der beiden Bl&ouml;cke des Kernkraftwerks Paks II. Wir d&uuml;rfen nicht vergessen, dass das Belarus Kernkraftwerk (Anm. Red.: eines der gr&ouml;&szlig;ten gemeinsamen Projekte von Rosatom und der Republik Belarus) auch eine Referenz f&uuml;r Paks darstellt &ndash; ebenso, wie Belarus auch Teil der Ost-West-Energie-Transit-Infrastruktur ist. Ungarische Unternehmen zeigen zudem traditionell Interesse am Erwerb hochwertiger Produkte der belarussischen Maschinenindustrie, insbesondere von Landmaschinen. Es gibt ernsthafte M&ouml;glichkeiten im Bereich der Landwirtschaft. Ungarische Partner sind daran interessiert, die Lieferung von belarussischem Kaliumd&uuml;nger wieder aufzunehmen. Aber auch ungarische Waren haben l&auml;ngst ihren Weg auf unseren Markt gefunden, und ihr Angebot &ndash; wie Wein und Erfrischungsgetr&auml;nke, Saatgut, Gefl&uuml;gelprodukte, Medikamente &ndash; w&auml;chst stetig. Selbst inmitten des beispiellosen externen Drucks haben Belarus und Ungarn nicht nur eine M&ouml;glichkeit zum Dialog gefunden, sondern bauen auch aktiv eine gegenseitig vorteilhafte Partnerschaft auf. Anstelle einer spaltenden Rhetorik w&auml;hlen unsere L&auml;nder den Weg des Pragmatismus und des gegenseitigen Respekts. Diese Zusammenarbeit ist ein klarer Beweis daf&uuml;r, dass eine echte Freundschaft selbst in den verworrensten politischen Labyrinthen einen Weg finden kann.<\/p><p><em>Der Beitrag ist auf Ungarisch auf dem Portal <a href=\"https:\/\/moszkvater.com\/pragmatikus-egyuttmukodes-a-haboru-arnyekaban\/\">#Moszkvater<\/a> erschienen.<\/em><\/p><p><small>Titelbild: <a href=\"https:\/\/moszkvater.com\/pragmatikus-egyuttmukodes-a-haboru-arnyekaban\/\">Moszkvater<\/a><\/small><\/p><div class=\"moreLikeThis\">\n<strong>Mehr zum Thema:<\/strong>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=77929\">Polen\/Wei&szlig;russland &ndash; Kann aus einer Fl&uuml;chtlingskrise ein milit&auml;rischer Konflikt werden?<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=72979\">Wei&szlig;russland, die Gr&uuml;nen und die Propaganda<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=63885\">Wei&szlig;russland &ndash; eine Einsch&auml;tzung des Umgangs mit diesem Land von Willy Wimmer<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=63793\">Was will die Opposition in Wei&szlig;russland?<\/a>\n<\/p><\/div><p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/vg01.met.vgwort.de\/na\/e9c194d008274b64b012960c2e5c4361\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Trotz des Krieges in der Ukraine hat sich die Beziehung zwischen Belarus und Ungarn aufrechterhalten. 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