{"id":139633,"date":"2025-09-25T14:00:12","date_gmt":"2025-09-25T12:00:12","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=139633"},"modified":"2025-09-29T11:10:31","modified_gmt":"2025-09-29T09:10:31","slug":"chatkontrolle-der-groesste-angriff-auf-unsere-privatsphaere-seit-der-vorratsdatenspeicherung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=139633","title":{"rendered":"Chatkontrolle: Der gr\u00f6\u00dfte Angriff auf unsere Privatsph\u00e4re seit der Vorratsdatenspeicherung"},"content":{"rendered":"<p>Es klingt f&uuml;rsorglich, fast harmlos. Wer k&ouml;nnte schon dagegen sein, Kinder vor Missbrauch zu sch&uuml;tzen? Mit diesem moralischen Schutzschild treibt die Europ&auml;ische Union derzeit ein Projekt voran, das unsere digitale Welt f&uuml;r immer ver&auml;ndern k&ouml;nnte: die sogenannte Chatkontrolle. Offiziell soll sie helfen, Bilder und Videos von Kindesmissbrauch im Netz aufzusp&uuml;ren. In Wahrheit aber bedeutet sie nichts anderes als die Abschaffung privater Kommunikation, wie wir sie kennen. Von <strong>G&uuml;nther Burbach<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_9252\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-139633-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/250924_Chatkontrolle_Der_groesste_Angriff_auf_unsere_Privatsphaere_seit_der_Vorratsdatenspeicherung_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/250924_Chatkontrolle_Der_groesste_Angriff_auf_unsere_Privatsphaere_seit_der_Vorratsdatenspeicherung_NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/250924_Chatkontrolle_Der_groesste_Angriff_auf_unsere_Privatsphaere_seit_der_Vorratsdatenspeicherung_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/250924_Chatkontrolle_Der_groesste_Angriff_auf_unsere_Privatsphaere_seit_der_Vorratsdatenspeicherung_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=139633-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/250924_Chatkontrolle_Der_groesste_Angriff_auf_unsere_Privatsphaere_seit_der_Vorratsdatenspeicherung_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"250924_Chatkontrolle_Der_groesste_Angriff_auf_unsere_Privatsphaere_seit_der_Vorratsdatenspeicherung_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>Denn was geplant ist, sprengt jedes Ma&szlig;. K&uuml;nftig sollen s&auml;mtliche privaten Nachrichten &ndash; ob bei WhatsApp, Signal, Threema oder in der E-Mail &ndash; vor der Verschl&uuml;sselung auf den Ger&auml;ten selbst durchsucht werden. Algorithmen w&uuml;rden Fotos, Texte und Videos scannen, angeblich nur nach verd&auml;chtigen Inhalten. Doch einmal etabliert, k&ouml;nnte dieses System beliebig erweitert werden. Im Klartext: Die EU arbeitet an einem Mechanismus, der jede Nachricht eines jeden B&uuml;rgers pr&auml;ventiv kontrolliert. Das ist nichts anderes als eine digitale Hausdurchsuchung, fl&auml;chendeckend, anlasslos und dauerhaft.<\/p><p><strong>Die Heuchelei der EU<\/strong><\/p><p>Deutschland und Luxemburg haben sich zwar offiziell gegen den Vorsto&szlig; gestellt, Datensch&uuml;tzer warnen vor einem Dammbruch, B&uuml;rgerrechtler sprechen vom gr&ouml;&szlig;ten Angriff auf die Privatsph&auml;re seit der Vorratsdatenspeicherung. Doch die Erfahrung mit Br&uuml;ssel zeigt: Was einmal auf den Tisch gelegt wird, verschwindet nicht mehr. Auch die Vorratsdatenspeicherung wurde nach ihrer verfassungsrechtlichen Schlappe immer wieder neu aufgelegt, leicht modifiziert, umetikettiert, politisch weichgesp&uuml;lt. Dasselbe droht nun mit der Chatkontrolle. Heute hei&szlig;t es noch &bdquo;nur gegen Kindesmissbrauch&ldquo;, morgen k&ouml;nnte es um Terrorismus gehen, &uuml;bermorgen um &bdquo;Hassrede&ldquo; und bald um jede Form politisch unliebsamer Kommunikation.<\/p><p>Die Heuchelei der EU ist dabei kaum zu &uuml;berbieten. Auf der einen Seite br&uuml;stet man sich mit der DSGVO als weltweitem &bdquo;Goldstandard f&uuml;r Datenschutz&ldquo;. Auf der anderen Seite plant man ein System, das den Kern des Datenschutzes zerst&ouml;rt: die Ende-zu-Ende-Verschl&uuml;sselung. Was auf dem Handy, Tablet oder PC der B&uuml;rger passiert, soll k&uuml;nftig kein privater Raum mehr sein, sondern ein &uuml;berwachter Bereich, in dem Algorithmen alles durchsuchen d&uuml;rfen. Man verkauft es als Schutz, in Wirklichkeit ist es der Einstieg in eine &Uuml;berwachungsinfrastruktur, wie sie autorit&auml;re Staaten seit Jahren anstreben.<\/p><p>Nat&uuml;rlich gibt es Profiteure. Die Sicherheitsbeh&ouml;rden sehen sich in ihrem alten Traum best&auml;tigt: Ein System, das keine Schlupfl&ouml;cher mehr kennt, das jede Kommunikation vorsorglich durchleuchtet, das ausnahmslos alle B&uuml;rger in Verdacht stellt. Big Tech darf sich ebenfalls freuen, denn die Umsetzung von &bdquo;Client-Side-Scanning&ldquo; erfordert gigantische Investitionen in Technik und Infrastruktur. Kleine Anbieter wie Threema oder ProtonMail k&ouml;nnten daran zerbrechen. Apple, Meta und Microsoft hingegen haben die Ressourcen und w&uuml;rden ihre Monopolstellung weiter ausbauen. Unter dem Banner &bdquo;Kinderschutz&ldquo; entst&uuml;nde so eine Marktbereinigung zugunsten der gr&ouml;&szlig;ten US-Konzerne.<\/p><p>Das technische Fundament ist zudem alles andere als zuverl&auml;ssig. Fehlalarme sind unvermeidlich, wenn Maschinen intime Fotos scannen. Das harmlose Urlaubsfoto vom Strand k&ouml;nnte pl&ouml;tzlich zum &bdquo;Verdachtsfall&ldquo; werden. Gleichzeitig werden Kriminelle immer Wege finden, solche Scans zu umgehen. Leidtragende sind nicht die T&auml;ter, sondern die normalen B&uuml;rger, deren Kommunikation &uuml;berwacht, katalogisiert und im Zweifel falsch interpretiert wird. Und noch gef&auml;hrlicher: Ist das System einmal installiert, wird es nicht beim Kindesmissbrauch bleiben. Jeder Staat, der Zugriff darauf hat, wird es f&uuml;r seine Zwecke nutzen, sei es zur Kontrolle politischer Aktivisten, zum Ausspionieren von Journalisten oder zur Verfolgung unliebsamer Opposition.<\/p><p><strong>Chatkontrolle und digitale Identit&auml;t<\/strong><\/p><p>Die Parallelen zur Vorratsdatenspeicherung sind un&uuml;bersehbar. Auch damals versprach man Schutz vor Terror. Heraus kam eine riesige Datensammlung &uuml;ber die gesamte Bev&ouml;lkerung, die weder Anschl&auml;ge verhinderte noch Kriminalit&auml;t ernsthaft eind&auml;mmte. Heute wissen wir, dass sie mehr Schaden anrichtete, als sie Nutzen brachte. Genau das wiederholt sich jetzt, nur eine Stufe gef&auml;hrlicher, weil es nicht mehr um Verbindungsdaten, sondern direkt um Inhalte geht.<\/p><p>Man muss den Vorsto&szlig; zudem im gr&ouml;&szlig;eren Kontext sehen. Parallel zur Chatkontrolle treibt Br&uuml;ssel die Einf&uuml;hrung einer digitalen Identit&auml;t voran. Offiziell soll sie &bdquo;Bequemlichkeit und Sicherheit&ldquo; bieten. In Wahrheit bedeutet sie, dass k&uuml;nftig jede digitale Handlung eindeutig einer Person zugeordnet werden kann. In Kombination mit der Chatkontrolle entst&uuml;nde eine Infrastruktur, die es erlaubt, jede Nachricht einer identifizierten Person zuzuordnen, sie auszuwerten und zu speichern. Ein System, das jeder Diktatur die Arbeit erleichtern w&uuml;rde und das jetzt ausgerechnet in der Europ&auml;ischen Union gebaut werden soll.<\/p><p><strong>&bdquo;Massen&uuml;berwachung durch die Hintert&uuml;r&ldquo;<\/strong><\/p><p>Kritiker warnen seit Monaten. Der Chaos Computer Club spricht von &bdquo;Massen&uuml;berwachung durch die Hintert&uuml;r&ldquo;. Die Organisation European Digital Rights nennt die Pl&auml;ne ein &bdquo;Orwell&rsquo;sches Projekt&ldquo;. Selbst die Vereinten Nationen haben Bedenken ge&auml;u&szlig;ert, was Pressefreiheit und den Schutz von Whistleblowern betrifft. Doch wie so oft werden kritische Stimmen in den gro&szlig;en Medien an den Rand gedr&auml;ngt. Stattdessen dominieren Schlagzeilen, in denen &bdquo;Kinderschutz&ldquo; und &bdquo;Sicherheit&ldquo; im Vordergrund stehen. Das Framing funktioniert: Wer sich gegen die Chatkontrolle ausspricht, l&auml;uft Gefahr, als Gegner des Kinderschutzes diffamiert zu werden.<\/p><p>Dabei ist es genau andersherum: Wer sich gegen diesen Eingriff stellt, verteidigt die Grundrechte. Kinderschutz ist notwendig, ohne Frage. Aber er darf nicht als Vorwand dienen, die Kommunikation aller B&uuml;rger zu durchleuchten. Das w&auml;re, als w&uuml;rde man alle Wohnungen permanent durchsuchen, nur weil irgendwo ein Verbrechen stattfinden k&ouml;nnte.<\/p><p>Die politische Verantwortung liegt bei den Mitgliedsstaaten. Deutschland hat sich bisher klar gegen die Pl&auml;ne positioniert. Aber wie lange bleibt es dabei? Der Druck aus Br&uuml;ssel ist enorm, und auch in Berlin selbst gibt es Stimmen, die sich offen f&uuml;r eine &bdquo;modifizierte Variante&ldquo; zeigen. Wer die Geschichte kennt, wei&szlig;: Einmal eingef&uuml;hrte &Uuml;berwachung verschwindet nicht wieder. Sie wird zur Normalit&auml;t, zum Standard, zum &bdquo;neuen Normal&ldquo;.<\/p><p><strong>Freiheit darf nicht im Namen der Sicherheit geopfert werden<\/strong><\/p><p>Am Ende geht es um eine Grundsatzfrage: Wollen wir in einer Gesellschaft leben, in der jede private Nachricht potenziell mitgelesen wird? Die EU beantwortet diese Frage gerade mit Ja. Es liegt an uns, ob wir dieses Ja akzeptieren oder ob wir endlich erkennen, dass Freiheit nicht im Namen der Sicherheit geopfert werden darf. Denn wer heute glaubt, man k&ouml;nne die Privatsph&auml;re St&uuml;ck f&uuml;r St&uuml;ck einschr&auml;nken und am Ende doch frei bleiben, der irrt gewaltig. Die Geschichte lehrt das Gegenteil.<\/p><p>Die Chatkontrolle ist kein harmloser Gesetzesvorschlag. Sie ist der Einstieg in ein &Uuml;berwachungssystem, das die Grundrechte in Europa auf Jahrzehnte hinaus ver&auml;ndern w&uuml;rde. Es geht nicht um Kinderschutz. Es geht um Kontrolle. Und wenn wir sie zulassen, geben wir nicht nur unsere digitale Privatsph&auml;re auf, sondern auch ein zentrales St&uuml;ck Freiheit.<\/p><p><strong>Quellen:<\/strong><\/p><ul>\n<li><a href=\"https:\/\/www.techradar.com\/computing\/cyber-security\/chat-control-germany-joins-the-opposition-against-mandatory-scanning-of-private-chats-in-the-name-of-encryption\">TechRadar: &bdquo;Chat Control: Germany joins opposition against mandatory scanning of private chats&ldquo; (September 2025)<\/a><\/li>\n<li><a href=\"https:\/\/eur-lex.europa.eu\/legal-content\/EN\/TXT\/?uri=CELEX%3A52022PC0209\">EU-Kommission: &bdquo;Proposal for a regulation laying down rules to prevent and combat child sexual abuse&ldquo; (2022, aktuell in Verhandlungen)<\/a><\/li>\n<li><a href=\"https:\/\/www.ccc.de\/de\/updates\/2023\/chatkontrolle-anhoerung\">Chaos Computer Club kritisiert Chatkontrolle (2023)<\/a><\/li>\n<li><a href=\"https:\/\/edri.org\/tag\/chat-control\">EDRi-Archiv zur Chatkontrolle<\/a><\/li>\n<\/ul><p><small>Titelbild: Creativan \/ Shutterstock<\/small><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es klingt f&uuml;rsorglich, fast harmlos. Wer k&ouml;nnte schon dagegen sein, Kinder vor Missbrauch zu sch&uuml;tzen? Mit diesem moralischen Schutzschild treibt die Europ&auml;ische Union derzeit ein Projekt voran, das unsere digitale Welt f&uuml;r immer ver&auml;ndern k&ouml;nnte: die sogenannte Chatkontrolle. Offiziell soll sie helfen, Bilder und Videos von Kindesmissbrauch im Netz aufzusp&uuml;ren. In Wahrheit aber bedeutet sie<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=139633\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":139634,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[107,184,126,123],"tags":[850,3345,2094,3360,441,1415,545,658],"class_list":["post-139633","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-audio-podcast","category-ueberwachung","category-erosion-der-demokratie","category-kampagnentarnworteneusprech","tag-datenschutz","tag-digitale-id","tag-digitalisierung","tag-europaeische-union","tag-freiheit","tag-pressefreiheit","tag-sexueller-missbrauch","tag-vorratsdatenspeicherung"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2025\/09\/shutterstock_689975659.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/139633","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=139633"}],"version-history":[{"count":10,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/139633\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":139770,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/139633\/revisions\/139770"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/139634"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=139633"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=139633"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=139633"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}