{"id":139640,"date":"2025-09-28T14:00:23","date_gmt":"2025-09-28T12:00:23","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=139640"},"modified":"2025-09-29T10:20:14","modified_gmt":"2025-09-29T08:20:14","slug":"westliche-intervention-in-den-russischen-buergerkrieg","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=139640","title":{"rendered":"Westliche Intervention in den russischen B\u00fcrgerkrieg"},"content":{"rendered":"<p>Dass der Westen und seine Verb&uuml;ndeten w&auml;hrend der russischen Revolution aktiv in den B&uuml;rgerkrieg eingegriffen haben, ist weitgehend in Vergessenheit geraten. Wenn man sich &uuml;berhaupt noch der eigenen Aggressionen gegen Russland bewusst ist, dann denkt man an Hitler, allenfalls noch an Napoleon. Diese westliche Intervention von 1918\/1919 ist auch im Kontext des aktuellen Konflikts in der Ukraine von Interesse, und das nicht nur, weil es erneut eine &bdquo;hei&szlig;e&ldquo; Konfrontation zwischen dem Westen und Russland gibt. Es gibt Kontinuit&auml;ten (westlicher Expansionismus, russophobe Eliten) und Br&uuml;che (das politische Bewusstsein der Bev&ouml;lkerung war vor 100 Jahren offenbar weiter entwickelt als heute). Und wir erfahren, dass es in den osteurop&auml;ischen L&auml;ndern eine Arbeiter- und Bauernschaft gab, die die Revolution unterst&uuml;tzte. Die Intervention scheiterte, aber der Westen gab seine Ziele nicht auf. Von <strong>Jacques R. Pauwels<\/strong>[<a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=139640#foot_1\" name=\"note_1\">1<\/a>], &Uuml;bersetzung aus dem Englischen von <strong>Heiner Biewer<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_4062\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-139640-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/250925-Westliche-Intervention-in-russischen-Buergerkrieg-NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/250925-Westliche-Intervention-in-russischen-Buergerkrieg-NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/250925-Westliche-Intervention-in-russischen-Buergerkrieg-NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/250925-Westliche-Intervention-in-russischen-Buergerkrieg-NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=139640-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/250925-Westliche-Intervention-in-russischen-Buergerkrieg-NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"250925-Westliche-Intervention-in-russischen-Buergerkrieg-NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p><em>Dieser Artikel liegt auch a<a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/flyer\/250925_Jacques_Pauwels_Westliche_Intervention_in_den_russischen_Buergerkrieg.pdf\">ls gestaltetes PDF vor<\/a>. Wenn Sie ihn ausdrucken oder weitergeben wollen, nutzen Sie bitte diese M&ouml;glichkeit. Weitere Artikel in dieser Form <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?cat=54\">finden Sie hier<\/a>.<\/em><\/p><p>In ganz Europa hatte der Erste Weltkrieg bereits 1917 eine potenziell revolution&auml;re Situation geschaffen. In den L&auml;ndern, in denen die Regierungen weiterhin die herk&ouml;mmlichen Eliten vertraten, wie es 1914 der Fall gewesen war, wurde versucht, die Verwirklichung dieses revolution&auml;ren Potenzials durch Repressionen und\/oder Zugest&auml;ndnisse zu verhindern. In Russland jedoch brach die Revolution nicht nur aus, sondern sie war auch erfolgreich, und die Bolschewiki begannen mit dem Aufbau der ersten sozialistischen Gesellschaft der Welt. Es war ein Experiment, f&uuml;r das die Eliten der anderen L&auml;nder keinerlei Sympathie empfanden; im Gegenteil, sie hofften inst&auml;ndig, dass dieses Projekt in einem trostlosen Fiasko enden w&uuml;rde.<\/p><p>In elit&auml;ren Kreisen in London, Paris und anderswo war man davon &uuml;berzeugt, dass das k&uuml;hne Experiment der Bolschewiki unweigerlich scheitern w&uuml;rde. Aber um sicherzugehen, beschloss man, Truppen nach Russland zu schicken, um die &bdquo;wei&szlig;en&ldquo; Konterrevolution&auml;re gegen die bolschewistischen &bdquo;Roten&ldquo; in einem Konflikt zu unterst&uuml;tzen, der sich zu einem gro&szlig;en, langen und blutigen B&uuml;rgerkrieg entwickeln sollte. Eine erste Welle alliierter Truppen traf im April 1918 in Russland ein, als britische und japanische Soldaten in Wladiwostok an Land gingen. Sie nahmen Kontakt mit den &bdquo;Wei&szlig;en&ldquo; auf, die sich bereits in einem ausgewachsenen Krieg gegen die Bolschewiki befanden. Allein die Briten schickten 40.000 Mann nach Russland.<\/p><p>Im selben Fr&uuml;hjahr entsandte der damalige Kriegsminister Churchill ein Expeditionskorps nach Murmansk im Norden Russlands, um die Truppen des &bdquo;wei&szlig;en&ldquo; Generals Koltschak zu unterst&uuml;tzen, in der Hoffnung, dass dies dazu beitragen w&uuml;rde, die bolschewistischen Machthaber durch eine den Briten wohlgesonnene Regierung zu ersetzen. Andere L&auml;nder schickten kleinere Truppenkontingente, darunter Frankreich, die Vereinigten Staaten (15.000 Mann), Japan, Italien, Rum&auml;nien, Serbien und Griechenland. In einigen F&auml;llen wurden die alliierten Truppen an den russischen Grenzen in K&auml;mpfe gegen die Deutschen und die Osmanen verwickelt, aber es war klar, dass sie nicht zu diesem Zweck gekommen waren, sondern um das bolschewistische Regime zu st&uuml;rzen und &bdquo;das bolschewistische Baby in seiner Wiege zu erw&uuml;rgen&ldquo;, wie sich Churchill &bdquo;diplomatisch&ldquo; ausdr&uuml;ckte. Insbesondere die Briten hofften, einige attraktive Teile eines russischen Staates zu ergattern, der &auml;hnlich wie das Osmanische Reich zu zerfallen drohte. Dies erkl&auml;rt, warum eine britische Einheit von Mesopotamien bis an die K&uuml;ste des Kaspischen Meeres marschierte, und zwar in die &ouml;lreichen Gebiete um Baku, die Hauptstadt des heutigen Aserbaidschan. Wie der Erste Weltkrieg selbst diente auch die Intervention der Alliierten in Russland sowohl der Bek&auml;mpfung der Revolution als auch der Verwirklichung imperialistischer Ziele.<\/p><p>In Russland hatte der Krieg nicht nur g&uuml;nstige Bedingungen f&uuml;r eine soziale Revolution geschaffen, sondern auch in einigen Teilen dieses riesigen Landes zu nationalen Revolutionen einer Reihe von ethnischen Minderheiten gef&uuml;hrt. Solche nationalen Bewegungen waren bereits w&auml;hrend des Krieges entstanden und geh&ouml;rten meist zur rechten, konservativen, rassistischen und antisemitischen Variante des Nationalismus. Die politische und milit&auml;rische Elite Deutschlands erkannte in diesen Bewegungen enge ideologische Verwandte und potenzielle Verb&uuml;ndete im Krieg gegen Russland. (Lenin und die Bolschewiki hingegen wurden im Krieg gegen Russland als n&uuml;tzlich angesehen, aber ideologisch waren diese revolution&auml;ren Russen Antipoden des reaktion&auml;ren deutschen Regimes.) Die Deutschen unterst&uuml;tzten die finnischen, baltischen, ukrainischen und anderen Nationalisten nicht aus ideologischer Sympathie, sondern weil sie dazu benutzt werden konnten, Russland zu schw&auml;chen; sie taten es auch, weil sie hofften, in Ost- und Nordeuropa deutsche Satellitenstaaten aus dem Boden zu stampfen, vorzugsweise Monarchien mit einem Spross einer deutschen Adelsfamilie als &bdquo;Souver&auml;n&ldquo;. Der Vertrag von Brest-Litowsk erwies sich als eine Gelegenheit, eine Reihe solcher Staaten zu schaffen. Vom 11. Juli bis zum 2. November 1918 konnte sich ein deutscher Adliger namens Wilhelm (II) Karl Florestan Gero Crescentius, Herzog von Urach und Graf von W&uuml;rttemberg, unter dem Namen Mindaugas II. als K&ouml;nig von Litauen feiern lassen.<\/p><p>Mit dem Waffenstillstand vom 11. November 1918 war Deutschland dazu verurteilt, in Ost- und Nordeuropa von der Bildfl&auml;che zu verschwinden, und damit war auch der Traum von der deutschen Hegemonie in diesem Gebiet ausgetr&auml;umt. Allerdings erlaubte Artikel 12 des Waffenstillstands den deutschen Truppen, so lange in Russland, im Baltikum und anderswo in Osteuropa zu bleiben, wie es die Alliierten f&uuml;r notwendig erachteten; mit anderen Worten, solange sie f&uuml;r den Kampf gegen die Bolschewiki n&uuml;tzlich blieben, einen Kampf, den die Deutschen auch f&uuml;hrten. Britische und franz&ouml;sische F&uuml;hrer wie Lloyd George und Foch betrachteten das revolution&auml;re Russland fortan als einen gef&auml;hrlicheren Feind als Deutschland. Die nationalen Bewegungen im Baltikum, Finnland, Polen und anderswo waren nun vollst&auml;ndig in den russischen B&uuml;rgerkrieg verwickelt, und die Alliierten traten als &ndash; auch milit&auml;rische &ndash; Unterst&uuml;tzer an die Stelle Deutschlands, solange diese Bewegungen die &bdquo;Roten&ldquo; und nicht die &bdquo;Wei&szlig;en&ldquo; bek&auml;mpften. Letzteres war durchaus h&auml;ufiger der Fall: viele osteurop&auml;ische L&auml;ndereien, die fr&uuml;her zum Zarenreich geh&ouml;rten, wurden von den russischen &bdquo;Wei&szlig;en&ldquo; ebenso wie von polnischen, litauischen, ukrainischen und anderen Nationalisten beansprucht.<\/p><p>In allen L&auml;ndern, die nach dem Zusammenbruch des Zarenreichs aus den Staubwolken aufstiegen, gab es im Wesentlichen zwei Gruppen von Menschen. Erstens Arbeiter, Bauern und andere Angeh&ouml;rige der unteren Klassen, die eine soziale Revolution bef&uuml;rworteten und die Bolschewiki unterst&uuml;tzten. Sie waren bereit, sich mit einer Art Autonomie f&uuml;r ihre eigene ethnisch-sprachliche Minderheit innerhalb eines neuen multiethnischen und mehrsprachigen Staates zu begn&uuml;gen, welcher zwangsl&auml;ufig von seiner russischen Komponente dominiert werden w&uuml;rde, dem Staat also, der an die Stelle des ehemaligen Zarenreichs treten und als Sowjetunion bekannt werden sollte. Zweitens die Mehrheit, aber nicht alle, der Mitglieder der alten aristokratischen und b&uuml;rgerlichen Eliten und des Kleinb&uuml;rgertums, die gegen eine soziale Revolution waren und daher die Bolschewiki verabscheuten und bek&auml;mpften und die v&ouml;llige Unabh&auml;ngigkeit von dem von diesen geschaffenen Staat wollten. Ihr Nationalismus war ein typischer Nationalismus des 19. Jahrhunderts, rechts und konservativ, eng verbunden mit einer ethnischen Gruppe, einer Sprache, einer Religion und einer angeblich glorreichen, meist mythischen Vergangenheit, von der man sich eine Wiedergeburt durch eine nationale Revolution versprach. Auch in Finnland, Estland, der Ukraine und anderswo brachen B&uuml;rgerkriege zwischen &bdquo;Wei&szlig;en&ldquo; und &bdquo;Roten&ldquo; aus.<\/p><p>Wenn die &bdquo;Wei&szlig;en&ldquo; vielfach als Sieger aus diesen Konflikten hervorgingen und entschlossen antibolschewistische und antirussische Staaten errichten konnten, dann nicht nur, weil die Bolschewiki im russischen Kernland selbst lange mit dem R&uuml;cken zur Wand standen und daher kaum in der Lage waren, ihre &bdquo;roten&ldquo; Genossen im Baltikum und anderswo in der Peripherie des ehemaligen Zarenreichs zu unterst&uuml;tzen, sondern auch, weil erst die Deutschen und dann die Alliierten &ndash; insbesondere die Briten &ndash; <em>manu militari <\/em>zugunsten der &bdquo;Wei&szlig;en&ldquo; eingriffen. So tauchte Ende November 1918 ein Geschwader der Royal Navy unter dem Kommando von Admiral Edwyn Alexander-Sinclair (und sp&auml;ter von Admiral Walter Cowan) in der Ostsee auf, um die estnischen und lettischen &bdquo;Wei&szlig;en&ldquo; mit Waffen zu versorgen und sie im Kampf gegen ihre &bdquo;roten&ldquo; Landsleute sowie die bolschewistischen russischen Truppen zu unterst&uuml;tzen. Die Briten versenkten eine Reihe von Schiffen der russischen Flotte und blockierten den Rest der Flotte in ihrem St&uuml;tzpunkt, Kronstadt. In Finnland hatten deutsche Truppen bereits im Fr&uuml;hjahr 1918 den dortigen &bdquo;Wei&szlig;en&ldquo; zum Sieg verholfen und sie in die Lage versetzt, die Unabh&auml;ngigkeit ihres Landes zu erkl&auml;ren.<\/p><p>Es war eindeutig die Absicht der &bdquo;patrizischen&ldquo; Entscheidungstr&auml;ger in London, Paris, Washington usw., den Sieg der &bdquo;Wei&szlig;en&ldquo; auf Kosten der &bdquo;Roten&ldquo; auch im B&uuml;rgerkrieg in Russland selbst zu sichern und damit das bolschewistische Unternehmen zu beenden &ndash; ein gro&szlig; angelegtes Experiment, f&uuml;r das sich zu viele Briten, Franzosen, Amerikaner und &bdquo;Plebejer&ldquo; anderer L&auml;nder interessierten und begeisterten, was ihren &bdquo;Herrschaften&ldquo; missfiel. In einer Note an Clemenceau im Fr&uuml;hjahr 1919 dr&uuml;ckte Lloyd George seine Besorgnis dar&uuml;ber aus, dass &bdquo;ganz Europa vom Geist der Revolution erf&uuml;llt ist&ldquo; und dass &bdquo;unter den Arbeitern nicht nur ein tiefes Gef&uuml;hl der Unzufriedenheit, sondern auch des Zorns und der Revolte gegen die Kriegsbedingungen herrscht. (&hellip;) Die gesamte bestehende Ordnung in ihren politischen, sozialen und wirtschaftlichen Aspekten wird von den Massen der Bev&ouml;lkerung von einem Ende Europas bis zum anderen in Frage gestellt.&ldquo;<\/p><p>Die Intervention der Alliierten in Russland war jedoch kontraproduktiv, da die ausl&auml;ndische Unterst&uuml;tzung die konterrevolution&auml;ren Kr&auml;fte in den Augen zahlloser Russen diskreditierte, die die Bolschewiki zunehmend als die wahren russischen Patrioten ansahen und sie folglich unterst&uuml;tzten. In vielerlei Hinsicht war die bolschewistische Revolution zugleich eine nationalrussische Revolution, ein Kampf um das &Uuml;berleben, die Unabh&auml;ngigkeit und die W&uuml;rde von M&uuml;tterchen Russland, zun&auml;chst gegen die Deutschen, dann gegen die alliierten Truppen, die von allen Seiten in das Land eindrangen und sich auff&uuml;hrten, &bdquo;als w&auml;ren sie in Zentralafrika&ldquo; (in diesem Punkt &auml;hneln die Bolschewiki den Jakobinern der Franz&ouml;sischen Revolution, die gleichzeitig f&uuml;r die Revolution und f&uuml;r Frankreich gek&auml;mpft hatten). Aus diesem Grund konnten sich die Bolschewiki auf die Unterst&uuml;tzung zahlreicher b&uuml;rgerlicher und sogar aristokratischer Nationalisten st&uuml;tzen, eine Unterst&uuml;tzung, die wahrscheinlich ein entscheidender Faktor f&uuml;r ihren Sieg im B&uuml;rgerkrieg gegen die Kombination aus &bdquo;Wei&szlig;en&ldquo; und Alliierten war. Selbst der ber&uuml;hmte General Brussilow, ein Adliger, unterst&uuml;tzte die &bdquo;Roten&ldquo;. &bdquo;Das Bewusstsein meiner Pflicht gegen&uuml;ber der [russischen] Nation&ldquo;, erkl&auml;rte er, &bdquo;veranlasste mich, meinen nat&uuml;rlichen sozialen Instinkten nicht zu gehorchen.&ldquo; In jedem Fall waren die &bdquo;Wei&szlig;en&ldquo; nichts anderes als &bdquo;ein Mikrokosmos der herrschenden und regierenden Klassen des alten russischen Regimes &ndash; Offiziere, Landbesitzer, Kirchenm&auml;nner &ndash; mit minimaler Unterst&uuml;tzung durch das Volk&ldquo;, so Arno Mayer.[<a href=\"#foot_2\" name=\"note_2\">2<\/a>] Au&szlig;erdem waren sie korrupt, und ein gro&szlig;er Teil des Geldes, das die Alliierten ihnen schickten, verschwand in ihren Taschen.<\/p><p>Wenn die Intervention der Alliierten in Russland, die manchmal als &bdquo;Kreuzzug gegen den Bolschewismus&ldquo; angepriesen wurde, zum Scheitern verurteilt war, dann auch deshalb, weil sie von zahllosen Soldaten und Zivilisten in Gro&szlig;britannien, Frankreich und anderswo im Westen entschieden abgelehnt wurde. Ihre Parole lautete &bdquo;H&auml;nde weg von Russland!&ldquo;. Die britischen Soldaten, die nach dem Waffenstillstand vom November 1918 nicht demobilisiert worden waren und nach Russland verschifft werden sollten, protestierten und organisierten Meutereien, zum Beispiel im Januar 1919 in Dover, Calais und anderen H&auml;fen am &Auml;rmelkanal. Im selben Monat kam es in Glasgow zu einer Reihe von Streiks, die u.a. zum Ziel hatten, die Regierung zur Aufgabe ihrer Interventionspolitik gegen&uuml;ber Russland zu zwingen. Im M&auml;rz 1919 randalierten kanadische Soldaten in einem Lager in Ryl in Wales, f&uuml;nf M&auml;nner wurden get&ouml;tet und 23 verwundet; sp&auml;ter kam es im selben Jahr in anderen Armeelagern zu &auml;hnlichen Unruhen. Diese Unruhen spiegelten sicherlich die Ungeduld der Soldaten wider, entlassen zu werden und nach Hause zur&uuml;ckzukehren, aber sie zeigten auch, dass allzu viele der Soldaten nicht f&uuml;r einen zeitlich unbestimmten Einsatz im fernen Russland geeignet waren.<\/p><p>In Frankreich forderten unterdessen Streikende in Paris lautstark ein Ende der bewaffneten Intervention in Russland, und Truppen, die bereits in Russland waren, machten deutlich, dass sie nicht gegen die Bolschewiki k&auml;mpfen, sondern nach Hause zur&uuml;ckkehren wollten. Im Februar, M&auml;rz und April 1919 kam es zu Meutereien und Desertionen bei den im Hafen von Odessa stationierten franz&ouml;sischen Truppen und bei den britischen Streitkr&auml;ften im n&ouml;rdlichen Bezirk Murmansk, und einige der Briten wechselten sogar die Seiten und schlossen sich den Bolschewiken an. &bdquo;Soldaten, die Verdun und die Schlacht an der Marne &uuml;berlebt hatten, wollten nicht in den Ebenen Russlands k&auml;mpfen&ldquo;, so die s&auml;uerliche Bemerkung eines franz&ouml;sischen Offiziers. Im US-Kontingent griffen zahlreiche M&auml;nner zu Selbstverst&uuml;mmelungen, um die Heimkehr zu erreichen. Die alliierten Soldaten sympathisierten immer mehr mit den russischen Revolution&auml;ren; sie wurden immer mehr von dem Bolschewismus &bdquo;kontaminiert&ldquo;, den sie eigentlich bek&auml;mpfen sollten. Und so kam es, dass im Fr&uuml;hjahr 1919 die Franzosen, Briten, Kanadier, Amerikaner, Italiener und andere ausl&auml;ndische Truppen unr&uuml;hmlich aus Russland abgezogen werden mussten.<\/p><p>Die westlichen Eliten erwiesen sich als unf&auml;hig, die Bolschewiki durch eine bewaffnete Intervention zu besiegen. Sie &auml;nderten daher ihren Kurs und unterst&uuml;tzten die neuen Staaten, die aus den westlichen Gebieten des fr&uuml;heren Zarenreichs hervorgingen, wie etwa Polen und die baltischen L&auml;nder, politisch und milit&auml;risch in gro&szlig;z&uuml;giger Weise. Diese neuen Staaten waren ausnahmslos das Ergebnis nationaler Revolutionen, die von reaktion&auml;ren, allzu oft antisemitisch gef&auml;rbten Spielarten des Nationalismus inspiriert waren, und sie wurden von den &Uuml;berlebenden der alten Eliten beherrscht, darunter Gro&szlig;grundbesitzer und Gener&auml;le aristokratischer Herkunft, die &bdquo;nationalen&ldquo; christlichen Kirchen und die Industriellen. Mit wenigen Ausnahmen wie der Tschechoslowakei waren sie keine Demokratien, sondern wurden von autorit&auml;ren Regimen regiert, an deren Spitze in der Regel ein hochrangiger Milit&auml;r adliger Herkunft stand, wie beispielsweise Horthy in Ungarn, Mannerheim in Finnland und Pilsudski in Polen. Der unverbl&uuml;mte Antibolschewismus dieser neuen Staaten wurde nur noch von ihrer antirussischen Gesinnung &uuml;bertroffen. Allerdings gelang es den Bolschewiki, einige Gebiete an der Peripherie des ehemaligen Zarenreichs zur&uuml;ckzuerobern, zum Beispiel die Ukraine.<\/p><p>Das Ergebnis dieser verwirrenden Gemengelage von Konflikten war eine Art Unentschieden: Die Bolschewiki triumphierten in Russland und bis in die westliche Ukraine, aber antibolschewistische, antirussische Nationalisten mit gro&szlig;en und gegens&auml;tzlichen territorialen Ambitionen setzten sich in Gebieten weiter westlich und n&ouml;rdlich durch, insbesondere in Polen, den baltischen Staaten und Finnland. Es war ein Arrangement, das niemanden zufriedenstellte, aber letztlich von allen akzeptiert wurde &ndash; wenn auch eindeutig nur f&uuml;r begrenzte Zeit. So wurde mit Hilfe der Westm&auml;chte ein Cordon sanitaire aus einer Reihe von feindlichen Staaten um das revolution&auml;re Russland errichtet, in der Hoffnung, damit &bdquo;den Bolschewismus auf Russland zu begrenzen&ldquo;, wie Margaret MacMillan schrieb. Das war vorerst alles, was der Westen tun konnte, aber der Ehrgeiz, dem revolution&auml;ren Experiment in Russland fr&uuml;her oder sp&auml;ter ein Ende zu setzen, blieb in London, Paris und Washington sehr lebendig. Lange Zeit hofften die westlichen F&uuml;hrer, dass die russische Revolution von selbst zusammenbrechen w&uuml;rde, was jedoch nicht geschah. Sp&auml;ter, in den 1930er-Jahren, hofften sie, dass Nazi-Deutschland die Aufgabe &uuml;bernehmen w&uuml;rde, die Revolution in ihrem Schlupfwinkel, der Sowjetunion, zu zerst&ouml;ren; deshalb lie&szlig;en sie zu, dass Hitler Deutschland remilitarisierte, und sie ermutigten ihn dazu durch ihre ber&uuml;chtigte &bdquo;Beschwichtigungspolitik&ldquo;.<\/p><p><em>Dieser Artikel ist im englischen Original <a href=\"https:\/\/www.counterpunch.org\/2018\/12\/10\/foreign-interventions-in-revolutionary-russia\/\">auf Counterpunch erschienen<\/a>.<\/em><\/p><p><small>Titelbild: Admiral Alexander Koltschak (sitzend) und der britische General Alfred Knox (hinter Koltschak) beobachten eine Milit&auml;r&uuml;bung, 1919, <a href=\"https:\/\/commons.wikimedia.org\/w\/index.php?curid=5978917\">Public Domain<\/a><\/small><\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><div class=\"footnote\">\n<p>[<a href=\"#note_1\" name=\"foot_1\">&laquo;1<\/a>] Jacques R. Pauwels ist ein belgischer Historiker, der eine Reihe von B&uuml;chern vor allem zum Ersten und Zweiten Weltkrieg ver&ouml;ffentlicht hat. Hierzu z&auml;hlt u.a. die Trilogie &bdquo;The Great Class War&ldquo; (Der gro&szlig;e Klassenkrieg, &uuml;ber den 1. Weltkrieg), &bdquo;Big Business and Hitler&ldquo; &ndash; Die Gro&szlig;konzerne und Hitler &ndash; sowie &bdquo;The Myth of the Good War&ldquo; &ndash; Der Mythos vom guten Krieg (Letzteres in deutscher &Uuml;bersetzung erh&auml;ltlich beim Verlag PapyRossa).<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_2\" name=\"foot_2\">&laquo;2<\/a>] Mayer ist ein <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Arno_J._Mayer\">US-Historiker luxemburgischer Herkunft<\/a><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dass der Westen und seine Verb&uuml;ndeten w&auml;hrend der russischen Revolution aktiv in den B&uuml;rgerkrieg eingegriffen haben, ist weitgehend in Vergessenheit geraten. Wenn man sich &uuml;berhaupt noch der eigenen Aggressionen gegen Russland bewusst ist, dann denkt man an Hitler, allenfalls noch an Napoleon. Diese westliche Intervention von 1918\/1919 ist auch im Kontext des aktuellen Konflikts in<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=139640\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":139641,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[169,107,54,171],"tags":[2871,912,3260,2102,2529,2175,2252,835,1806,2283,259,2147,2132,966],"class_list":["post-139640","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-aussen-und-sicherheitspolitik","category-audio-podcast","category-gestaltete-pdf","category-militaereinsaetzekriege","tag-antikommunismus","tag-buergerkrieg","tag-feindbild","tag-geostrategie","tag-imperialismus","tag-interventionspolitik","tag-klassenkampf","tag-nationalismus","tag-patriotismus","tag-revolution","tag-russland","tag-sowjetunion","tag-sozialismus","tag-weltkrieg"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2025\/09\/Alexander-Kolchak-and-General-Alfred-Knox-observing-military-exercise-1919.jpeg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/139640","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=139640"}],"version-history":[{"count":5,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/139640\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":139759,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/139640\/revisions\/139759"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/139641"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=139640"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=139640"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=139640"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}