{"id":13992,"date":"2012-07-26T10:28:11","date_gmt":"2012-07-26T08:28:11","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=13992"},"modified":"2015-03-09T16:34:56","modified_gmt":"2015-03-09T15:34:56","slug":"okonomische-konsenssose-mit-viel-licht-und-viel-schatten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=13992","title":{"rendered":"\u00d6konomische Konsensso\u00dfe mit viel Licht und viel Schatten"},"content":{"rendered":"<p>Mit Spannung wurde der erste Bericht des &bdquo;Expertenrats&ldquo; des Insitute for New Economic Thinking (INET) zur Eurokrise erwartet. Schlie&szlig;lich z&auml;hlen einige der Mitglieder dieses Rats (z.B. Peter Bofinger, Daniel Gros oder Paul de Grauwe) nicht zu Unrecht zu den ausgewiesenen Vertreter der &Ouml;konomenzunft. Nun <a href=\"http:\/\/ineteconomics.org\/council-euro-zone-crisis\">liegt der Bericht vor<\/a> und selbst bei wohlwollender Betrachtung stellt er leider bestenfalls eine mittlere Entt&auml;uschung dar. Obgleich das Papier einige durchaus bemerkenswerte Vorschl&auml;ge zur L&ouml;sung der Eurokrise beinhaltet, die durchaus in die richtige Richtung gehen k&ouml;nnten, ist es auch von neoliberalen Mainstream-Plattit&uuml;den durchzogen und geht am realwirtschaftlichen Kern der Krise weitgehend vorbei. Es ist unverst&auml;ndlich, warum kritische &Ouml;konomen wie etwa Peter Bofinger ein solches Papier unterzeichnet haben. Von <strong>Jens Berger<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nLaut FTD handelt es sich bei dem Papier der INET-&Ouml;konomen um einen &bdquo;<a href=\"http:\/\/www.ftd.de\/politik\/konjunktur\/:euro-krise-top-oekonomen-legen-masterplan-fuer-euro-krise-vor\/70067637.html\">Masterplan<\/a>&ldquo; zur Beendigung der Eurokrise. Das klingt gro&szlig;spurig und weckt Erwartungen, die das Papier leider nicht erf&uuml;llen kann. Bereits bei der Problemanalyse zeigt sich neben viel Licht auch viel Schatten. Zwar malen die Autoren ein angemessen d&uuml;steres Bild der Realit&auml;t und weisen vollkommen zurecht darauf hin, dass die Eurozone sich &bdquo;schlafwandelnd in eine Katastrophe unvorstellbaren Ausma&szlig;es&ldquo; bewegt, wenn die Politik ihre Krisenstrategie nicht schnellstens &auml;ndert &ndash; dabei st&uuml;tzen sie sich in ihrer Analyse der Schwachstellen der Eurozone jedoch &ndash; wie die derzeit praktizierte Krisenbew&auml;ltigungspolitik &ndash;  fast ausschlie&szlig;lich auf die Symptome (Zinsen der Staatsanleihen, desolate Bankenbilanzen, Staatsschulden) und ignorieren die Ursachen (realwirtschaftliches Gef&auml;lle, Au&szlig;enhandels&uuml;bersch&uuml;sse und &ndash;defizite, Produktivit&auml;tsunterschiede, die Auseinanderentwicklung der Inflationsraten im W&auml;hrungsgebiet) geflissentlich. Zwar unterteilt das Papier die L&ouml;sungsstrategien in kurz- und langfristige Ma&szlig;nahmen, jedoch haben sowohl die kurz- als auch die langfristigen Ma&szlig;nahmen gravierende Schwachpunkte.<\/p><p><strong>Viel Licht &hellip;<\/strong><\/p><p>F&uuml;r die INET-&Ouml;konomen steht fest, dass die Politik bislang viel zu zaghaft auf einen wichtigen Aspekt der Eurokrise reagiert hat, den man wohl am besten als &bdquo;Staatsanleihenkrise&ldquo; bezeichnen k&ouml;nnte. Mit Ausnahme von Griechenland haben die Eurostaaten kein unl&ouml;sbares Staatsschuldenproblem. Selbst die italienische Staatsverschuldung mit 123% (gemessen am BIP) w&auml;re nicht existenzbedrohend, solange sich die Zinsen in einem vertretbaren Korridor bewegten. Dies ist seit Beginn der Eurokrise jedoch nicht mehr der Fall, die INET-&Ouml;konomen sprechen hier zu Recht von einer selbsterf&uuml;llenden Prophezeiung. Die Akteure an den Finanzm&auml;rkten haben Angst vor h&ouml;heren Risikoaufschl&auml;gen, wenn das Land durch h&ouml;here Zinsen Refinanzierungsprobleme bekommen k&ouml;nnte, halten sich beim Kauf der Anleihen zur&uuml;ck und sorgen dadurch erst recht f&uuml;r h&ouml;here Zinsen, die dann erst die Refinanzierungsprobleme ausl&ouml;sen, vor denen man sich vorher gef&uuml;rchtet hat. Um diesen Teufelskreis zu unterbrechen, ist es n&ouml;tig, das Land solange vor den M&auml;rkten abzuschotten, bis sich die Lage wieder beruhigt hat und die Risikoaufschl&auml;ge auf ein vertretbares Niveau zur&uuml;ckkehren. <\/p><p>Um dieses Problem in den Griff zu bekommen, gehen die INET-&Ouml;konomen allerdings &uuml;ber  die bisherige Krisenpolitik hinaus. F&uuml;r die akute Refinanzierung im Falle zu hoher Zinsen halten auch sie das Instrument des ESM prinzipiell f&uuml;r tauglich, weisen jedoch korrekterweise auch darauf hin, dass der ESM zu wenig Kapital hat, um die vollst&auml;ndige Refinanzierung gro&szlig;er Volkswirtschaften wie die Italiens und Spaniens aus eigener Kraft zu garantieren. Um dieses Problem zu l&ouml;sen, schlagen die INET-&Ouml;konomen vor, dem ESM eine Banklizenz zu geben, so dass er sich sein Kapital nicht von den Staaten, sondern (zum Leitzinssatz) von der EZB beschaffen kann. Dieser Vorschlag geht durchaus in die richtige Richtung und w&uuml;rde die Lage ma&szlig;geblich entspannen. Leider erw&auml;hnen die Autoren jedoch nicht, dass der Zugriff auf ESM-Mittel damit verbunden ist, dass der betreffende Staat sich vorab dem Diktat der Troika (EU\/EZB\/IWF) unterwerfen muss und es eben keinen &bdquo;Rettungsautomatismus&ldquo; gibt, sondern jede ESM-Entscheidung auch politischer Natur ist. Die Staaten, die ESM-Mittel in Anspruch nehmen, m&uuml;ssten nach dem Vorschlag dieser &Ouml;konomen zwar nicht mehr die Forderungen &bdquo;der M&auml;rkte&ldquo;, wohl aber die Forderungen der Troika erf&uuml;llen und k&auml;men dabei meist vom Regen in die Traufe.<\/p><p>Um die Staatsschuldenquote, die angeblich f&uuml;r die Risikoaufschl&auml;ge verantwortlich ist, zu dr&uuml;cken, schwebt den INET-&Ouml;konomen ein Schuldentilgungsfonds vor, in den (bis zu einem festgelegten Level) die neuen Schulden der Eurostaaten einflie&szlig;en sollen. Dies schlie&szlig;t auch und vor allem die ESM-Mittel ein. F&uuml;r diese Schulden haftet dann nicht mehr der einzelne Staat, sondern &ndash; und hier wird es problematisch &ndash; eine Schuldengemeinschaft. Nun hat aber das deutsche Bundesverfassungsgericht eindeutig festgestellt, dass eine solche automatisierte Vergemeinschaftung europ&auml;ischer Staatsschulden nicht mit dem Grundgesetz zu vereinbaren ist. Das wissen auch die INET-&Ouml;konomen und schlagen daher neben einer (nicht durchf&uuml;hrbaren) klassischen Erh&ouml;hung der ESM-Mittel eine Finanzierung des ESM &uuml;ber die EZB vor. Dieser Schritt w&auml;re &ndash; sofern er &uuml;berhaupt politisch durchsetzbar ist &ndash; ein echter Paukenschlag, der die Staatsfinanzierung in der Eurozone auf eine neue Ebene hebt. In Industriestaaten mit eigener W&auml;hrung, wie z.B. den USA, Gro&szlig;britannien oder Japan, ist eine solche direkte Staatsfinanzierung &uuml;ber die eigene Notenbank schon l&auml;nger Normalit&auml;t, was unter anderem dazu f&uuml;hrte, dass diese Staaten auch &ndash; trotz teilweise erheblich schlechterer Kennzahlen als die Eurostaaten &ndash; keine nennenswerten Risikoaufschl&auml;ge an den Finanzm&auml;rkten zahlen m&uuml;ssen.<\/p><p>Zu den Highlights des INET-Berichts z&auml;hlt auch die halbwegs konkrete Ausformulierung einer Bankenunion, bei der die Rettung der einzelnen Banken nicht mehr den Nationalstaaten, sondern zun&auml;chst dem europ&auml;ischen Bankensystem und danach einer &ndash; &uuml;ber die EZB finanzierten &ndash; &bdquo;europ&auml;ischen Bankenagentur&ldquo;, die auch die oberste Finanzaufsicht innehaben soll, &uuml;bertragen wird. Auch hinsichtlich der notwendigen Regulierung der Finanzm&auml;rkte geben sich die INET-&Ouml;konomen kampfeslustig, wenn ihre Vorschl&auml;ge auch wenig konkret und oft recht schwammig formuliert sind.<\/p><p><strong>&hellip; und viel Schatten<\/strong><\/p><p>In vielen anderen Punkten kann das INET-Papier jedoch nicht &uuml;berzeugen. So schlagen die INET-&Ouml;konomen beispielsweise einen freiwilligen Schuldenrestrukturierungsmechanismus f&uuml;r Eurostaaten vor, die sich nicht an die Bedingungen des Fiskalpakts halten k&ouml;nnen oder wollen. Welche L&auml;nder sind damit gemeint? Griechenland ist bereits in der Abwicklung und hat streng genommen nur noch &ouml;ffentliche Gl&auml;ubiger, f&uuml;r die kein solcher Mechanismus n&ouml;tig ist. Italien und Spanien sind viel zu gro&szlig; f&uuml;r einen solchen Mechanismus, der die Risikopr&auml;mien an den Finanzm&auml;rkten f&uuml;r alle angegriffenen Eurostaaten f&ouml;rmlich explodieren lassen w&uuml;rde. <\/p><p>Die gr&ouml;&szlig;te Schw&auml;che des INET-Papiers ist jedoch seine Fokussierung auf finanzwirtschaftliche Fragen. Die Realwirtschaft blenden die INET-&Ouml;konomen entweder komplett aus oder sie behandeln sie stiefm&uuml;tterlich. Zwar wird an einigen Stellen des Dokuments klar gesagt, dass man in Zeiten der Krise antizyklische Wirtschaftspolitik betreiben m&uuml;sse und dabei kurzfristig die Stabilit&auml;tskriterien suspendieren sollte &ndash; es wird jedoch an keiner Stelle gesagt, wie die Eurozone mittel- bis langfristig ihr realwirtschaftliches Gef&auml;lle in den Griff bekommen soll. Wenn ein Staat innerhalb der Eurozone seine Defizite abbauen will, muss zwingend auch ein anderer Staat seine &Uuml;bersch&uuml;sse abbauen. Innerhalb einer Gemeinschaftsw&auml;hrung gibt es nun einmal nicht den Wechselkurs als Korrektiv, mit dem sich eine solche Schieflage langfristig ausgleichen w&uuml;rde.<\/p><p>Anstatt den &Uuml;berschussstaaten die Leviten zu lesen, formulieren die INET-&Ouml;konomen wachsweich, dass diese Staaten ihren &bdquo;fiskalischen Spielraum&ldquo; nutzen sollten, um die Nachfrage der Eurozone als Ganzes zu stabilisieren. Dank des Fiskalpakts haben jedoch selbst die st&auml;rksten Eurostaaten kaum noch einen solchen fiskalischen Spielraum und es d&uuml;rfte auch bekannt sein, was die &Uuml;berschussstaaten (also Deutschland, Niederlande, &Ouml;sterreich und Finnland) von einer St&auml;rkung der Binnennachfrage halten &ndash; n&auml;mlich ziemlich wenig. Als Kotau vor diesen Staaten &ndash; und deren monetaristischen Ideologie &ndash; pr&auml;sentieren die INET-&Ouml;konomen dann auch &bdquo;folgerichtig&ldquo; eine Reihe von Vorschl&auml;gen, wie die Defizitstaaten Staatausgaben zusammenstreichen k&ouml;nnten, vermeiden es jedoch, den &Uuml;berschussstaaten gute Ratschl&auml;ge zu geben, wie sie durch h&ouml;here Staatsausgaben oder eine St&auml;rkung der Massenkaufkraft die Nachfrage sinnvoll ankurbeln k&ouml;nnten. Unter den Ratschl&auml;gen f&uuml;r K&uuml;rzungen (fiskalische Strukturreformen) finden sich dann auch klassische neoliberale Rezepte, wie die Erh&ouml;hung des Renteneintrittsalters, der Abbau von Stellen im &ouml;ffentlichen Sektor, Arbeitsmarktreformen, eine Senkung der Lohnsteuer bei gleichzeitiger Erh&ouml;hung der indirekten (Konsum-)Steuern etc. pp. All dies entspringt eher dem Phrasenbaukasten der Neoliberalen und sollte in einem Papier eines &bdquo;progressiven&ldquo; Think Tanks eigentlich keinen Platz haben. Die INET-&Ouml;konomen verteidigen ferner sogar den Fiskalpakt, auch wenn sie die Ausnahmeregelungen f&uuml;r Krisen als unzureichend brandmarken, sie vermeiden es aber penibel, Steuererh&ouml;hungen oder gar eine Verm&ouml;gensabgabe als Instrumente zur Verbesserung der Staatsfinanzen und als Alternative zu Ausgabenk&uuml;rzungen ins Feld zu f&uuml;hren. Deshalb fragt man sich, was &Ouml;konomen wie Peter Bofinger, die sich ansonsten gegen solche Rezepte aussprechen,  veranlasst hat ein solches Papier zu unterschreiben.<\/p><p><strong>Gezwungen zum Konsens?<\/strong><\/p><p>Die mangelnde Qualit&auml;t und Originalit&auml;t des INET-Berichts mag darauf zur&uuml;ckzuf&uuml;hren sein, dass der Expertenrat des Think Tanks keineswegs nur aus kritischen &Ouml;konomen besteht, die ein neues &ouml;konomisches Denken verinnerlicht haben. Neben Peter Bofinger sitzen in diesem Gremium beispielsweise noch die in Deutschland t&auml;tigen &Ouml;konomen Lars Feld (Uni Freiburg), Dennis Snower (Kieler Institut f&uuml;r Weltwirtschaft) und Beatrice Weder di Mauro (Uni Mainz), die allesamt eher dem &ouml;konomischen Mainstream zuzuordnen sind. Es stellt sich die Frage, warum ein Institut, das sich ein &bdquo;neues &ouml;konomisches Denken&ldquo; auf die Fahnen geschrieben hat, von K&ouml;pfen repr&auml;sentiert wird, die das alte &ouml;konomische Denken nicht nur verinnerlicht haben sondern geradezu dogmatisch verteidigen.<\/p><p>Die interessantesten Punkte des Papiers sind dann auch die beiden Punkte, die im Addendum angef&uuml;hrt und die nicht von allen Experten dieses Rates getragen werden. Eine Mehrheit[<a href=\"#foot_1\" name=\"note_1\">*<\/a>] des Rates war beispielsweise der Ansicht, dass die &bdquo;fiskalischen Abwertungen&ldquo; in den Defizitstaaten durch eine &bdquo;fiskalische Aufwertung&ldquo; in den &Uuml;berschussstaaten &ndash; allen voran Deutschland &ndash; erg&auml;nzt werden m&uuml;ssten. Eine Minderheit des Rates war zudem der Meinung, dass das EZB-Statut in der Form ge&auml;ndert werden m&uuml;sse, dass sich die Zentralbank nicht mehr ausschlie&szlig;lich auf die Geldwertstabilit&auml;t, sondern vielmehr auch auf Kennzahlen wie das Wirtschaftswachstum und die Arbeitslosigkeit konzentrieren solle. Diese beiden Punkte waren jedoch im INET-Expertenrat nicht konsensf&auml;hig. Da stellt sich nat&uuml;rlich die Frage, wof&uuml;r Europa einen weiteren Expertenrat braucht, der nur dann einen Konsens findet, wenn man nicht all zu sehr vom Mainstream abweicht. Als Plattform f&uuml;r &bdquo;neues &ouml;konomisches Denken&ldquo; hat sich das INET mit diesem Bericht zumindest weitestgehend verabschiedet.<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg08.met.vgwort.de\/na\/8b0c706b61e646c7abd2ca5cca43db0a\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><div class=\"footnote\">\n<p>[<a href=\"#note_1\" name=\"foot_1\">&laquo;*<\/a>] Auch eine Mehrheit reicht bei solchen Papieren nicht aus, wenn sich die Minderheit dem Konsens verweigert.<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mit Spannung wurde der erste Bericht des &bdquo;Expertenrats&ldquo; des Insitute for New Economic Thinking (INET) zur Eurokrise erwartet. Schlie&szlig;lich z&auml;hlen einige der Mitglieder dieses Rats (z.B. Peter Bofinger, Daniel Gros oder Paul de Grauwe) nicht zu Unrecht zu den ausgewiesenen Vertreter der &Ouml;konomenzunft. 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