{"id":140,"date":"2004-09-25T15:50:27","date_gmt":"2004-09-25T14:50:27","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/v2\/?p=140"},"modified":"2016-03-26T15:09:03","modified_gmt":"2016-03-26T14:09:03","slug":"michel-rocard-uber-die-gesellschaftspolitische-fremdbestimmtheit-europas","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=140","title":{"rendered":"Michel Rocard \u00fcber die gesellschaftspolitische Fremdbestimmtheit Europas"},"content":{"rendered":"<p>Auszug aus dem in der &ldquo;Le Monde&rdquo; vom 22.9.04 erschienen Artikel von Michel Rocard &ldquo;De l&rsquo;Europe, du socialisme et de la dignit&eacute;&rdquo;<br>\n<!--more--><br>\nMichel Rocard ist PS-Politiker und war Ministerpr&auml;sident unter Mitterand; im Artikel begr&uuml;ndet er der sein &bdquo;ja&ldquo; zum Referendum &uuml;ber die europ&auml;ische Verfassung und entwickelt dabei &bdquo;seine&ldquo; Analyse des Wirtschaftsgeschehens seit dem 2.Weltkrieg (&Uuml;bersetzung von Gerhard Kilper) <\/p><p>&bdquo;&hellip; So wie sich die EU bis heute entwickelt hat, ist sie einigen Leuten durch die fortgeschrittene Integration schon zu m&auml;chtig geworden. Diese Kr&auml;fte versuchen deshalb, den weiteren Integrationsprozess zu stoppen oder zur&uuml;ck zu drehen. Dazu geh&ouml;ren die nationalistischen Souver&auml;nit&auml;tsfanatiker in Europa, vor allem aber die amerikanische Administration unter Bush w&uuml;nscht sich ein schw&auml;cheres Europa, konnte sie doch wegen dem Euro nicht mit finanziellen oder anderen wirtschaftlichen Sanktionen auf die Irak-Krieg-Haltung Frankreichs und Deutschlands antworten&hellip;<\/p><p>Eine ganz andere Entwicklung, die an sich nichts mit dem europ&auml;ischen Integrationsprozess zu tun hat, beeinflusst jedoch das Leben der Europ&auml;er in sehr viel schwerwiegender Weise: es ist die weltweite und massive &Auml;nderung der Regeln und Funktionsweisen des Kapitalismus, der nach dem 2. Weltkrieg schon gez&auml;hmt schien. Zusammen mit der, von der rasanten Entwicklung der Technik ausgel&ouml;sten Globalisierung, scheint der gewandelte Kapitalismus politisch kaum mehr kontrollierbar zu sein.<\/p><p>Der marktwirtschaftliche Kapitalismus ist an sich ein sehr effektives Wirtschaftssystem, jedoch &uuml;ber seine Konjunkturzyklen grunds&auml;tzlich instabil und in sozialer Hinsicht ohne gesellschaftliche Korrekturen grausam.<\/p><p>Im kapitalistisch-marktwirtschaftlichen Neubeginn nach dem Krieg hatten wir 30 Jahre lang eine Phase erstaunlicher wirtschaftlicher Stabilit&auml;t mit kontinuierlichem Wirtschaftswachstum und stetem sozialem Fortschritt.<\/p><p>Diese Stabilit&auml;tsphase beruhte im Wesentlichen auf drei anerkannten Regularien der Wirtschafts- Finanz- und Sozialpolitik der entwickelten L&auml;nder:<\/p><ol>\n<li>Die politische Umsetzung der von Keynes entwickelten, antizyklischen Wirtschafts- und Finanzpolitik mit ihrem magischen Viereck &ndash; fern vom heutigen, formal-sturen Haushaltsgleichgewicht<\/li>\n<li>Eine auf der Grundlage dieser Politik von Beveridge entwickelte Sozialpolitik: der Aufbau eines stabilen sozialen Netzes sollte nicht nur den (sozialistischen) Grunds&auml;tzen von Humanit&auml;t und Solidarit&auml;t Gen&uuml;ge tun, das Sozialsystem sollte dar&uuml;ber hinaus -&uuml;ber den von ihm ausgehenden, permanenten Konsumimpuls- die Konjunktur dauerhaft stabilisieren und rezessiven Tendenzen vorbeugen<\/li>\n<li>Henry Fords Empfehlung: &bdquo;Zahlt den Arbeitnehmern hohe L&ouml;hne, wenn ihr wollt, dass die Leute eure Produkte kaufen!&ldquo;<\/li>\n<\/ol><p>Mit diesen drei anerkannten wirtschafts-finanz- und sozialpolitischen Grunds&auml;tzen hatten wir 30 Jahre lang keine Wirtschaftskrise und kontinuierliches Wachstum bis in die 1980-er Jahre. Doch dann kam Milton Friedman und arbeitete mit einer Gruppe von Chicagoer Professorenkollegen eine angeblich &bdquo;neue&ldquo; Doktrin der Wirtschafts- und Finanzpolitik aus, die folgenden &bdquo;alten Hut&ldquo; verk&uuml;ndete: <\/p><p>Nach Jahrtausenden der Armut ist die Menschheit heute reich und wohlhabend geworden. Warum? Weil wir das freie Unternehmertum und den Kapitalismus erfunden haben. Die treibende Kraft dieses Wirtschaftssystems aber ist der Gewinn. Folglich: wenn die Gewinne noch mehr steigen, wird das System noch leistungsf&auml;higer werden. Also: lasst uns alles das beiseite schaffen, was die Gewinne beeintr&auml;chtigen kann: Steuern, Soziallasten, arbeitsrechtliche Schutzgesetze, Staatsunternehmen und einen aufgebl&auml;hten &ouml;ffentlichen Dienst. <\/p><p>Wird die Doktrin auf alle Bereiche von Wirtschaft und Gesellschaft &uuml;bertragen, existieren &uuml;berall Teilm&auml;rkte; in jedem dieser Teilm&auml;rkte wird schlie&szlig;lich das vom Marktmechanismus hergestellte Gleichgewicht zu optimalen Ergebnissen f&uuml;hren und &ndash; logischerweise schadet jede Intervention des Staates dem gesellschaftlichen Fortschritt!<\/p><p>Diese simple &bdquo;neue&ldquo; Philosophie, die eigentlich ein uralter Schinken ist, eroberte in Rekordzeit die Gehirne der Eliten in den Industriel&auml;ndern und in der internationalen Finanzwelt. Politische Parteien, W&auml;hler, Regierungen von Amerika &uuml;ber Fernost bis Europa, ja internationale Institutionen &uuml;bernahmen die Maxime der Friedmanschen Ideologie und versuchten und versuchen sie politisch umzusetzen.<\/p><p>Das Ergebnis: 20 Jahre nach dem Verschwinden der drei Regularien einer vern&uuml;nftigen Wirtschafts-, Finanz- und Sozialpolitik sind die Reichen reicher geworden und die sozialen Ungleichheiten enorm angewachsen, sowohl innerhalb der L&auml;nder als auch im Nord-S&uuml;d-Vergleich.<\/p><p>Das Ph&auml;nomen Massenarmut, das in den entwickelten L&auml;ndern bereits besiegt schien, macht sich wieder breit, Politiker verkaufen Einschr&auml;nkungen der Leistungen der Sozialsysteme als &bdquo;mutige Heldentat&ldquo; und bisher selbstverst&auml;ndliche Leistungen der &Ouml;ffentlichen Hand werden ohne &ouml;ffentliche Debatte einfach abgeschafft, die Wirtschaftsentwicklung ist wieder instabil geworden &ndash; in den letzten 15 Jahren gab es weltweit mindestens 5 gro&szlig;e Finanzkrisen. Auch die ersten Ans&auml;tze nachhaltigen Wirtschaftens und des Umweltschutzes wurden (verst&auml;rkt seit dem Amtsantritt Bushs) wieder aufgegeben, die Rohstoffreserven der Welt werden wieder ohne R&uuml;cksicht auf Umweltbelange im Schnellgang ausgebeutet, die drohende Klimakatastrophe scheint nur noch eine Nebenrolle zu spielen&hellip;<\/p><p>Die EU und ihre Institutionen haben diese katastrophale Entwicklung nicht zu verantworten, aber sie erleiden sie. Ausl&ouml;ser der Entwicklung waren jeweils nationale Kr&auml;fte, die eine Politik sozialer Grausamkeiten in ihren L&auml;ndern in Gang gesetzt haben, in Europa wie auf den anderen Kontinenten.<\/p><p>Die EU wurde urspr&uuml;nglich mit der Idee der Vernetzung durch freien Warenverkehr und einer &Ouml;ffnung zur ganzen Welt hin gegr&uuml;ndet &ndash; was in der Epoche der drei Regularien f&uuml;r die Europ&auml;er nur Vorteile brachte. Da diese Grunds&auml;tze heute nicht mehr gelten und da auch die politischen Kr&auml;fte in Europa nicht den Willen haben, gegen das Friedmansche System anzuk&auml;mpfen, erleidet Europa zur Zeit voll die Konsequenzen des Friedmanschen Neoliberalismus.<\/p><p>So sinkt &uuml;berall in Europa der Anteil der L&ouml;hne am Volkseinkommen, die L&ouml;hne steigen nur noch langsam oder stagnieren gar in manchen L&auml;ndern, das soziale Netz wird Schritt f&uuml;r Schritt verkleinert und die Arbeitslosigkeit bleibt unver&auml;ndert auf hohem Stand (aufgrund der demographischen Entwicklung ist es v&ouml;llig unvern&uuml;nftig, wenn jetzt vorhandene Arbeitskraft und Kapazit&auml;ten brach liegen).<\/p><p>Der eigentlich humanit&auml;re Charakter des kontinentaleurop&auml;ischen Kapitalismus (genannt &bdquo;Soziale Marktwirtschaft) ist heute im Begriff zu verschwinden und vom wesentlich brutaleren anglo-amerikanischen Kapitalismus abgel&ouml;st zu werden&hellip;&ldquo; <\/p><p><em>&copy; &ldquo;Le Monde&rdquo;<\/em><\/p><p>Rocard begr&uuml;ndet danach sein &bdquo;ja&ldquo; zur Verfassung im Referendum damit, dass in der Wirtschafts-, Finanz- und Sozialpolitik nur durch das Gewicht einer abgestimmte EU-Politik eine &Auml;nderung herbeigef&uuml;hrt werden k&ouml;nne, die zwar aufgrund der konservativen Mehrheiten zurzeit nicht in Sicht sei, aber bei europaweiten sozialdemokratischen Mehrheiten sehr wohl m&ouml;glich sei. Jedenfalls k&ouml;nne sich ein einzelnes Land heute nicht allein erfolgreich gegen den neuen Kapitalismus stellen. Er legt weiter dar, dass nach seiner Meinung ein Scheitern der Verfassung die Dominanz der Bush-Regierung weiter st&auml;rken w&uuml;rde. <\/p><p><strong>Anmerkung Albrecht M&uuml;ller<\/strong> zum vorletzten Absatz: So angepasst und fremdbestimmt sich die sozialdemokratischen Parteien Europas in den letzten 2 Jahrzehnten gegeben haben, teilweise ganz eng an den USA orientiert wie Blair, wie Polen, fr&uuml;her Craxi, etc.), ist die Hoffnung von Rocard als sehr fragw&uuml;rdig zu betrachten. Aber warum soll man nicht mehr von einer besseren Zukunft tr&auml;umen d&uuml;rfen. &ndash; Das bleibt trotz der Qualit&auml;t seines Textes ansonsten leider anzumerken.\t<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Auszug aus dem in der &ldquo;Le Monde&rdquo; vom 22.9.04 erschienen Artikel von Michel Rocard &ldquo;De l&rsquo;Europe, du socialisme et de la dignit&eacute;&rdquo; <\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[22,180,205,132],"tags":[284,552,413,291],"class_list":["post-140","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-europaische-union","category-europaeische-vertraege","category-neoliberalismus-und-monetarismus","category-ungleichheit-armut-reichtum","tag-deregulierung","tag-lohnquote","tag-schlanker-staat","tag-verteilungsgerechtigkeit"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/140","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=140"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/140\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":32511,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/140\/revisions\/32511"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=140"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=140"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=140"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}