{"id":140001,"date":"2025-10-03T09:00:00","date_gmt":"2025-10-03T07:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=140001"},"modified":"2025-10-08T16:04:50","modified_gmt":"2025-10-08T14:04:50","slug":"deutschland-uneinig-vaterland","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=140001","title":{"rendered":"Deutschland, uneinig Vaterland"},"content":{"rendered":"<p>Am 3. Oktober feiern wir den Tag der Deutschen Einheit und damit die Wiedervereinigung der beiden Teile Deutschlands 1990 &ndash; zugleich erinnert dieser Tag auch an die historische nationale Einigung, die im 19. Jahrhundert mit der Reichsgr&uuml;ndung 1871 erreicht wurde. Wir haben jetzt eine staatliche Einheit, aber was ist mit der gesellschaftlichen Einheit? Die scheint weniger vorhanden und weniger erreichbar zu sein denn je. Eine Reflexion von <strong>Maike Gosch<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_5752\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-140001-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/251003_Deutschland_uneinig_Vaterland_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/251003_Deutschland_uneinig_Vaterland_NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/251003_Deutschland_uneinig_Vaterland_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/251003_Deutschland_uneinig_Vaterland_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=140001-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/251003_Deutschland_uneinig_Vaterland_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"251003_Deutschland_uneinig_Vaterland_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>Und wieder ist der Tag der Deutschen Einheit. Ich habe ihn in diesem Jahr fast vergessen. Auch generell scheint mir mit jedem Jahr, das seit 1990 vergeht, die Begeisterung f&uuml;r diesen Feiertag zu sinken. Warum weckt dieser Tag in diesem Jahr besonders wenig Enthusiasmus? Vielleicht, weil Deutschland sich so uneinig anf&uuml;hlt wie lange nicht. Das Land ist tief gespalten: Zwischen arm und reich, Ost und West, Alt und Jung, AfD und &bdquo;unsere Demokratie&ldquo;, links und rechts, Ma&szlig;nahmengegnern\/Corona-Aufkl&auml;rern und Ma&szlig;nahmenverteidigern, Stadt und Land, &bdquo;woke&ldquo; und konservativ, Pal&auml;stinaaktivisten und Israelunterst&uuml;tzern, und man k&ouml;nnte diese Liste noch lange weiterf&uuml;hren. Die Substanz dessen, was eine gemeinsame Basis sein k&ouml;nnte &ndash; eine nationale Erz&auml;hlung, geteilte Werte, das, worauf wir uns alle einigen k&ouml;nnen &ndash;, scheint immer mehr wegzuschmelzen. Oder ist der Fokus einfach zu wenig darauf gerichtet? Sprechen wir &uuml;berhaupt je noch davon, was uns einigt? <\/p><p>Gef&uuml;hlt seit etwa zehn Jahren ist der &ouml;ffentliche (und oft auch private) politische Diskurs so stark dominiert von all dem, was uns trennt, dass dieses Trennende, von der Aufmerksamkeit wie Luftballons aufgeblasen, immer gr&ouml;&szlig;er erscheint. Wenn &uuml;berhaupt etwas Gemeinsames beschworen wird, dann ist es immer gleichzeitig gegen eine &bdquo;outgroup&ldquo; gerichtet und es geht gerade nicht um Verbindung und Integration, sondern darum, eine Front gegen eine andere Gruppe zu bilden. Sei es die Kommunikation um die Corona-Ma&szlig;nahmen, bei der so stark gegen Impfskeptiker und Ma&szlig;nahmenkritiker gehetzt wurde, dass einem angst und bange wurde. Die tiefen Verletzungen und Spaltungen aus dieser Zeit sind noch lange nicht geheilt. <\/p><p>Oder die Beschw&ouml;rungen von &bdquo;unserer Demokratie&ldquo; und den &bdquo;M&auml;rschen gegen rechts&ldquo;, die sich offen und feindselig gegen die Politiker, W&auml;hler und Unterst&uuml;tzer der gr&ouml;&szlig;ten Oppositionspartei (und inzwischen gr&ouml;&szlig;ten Partei &uuml;berhaupt) richteten, sie von &bdquo;unserer Demokratie&ldquo; auszuschlie&szlig;en versuchten und als Anti-Demokraten, Feinde der freiheitlich-demokratischen Grundordnung, Nazis und damit als eigentlich nicht zu Deutschland (dem guten Deutschland) geh&ouml;rend darstellen. Spiegelbildlich wurden aber auch Deutsche mit Migrationshintergrund vom anderen Ende des politischen Spektrums oft ausgegrenzt und aus dem nationalen Gemeinschaftsgef&uuml;hl herausgeschrieben &ndash; das nat&uuml;rlich vor dem Hintergrund der hohen Migrationszahlen und der vielen gro&szlig;en Probleme bei der Integration.<\/p><p>Es ist schon extrem, wie sehr sich die Stimmung gewandelt hat. Ich erinnere mich noch an den 3. Oktober 1990, an meine Euphorie und Freude damals, an das rauschende Feiern auf der zerbrochenen Mauer, an die Festreden, die R&uuml;hrung. Was f&uuml;r eine Erleichterung, was f&uuml;r eine Hoffnung, was f&uuml;r ein Gef&uuml;hl von &bdquo;Richtigkeit&ldquo;, dass wir wieder ein gemeinsames Land waren. Meine Gro&szlig;mutter stammt aus Th&uuml;ringen (Eisenach), und ich wei&szlig; noch, wie aufgebracht und traurig sie reagierte, als ihr klar wurde, dass wir westdeutschen Sch&uuml;ler in den 80ern in der Schule nichts &uuml;ber die Geschichte und Geographie ihrer Heimatregion gelernt hatten und uns ausschlie&szlig;lich eine westdeutsche Identit&auml;t vermittelt wurde. <\/p><p>Ein weiteres Highlight war in meinen Augen auch der Sommer 2006, das sogenannte Sommerm&auml;rchen, als die Fu&szlig;ball-Weltmeisterschaft in Deutschland ausgerichtet wurde &ndash; mit Public Viewing &uuml;berall im Land und der Freude und &Uuml;berraschung der internationalen G&auml;ste, dass Deutschland so weltoffen, so fr&ouml;hlich, so unbeschwert war und man hier gro&szlig;artig gemeinsam feiern konnte. Selbst bei meinen eher linksgerichteten Freunden wurde damals die deutsche Flagge salonf&auml;higer, man malte sich die deutschen Farben ins Gesicht und trug Trikots der Nationalmannschaft. Ich erinnere mich noch an Diskussionen mit ihnen, was die Flagge bedeutete und wof&uuml;r sie st&uuml;nde &ndash; ich damals wie heute auf der Seite, dass Schwarz-Rot-Gold als Symbol der deutschen Demokratie- und Einheitsbewegung im 19. Jahrhundert mit Stolz getragen werden k&ouml;nne, sie in der Angst und mit dem Vorbehalt, dass Nationalflaggen generell nationalistisch und chauvinistisch seien und die deutsche mit unserer Geschichte besonders gefahrbehaftet. Aber langsam schien das neue Gesamtdeutschland in ein neues, heileres Selbstverst&auml;ndnis hineinzuwachsen. Und es wirkte, als w&uuml;rden wir einige der schlimmsten Schatten unserer Vergangenheit endlich &uuml;berwinden k&ouml;nnen. <\/p><p>Aber da hatten wir uns wohl zu fr&uuml;h gefreut. Seitdem sind diese und viele neue Schatten aufgetaucht und verst&auml;rken sich eher. Schwer zu sagen, ob das eine organische Entwicklung ist, die eigendynamisch abl&auml;uft, oder diese Entwicklungen der Teilung und Spaltung auch aktiv und gezielt befeuert werden. Ein geteiltes Land, eine in sich verstrittene Bev&ouml;lkerung l&auml;sst sich leichter dominieren. Dissens ist gut, wir m&uuml;ssen keine Einheit sein, keine &bdquo;Masse&ldquo;. Pluralit&auml;t ist Reichtum und ein Zeichen einer demokratischen Gesellschaft. Aber ich jedenfalls habe das Gef&uuml;hl, dass es vielleicht Zeit ist, den Fokus wieder st&auml;rker auf das Verbindende zu richten. Wir sind ja nun einmal gemeinsame B&uuml;rger eines Landes. Wenn man nicht auswandern will oder sich im Sinne des Slogans &bdquo;keine Grenzen, kein Vaterland&ldquo; als staatenloser Weltb&uuml;rger empfindet, muss man sich hier irgendwie arrangieren &ndash; am besten mit allen &ndash; und die aktuelle starke Tendenz zur Zersplitterung &uuml;berwinden.<\/p><p>Aber nicht nur innenpolitisch ist wenig Einigkeit erkennbar, auch au&szlig;enpolitisch hat Deutschland in den letzten Jahren ungeheuer viel Porzellan zerschlagen. Der massive Anti-Russland-Kurs, den Deutschland im Schulterschluss mit der EU und den USA (ja, auch immer noch, trotz Trumps m&auml;andernden und teilweise abweichenden Aussagen) weiter stur verfolgt, die geradezu blinde Unterst&uuml;tzung der Kriegsverbrechen Israels, die sich verst&auml;rkenden autorit&auml;ren Tendenzen der EU &ndash; wo man hinschaut, wirkt Deutschland nicht auf Einigkeit hin, sondern auf Konflikt und Frontenbildung. Sprach Richard von Weizs&auml;cker beim Festakt am 3. Oktober 1990 noch davon, dass Deutschland &bdquo;in einem vereinten Europa dem Frieden der Welt&ldquo; dienen wolle, so ist heutzutage im Jahr 2025 nicht viel davon eingel&ouml;st worden. Europa und die EU im Besonderen &auml;chzen unter den inneren und &auml;u&szlig;eren Spannungen, und mit dem Frieden in der Welt ist es auch nicht besonders weit her.<\/p><p>Wenn man den Blickwinkel allerdings etwas &ouml;ffnet, ist es beruhigend, zu sehen, dass diese Spannungen, die Spaltung und das Ringen um ein nationales Selbstverst&auml;ndnis, um die Deutung der eigenen Identit&auml;t diesmal ausnahmsweise keine deutsche Besonderheit sind und nicht nur uns betreffen. In fast allen L&auml;ndern des Westens findet diese Krise gerade statt. Was bedeutet es, US-Amerikaner zu sein? Was ist US-amerikanische Identit&auml;t, was die britische, was die franz&ouml;sische? Und auch, was ist die russische und die israelische Identit&auml;t? Es scheint, als bef&auml;nden sich viele L&auml;nder in dieser Phase der Selbsthinterfragung, der Selbst(neu)erfindung, der Neudefinition, aber auch der R&uuml;ckbesinnung auf alte Werte bis hin zur Wiedererweckung von Kreuzzugssymbolik &ndash; siehe zum Beispiel die aktuelle Kampagne in Gro&szlig;britannien mit dem Namen &bdquo;Operation Raise the Colours&ldquo;, die dazu aufruft, die Flagge mit dem Sankt-Georgs-Kreuz zu hissen, die England repr&auml;sentiert, aber auch in den christlichen Kreuzz&uuml;gen verwendet wurden.<\/p><p>Vielleicht w&uuml;rde es schon helfen, sich in dieser Phase der Neudefinition und des Aufbrechens der alten Geschichten, aber auch der Wiederentdeckung und Wiederbelebung alter Geschichten, in der wir uns auch in Deutschland gerade befinden, etwas offener und geschmeidiger zu bewegen und auszutauschen. Deutschland hat keine leichte Geschichte, aber eine interessante. Und Deutschland war immer schon ein Land, das sich die Dinge nicht leicht macht, sondern eher zu schwer; das Dinge eher zu negativ sieht und sich auf die Probleme konzentriert anstatt auf die Hoffnung und das Positive. Vielleicht k&ouml;nnten wir, wie man im Englischen sagt, &bdquo;embrace the process&ldquo; (den Prozess begr&uuml;&szlig;en), anstatt unter ihm zu leiden und gegen ihn zu k&auml;mpfen. Und vielleicht kommt dann etwas sehr Fruchtbares und Wertvolles heraus &ndash; nicht unbedingt ein Endergebnis, aber eine neue Kultur des Austausches und des Respekts voreinander.<\/p><p>Der Traum eines einigen Deutschlands lag schon &ouml;fter in Scherben. Aber wir haben die Scherben auch schon oft wieder aufgehoben und neu zusammengesetzt.<\/p><p><small>Titelbild: <a href=\"https:\/\/commons.wikimedia.org\/wiki\/File:Forest,_road_and_park_bench_in_Germany_-_2012-09-04_(13228929).jpg\">Wiki Commons<\/a><\/small><br>\n<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/vg09.met.vgwort.de\/na\/6c13f0df158d4bae930d5ca944b0f10b\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p><div class=\"moreLikeThis\">\n<strong>Mehr zu diesem Beitrag:<\/strong>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=140197\">Leserbriefe zu &bdquo;Deutschland, uneinig Vaterland&ldquo;<\/a>\n<\/p><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am 3. Oktober feiern wir den Tag der Deutschen Einheit und damit die Wiedervereinigung der beiden Teile Deutschlands 1990 &ndash; zugleich erinnert dieser Tag auch an die historische nationale Einigung, die im 19. Jahrhundert mit der Reichsgr&uuml;ndung 1871 erreicht wurde. Wir haben jetzt eine staatliche Einheit, aber was ist mit der gesellschaftlichen Einheit? Die scheint<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=140001\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":18,"featured_media":140002,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[107,212,161],"tags":[1543,1903,835,1352,2507,3417],"class_list":["post-140001","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-audio-podcast","category-gedenktagejahrestage","category-wertedebatte","tag-deutsche-einheit","tag-gemeinwohl","tag-nationalismus","tag-rechtsruck","tag-streitkultur","tag-zivilgesellschaftlicher-dialog"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2025\/10\/Forest_road_and_park_bench_in_Germany_-_2012-09-04_13228929.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/140001","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/18"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=140001"}],"version-history":[{"count":16,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/140001\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":140275,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/140001\/revisions\/140275"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/140002"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=140001"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=140001"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=140001"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}