{"id":14003,"date":"2012-07-27T09:59:56","date_gmt":"2012-07-27T07:59:56","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=14003"},"modified":"2015-03-09T16:37:18","modified_gmt":"2015-03-09T15:37:18","slug":"sparzwang-in-zeiten-des-nullzinses","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=14003","title":{"rendered":"\u201eSparzwang\u201c in Zeiten des Nullzinses?"},"content":{"rendered":"<p>Wenn die Bundesrepublik Deutschland neue Schulden aufnimmt, so muss sie daf&uuml;r nur einen l&auml;cherlich geringen Zinssatz zahlen &ndash; f&uuml;r Staatsanleihen mit einer Laufzeit von zwei Jahren oder weniger kriegt sie von den Anlegern sogar eine Pr&auml;mie daf&uuml;r, dass diese dem Staat Geld leihen d&uuml;rfen. Dennoch beherrscht das Mantra, nach dem der Staat immer weniger Schulden aufnehmen sollte, die politische Diskussion. Dies ist ein grandioser Denkfehler, der uns noch sehr teuer zu stehen kommen k&ouml;nnte. Von <strong>Jens Berger<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nWenn in der &ouml;ffentlichen Diskussion &uuml;ber die Staatsverschuldung von einem &bdquo;Sparzwang&ldquo; die Rede ist, meinen die Diskutanten meist das Falsche. Gesetze, wie beispielsweise die Schuldenbremse oder der k&uuml;nftig geltende Fiskalpakt, verpflichten die &ouml;ffentlichen Haushalte zwar, die Neuverschuldung unter einem festgelegten H&ouml;chstsatz zu halten, sie verpflichten die Politik jedoch nicht &ndash; wie man &uuml;berall liest &ndash; zu K&uuml;rzungen. Wer seine Neuverschuldung dr&uuml;cken will, kann entweder seine Ausgaben reduzieren oder seine Einnahmen erh&ouml;hen. Wirtschafts- und finanzpolitisch entscheidend sind hier jedoch die Nebenwirkungen dieser  Fiskalentscheidungen. K&uuml;rzt die Bundesregierung beispielsweise Ausgaben f&uuml;r den Erhalt und Ausbau der Verkehrsinfrastruktur, den Kulturbereich oder das Bildungs- und Sozialsystem, so haben Unternehmen und Arbeitnehmer, die in diesen Bereichen t&auml;tig sind, weniger Einnahmen. Die Unternehmen auf diesem Feld investieren weniger, sie machen geringere Gewinne, zahlen weniger Steuern und m&uuml;ssen m&ouml;glicherweise Angestellte entlassen. Die Arbeitnehmer, die von diesen K&uuml;rzungen betroffen sind, zahlen ebenfalls weniger direkte Steuern, geben weniger Geld aus, was wiederum sowohl zu geringeren indirekten Steuern als auch zu weniger Umsatz bei anderen Unternehmen f&uuml;hrt, die dann ihrerseits nicht nur weniger Steuern zahlen und weniger investieren, sondern wom&ouml;glich auch Angestellte entlassen. In der Folgeperiode f&uuml;hren diese Ausgabenk&uuml;rzungen zu Mindereinnahmen und &ndash; in der Regel &ndash; zu h&ouml;heren Ausgaben (z.B. f&uuml;r Zusch&uuml;sse zum Sozialsystem und Qualifizierungsma&szlig;nahmen f&uuml;r die Entlassenen). Nicht nur die &ouml;ffentlichen Haushalte, sondern auch s&auml;mtliche Sozialkassen leiden unter den Nebenwirkungen der K&uuml;rzungen, so dass unter Umst&auml;nden sogar die Beitragss&auml;tze erh&ouml;ht werden m&uuml;ssen. <\/p><p>Diese Politik, die man wohl am besten mit den Begriffen Austerit&auml;tspolitik oder K&uuml;rzungspolitik umschreiben k&ouml;nnte, ist jedoch keine Sparpolitik, da der Begriff &bdquo;Sparen&ldquo; impliziert, dass man in der Folgeperiode eher mehr und nicht weniger Geld zur Verf&uuml;gung hat. Der vermeintliche &bdquo;Sparzwang&ldquo; ist bei n&auml;herer Betrachtung eine Austerit&auml;tsspirale, eine ideologische Scheuklappe, mit der nicht nur die Staatsfinanzen verschlechtert werden, sondern &uuml;berdies die Konjunktur abgew&uuml;rgt und das Wachstum behindert wird.<\/p><p>Wenn es einen &bdquo;Sparzwang&ldquo; gibt, so ist er ganz woanders zu verorten: Anbieter privater Altersvorsorgevertr&auml;ge, wie Lebensversicherungen, Riester- oder Betriebsrenten, sind per Gesetz gezwungen, einen gro&szlig;en Teil ihrer Kundeneinlagen in festverzinsliche Papiere im eigenen W&auml;hrungsraum anzulegen, die h&ouml;chste Bonit&auml;tsnoten haben. Au&szlig;er Staatsanleihen der als solide bewerteten Eurostaaten (und bestimmter Bundesl&auml;nder\/Regionen sowie Kommunen) bleibt da jedoch nicht viel &uuml;brig. Ohne Staatsverschuldung g&auml;be es auch keine private Altersvorsorge, keine privaten Krankenkassen und keine private Pflegeversicherung. <\/p><p>Nun bestimmen in einer Marktwirtschaft meist Angebot und Nachfrage den Preis. Staatsanleihen bilden da keine Ausnahme. Die Niedrigzinsen f&uuml;r Staatsanleihen bestimmter L&auml;nder sind auch eine Folge dieses &bdquo;Sparzwangs&ldquo;. So erkl&auml;rt sich der niedrige Zinssatz f&uuml;r japanische Staatsanleihen, die trotz der japanischen Staatsschuldenquote von 208% (also mehr als Griechenland) und des eher d&uuml;rften AA- Ratings seit Jahren unter der 2%-Marke d&uuml;mpeln. Der mit Abstand gr&ouml;&szlig;te Gl&auml;ubiger des japanischen Staates sind die japanischen Pensionsfonds, die &ndash; ebenso wie hierzulande &ndash; per Gesetz gezwungen sind, die R&uuml;cklagen ihrer Versicherten in Staatsanleihen im gleichen W&auml;hrungsraum anzulegen. <\/p><p>Allein in Deutschland verwalten die Lebensversicherungen ein Anlagevolumen von 1.400 Mrd. Euro &ndash; etwas mehr als die Gesamtverschuldung des Bundes. Problematisch wird der &bdquo;Erfolg&ldquo; der privaten Altersvorsorge dann, wenn pro Jahr wesentlich mehr Geld in die privaten Altersvorsorgemodelle eingezahlt wird, als die &ouml;ffentlichen Haushalte an neuen Schulden aufnehmen. 2011 wuchsen die Anspr&uuml;che aus Lebensversicherungen um 48 Mrd. Euro, w&auml;hrend der Bund &bdquo;nur&ldquo; 17,3 Mrd. Euro neuer Schulden aufnahm. Wenn sich der Preis (also hier der Zins) f&uuml;r frisch ausgegebene Bundesanleihen durch Angebot und Nachfrage ergibt, ist vollkommen logisch, dass die Zinsen dann unter Druck geraten, wenn die Nachfrage stetig st&auml;rker steigt als das Angebot. In der aktuellen Situation kommt versch&auml;rfend hinzu, dass neben den Versicherern auch noch verschiedene Akteure aus den Euro-Problemstaaten als K&auml;ufer <a href=\"http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/finanzen\/meine-finanzen\/geldvermoegen-deutsche-reich-wie-nie-11762052.html\">auftreten<\/a>, die sich so gegen eine &ndash; nicht auszuschlie&szlig;ende &ndash; W&auml;hrungsreform in diesen Staaten absichern wollen.<\/p><p>Sollte der Bund also seine Ank&uuml;ndigung, langfristig keine neuen Schulden mehr aufnehmen zu wollen, in die Tat umsetzen, ist absehbar, dass die kuriose Erscheinung der negativen Zinsen f&uuml;r Staatsanleihen zu einem Dauerzustand wird. Dies w&uuml;rde auch dazu f&uuml;hren, dass der Posten &bdquo;Zinsen und Tilgung&ldquo; im Bundeshauhalt eine immer geringere Gr&ouml;&szlig;e einn&auml;hme. Damit erweisen sich die apokalyptischen Szenarien der arbeitgebernahen Wirtschaftsforschungsinstitute der <a href=\"http:\/\/www.iwkoeln.de\/de\/infodienste\/iw-nachrichten\/beitrag\/61658\">Vergangenheit<\/a> auf geradezu groteske Art und Weise als falsch. Was oberfl&auml;chlich ein Grund zur Freude ist, stellt jedoch auch auf vielen Ebenen ein Problem dar. Neben der verzerrenden Wirkung auf den Zinsm&auml;rkten sei hier vor allem das Problem angef&uuml;hrt, dass solche Niedrigst- und Negativzinsen vor allem die Kunden privater Altersvorsorgemodelle sch&auml;digen, deren Renten- und Versorgungsanspr&uuml;che dahinschmelzen wie ein Eisberg in der Sahara. F&uuml;r unsere Volkswirtschaft w&auml;re es wesentlich ges&uuml;nder, wenn sich die Zinsen f&uuml;r deutsche Staatsanleihen mittel- bis langfristig wieder auf einem gesunden Niveau einpendeln. Um dies zu erreichen, ist es jedoch vonn&ouml;ten, dass die &ouml;ffentlichen Haushalte tempor&auml;r nicht weniger, sondern mehr Schulden machen, da wohl nur eine Ausweitung des Angebots den Preis wieder auf ein vertr&auml;gliches Niveau zur&uuml;ckf&uuml;hren kann.<\/p><p>Eine solche Ausweitung der Schulden h&auml;tte freilich nicht nur die vielfach kolportierten Nachteile, sondern auch volkswirtschaftliche Vorteile. So k&ouml;nnte der Staat beispielsweise durch sinnvolle Investitionen in den Bereichen Infrastruktur, Kultur, Bildung und Soziales die d&uuml;mpelnde Konjunktur merklich ankurbeln. Die eingangs genannte &bdquo;Austerit&auml;tsspirale&ldquo; w&uuml;rde sich in eine &bdquo;Investitionsspirale&ldquo; umkehren, mit der Wachstum erzeugt und damit auch der Staatshaushalt nachhaltig entlastet werden kann. Dies bedeutet freilich nicht, dass der Staat sich &uuml;ber seine Verh&auml;ltnisse verschulden soll. Sollte die Konjunktur anspringen und die Wirtschaft beispielsweise um 4% pro Jahr wachsen, w&uuml;rde sich die Staatsschuldenquote selbst bei einer saftigen Neuverschuldung von 4% pro Jahr nicht erh&ouml;hen, ist sie ja immer in Relation zur Wirtschaftskraft der gesamten Volkswirtschaft zu sehen. <\/p><p>Durch eine solche intelligente Investitionspolitik w&uuml;rde der Staat gleich sieben Fliegen mit einer Klappe schlagen &ndash; er w&uuml;rde das Niedrigzinsproblem und das damit verbundene Renditenproblem der privaten Altersvorsorge und konservativer Sparer l&ouml;sen, die Wirtschaft ankurbeln, die Arbeitslosigkeit bek&auml;mpfen, die Niedriglohnproblematik entspannen (eine Folge der gesunkenen Arbeitslosigkeit), die Sozialsysteme st&auml;rken und mit all dem schlussendlich den Wohlstand aller seiner B&uuml;rger mehren seinen B&uuml;rgern einen gro&szlig;en Gefallen tun. Wann, wenn nicht jetzt, wo die Zinss&auml;tze historisch niedrig sind und die Konjunktur auf Talfahrt ist, soll der Staat eigentlich Geld in die Hand nehmen, um die Konjunktur zu st&auml;rken? Das Gerede vom Wachstum, aber nicht auf Pump ist volkswirtschaftlich einfach eine Milchm&auml;dchenrechnung. Leider hat sich die Politik diesen Weg durch kontraproduktive Gesetze wie der Schuldenbremse oder dem Fiskalpakt ohne Not selbst verbaut und wir m&uuml;ssen &ndash; ob wir wollen oder nicht &ndash; den durch die Austerit&auml;tspolitik verursachten Problemen ratlos ins Auge blicken.<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg08.met.vgwort.de\/na\/27a2e91b7c704acb8d790e0bee81305e\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wenn die Bundesrepublik Deutschland neue Schulden aufnimmt, so muss sie daf&uuml;r nur einen l&auml;cherlich geringen Zinssatz zahlen &ndash; f&uuml;r Staatsanleihen mit einer Laufzeit von zwei Jahren oder weniger kriegt sie von den Anlegern sogar eine Pr&auml;mie daf&uuml;r, dass diese dem Staat Geld leihen d&uuml;rfen. 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