{"id":140348,"date":"2025-10-10T10:00:01","date_gmt":"2025-10-10T08:00:01","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=140348"},"modified":"2025-10-10T16:55:58","modified_gmt":"2025-10-10T14:55:58","slug":"republik-moldau-ukraine-2-0-ein-weiterer-regionaler-brennpunkt-im-grossen-weltunordnungskonflikt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=140348","title":{"rendered":"Republik Moldau \u2013 Ukraine 2.0? Ein weiterer regionaler Brennpunkt im gro\u00dfen Welt(un)ordnungskonflikt"},"content":{"rendered":"<p>K&uuml;rzlich fanden in der kleinen postsowjetischen Republik Moldau (landl&auml;ufig als Moldawien bekannt) Parlamentswahlen statt. Wie auch bereits ein Jahr zuvor bei den Pr&auml;sidentenwahlen zeigte sich ein Muster: Das ungew&ouml;hnlich hohe politische und massenmediale Interesse an diesem kleinen, rund 2,5 Millionen Menschen umfassenden Staat an der Schnittlinie Ost-S&uuml;dosteuropa. In beiden Wahlen wurde von Schicksalswahlen f&uuml;r das Land gesprochen und geschrieben. Und wie so oft in den letzten beiden Dekaden ging es zumindest bei uns nat&uuml;rlich um einen grundlegenden Orientierungskampf zwischen der bei uns mittlerweile zwangsl&auml;ufigen Polarisierungssprache von Gut und B&ouml;se. Darunter geht es nicht mehr. Von <strong>Alexander Neu<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_2334\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-140348-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/251010_Republik_Moldau_Ukraine_2_0_Ein_weiterer_regionaler_Brennpunkt_im_grossen_Welt_un_ordnungskonflikt_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/251010_Republik_Moldau_Ukraine_2_0_Ein_weiterer_regionaler_Brennpunkt_im_grossen_Welt_un_ordnungskonflikt_NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/251010_Republik_Moldau_Ukraine_2_0_Ein_weiterer_regionaler_Brennpunkt_im_grossen_Welt_un_ordnungskonflikt_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/251010_Republik_Moldau_Ukraine_2_0_Ein_weiterer_regionaler_Brennpunkt_im_grossen_Welt_un_ordnungskonflikt_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=140348-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/251010_Republik_Moldau_Ukraine_2_0_Ein_weiterer_regionaler_Brennpunkt_im_grossen_Welt_un_ordnungskonflikt_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"251010_Republik_Moldau_Ukraine_2_0_Ein_weiterer_regionaler_Brennpunkt_im_grossen_Welt_un_ordnungskonflikt_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>Wer die Guten und wer die B&ouml;sen sind, muss nicht weiter er&ouml;rtert werden. Irgendwie hat sich das infantile Vokabular des damaligen US-Pr&auml;sidenten Ronald Reagan, als er von der Sowjetunion als &bdquo;Reich des B&ouml;sen&ldquo; sprach, bis heute in der Polit- und Mediensprache bei uns festgesetzt &ndash; klare Feindbilder erleichtern das Leben. Jedenfalls stellt die nordwestliche Schwarzmeerregion mit den Anrainerstaaten Ukraine und Rum&auml;nien, aber genau genommen auch Moldau ein weiteres Pulverfass im Welt(un)ordnungskrieg zwischen dem Westen und Russland dar. Warum?<\/p><p><strong>Moldaus Geographie<\/strong><\/p><p>Die kleine Republik Moldau liegt an der Schnittkante zwischen Ost- und S&uuml;dosteuropa, im Wesentlichen zwischen den Fl&uuml;ssen Pruth und Dnister. Die geographische Verortung deckt sich weitgehend mit der historischen Region Bessarabien. Eingekeilt zwischen Rum&auml;nien im Westen und der Ukraine im Norden, Osten und S&uuml;den, ist sie ein Binnenstaat, dessen maritimer Zugang durch die internen Grenzziehungen der Sowjetunion faktisch zu Gunsten der Ukraine verhindert wurde. Der maritime Zugang liegt nur wenige Kilometer von der moldauischen Grenze entfernt. Die Entfernung zur strategisch wichtigen Hafenstadt Odessa in der Ukraine betr&auml;gt 60 Kilometer. Die Staatsfl&auml;che umfasst nahezu 34.000 Quadratkilometer.<\/p><p><strong>Moldaus Geschichte<\/strong><\/p><p>Die Region der heutigen Republik Moldau wechselte in der Geschichte mehrfach ihre Staatszugeh&ouml;rigkeit, allein im 20. Jahrhundert zwischen dem Russischen Zarenreich, Rum&auml;nien und letztlich zur Sowjetunion (Zusatzprotokoll zum Hitler-Stalin-Pakt sowie als Ergebnis des Zweiten Weltkrieges). In der Sowjetunion hatte Moldau einen eigenst&auml;ndigen Republikstatus, die Moldauische SSR. Mit der Aufl&ouml;sung der Sowjetunion 1991 erlangte die Moldauische SSR ihre v&ouml;lkerrechtliche Unabh&auml;ngigkeit. Damit brachen sich, wie auch in anderen Regionen des postsowjetischen Raums, die interethnischen Spannungen Bahn, da die in der Sowjetunion internen administrativen Republiksgrenzen, die f&uuml;r die Bev&ouml;lkerung keine praktischen Alltagskonsequenzen hatten, nun zu internationalen Grenzen wurden. Die multiethnische Struktur Moldaus wurde praktisch &uuml;ber Nacht zum Sprengsatz f&uuml;r den jungen Staat, da die russische, die ukrainische sowie die gagausische Ethnie sich nicht mit dem neuen, von Rum&auml;nisch sprechenden Moldauern dominierten Staat identifizieren wollten. Die Bev&ouml;lkerungsstruktur setzt sich im Wesentlichen aus Rum&auml;nisch sprechenden Menschen (sich teilweise als ethnische Rum&auml;nen bezeichnend), Ukrainern, Russen und Gagausen, die &uuml;ber 90 Prozent der Gesamtbev&ouml;lkerung darstellen, zusammen. Die Titularnation, die Rum&auml;nisch sprechenden Moldauer, stellt rund 70 Prozent der Bev&ouml;lkerung.<\/p><p><strong>Gagausien<\/strong><\/p><p>Die interethnischen Spannungen betrafen und betreffen vor allem zwei Regionen: Transnistrien und Gagausien. Die Region Gagausien rief bereits 1990 &ndash; noch zu Sowjetzeiten &ndash; die Unabh&auml;ngigkeit von der Moldauischen SSR aus, bei gleichzeitigem Verbleib in der Sowjetunion. Die Gagausische Volksgruppe geh&ouml;rt zur Familie der Turkv&ouml;lker, ist jedoch sehr stark an Russland orientiert. 1994 wurde die Region Gagausien mit einem Autonomiestatus innerhalb Moldaus wieder in die Republik Moldau reintegriert. Der Konflikt ist angesichts der geopolitischen Spannungen in Osteuropa jedoch nicht dauerhaft gel&ouml;st. Parallel zu den Entwicklungen in Kiew im Februar 2014 hielt Gagausien ein Referendum ab, das deutlich auf eine Ausrichtung nach Russland zielte. &Uuml;ber 90 Prozent der Stimmen votierten f&uuml;r den Beitritt zur Zollunion mit Russland. Rund 70 Prozent unterst&uuml;tzten eine v&ouml;lkerrechtliche Unabh&auml;ngigkeit Gagausiens, sollte die Republik Moldau sich staatlich mit Rum&auml;nien vereinen. Die Spannungen zwischen der moldauischen Zentralregierung und Gagausien nehmen angesichts der 2024 stattgefundenen Pr&auml;sidentenwahl und der j&uuml;ngst stattgefundenen Parlamentswahl weiter zu (dazu weiter unten). Jedenfalls wurde die 2023 gew&auml;hlte Gouverneurin der autonomen Region Gagausien, Evghenia Gutul, deren regul&auml;re Amtszeit bis 2027 gewesen w&auml;re, im M&auml;rz 2025 per Gerichtsbeschluss vorzeitig vom Amt abgesetzt und im August 2025 zu sieben Jahren Haft verurteilt. Ihr werden finanzielle Machenschaften zur F&ouml;rderung der 2023 verbotenen, angeblich &bdquo;prorussischen Partei&ldquo; Sor, der sie angeh&ouml;rte, zur Last gelegt. Das Regionalparlament Gagausiens hat das Urteil zu ihrer Absetzung nicht akzeptiert und betrachtet Gutul weiterhin als rechtm&auml;&szlig;ige Gouverneurin.<\/p><p>Zugleich wurden seitens der EU und der USA, faktisch wegen ihrer prorussischen Haltung und Handlungen, Sanktionen gegen Evghenia Gutul verh&auml;ngt. Also: Das westliche Ausland verh&auml;ngt in einem innermoldauischen Konflikt &uuml;ber die au&szlig;enpolitische Priorit&auml;tensetzung (Stichwort: innere Angelegenheiten) Sanktionen gegen einen gew&auml;hlten politischen Akteur, der eine andere als eine westliche Ausrichtung vertritt. Ob man dies als westliche Einmischung bezeichnen kann, m&ouml;gen die Leser f&uuml;r sich entscheiden.<\/p><p><strong>Transnistrien<\/strong><\/p><p>Die interethnischen Spannungen zwischen der Titularnation, den Rum&auml;nisch sprechenden Moldauern, und &uuml;berwiegend in der &ouml;stlich des Flusses Dnister liegenden Region Transnistrien lebenden Russen und Ukrainern f&uuml;hrten zu einer ersten Unabh&auml;ngigkeitserkl&auml;rung von der Moldauischen SSR, aber einem Verbleib in der Sowjetunion 1990 als &bdquo;Pridnestrowische Moldauische Sozialistische Sowjetrepublik&ldquo;. Damit beanspruchte Transnistrien nicht den Status eines V&ouml;lkerrechtssubjekts, sondern den Verbleib in der Sowjetunion als eigene Sowjetrepublik. Mit der sich abzeichnenden Aufl&ouml;sung der Sowjetunion erkl&auml;rte Transnistrien 1991 erneut seine Unabh&auml;ngigkeit &ndash; dieses Mal jedoch mit dem Ziel, ein V&ouml;lkerrechtssubjekt zu werden. Dies f&uuml;hrte 1992 zu einem monatelangen Krieg mit der dann unabh&auml;ngigen Republik Moldau, die die Sezession Transnistriens nicht akzeptieren wollte. Erst mit dem Eingreifen der dort noch stationierten 14. Armee der Russischen F&ouml;deration konnte ein bis heute w&auml;hrender Waffenstillstand (eingefrorener Konflikt) geschaffen werden. Derzeit sind etwa bis zu 3.000 Soldaten der russischen Armee in Transnistrien zur Absicherung der De-facto-Staatlichkeit stationiert. Jedoch ist Transnistrien bis heute von keinem UNO-Mitgliedsstaat &ndash; auch nicht von seiner Schutzmacht, der Russischen F&ouml;deration &ndash; diplomatisch anerkannt worden.<\/p><p>2006 organisierte die Regierung in Transnistrien ein Referendum zur Frage des Anschlusses der abtr&uuml;nnigen Region an die Russische F&ouml;deration. Rund 97 Prozent der abgegeben Stimmen votierten f&uuml;r den Beitritt zu Russland. Bis heute hat Russland &ndash; im Gegensatz zum Referendum auf der Krim &ndash; diesem Begehren nicht stattgegeben. Ausschlaggebend d&uuml;rften zwei Gr&uuml;nde sein:<\/p><p>Erstens hat Russland auch die von Georgien abtr&uuml;nnigen Gebiete (S&uuml;dossetien und Abchasien) erst nach dem Angriff Georgiens auf S&uuml;dossetien 2008 diplomatisch anerkannt. Die Russische F&ouml;deration vermied es also, den v&ouml;lkerrechtlichen Status quo bis zum milit&auml;rischen Abenteuer des damaligen georgischen Pr&auml;sidenten Saakaschwili in Frage zu stellen. Erst als auf dem in Bukarest tagenden NATO-Gipfel 2008 Georgien eine Perspektive auf eine NATO-Mitgliedschaft versprochen wurde und Saakaschwili diese Perspektive als Aufforderung (miss)verstanden hatte, mit den abtr&uuml;nnigen Regionen in Georgien milit&auml;risch aufzur&auml;umen, griff die Russische F&ouml;deration milit&auml;risch ein.<\/p><p>Zweitens besteht keine direkte Landverbindung zwischen Transnistrien und Russland. Selbst &uuml;ber das Schwarze Meer besteht keine Verbindung, da, wie oben ausgef&uuml;hrt, Moldau und somit auch Transnistrien keinen Meereszugang besitzt. Hinzu kommt, dass die Region Transnistrien sich in einem d&uuml;nnen Landstreifen befindet, nur getrennt durch den Fluss Dnister, und sich entlang der moldauischen und ukrainischen Grenze zieht. Die Region erstreckt sich in der L&auml;nge auf etwa 200 Kilometer und in der Breite zwischen zwei bis 30 Kilometer. Rein milit&auml;risch betrachtet ist im Konfliktfall eine effektive milit&auml;rische Logistik der russischen Streitkr&auml;fte f&uuml;r die Region sehr herausfordernd. Von einer erfolgreichen Verteidigung ganz zu schweigen, sollte sich Moldau ggf. mit Unterst&uuml;tzung der Ukraine und einiger NATO-Staaten zur gewaltsamen Wiedereingliederung (Model Aserbaidschan &ndash; Berg-Karabach) entscheiden. Die Frage der Loyalit&auml;t der ukrainischen<strong> <\/strong>Ethnie in der transnistrischen Bev&ouml;lkerung ist so komplex, wie die Wirklichkeit eben ist: Die Loyalit&auml;ten schwanken zwischen prorussisch bis proukrainisch. Diese Widerspr&uuml;che f&uuml;hren indessen nicht zu erkennbaren Konflikten innerhalb der transnistrischen Bev&ouml;lkerung.<\/p><p><strong>Republik Modau &ndash; Streitobjekt zwischen Russland und dem Westen<\/strong><\/p><p>Die Republik Moldau ist zwar ein V&ouml;lkerrechtssubjekt, allerdings unter der realistischen machtpolitischen Perspektive eher ein Objekt als ein Subjekt der internationalen Politik. Nicht allein ihre sensible geographische Lage macht es zum Objekt westlicher sowie russischer Einflusssph&auml;reninteressen, sondern auch seine ethnische Zusammensetzung und die damit einhergehenden divergierenden Interessen schw&auml;chen die souver&auml;ne Gestaltungskraft Moldaus. Mit anderen Worten: &Auml;hnlichkeiten mit der Ukraine, ihrer Orientierung sowie ethnischen Zerrissenheit sind nicht zu &uuml;bersehen. Die EU hat mit dem Projekt der &bdquo;&Ouml;stlichen Partnerschaften&ldquo; 2009 konkrete Schritte hin zu einer Integration Moldaus in die westliche Einflusssph&auml;re get&auml;tigt. 2014 schloss die EU mit der Republik Moldau ein Assoziierungsabkommen, welches das Land noch im selben Jahr ratifizierte. Wenige Wochen nach dem Angriff Russlands auf die Ukraine stellte die moldauische Regierung ein Beitrittsgesuch. Im Juni 2022 schlie&szlig;lich wurde Moldau der Status des Beitrittskandidaten verliehen, und im Oktober 2024 wurde ein Referendum zur Frage, ob die B&uuml;rger eine &bdquo;<em>Verfassungs&auml;nderung zur Verankerung des EU-Beitritts in der Verfassung Moldaus<\/em>&ldquo; bef&uuml;rworten, durchgef&uuml;hrt. Das Ergebnis war &auml;u&szlig;erst knapp zu Gunsten der Verfassungs&auml;nderung (Ja-Stimmen 50,35 Prozent und Nein-Stimmen 49,65 Prozent &ndash; also 0,7 Prozent Differenz).<\/p><p>Angesichts dieses knappen Ergebnisses wird die entscheidende Rolle der moldauischen Diaspora deutlich. Sowohl in der EU als auch in Russland leben moldauische Staatsb&uuml;rger. In der EU geht man von 1 bis 1,3 Millionen und in Russland von etwa 500.000 Moldauern aus. Insbesondere die in der EU lebenden Moldauer werden als prowestlich, die in Russland lebenden Moldauer als prorussisch eingesch&auml;tzt. Und da die derzeitigen politischen Entscheider in Moldawien prowestlich orientiert sind, deren f&uuml;hrendes Gesicht die Pr&auml;sidentin Maia Sandu ist, scheinen zweifelhafte Methoden des Machterhalts Anwendung zu finden. Es scheint so, dass die prowestlichen Entscheidungs- und Funktionseliten zunehmend autorit&auml;re Ma&szlig;nahmen ergreifen (m&uuml;ssen), um einen Richtungswechsel hin zu Moskau zu verhindern &ndash; auch wenn ein betr&auml;chtlicher Teil oder sogar die Mehrheit der in Moldau lebenden Moldauer diesen Richtungswechsel wollen w&uuml;rde oder sogar will. Zumindest ist dies rein rechnerisch sehr naheliegend, denn wenn nur 0,7 Prozent die Mehrheit bei dem Referendumsergebnis ausmachen und sich die prowestliche F&uuml;hrungselite f&uuml;r den knappen Sieg auf die in der EU lebenden Auslandsmoldauer verlassen musste, dann d&uuml;rfte der Zuspruch zu dem prowestlichen Kurs selbst bei den (ethnischen) Inlandsmoldauern sehr &uuml;berschaubar gewesen sein.<\/p><p>Wie anders als Furcht vor der Manifestation des empirischen Volkswillens der Moldauer W&auml;hler sind entsprechende drastische, der Demokratie unw&uuml;rdige Ma&szlig;nahmen im Kontext der Wahlen im Jahr 2024 und 2025 zu erkl&auml;ren? Sowohl bei den Pr&auml;sidentschaftswahlen 2024 als auch k&uuml;rzlich bei den Parlamentswahlen wurde der Opposition das Leben schwer gemacht. Parteien wurden und werden aufgrund angeblich fehlerhafter Berichtspflichten oder Registrierungsvers&auml;umnisse von der Wahlteilnahme ausgeschlossen. Ferner wurde eine geradezu infantile Hysterie aufgebaut: Russland mische sich in die inneren Angelegenheiten Moldaus ein, was sogar stimmen k&ouml;nnte. Aber ebenso tut dies die EU, die nicht nur in Rum&auml;nien den W&auml;hlern gezeigt hat, wer die dortigen politischen Entscheidungstr&auml;ger ausw&auml;hlt, n&auml;mlich nicht unbedingt die Rum&auml;nen. Und diese Methode der &bdquo;betreuten Wahlen&ldquo; seitens der EU scheint auch in Moldau und bei der Diaspora erfolgreich praktiziert zu werden. Wenn derartige Ma&szlig;nahmen &bdquo;erforderlich&ldquo; sind, um die EU zusammenzuhalten bzw. zu erweitern, so sagt dies erstens etwas &uuml;ber die nachlassende Attraktivit&auml;t der EU-Integration und zweitens etwas &uuml;ber das Selbstverst&auml;ndnis sowie das Demokratieverst&auml;ndnis der EU aus.<\/p><p>An diesem Verhalten der EU wird offenkundig, dass in einer weltpolitischen Phase des fundamentalen Umbruchs eben nicht mehr mit liberalen Watteb&auml;llchen geworfen, sondern in Anbetracht des Einsatzes geklotzt wird. Demokratie hin, Demokratie her &ndash; da kann schon mal nachgeholfen werden, da es schlie&szlig;lich um die gute Sache geht, so der entstehende Eindruck. Das <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=140110\">Interview mit der Wahlbeobachterin in Moldau Ruth Firmenich<\/a> (MdEP) indiziert recht gut, wie mit unzureichenden Wahllokalen und unzureichenden Wahlzetteln die in Russland lebenden Moldauer in ihrem Wahlrecht eingeschr&auml;nkt wurden, w&auml;hrend die Wahllokale f&uuml;r in der EU lebenden Moldauer in ausreichendem Ma&szlig;e vorhanden waren, um das gew&uuml;nschte Ergebnis zu bef&ouml;rdern.<\/p><p>Nat&uuml;rlich hat Russland Interesse daran, dass die Republik Moldau nicht g&auml;nzlich in den westlichen Orbit abgleitet &ndash; nicht nur, aber auch aus historischen Gr&uuml;nden (Teil des Zarenreichs und sp&auml;ter der Sowjetunion). Und auch aus sicherheitspolitischen Motiven heraus: Sollte es Russland gelingen, Odessa und die weitere Region bis an die Grenzen Moldaus und Rum&auml;niens einzunehmen, so w&auml;re eine milit&auml;rische Sicherung Transnistriens wesentlich effektiver gew&auml;hrleistet als gegenw&auml;rtig. Auch k&ouml;nnte auf diese Weise Transnistrien als russisches Faustpfand dienen: Sollte Moldau EU-Mitglied, vor allem auch NATO-Mitglied werden, also sich geopolitisch dem Westen zu ordnen, so k&ouml;nnte Transnistrien vollst&auml;ndig von Moldau abgespalten und in die Russische F&ouml;deration integriert werden, so das Drohpotenzial. Die regionalen ethnischen Mehrheitsverh&auml;ltnisse w&auml;ren die Ausgangsbasis.<\/p><p><strong>Fazit<\/strong><\/p><p>Wenn ein multiethnisches staatliches Konstrukt durch rivalisierende Gro&szlig;m&auml;chte alternativlos vor die Wahl gestellt wird, entweder der EU\/NATO beizutreten oder mit Russland privilegierte Beziehungen zu pflegen, und somit eine dritte Option, n&auml;mlich die Neutralit&auml;t, ausgeschlossen wird; wenn zur Erreichung des Zweckes eine prowestliche F&uuml;hrungselite von au&szlig;en massiv unterst&uuml;tzt, ja vielleicht sogar installiert wird, die gro&szlig;e Teile der Bev&ouml;lkerung in dieser Richtungsentscheidung nicht repr&auml;sentiert, dann ist das die denkbar beste Rezeptur f&uuml;r eine Neuauflage des Modells Ukraine, dann w&auml;re Moldau eine Ukraine 2.0.<\/p><p>Und die Opfer? Das Leben von Zivilisten spielt bei geopolitischen Sandkastenspielchen keine Rolle &ndash; warum auch? Es geht doch um das gro&szlig;e Ganze.<\/p><p><small>Titelbild: Neuiiza \/ Shutterstock<\/small><\/p><div class=\"moreLikeThis\">\n<strong>Mehr zum Thema:<\/strong>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=139853\">Entscheidungszwang mit bitterem Beigeschmack &ndash; Botschafter Gy&ouml;rgy Varga zu Wahlen in Moldau<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=136030\">Die Autokratin: Maia Sandu f&uuml;hrt Moldau autorit&auml;r &ndash; mit Billigung Br&uuml;ssels<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=123483\">&bdquo;Wer untergr&auml;bt die Souver&auml;nit&auml;t Moldaus?&ldquo; &ndash; O-T&ouml;ne zu Pr&auml;sidentschaftswahlen und Referendum &uuml;ber EU-Mitgliedschaft<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=123056\">Botschafter a. D. 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