{"id":14035,"date":"2012-08-01T16:46:07","date_gmt":"2012-08-01T14:46:07","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=14035"},"modified":"2015-03-09T16:43:53","modified_gmt":"2015-03-09T15:43:53","slug":"sozialstaat-ist-mehr-als-sozialtransfer","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=14035","title":{"rendered":"Sozialstaat ist mehr als Sozialtransfer"},"content":{"rendered":"<p>Dieser kurze Beitrag geht auf die Anregung einer Leserin der NachDenkSeiten zur&uuml;ck. Nach der Lekt&uuml;re von <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?page_id=12555\">&bdquo;Der falsche Pr&auml;sident&ldquo;<\/a> merkt sie an: <\/p><blockquote><p>&bdquo;Sie schreiben, Joachim Gauch verstehe unter Sozialstaat wohl nur Transferleistungen, und wahrscheinlich werden Sie da recht haben. Es ist mein Eindruck, dass das allerdings nicht nur Joachim Gauck so geht. Aus meinem unmittelbaren Umfeld meine ich solche Vorstellungen auch zu kennen.  &hellip; Es w&auml;re vielleicht wichtig und hilfreich, dem Sozialstaat, genau diesem Begriff, eine aufkl&auml;rende Schrift zu widmen.&ldquo;<\/p><\/blockquote><p> Ich will es versuchen. Von <strong>Albrecht M&uuml;ller<\/strong><br>\n<!--more--><br>\nEs ist auch mein Eindruck, dass viele Menschen beim Begriff Sozialstaat und Sozialstaatlichkeit vor allem an Transfers staatlicher Leistungen an Hilfsbed&uuml;rftige, Arme, an Menschen in Not denken. Das ist ein wichtiger Teil von Sozialstaatlichkeit, ein Anliegen &uuml;brigens, das in der neueren Zeit ziemlich mit F&uuml;&szlig;en getreten, vernachl&auml;ssigt wird.<\/p><p>Das Versprechen des Grundgesetzes zur Sozialstaatlichkeit meint neben der erw&auml;hnten Hilfe f&uuml;r Menschen in Not und f&uuml;r solche, die nicht selbst f&uuml;r sich sorgen k&ouml;nnen, vieles und vieles vern&uuml;nftiges mehr:<\/p><ol>\n<li>Die solidarische Organisation der sozialen Sicherungssysteme<\/li>\n<li>Die gute und ausreichende Versorgung mit &ouml;ffentlichen Leistungen<\/li>\n<li>Eine Steuerpolitik, die die Ungerechtigkeiten der prim&auml;ren Einkommensverteilung korrigiert.<\/li>\n<li>Demokratische Verh&auml;ltnisse<\/li>\n<\/ol><ol>\n<li><strong>Die solidarische Organisation der sozialen Sicherungssysteme<\/strong>\n<p>Die Absicherung der allgemeinen und bei nahezu jeder und jedem eintretenden Risiken des Altwerdens, des Krankwerdens, des Pflegebed&uuml;rftigwerdens und des Arbeitsloswerdens kann man privat oder &ouml;ffentlich und solidarisch organisieren. Die gesetzliche Rente, die gesetzliche Krankenkasse, die Pflegeversicherung und die Arbeitslosenversicherung sind die &ouml;ffentlich organisierten Regelungen zur Absicherung der Risiken.<\/p>\n<p>Prinzipiell m&uuml;ssen diese &ouml;ffentliche organisierten Versicherungssysteme nicht notwendigerweise Elemente von Sozialtransfers enthalten. Man k&ouml;nnte die gesetzliche Rentenversicherung so organisieren, dass das so genannte &Auml;quivalenzprinzip voll gew&auml;hrleistet ist. D.h.: die Zahlungen des Systems orientieren sich an der Beitragszahlung der Versicherten. Man kann aber auch st&auml;rkere Elemente der Solidarit&auml;t einbringen &ndash; wenn man die Auszahlungen an die Spitzenverdiener nicht voll an den geleisteten Beitr&auml;gen orientiert oder besondere Regelungen mit dem System kombiniert wie zum Beispiel die Berufsunf&auml;higkeitsrente.<\/p>\n<p>Gesetzlich geregelte Sicherungssystem k&ouml;nnen auch st&auml;rkere solidarische Elemente enthalten, so zum Beispiel die Gesetzliche Krankenkasse. Dort orientiert sich die Leistung der Krankenversicherung nicht ma&szlig;geblich an der Beitragsleistung des Versicherten. Wer viel verdient und einen h&ouml;heren Beitrag zahlt, hat in der Regel auch keine bessere Leistung zu erwarten als jemand mit einem niedrigen Einkommen. <\/p>\n<p>In der Regel arbeiten diese Systeme um vieles preiswerter und Ressourcen schonender als die private Organisation der Absicherung. Die Organisation der Riester-Rente &uuml;ber das Umlageverfahren zum Beispiel verschlingt im Schnitt 15 % der eingezahlten Pr&auml;mien, die Gesetzliche Rentenversicherung kommt zur Organisation der Beitragserhebung und der Rentenauszahlung mit ungef&auml;hr einem Prozent der Beitr&auml;ge aus.<\/p>\n<p>Es gibt eine ziemlich breite Variation der speziellen Organisation gesetzlicher Sicherungssysteme. D.h., man kann die Sicherungssysteme durchaus verschieden organisieren. Zum Beispiel: die Einbeziehung aller Erwachsenen in die sozialen Sicherungssysteme, also auch der Beamten und der Selbstst&auml;ndigen. Oder die Abschaffung der Beitragsbemessungsgrenzen.<\/p>\n<p>Man k&ouml;nnte die Beitr&auml;ge zur Gesetzlichen Altersvorsorge statt an der Lohnsumme auch an der Wertsch&ouml;pfung eines Unternehmens orientieren Das w&auml;re eine sehr sinnvolle Reform des Systems, weil lohnintensive Produktionen tendenziell entlastet w&uuml;rden. <\/p>\n<p>Die Sicherheit der privaten Sicherungssysteme h&auml;ngt von dem Wohlergehen der einzelnen Unternehmen ab. Das ist neben der Kostentr&auml;chtigkeit der Privatvorsorge ein zweiter Nachteil.<\/p>\n<p>Angesichts der Effizienz der sozialen Sicherungssysteme und des zumindest gewissen Risikos der Privatvorsorge ist es erstaunlich, dass die in den letzten 20 Jahren die Politik bestimmenden politischen Kr&auml;fte die sozialen Sicherungssysteme destabilisiert haben:<\/p>\n<ul>\n<li>Die Arbeitslosenversicherung wurde im Kern mit Harz IV abgeschafft. Wenn jemand nach einem Jahr Arbeitslosigkeit in Harz IV f&auml;llt, dann ist das keine ernst zu nehmende Versicherung mehr.<\/li>\n<li>Die Leistungsf&auml;higkeit der gesetzlichen Rente ist durch vielerlei politischen Entscheidungen reduziert worden. Das geschah nicht zuf&auml;llig. Es ist Teil eines Plans zur F&ouml;rderung der Privatvorsorge. Diesen Vorgang hat einer der Agitatoren f&uuml;r die Privatvorsorge, Bernd Raffelh&uuml;schen, im Film Renten-Angst anschaulich beschrieben.<\/li>\n<li>Der Pflege-Riester bringt den Einstieg in die Privatisierung auch dieses Zweiges der Risikovorsorge.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Ein dichtes soziales Netz ist eine wichtige Basis der sozialen Sicherheit und der Freiheit. Es ist in der Regel keine H&auml;ngematte.<\/p><\/li>\n<li><strong>Die gute und ausreichende Versorgung mit &ouml;ffentlichen Leistungen<\/strong>\n<p>Wenn die Wasserversorgung in einer Gesellschaft ohne R&uuml;cksicht auf die Einkommenslage klappt und die Nutzung jedem und jeder m&ouml;glich ist, wenn Kinder und Jugendliche unabh&auml;ngig von der Einkommenslage ihrer Eltern Chancen zur Ausbildung und Bildung haben, wenn die Infrastruktur eines Landes so gut ausgebaut ist, dass auch Einkommensschw&auml;chere dieses Angebot nutzen k&ouml;nnen, wenn die &ouml;ffentlichen Leistungen noch dazu preisg&uuml;nstig angeboten werden, dann steckt darin ein wichtiges Element der Sozialstaatlichkeit.<\/p><\/li>\n<li><strong>Eine Steuerpolitik, die die Ungerechtigkeiten der prim&auml;ren Einkommensverteilung korrigiert.<\/strong>\n<p>Seit 30 Jahren sinkt der Anteil der abh&auml;ngig besch&auml;ftigten Personen am Volkseinkommen. D.h., die so genannte prim&auml;re Einkommensverteilung ist schlechter und ungerechter geworden. In den letzten Jahren hat die Ungerechtigkeiten rasant zugenommen.<\/p>\n<p>Das ist ein sehr schlechtes Ergebnis und war, wie wir wissen, gewollt. Die Reservearmee der Arbeitslosen sollte und hat daf&uuml;r gesorgt, dass die L&ouml;hne &uuml;ber einen l&auml;ngeren Zeitraum stagnierten und die Gewinne und Verm&ouml;genseinkommen massiv stiegen.<\/p>\n<p>In einer von Sachlichkeit in den Geist der Sozialstaatlichkeit gepr&auml;gten Gesellschaft, wei&szlig; man in einer solchen Situation, was zu tun w&auml;re: der Staat h&auml;tte die Aufgabe, mithilfe der Steuerpolitik die Ergebnisse der prim&auml;ren Einkommensverteilung zu korrigieren. Bei uns ist genau das Gegenteil passiert: die Verm&ouml;gensteuer wurde gestrichen, die Unternehmenssteuern wurden gesenkt, den Spekulanten wurde zum 1.1.2002 die Steuerfreiheit f&uuml;r die Gewinne beim Verkauf von Aktienpaketen einger&auml;umt, die Erbschaftssteuer wurde ihrer Wirksamkeit weitgehend beraubt, etc.  Und die Mehrwertsteuer die den Konsum der Massen belastet, wurde gleich um drei Punkte erh&ouml;ht.<\/p>\n<p>Das alles waren keine Akte zur F&ouml;rderung der Sozialstaatlichkeit.<\/p><\/li>\n<li><strong>Demokratische Verh&auml;ltnisse <\/strong>\n<p>Die Sozialstaatlichkeit ist auf diesem Feld in vielf&auml;ltiger Weise bedroht:<\/p>\n<ul>\n<li>Menschen und Gruppen mit finanzieller und publizistischer Macht beherrschen die Meinungsbildung und nehmen &uuml;ber Lobbyarbeit Einfluss auf politische Entscheidungen zu ihren Gunsten, zu Gunsten der Besserverdienenden und Verm&ouml;genden. Die Mehrheit hat das Nachsehen. Kein Akt von Sozialstaatlichkeit.<\/li>\n<li>Gleiches Recht f&uuml;r alle ist ein guter Gedanke und letztlich auch der Kerngedanke der Rechtsstaatlichkeit. Aber in der Realit&auml;t gilt das schon lange nicht mehr. Wer finanziell gut ausgestattet ist, gut vernetzt ist und Beziehungen hat, kann sich Vorteile verschaffen. Wer dar&uuml;ber nicht verf&uuml;gt ist benachteiligt. Eine eindeutige Verletzung der Sozialstaatlichkeit. Die oft schon beschriebenen neuen feudalen Verh&auml;ltnisse in Deutschland sind nicht nur ein Angriff auf die Demokratie sondern auch auf die soziale Gerechtigkeit und Sozialstaatlichkeit.<\/li>\n<li>Die gro&szlig;e Mehrheit der abh&auml;ngig arbeitenden Menschen ist inzwischen in wichtigen Institutionen in der Minderheit oder ausgeschlossen.<br>\nSo zum Beispiel bei der Agentur f&uuml;r Arbeit. Bei der Vorg&auml;ngerorganisation waren zumindest die Vertreter der Arbeitnehmerschaft, die Gewerkschaften, &auml;hnlich repr&auml;sentiert wie die Arbeitgeberseite. Heute ist die Agentur in den H&auml;nden von betriebswirtschaftlich denkenden Abk&ouml;mmlingen des Managements.<br>\n&Auml;hnlich ist die Lage in den Rundfunkanstalten und in den Universit&auml;ten. Die breite Masse der Arbeitnehmerschaft hat dort nichts mehr zu sagen. Es liegt eine ziemlich undemokratische Macht&uuml;bernahme hinter uns, die direkten Einfluss auch auf die soziale Lage der Menschen und damit auf die Sozialstaatlichkeit hat.<\/li>\n<\/ul>\n<\/li>\n<\/ol><p><strong>Die Sozialstaatlichkeit ist ein wunderbares Versprechen. Aber dieses Versprechen ist in vielf&auml;ltiger Weise verletzt und aktiv gebrochen worden.<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dieser kurze Beitrag geht auf die Anregung einer Leserin der NachDenkSeiten zur&uuml;ck. 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