{"id":140387,"date":"2025-10-12T13:00:59","date_gmt":"2025-10-12T11:00:59","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=140387"},"modified":"2025-10-12T16:00:23","modified_gmt":"2025-10-12T14:00:23","slug":"sozialstaat-unbezahlbar-oder-kapitalismus-zu-teuer","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=140387","title":{"rendered":"Sozialstaat unbezahlbar? Oder Kapitalismus zu teuer?"},"content":{"rendered":"<p>Die Massenarmut in Deutschland geht den Betreuern des Kapitalstandorts echt auf die Nerven. Die Leitmedien k&ouml;nnen das nachvollziehen. Nachdem der Kanzler auf einer Parteiveranstaltung verk&uuml;ndet hatte, &bdquo;Der Sozialstaat, wie wir ihn heute haben, ist mit dem, was wir volkswirtschaftlich leisten, nicht mehr finanzierbar&ldquo; (zit. nach Bastian Brinkmann: <em>Ist der Sozialstaat wirklich nicht mehr finanzierbar?<\/em>, S&uuml;ddeutsche Zeitung, 27. August 2025), griffen die Medien das Thema begierig auf. Hier zeigte der Kanzler endlich Tatkraft, zumindest Entschlossenheit, die gro&szlig;en Herausforderungen f&uuml;r den deutschen Kapitalstandort anzugehen &ndash; und das ist doch immer eine Meldung wert! Von <strong>Suitbert Cechura<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nNun leisten die meisten B&uuml;rger zwar nicht weniger als bisher, gehen ganz normal ihren tarifvertraglich geregelten oder prek&auml;r gestalteten Jobs nach, doch offenbar haben sich die politischen Priorit&auml;ten verschoben. Obwohl es ins Auge springt, dass vieles und zurzeit gerade Au&szlig;erordentliches finanzierbar ist &ndash; so der Krieg in der Ukraine, wo die deutsche Regierung gerade Milliardensummen an Unterst&uuml;tzung zusagte, oder die in unbegrenzter H&ouml;he bewilligte Aufr&uuml;stung &ndash;, gelten die staatlichen Finanzierungsprobleme linientreuen Journalisten als unbestreitbar wichtig. Hier k&ouml;nnen sie ihren Geist dran wetzen und den Politikern genau auf die Finger schauen.<\/p><p><strong>Der Lebensunterhalt &ndash; eine einzige soziale Kost<\/strong><\/p><p>Und so fangen sie denn auch gleich an, nachzurechnen: &bdquo;Der Sozialstaat ist tats&auml;chlich gewachsen. Das geht aus dem Sozialbudget des Bundesarbeitsministeriums hervor. Diese Rechnung umfasst alle Sozialleistungen zusammen, nicht nur Rente und Krankenkasse, sondern eben alles von Lohnfortzahlungen im Krankheitsfall &uuml;ber Elterngeld bis zum B&uuml;rgergeld. Der langfristige Vergleich zeigt: Deutschland hat im Vorjahr mehr als 31 Prozent seiner Wirtschaftsleistung f&uuml;r Soziales ausgegeben.&ldquo; (<em>SZ<\/em>)<\/p><p>Gut informiert scheint der Schreiber nicht zu sein, wird doch die Lohnfortzahlung im Krankheitsfall nicht vom Staat, sondern von den Arbeitgebern gezahlt. Und so mischt er munter die Zahlen aus dem Haushalt mit denen aus dem Bruttosozialprodukt durcheinander. Dennoch hat er am Schluss ein eindeutiges Ergebnis, das sich allerdings sehr unterschiedlich interpretieren l&auml;sst. Dr&uuml;ckt sich doch in dem Zuwachs der Sozialleistungen aus, dass immer mehr Menschen im Lande nicht in der Lage sind, ihren Lebensunterhalt durch Lohn oder Gehalt zu bestreiten. Die Ursachen m&ouml;gen vielf&auml;ltig sein &ndash; sei es, dass sie als Fl&uuml;chtlinge die deutsche Sprache nicht beherrschen und deshalb keine Arbeit finden, sei es, dass die Rente nicht reicht oder das eigene Einkommen plus Pflegeversicherung die Kosten f&uuml;r die Pflege nicht deckt &ndash;, die Gesamtbilanz k&ouml;nnte man aber auch ganz schlicht fassen, indem man festh&auml;lt: Immer mehr Menschen sind arm.<\/p><p>Doch die verbreitete Armut im Lande will niemand zum Thema machen, stattdessen wird immer die Frage gew&auml;lzt, ob der Sozialstaat zu teuer ist: &bdquo;Auf die Frage allerdings, ob der gewachsene Sozialstaat zu teuer ist, gibt es nur subjektive Antworten, die bei Sozialdemokraten und Union unterschiedlich ausfallen. Ein Kipppunkt, an dem automatisch alles zusammenbricht, l&auml;sst sich volkswirtschaftlich nicht begr&uuml;nden.&ldquo; (<em>SZ<\/em>) Eine fixe Messlatte f&uuml;r das, was der Staat sich an Unterst&uuml;tzung f&uuml;r die Armen im Lande leisten will, gibt es eben nicht. Eins steht allerdings fest: Ohne staatliche Unterst&uuml;tzung kommen viele Menschen im Lande nicht &uuml;ber die Runden, weil das Leben von Lohn und Gehalt eine unsichere Angelegenheit ist und das beschr&auml;nkte oder fehlende Einkommen die Menschen existenziell betrifft.<\/p><p>Nat&uuml;rlich k&ouml;nnen Kinder, die erst zu Arbeitskr&auml;ften ausgebildet werden m&uuml;ssen, ebenso wie Alte, Kranke oder Menschen mit Behinderungen nicht arbeiten und sich in den Dienst von Arbeitgebern stellen. Ohne die Sicherung des nationalen Nachwuchses, die Pflege einer arbeitslosen Reservearmee und die Sorge um Kranke und Alte ist die Funktionsf&auml;higkeit der Gesellschaft nicht zu gegeben &ndash; einer Gesellschaft, die auf der Benutzung von dienstbereiten und dienstf&auml;higen Menschen f&uuml;r die Produktion von Reichtum als Geldzuwachs in privater Hand basiert. Sozialausgaben des Staates sind dabei keine Wohltaten f&uuml;r die B&uuml;rger, sondern notwendige Kosten zum Erhalt eines gesellschaftlichen Zusammenhangs, der durch die herrschende kapitalistische Wirtschaftsweise st&auml;ndig Armut und Elend produziert. Auch wenn manche Menschen bis hin zu Gewerkschaftern diese Gesellschaft gerne als eine betrachten, <a href=\"https:\/\/www.overton-magazin.de\/hintergrund\/politik\/generationenvertrag-oder-versicherungsvertrag\/\">in der die einen f&uuml;r die anderen sorgen<\/a>, ist sie doch als Erstes durch Gegens&auml;tze wie K&auml;ufer versus Verk&auml;ufer, Mieter versus Vermieter, Arbeitgeber versus Arbeitnehmer gekennzeichnet, die ihre &ouml;konomischen Grundlagen betreffen.<\/p><p>Es handelt sich eben um eine Gesellschaft, die durch die Konkurrenz ums Geld bestimmt ist und die notwendigerweise Gewinner und Verlierer produziert. Zur Sicherung ihres Funktionierens bedarf sie der Sozialkosten, die dann den staatlichen Haushalt belasten. Dessen R&auml;son besteht darin, alle Mittel zur St&auml;rkung der Nation einzusetzen, also zur F&ouml;rderung der Wirtschaft, von deren lohnendem Wachstum alles und jedes abh&auml;ngig gemacht ist. Das Wachstum dient dabei nicht der Versorgung der B&uuml;rger, sondern der Mehrung des Reichtums derer, die bereits &uuml;ber Reichtum verf&uuml;gen, sprich der Kapitalisten, die heute Investoren hei&szlig;en und bekanntlich, solange sie Arbeitspl&auml;tze schaffen, nur Gutes tun. Diese nutzen die Versorgung der Bev&ouml;lkerung mit Waren und Dienstleistung dazu, die Gewinne ihrer Investitionen zu realisieren und lassen keine Gelegenheit zur Geldvermehrung ungenutzt. F&uuml;r dieses ma&szlig;lose Bed&uuml;rfnis erweist sich die Zahlungsf&auml;higkeit der heimischen B&uuml;rger dann immer als zu gering. Deswegen muss der Staat mit seinen wirtschaftlichen wie milit&auml;rischen Machtmitteln daf&uuml;r sorgen, dass den Unternehmen auch ausw&auml;rtige M&auml;rkte offen stehen, um ihr Wachstum zu bef&ouml;rdern.<\/p><p>Kosten f&uuml;r den Unterhalt der eigenen B&uuml;rger sind dabei eine doppelte Last. Sie beschr&auml;nken die staatlichen Mittel f&uuml;r die staatliche Machtausweitung und belasten durch die Sozialabgaben als Bestandteil der Lohnkosten (eben die ber&uuml;hmten &bdquo;Lohnnebenkosten&ldquo;) auch die Gewinnrechnung von Unternehmen. Ein Gegensatz, den so mancher &Ouml;konom einfach dadurch aus der Welt schaffen will, dass der Staat die Wirtschaft nur entsprechend machtvoll ankurbelt, damit die Gewinne sprudeln und die Sozialausgaben <a href=\"https:\/\/www.overton-magazin.de\/hintergrund\/wirtschaft\/rente-waere-sicher\/\">friedlich daneben existieren k&ouml;nnen<\/a>. Weil der Gegensatz aber trotz der Vision st&auml;ndig sprudelnder, sozialvertr&auml;glicher Gewinne erhalten bleibt, gibt es immer ein staatliches wie unternehmerisches Interesse an der Begrenzung dieser Kosten. Wie gesagt, wie hoch diese sein m&uuml;ssen, um die Funktionsf&auml;higkeit der Gesellschaft zu garantieren, daf&uuml;r gibt es kein Ma&szlig;, sondern nur einen best&auml;ndigen Test darauf, was diejenigen, die den Reichtum dieser Gesellschaft produzieren, sich gefallen lassen.<\/p><p>Und das ist offenbar sehr viel, denn von einer ernsthaften Gegenwehr gegen die st&auml;ndige Senkung der Reall&ouml;hne auch durch die immer weiter steigenden Sozialabgaben ist nirgends etwas zu sehen. Zumal auch die Gewerkschaften sich mehr der Sicherung des sozialen Friedens &ndash; sprich der Hinnahme der verschlechterten Lebensverh&auml;ltnisse &ndash; als der Abwehr dieser Ma&szlig;nahmen verschrieben haben, was jetzt am 1. September, dem legend&auml;ren Antikriegstag der Gewerkschaften, wieder musterg&uuml;ltig vorgef&uuml;hrt wurde: Der DGB ver&ouml;ffentlichte einen Aufruf, der im Prinzip seine Zustimmung zum Regierungskurs gab und nur um soziales Augenma&szlig; beim weiteren Vorgehen bat. Auch so, hie&szlig; es j&uuml;ngst bei <a href=\"https:\/\/overton-magazin.de\/top-story\/dgb-zum-antikriegstag-zu-den-waffen-kolleginnen\/\"><em>Overton<\/em><\/a>, kann man klarstellen, dass man die Aufr&uuml;stung unterst&uuml;tzt und die Absichtserkl&auml;rungen in Sachen &bdquo;Reform der Sozialsysteme&ldquo;, wie die K&uuml;rzungsabsichten lauten, nicht zur Kenntnis nehmen will. Da der <a href=\"https:\/\/gewerkschaftsforum.de\/dem-antikriegsprotest-die-spitze-nehmen\/\">Protest<\/a> gegen diese &bdquo;Burgfriedenspolitik&ldquo; in der Gewerkschaft bislang nicht durchdringt und politisch gegen den nationalen Konsens kaum etwas an Widerstand in Gang kommt, kann dieser Prozess der effektiven Lohnsenkung st&auml;ndig von einer Regierung zur n&auml;chsten vorangetrieben werden.<\/p><p><strong>Die Sorge um das Wirtschaftswachstum<\/strong><\/p><p>Wenn Journalisten sich die Sorgen des Kanzlers zu Herzen nehmen, dann stellen sie sich nicht die Frage, was die angesprochene Lage f&uuml;r die Menschen im Lande bedeutet. Ihr Interesse gilt dann vielmehr gleich dem Wachstum der Wirtschaft. Und da steht der Autor der <em>SZ<\/em> nicht alleine. Auch die <em>BILD-Zeitung<\/em> greift diese Sorge auf, und zwar dieses Mal in der Form &ndash; bei dem Dauerbrenner ist ja mal Abwechslung willkommen &ndash;, dass man nicht selbst hetzt, sondern das <em>Wall Street Journal<\/em> <a href=\"https:\/\/www.bild.de\/politik\/ausland-und-internationales\/fuer-aussagen-zu-sozialstaat-renommierte-us-zeitung-feiert-merz-68adb0d2d6fob97dca47\">zu Wort kommen l&auml;sst<\/a>: &bdquo;Die Nationen haben Wohlfahrts- und Sozialsysteme aufgebaut, die so gro&szlig; sind, dass sie die Finanzierungsm&ouml;glichkeiten langsam wachsender Volkswirtschaften &uuml;bersteigen. Doch weil das Sozialpolster so breit ist und bis tief in die Mittelschicht reicht, ist es unm&ouml;glich geworden, es zu reformieren.&ldquo;<\/p><p>Und so liegen <em>BILD-Zeitung<\/em> und <em>SZ<\/em> auf einer Linie, wenn der Autor des Qualit&auml;tsblatts mahnt: &bdquo;H&ouml;here Sozialausgaben und Steuern kosten Arbeitspl&auml;tze. Zu hohe Sozialausgaben belasten somit das Wirtschaftswachstum und verringern k&uuml;nftigen Wohlstand.&ldquo; Eine seltsame Logik &uuml;brigens. Die Bed&uuml;rftigen sollen sich jetzt einschr&auml;nken, damit k&uuml;nftig der Wohlstand w&auml;chst, der ja gar nicht der ihre ist. Der Schreiber vergisst gleichzeitig nicht, sie an ihre Abh&auml;ngigkeit vom Erfolg des Kapitals zu erinnern. Ja, sie k&ouml;nnen nur ihren Lebensunterhalt verdienen, wenn der Gewinn der Gegenseite gesichert ist. Deshalb gilt es auch, den Betroffenen vor Augen zu f&uuml;hren, dass die Sicherung ihres Lebensunterhalts eine einzige Belastung f&uuml;r die Unternehmen und deren Gewinnrechnung darstellt.<\/p><p>Dass Steuern und Sozialabgaben inzwischen fast die H&auml;lfte des Lohns auffressen und zu Nettolohnsenkungen f&uuml;hren, spielt dagegen in den &Uuml;berlegungen verantwortungsvoller Journalisten keine Rolle. Und so macht sich der SZ-Autor auch gleich auf die Suche nach den Ursachen f&uuml;r das bedenkliche Wachstum des Sozialhaushalts und bringt so zum Ausdruck, wie sehr er sich das Anliegen des Kanzlers zu eigen gemacht hat: &bdquo;Den gr&ouml;&szlig;ten Aufwuchs gab es in der Familienpolitik. Die Ausgaben f&uuml;r Kinder- und Jugendhilfe beispielsweise haben sich seit den fr&uuml;hen Neunzigern mehr als verf&uuml;nffacht und sind mehr als doppelt so stark angestiegen wie die Wirtschaftsleistung. Das liegt unter anderem daran, dass es seitdem viel mehr Kita-Pl&auml;tze gibt.&ldquo; (<em>SZ<\/em>) Familienpolitik besteht eben nicht darin, daf&uuml;r zu sorgen, dass es den Familien gut geht. Schlie&szlig;lich sollen Frauen zwar Kinder kriegen, aber auch verst&auml;rkt in den Arbeitsmarkt. Das f&uuml;hrt nicht nur den Unternehmen zus&auml;tzliche Arbeitskr&auml;fte &ndash; vor allem im Niedriglohnsektor &ndash; zu, sondern entlastet auch die Sozialkassen, in denen sie dann nicht einfach mitversichert sind, vielmehr selbst einzahlen m&uuml;ssen, um entsprechende Leistungen zu erhalten.<\/p><p>Damit die Frauen dies auch wollen, haben die verschiedenen Regierungen auch das Ihrige getan, um dem Willen der Frauen nachzuhelfen. Schon die allgemeinen Lohnsenkungen haben bewirkt, dass <em>ein<\/em> Einkommen zum Unterhalt der Familie nicht mehr reicht, sondern dass Frauen mitverdienen m&uuml;ssen. Familienarbeit wurde zudem zu einem zus&auml;tzlichen Risiko, weil Unterhaltsanspr&uuml;che im Falle einer Trennung radikal gek&uuml;rzt wurden. Das Rentenniveau wurde so radikal gesenkt und Witwenrenten zusammengestrichen, dass die Erarbeitung eines eigenen Rentenanspruchs f&uuml;r Frauen unabdingbar, wenn auch oft unerreichbar ist. Also muss sich auch staatlicherseits um den Nachwuchs der Nation gek&uuml;mmert werden, wenn Mutter dem Arbeitgeber zur Verf&uuml;gung zu stehen hat. Der Ausbau der Kita-Pl&auml;tze, der als soziale Kost verbucht wird, soll die Verbindung von Arbeit und Familie erm&ouml;glichen und so das Aushalten der Doppelbelastungen absichern. Eine wahrhafte soziale Tat!<\/p><p><strong>Identifizierung von Schmarotzern<\/strong><\/p><p>Wer sich das Urteil der Politik so zu Herzen nimmt wie der Schreiber der <em>SZ<\/em>, der kommt auch nicht umhin, Menschen ausfindig zu machen, die eine Unterst&uuml;tzung durch den Staat <em>nicht<\/em> verdienen. Im Gegensatz zur <em>Bildzeitung<\/em>, die stets Arbeitslose in der sozialen H&auml;ngematte und &Auml;hnliches entdeckt, sieht der kritische Journalist die Schmarotzer in der Mitte der Gesellschaft: &bdquo;Der deutsche Sozialstaat ist vor allem auf die Mittelschicht ausgerichtet, zu ihr flie&szlig;t das meiste Geld. Denn viele staatliche Zahlungen h&auml;ngen davon ab, wie viel man vorher eingezahlt hat. Wer ein h&ouml;heres Einkommen hat, bekommt eine h&ouml;here Rente, ein h&ouml;heres Arbeitslosengeld und ein h&ouml;heres Elterngeld. Das arbeitgeberfinanzierte Institut der deutschen Wirtschaft hat vor ein paar Jahren ausgerechnet, dass mehr als 40 Prozent der staatlichen Transfers an die einkommensst&auml;rkste H&auml;lfte in Deutschland gehen. Daher gibt es immer wieder die Kritik, dass die deutsche Sozialpolitik nicht treffsicher den &Auml;rmeren helfe.&ldquo; (<em>SZ<\/em>)<\/p><p>Eine Kritik, der sich der Schreiber offenbar anschlie&szlig;t. Wobei der kritische Blick auf die einkommensst&auml;rkste H&auml;lfte nicht diejenigen mit einschlie&szlig;t, die sich wirklich vom Rest der Gesellschaft unterscheiden und auch wohl nie Arbeitslosengeld beziehen. Denn wenn es um Einkommensstatistiken geht, dann werden nicht Milliard&auml;re oder Million&auml;re mit Lohn- und Gehaltsempf&auml;ngern verglichen, sondern nur die unterschiedlichen Kategorien abh&auml;ngig Besch&auml;ftigter bez&uuml;glich ihres Einkommens ins Verh&auml;ltnis zueinander gesetzt &ndash; und, wie in dem Artikel vorgef&uuml;hrt, gegeneinander aufgehetzt. W&auml;hrend bei Kritik an wirklich Reichen stets der Vorwurf des Sozialneids bem&uuml;ht wird, ist es in diesem Fall genau umgekehrt: Da ist es selbstverst&auml;ndlich, den Sozialneid anzustacheln.<\/p><p>Und wenn der Autor die Frage aufwirft: &bdquo;Ist der demografische Wandel an allem schuld?&ldquo;, so steht mit der Frage schon die Antwort fest: Einerseits soll es am Verh&auml;ltnis von Jung und Alt liegen, andererseits aber nicht nur; so viel Differenzierung muss sein. Irgendwie wei&szlig; ja ein jeder, dass das Verh&auml;ltnis von Einzahler und Leistungsempf&auml;nger gar nicht von der Zahl der Geburten abh&auml;ngt, sondern von der Anzahl derer, die die Unternehmen als lohnende Kr&auml;fte besch&auml;ftigen wollen oder auch nicht &ndash; und wie der Staat dieses Verh&auml;ltnis regelt. Dennoch w&auml;rmen Journalisten gerne <a href=\"https:\/\/www.overton-magazin.de\/top-story\/nachhaltige-rentenmaerchen\/\">die Geschichte vom demografischen Wandel auf<\/a>. Denn auch auf diese Art und Weise k&ouml;nnen die B&uuml;rger gegen einander gestellt werden. Wenn es um die Anstachelung von Neid und die Aufhetzung der B&uuml;rger gegeneinander geht, <a href=\"https:\/\/www.welt.de\/debatte\/article66ac29d88c33b226bcae7086\/unbezahlbarer-sozialstaat-friedrich-merz-hat-recht-jetzt-muss-er-aber-auch-liefern\">kennen sich alle Vertreter der Leitmedien aus<\/a>: &bdquo;Es ist fatal, dass der Mix aus B&uuml;rgergeld, Wohngeld und Kinderzuschlag es f&uuml;r viele Menschen attraktiv macht, nicht oder nur wenig zu arbeiten.&ldquo;<\/p><p>Und so liegt das &Uuml;bel nicht bei der Politik, sondern definitiv beim B&uuml;rger: &bdquo;Trotzdem steigen die Kosten f&uuml;r die Krankenkassen in den kommenden Jahren besonders stark, wenn sich nichts &auml;ndert. Denn das deutsche Gesundheitssystem gilt im internationalen Vergleich als ineffizient. Die Deutschen gehen &ouml;fter zum Arzt, und sie liegen h&auml;ufiger und l&auml;nger im Krankenhaus als in anderen Staaten, in denen Menschen trotzdem l&auml;nger leben.&ldquo; (<em>SZ<\/em>) Die Gesundheit der Bev&ouml;lkerung am Gesundheitssystem zu messen, ist schon ein Unding. Das ist so, als ob die G&uuml;te eines Autos an der Arbeitskapazit&auml;t der Reparaturwerkst&auml;tten gemessen w&uuml;rde. Schlie&szlig;lich wird in dem Vergleich v&ouml;llig ausgeblendet, welchen Belastungen die Menschen in den einzelnen L&auml;ndern ausgesetzt sind.<\/p><p>So wird ja gerne die Produktivit&auml;t der Wirtschaft in Deutschland gelobt, was eine entsprechende Beanspruchung der dort Besch&auml;ftigten unterstellt. Zudem ist Deutschland reich an Feinstaub in den St&auml;dten, an Giften in der Umwelt etc. Nur wenn man von all dem absieht, kann man das Bild von einer B&uuml;rgerschaft malen, die es sich in Krankenhausbetten gut gehen l&auml;sst. Und dass der Staat im Rahmen der Krankenhausreform gerade einen gro&szlig;en Kostenfaktor von den L&auml;ndern hin zu den Krankenversicherungen verschoben hat, f&auml;llt einem kritisch recherchierenden SZ-Journalisten nicht auf. Doch dass es nicht nur an den B&uuml;rgern h&auml;ngt, wie die Finanzierung der Sozialkassen geregelt wird, bleibt auch ihm nicht ganz verborgen:<\/p><p>&bdquo;Steigende Sozialabgaben sind demnach kein demografisches Schicksal. Mit entsprechenden Reformen k&ouml;nnten die Kassenbeitr&auml;ge konstant gehalten werden, hat das IGES-Institut vorgerechnet. Und die &Ouml;konomen vom Sachverst&auml;ndigenrat haben Vorschl&auml;ge gemacht, wie die Rentenkosten einged&auml;mmt werden k&ouml;nnten. Kanzler Merz versprach in seinen Reden am Wochenende, Reformen mit Verve anzugehen.&ldquo; Wie bereits zitiert, will er sich &bdquo;durch Worte wie &sbquo;Sozialabbau&lsquo; und &sbquo;Kahlschlag&lsquo; nicht irritieren lassen&ldquo;.<\/p><p>Worauf der &ouml;konomische Sachverstand abzielt, wird deutlich, wenn der Kanzler R&uuml;ckendeckung f&uuml;r seine angek&uuml;ndigten Reformen erh&auml;lt: Diejenigen m&uuml;ssen weiter bluten, die auf Hilfen angewiesen sind, damit die Produktion von Reichtum wieder steigt &ndash; n&auml;mlich bei denen, die bereits &uuml;ber Reichtum verf&uuml;gen und ihn zwecks seiner Vermehrung geschickt investieren. Da kann es dem Autor der <em>SZ<\/em> nicht radikal genug zugehen. Es ist nur die Frage, wie lange diejenigen, die den Reichtum der Gesellschaft produzieren, die anfallenden Kosten bei ihrem Lebensunterhalt f&uuml;r das Wachstums des Kapitals weiter tragen wollen.<\/p><p><small>Titelbild: azrin_aziri\/shutterstock.com<\/small><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Massenarmut in Deutschland geht den Betreuern des Kapitalstandorts echt auf die Nerven. Die Leitmedien k&ouml;nnen das nachvollziehen. Nachdem der Kanzler auf einer Parteiveranstaltung verk&uuml;ndet hatte, &bdquo;Der Sozialstaat, wie wir ihn heute haben, ist mit dem, was wir volkswirtschaftlich leisten, nicht mehr finanzierbar&ldquo; (zit. nach Bastian Brinkmann: <em>Ist der Sozialstaat wirklich nicht mehr finanzierbar?<\/em>, S&uuml;ddeutsche<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=140387\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":140389,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[183,145],"tags":[882,2418,459,1379,319,1367,1912,1478,460,2909],"class_list":["post-140387","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-medienkritik","category-sozialstaat","tag-armutsgefaehrdung","tag-bevoelkerungsentwicklung","tag-bild","tag-krankenkassen","tag-lohnentwicklung","tag-ruestungsausgaben","tag-rentenniveau","tag-sozialdarwinismus","tag-sz","tag-verdeckte-armut"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2025\/10\/shutterstock_2146394705.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/140387","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=140387"}],"version-history":[{"count":10,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/140387\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":140489,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/140387\/revisions\/140489"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/140389"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=140387"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=140387"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=140387"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}