{"id":1404,"date":"2006-07-11T16:46:02","date_gmt":"2006-07-11T14:46:02","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/v2\/?p=1404"},"modified":"2019-07-25T18:44:26","modified_gmt":"2019-07-25T16:44:26","slug":"ursula-engelen-kefer-eine-immanente-kritik-der-unendlichen-geschichte-der-gesundheitsreformen-es-gibt-viel-reformbedarf-an-der-neuesten-reform","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=1404","title":{"rendered":"Ursula Engelen-Kefer: Eine immanente Kritik der unendlichen Geschichte der Gesundheitsreformen. Es gibt viel Reformbedarf an der neuesten \u201eReform\u201c."},"content":{"rendered":"<p>Die ehemalige DGB-Vizechefin und Sozialpolitikerin Ursula Engelen-Kefer war schon an vielen Gesundheitsreformen der letzten zwei Jahrzehnte beteiligt und hat schon einige &bdquo;Durchbr&uuml;che&ldquo; erlebt. Die j&uuml;ngst von der Gro&szlig;en Koalition beschlossenen &bdquo;Eckpunkte&ldquo; sind nach ihrer Meinung auch nur wieder Verschiebeman&ouml;ver beim Stopfen der Finanzl&ouml;cher, dem neu erfundenen Gesundheitsfonds sei mangels Einbeziehung der privaten Krankenkassen die Basis entzogen, die Zwei-Klassen-Medizin werde verfestigt, ohne Risikostrukturausgleich zwischen den Kassen w&uuml;rden die Arbeitnehmer weiter einseitig belastet, bei der Begrenzung der Ausgaben hingegen bewegte sich die Koalition nur in Mini-Schritten.<br>\nWeil auch bei dieser Reform nur an Symptomen kuriert wird, d&uuml;rfte gelten: Nach der Reform ist vor der n&auml;chsten Reform. Siehe dazu auch die Anmerkungen der Herausgeber am Ende des Textes.<br>\n<!--more--><br>\n<strong>NACHDENKEN UEBER DIE GESUNDHEITSREFORM<\/strong><\/p><p><strong>ZU VERBESSERUNGEN IST ES NIE ZU SP&Auml;T<\/strong><\/p><p>Von Ursula Engelen-Kefer Die &ouml;ffentlichen Kommentierungen der Gesundheitsreform &ndash;die ja als Test des Reformwillens der Grossen Koalition angek&uuml;ndigt worden war &ndash; ist alles andere als schmeichelhaft. Sowohl innerhalb der Parteien, welche die Grosse Koalition tragen, als auch zwischen den Koalitionsbl&ouml;cken, fliegen die Fetzen. Von den unterschiedlich ideologisch positionierten Oppositionsparteien kommen die Breitseiten einer bei&szlig;enden Kritik &ndash; begleitet vom Aufheulen der unterschiedlich betroffenen Interessenvertreter in und um das Gesundheitswesen. Gebannt schauen die regierenden Politiker auf die sich verschlechternden Meinungsumfragen.<\/p><p>Wer seit Mitte der 1980er Jahre die soziale Sicherung insgesamt, und die Krankenversicherung insbesondere aktiv mitgestalten konnte, der hat eine lange Serie von politisch umstrittenen Reparaturen am Gesundheitswesen vor Augen und dem dr&auml;ngen sich heute folgende Fragen auf: Wurde bei den jetzt vorgelegten Eckpunkten f&uuml;r die Reform des Gesundheitswesens nicht wieder viel zu kurz gesprungen? Reichen auch die komfortablen politischen Mehrheiten einer Grossen Koalition nicht aus, die m&auml;chtige Gesundheitslobby in diesem Land in die Schranken zu verweisen? Fehlt es an Weitblick und politischer Kraft, die entscheidenden Rahmenbedingungen in die Reformen einzubeziehen? Ist es nach sechzehn Jahren deutscher Einheit mit aufgelaufenen zus&auml;tzlichen Kosten in der sozialen Sicherung (Gesundheit, Rente, Arbeitslosenversicherung) von etwa 360 Mrd. Euro nicht endlich an der Zeit, die notwendigen politischen Konsequenzen zur Umstellung der Finanzierung und damit zu Stabilisierung der Sozialkassen zu ziehen? Zumindest eine g&auml;ngige Rechtfertigung der Politik f&uuml;r das Unverm&ouml;gen zu durchgreifenden Strukturreformen zieht nicht mehr: Die Blockadepolitik des Bundesrats, der in den Vorg&auml;nger-Koalitionen aus &bdquo;schwarz-gelb&ldquo; und &bdquo;rot-gr&uuml;n&ldquo; bei den entscheidenden Reformprojekten jeweils andersfarbige Mehrheiten aufwies. <\/p><p><strong>FINANZIELLE VERSCHIEBEMAN&Ouml;VER GEHEN WEITER<\/strong><\/p><p>Was bei den Regierenden auch bei gro&szlig;en Mehrheiten bleibt, sind die Verschiebeman&ouml;ver. Die Grosse Koalition ist noch nicht ein Jahr im Amt, doch die Verschiebeman&ouml;ver beim Stopfen der L&ouml;cher im Bundeshaushalt haben bereits ein beachtliches Ausma&szlig; erreicht. Dabei hatten sich die Koalitionspartner noch in der Koalitionsvereinbarung untereinander das Gegenteil geschworen: Die Sozialversicherungssysteme und damit die Beitragszahler sollten von gesamtgesellschaftlichen Ausgaben entlastet werden. Dies sei von allen Steuerzahlern zu schultern. <\/p><p>So hatte die alte Regierungskoalition beschlossen, dass mit der Tabaksteuer die Beitr&auml;ge zu den gesetzlichen Krankenkassen verringert werden sollen. Erst vor wenigen Wochen hat die Grosse Koalition jedoch diesen Steuerzuschuss aus der Krankenversicherung in den Bundeshaushalt verschoben. Dies ist just der Betrag, der den Beitragszahlern mit der Erh&ouml;hung der Krankenversicherungsbeitr&auml;gen ab 2007 mit 0,5 Prozent wieder aus der Tasche gezogen wird. <\/p><p>&Auml;hnliche Verschiebeman&ouml;ver gibt es &uuml;brigens bei den Langzeitarbeitslosen und ihren Transferleistungen im Rahmen von ALG II. Weil die Bundesregierung f&uuml;r die ALG II-Empf&auml;nger nur Mini-Beitr&auml;ge zur gesetzlichen Krankenversicherung zahlt, entstehen weitere L&ouml;cher bei den Einnahmen der gesetzlichen Krankenkassen. <\/p><p>Dar&uuml;berhinaus gehen die Eckpunkte v&ouml;llig daran vorbei, dass die Einnahmebasis auch der gesetzlichen Krankenversicherung durch den dramatischen R&uuml;ckgang der sozialversicherungspflichtigen Besch&auml;ftigung ausgeh&ouml;hlt wird. Dies ist keinesfalls schicksalhafte Auswirkung der Globalisierung, vielmehr hausgemachte Ergebnisse der so genannten Arbeitsmarktreformen Hartz I &ndash; Hartz IV: Bei Mini-Jobs (bis zu 7 Millionen; Ich-AGs (etwa 300 000); Ein-Euro-Jobs (mit etwa 630 000 Eintritten in 2005) w&auml;re der Gesetzgeber dringend gefordert, umgehend den notwendigen Paradigmenwechsel in der Arbeitsmarktpolitik zu mehr sozialversicherungspflichtiger Besch&auml;ftigung einzuleiten. Dies w&auml;re auch ein wesentlicher Beitrag zu Stabilisierung der Finanzierung der gesetzlichen Krankenversicherung.<\/p><p><strong>GESUNDHEITSFONDS FEHLT DIE BASIS<\/strong><\/p><p>Wie schon fr&uuml;her verschanzen sich auch heute wieder die Reformer hinter der bekannten Argumentation: Wenn alle Seiten so harsche Kritik &uuml;ben, k&ouml;nnen die negativen Auswirkungen m&ouml;glicherweise nicht so schlimm sein. Diese Rechtfertigung kann sich schnell als Trugschluss erweisen. Nachzudenken ist daher &uuml;ber eine andere Schlussfolgerung: Wie sind die nach einer langen Verhandlungsnacht zwischen den Koalition&auml;ren ausgehandelten umstrittenen Eckpunkte bei der weiteren Konkretisierung zu korrigieren? Bei solchen Reformen, die in das Leben der Menschen entscheidend eingreifen, w&auml;re dies sicherlich keine Schande. Sehr zu bedauern ist jedenfalls, dass aus der F&uuml;lle der Kritik bisher viel zu wenig konkrete Ans&auml;tze f&uuml;r konstruktive Verbesserungsvorschl&auml;ge erkennbar werden.<\/p><p>Das Mindeste, was festzustellen ist: Die Erwartungen an eine umfassende nachhaltige Reform von Strukturen und Finanzen im Gesundheitswesen sind nicht erf&uuml;llt. Von einem &bdquo;Durchbruch&ldquo; zu reden- wie dies die Bundeskanzlerin am Morgen nach den Verhandlungen tat &ndash; wurde allgemein als weit &uuml;berzogen angesehen.<br>\nEs muss schon &uuml;ber den Zustand der Politik im Bereich des Gesundheitswesens nachdenklich stimmen, wenn die wichtigste Botschaft aus den Eckpunkten f&uuml;r die Gesundheitsreform auf die Errichtung eines Gesundheitsfonds hinausl&auml;uft. Die im politischen Vorhof zu seiner Rechtfertigung angef&uuml;hrten Gr&uuml;nde haben sich n&auml;mlich weitgehend in Luft aufgel&ouml;st: Die Einf&uuml;hrung einer dritten Einnahmes&auml;ule &uuml;ber Steuern zur Verringerung der Beitr&auml;ge von Arbeitgebern und Arbeitnehmern sowie die Einbeziehung der Privaten Krankenversicherung in einen echten Risikostrukturausgleich.<\/p><p><strong>STREIT UM DIE STEUERZUSCH&Uuml;SSE<\/strong><\/p><p>Die ab 2008 vereinbarten Steuererh&ouml;hungen von 1,5 Mrd. Euro und 3 Mrd. Euro 2009 sind Tropfen auf den hei&szlig;en Stein. Nicht zu vergessen: Dies ist weniger als der erst k&uuml;rzlich von der Gro&szlig;en Koalition gestrichene Steuerzuschuss aus der Tabaksteuer von 4,2 Mrd. Euro. Dieser wurde kurzerhand zum L&ouml;cherstopfen in den Bundeshaushalt verschoben. <\/p><p>Erinnern wir uns: Wochenlang wurde von namhaften Vertretern beider Koalitionspartner mit gro&szlig;em &Ouml;ffentlichkeitsget&ouml;se &uuml;ber einen Steuerzuschuss debattiert &ndash; allerdings mit erheblichen Unterschieden &uuml;ber die Gr&ouml;&szlig;enordnung zwischen den beiden Koalitionsparteien. Auch informierte Zeitungsleser staunten, als sich Vertreter beider Koalition&auml;re auf einen Steuerzuschuss von etwa 14 Mrd. Euro einzupendeln schienen. Dazu muss man wissen: Dies w&auml;ren just die 14 Mrd. Euro, welche die beitragsfreie Mitversicherung der Kinder in der gesetzlichen Krankenversicherung j&auml;hrlich kostet. <\/p><p>Eine solche eindeutige Zuordnung eines m&ouml;glichen Steuerzuschusses h&auml;tte nat&uuml;rlich sofort von den Privatversicherten verfassungsrechtlich angegriffen werden k&ouml;nnen: Sind denn die Kinder der Privatversicherten Staat und Steuerzahlern weniger Wert als jene der gesetzlich Versicherten? Genau deshalb hatten Vertreter der CDU\/CSU auch einen Steuerzuschuss bis zu 16 Mrd. Euro ins Spiel gebracht. Dann w&auml;ren auch die Kinder von Privatversicherten beitragsfrei gestellt worden. Dies h&auml;tte allerdings die Abwanderung der so genannten g&uuml;nstigen Risikogruppen aus der gesetzlichen in die private Krankenversicherung noch st&auml;rker beschleunigt. Um solch einer &bdquo;verkehrten Welt&ldquo; auszuweichen, sollte ein Steuerzuschuss ohne genaue Spezifierung hinsichtlich der Verwendung auf die Schiene gebracht werden. <\/p><p>Soweit war das Koalitionspoker offensichtlich bis zur Verhandlungsnacht gediehen. Dann kam die &bdquo;kalte Dusche&ldquo; der Bundeskanzlerin und ihrer CDU\/CSU Ministerpr&auml;sidenten. &Uuml;brig blieben die bekannten Mini-Trippel-Schritte beim Steuerzuschuss ab 2008. <\/p><p>Wenn allerdings ein solcher Steuerzuschuss zur gesetzlichen Krankenversicherung als &bdquo;Echternacher Springprozession&ldquo; gestaltet werden soll, w&auml;ren neun bis zehn Jahre erforderlich, um tats&auml;chlich den Ausgleich f&uuml;r die Kinderleistungen &ndash;auch wenn dies nicht so genannt werden darf &ndash; zu finanzieren. Fragt sich nur: Auf welche zuk&uuml;nftigen Regierungsmehrheiten die Grosse Koalition dabei setzt? <\/p><p>Die Gestaltung der finanziellen Reform des Gesundheitswesens wird auch nicht dadurch erleichtert, dass die politische Schuldfrage zu dem &ouml;ffentlichen Steuer-Hickhack in den Vordergrund geschoben wird. Hat die Kanzlerin in letzter Minute ihr Wort im Koalitions-Gesundheitspoker f&uuml;r einen erheblich h&ouml;heren Steuerzuschuss gebrochen? Wurde sie von ihren Ministerpr&auml;sidenten zu stark unter Druck gesetzt? Hat sie sich vielleicht freiwillig von diesen einmauern lassen? Wer will schon gerne als Partei der Steuererh&ouml;hungen in die n&auml;chsten Landtags- und Bundestagswahlen gehen. <\/p><p><strong>KEINE &Uuml;BERWINDUNG DER ZWEI KLASSEN MEDIZIN<\/strong><\/p><p>Weggefallen ist ebenfalls die Begr&uuml;ndung f&uuml;r einen Gesundheitsfonds, dass die Private Krankenversicherung in einen krankheitsorientierten Risikostrukturausgleich einbezogen wird.<br>\nDieser wichtige Reformschritt zur &Uuml;berwindung der Zweiklassen-Medizin unterhalb oder oberhalb der k&uuml;nstlichen Beitragsbemessungsgrenze ist leider wieder einmal unter den Tisch gefallen. Damit wird die einseitige &bdquo;Rosinenpickerei&ldquo; der &bdquo;G&uuml;nstigen &ndash; weil billigen Risiken&ldquo; zugunsten der Privaten Krankenversicherung und zu Lasten der gro&szlig;en gesetzlichen Versorgerkassen weitergehen. <\/p><p>Die beschlossene Ausdehnung der &Uuml;bergangszeiten beim &Uuml;bergang von der gesetzlichen in die private Versicherung (von derzeit einem auf k&uuml;nftig drei Jahre nach &Uuml;berschreiten der Beitragsbemessungsgrenze) sind allerdings ein Schritt in die richtige Richtung, jedoch kaum ausreichend. Dies gilt auch f&uuml;r den Kontrahierungszwang f&uuml;r die Privaten Versicherungen, das Angebot eines bezahlbaren Standardtarifs und die &Uuml;bertragbarkeit von Altersr&uuml;ckstellungen. <\/p><p>Ungekl&auml;rte Fragen bestehen bei der organisatorischen und inhaltlichen Ausgestaltung eines derartigen Gesundheitsfonds.<\/p><p>Offensichtlich besteht bei den Koalition&auml;ren die Erkenntnis, dass ein zentraler Fonds bei 72 Millionen Versicherten ein nicht zu verantwortendes &bdquo;b&uuml;rokratisches Abenteuer&ldquo; w&auml;re, das selbst die Zusammenlegung von Arbeitslosen- und Sozialhilfe im Rahmen von Hartz IV in den Schatten stellen w&uuml;rde. Ungewiss ist, wie eine dezentrale Organisation aussehen und wie der Risikostrukturausgleich durchgef&uuml;hrt werden soll. <\/p><p><strong>KRANKHEITSBEDINGTER RISIKOSTRUKTURAUSGLEICH MUSS KOMMEN<\/strong><\/p><p>Es w&auml;re ein wesentlicher Schritt nach vorne, wenn es wirklich gelingt, einen Risikostrukturausgleich einzuf&uuml;hren, der nicht wie bisher nur Alter und Einkommen ber&uuml;cksichtigt, sondern auch die unterschiedlichen Krankheitsrisiken einbezieht. <\/p><p>Hierbei ist nicht nur noch erhebliche politische &Uuml;berzeugungsarbeit zu leisten, sondern es m&uuml;ssen auch die dazu notwendigen wissenschaftlichen und praktischen Vorarbeiten vorangetrieben werden.<\/p><p>Gelingt gerade der Ausgleich der krankeitsbedingten Risiken nicht oder nicht vollst&auml;ndig, werden Krankenkassen mit den hohen Krankheitsrisiken die ebenfalls im Koalitionspacket vorgesehenen Zuschl&auml;ge als einkommensbezogene Beitr&auml;ge oder kleine Kopfpauschale einf&uuml;hren m&uuml;ssen, wenn diese auch bei einem Prozent der Einkommen gedeckelt werden sollen. Belastet werden damit wieder einmal einseitig die Arbeitnehmer.<\/p><p>Es muss skeptisch stimmen, wenn geplant ist: Sollten die Beitr&auml;ge weniger als 95 Prozent der Ausgaben des Gesundheitsfonds ausmachen, muss der Gesetzgeber handeln, sei es durch Erh&ouml;hung der Beitr&auml;ge oder der Steuerzusch&uuml;sse. In jedem Fall ist die Gefahr einer weiteren Aush&ouml;hlung der parit&auml;tischen Beitragsfinanzierung durch Arbeitgeber und Arbeitnehmer in diesem Gesundheitskompromiss angelegt.<\/p><p>Die Arbeitnehmer m&uuml;ssen nicht nur die aus dem letzten Gesundheitsstrukturgesetz resultierenden 0.9 Prozent Beitragserh&ouml;hung aufbringen, sondern dar&uuml;ber hinaus noch weitere Beitr&auml;ge oder eine Kopfpauschale, wenn die Zuweisungen aus dem Gesundheitsfonds nicht ausreichen. Dies ist dann der Fall, wenn es keinen hinreichenden Risikostrukturausgleich unter Einschluss der Krankheitsrisiken gibt.<\/p><p>Es muss daher ein wesentliches Anliegen im Rahmen dieser neuen Reform sein, den morbidit&auml;tsorientierten Risikostrukturausgleich m&ouml;glichst realit&auml;tsnah auszugestalten.<\/p><p>Ungekl&auml;rt ist auch die Frage, wie viele Besch&auml;ftigte in den gesetzlichen Krankenkassen von dem Aufbau eines solchen Gesundheitsfonds betroffen w&auml;ren. Etwa 40 000 Besch&auml;ftigte der Krankenkassen sind im Zusammenhang mit dem Beitrageinzug t&auml;tig. Der lapidare Satz im Eckpunktepapier, wonach f&uuml;r ausreichende &Uuml;bergangsl&ouml;sungen zu sorgen sei, d&uuml;rfte auf die betroffenen Arbeitnehmer wenig beruhigend wirken. <\/p><p><strong>STRUKTURVERBESSERUNG IN MINI -SCHRITTEN<\/strong><\/p><p>Wie aus den Eckpunkten und den umfangreichen Anh&auml;ngen deutlich wird, haben sich die Koalitionsarbeitsgruppen in einem langen Beratungsmarathon mit den Ausgabenstrukturen der gesetzlichen Krankenkassen befasst. Hierbei wurden auch eine F&uuml;lle detaillierter Vorschl&auml;ge zur Begrenzung der Ausgaben vorgelegt :durch bessere Integration einzelner Leistungsbereiche, mehr Transparenz und Ausgabenbegrenzung bei Arznei- Heil- und Hilfsmitteln, Beschr&auml;nkung der Krankenhauskosten, Bildung von Gemeinschaftspraxen und Gesundheitszentren, Transparenz bei Arztrechnungen, mehr Leistungsgerechtigkeit bei der &Auml;rztehonorierung, regionaler und fachlicher Ausgleich der &Auml;rzteversorgung, um nur einige wichtige Verbesserungsvorschl&auml;ge zu nennen.<\/p><p>Auch die Institutionen sollen sich dem Anpassungszwang stellen: Die Fusionen zwischen den gesetzlichen Krankenkassen sollen erleichtert werden. Die Kassen&auml;rztlichen Vereinigungen, die ma&szlig;geblich f&uuml;r die mangelnde Transparenz von Kosten und Leistungen der &auml;rztlichen Versorgung die Verantwortung tragen, werden allerdings nicht grunds&auml;tzlich in Frage gestellt. <\/p><p>Enthalten sind im Eckpunktepapier zwar zahlreiche Ansatzpunkte f&uuml;r notwendige Strukturverbesserungen: Die damit m&ouml;glichen Kostenreduzierungen werden allerdings nur mit bescheidenen 2 bis 3 Mrd. Euro im Jahr eingeplant. Bei einem gesch&auml;tzten Volumen der so genannten Effizienzspielr&auml;ume von 20 Mrd. Euro kann sich jeder ausrechnen, wie viele Jahre es dauern w&uuml;rde, bis die angestrebten Strukturverbesserungen im Gesundheitswesen in vollem Umfang umgesetzt werden. <\/p><p>Angesichts der finanziellen Dramatik mit einem voraussichtlichen Gesamtdefizit bei den gesetzlichen Krankenkassen von 19 Mrd. Euro im Jahre 2009 h&auml;tten hier wesentlich gr&ouml;&szlig;ere Reformschritte bei den Strukturverbesserungen gewagt werden m&uuml;ssen. Nur dann kann die Grosse Koalition den dringend erforderlichen Durchbruch erzielen, den bisher keine der Kleinen Koalitionen mit unterschiedlicher Parteienkonstellation geschafft hat.<\/p><p>Dass vor diesem Hintergrund auch die seit 2005 regierende Gro&szlig;e Koalition unter zunehmenden Handlungszwang an der Gesundheitsfront geriet, liegt auf der Hand. Allerdings hatten sich die Koalition&auml;re noch nicht in den Koalitionsvereinbarungen auf einen gemeinsamen Weg verst&auml;ndigen k&ouml;nnen. Zu gro&szlig; waren die ideologischen Gr&auml;ben zwischen der im Bundestagswahlkampf <a href=\"?p=1227\">propagierten Kopfpauschale von Angela Merkel<\/a> und der B&uuml;rgerversicherung der SPD.<\/p><p>So kam den Koalition&auml;ren die mediale Ablenkung der B&uuml;rger w&auml;hrend der Fu&szlig;ball-Weltmeisterschaft sehr gelegen, um just am Tag vor dem Halbfinale &ndash; Deutschland gegen Italien &ndash; der staunenden &Ouml;ffentlichkeit den neuen Gesundheitskompromiss zu pr&auml;sentieren.<\/p><p>Es w&auml;re sicher besser gewesen: Die Grosse Koalition h&auml;tte sorgf&auml;ltiger &uuml;ber die inhaltlichen, finanziellen und politischen Folgen ihrer Eckpunkte zur Gesundheitsreform nachgedacht. Aber dazu ist es nie zu sp&auml;t. Die B&uuml;rger in Deutschland &ndash; und das zeigen die j&uuml;ngsten Meinungsumfragen &ndash; werden dies von ihren Politikern mit unmissverst&auml;ndlicher Deutlichkeit einfordern.<\/p><p><strong>EIN BLICK ZUR&Uuml;CK AUF DIE BAUSTELLE GESUNDHEITSREFORM<\/strong><\/p><p>Um den j&uuml;ngsten Reformanlauf in die richtige Perspektive zu setzen, kann ein &bdquo;Blick zur&uuml;ck&ldquo; hilfreich sein: &bdquo; Gesprungen als Tiger &ndash; gelandet als Bettvorleger&ldquo; hie&szlig; es bei der Gesundheitsstrukturreform von Horst Seehofer in den 1990er Jahren. Seehofer hatte aus dem Mammut-Ministerium f&uuml;r Arbeit und Soziales von Norbert Bl&uuml;m das ausgegliederte Gesundheitsressort &uuml;bernommen und einen ehrgeizigen Reformkatalog auf die politische Agenda gesetzt. Bereits damals ging es nach der Organisationsreform der Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) um dringend erforderliche Strukturreformen. Unter Fachleuten bestand weitgehende Einigkeit: Dass es erhebliche Potentiale gab zur Verbesserung der Qualit&auml;t der gesundheitlichen Versorgung und zur Reduzierung unn&ouml;tiger Ausgaben. Diese galt es nur zu heben &ndash; als ob es sich um noch verborgene Sch&auml;tze handelte. <\/p><p>Leider bleibt das Geheimnis um diese Rationalisierungssch&auml;tze im deutschen Gesundheitswesen bis heute ungel&uuml;ftet. Stattdessen haben die Unwirtschaftlichkeiten des Systems neue Dimensionen erreicht. Sie werden heute von Fachleuten auf rund 20 Mrd. Euro gesch&auml;tzt.<br>\nDas damalige Gesundheitsstrukturgesetz von Horst Seehofer wirkte sich &ndash; wie die einschl&auml;gigen Vorg&auml;ngergesetze &ndash; vor allem in der Erh&ouml;hung von Zuzahlungen der Patienten aus. Die Lobbyisten des Gesundheitswesens in der damaligen schwarz-gelben Regierungskoalition &ndash; mit der FDP als Schutzpatron &ndash; konnten sich auf der ganzen Linie durchsetzen.<\/p><p>Zu einem neuen Reformanlauf kam es, nachdem Rot-Gr&uuml;n 1998 die Regierungsverantwortung &uuml;bernommen hatte. Nach dem Gro&szlig;projekt der &bdquo;Riesterschen Rentenreform&ldquo; r&uuml;ckte bald schon eine neue Gesundheitsstrukturreform ins Visier der rot-gr&uuml;nen Reformer. &Uuml;ber Jahre hinweg wurden hierf&uuml;r Vorarbeiten in Expertenzirkeln geleistet, bei denen niemanden von Rang und Namen in der Gesundheitsszene au&szlig;en vor gelassen werden wollte.<\/p><p>Die Gesundheitsministerin der rot-gr&uuml;nen Koalition &ndash; Ulla Schmidt &ndash; startete mit einem mutigen Gesetzentwurf, der zahlreiche heftig umstrittene Reformbereiche umfasste &ndash; von der integrierten ambulanten und station&auml;ren Versorgung &uuml;ber die breite F&ouml;rderung von Gesundheitszentren, die klare St&auml;rkung des Hausarztmodells, eigenst&auml;ndige Vertr&auml;ge der gesetzlichen Krankenkassen mit den Fach&auml;rzten bis zur wirksamen Begrenzung der Ausgaben im Arzneimittelbereich, z.B. durch Positivlisten. <\/p><p>Herausgekommen ist nach der &bdquo;denkw&uuml;rdigen sch&ouml;nsten Nacht&ldquo; vom 21. Juni 2003 &ndash; als Ulla Schmidt und Horst Seehofer, damals Verhandlungsf&uuml;hrer der Union, mit der &bdquo; gr&ouml;&szlig;ten Sozialreform seit der Wiedervereinigung&ldquo; vor die Presse traten &ndash; ein Gesetz mit teilweise b&ouml;sen &Uuml;berraschungen: etwa die Einf&uuml;hrung einer Praxisgeb&uuml;hr von 10 Euro im Quartal sowie eine weitere Erh&ouml;hung der Zuzahlungen f&uuml;r Medikamente und Krankenhausaufenthalt. Weiter ausgeh&ouml;hlt wurde gleichzeitig die parit&auml;tische Finanzierung der Beitr&auml;ge: Die Arbeitnehmer wurden mit einem zus&auml;tzlichen Beitrag von 0,9 Prozent in die Pflicht genommen. Zus&auml;tzlich wurden die Zusatzrenten der Arbeitnehmer mit vollen Beitr&auml;gen belegt. Dadurch wurden die Arbeitnehmer mit &uuml;ber 10 Mrd. Euro im Jahr zus&auml;tzlich belastet. Im Vergleich dazu nahmen sich die Einsparungen bei den Leistungsanbietern &ndash; Pharmakonzerne, Apotheken, &Auml;rzte und Krankenh&auml;user &ndash; mit insgesamt 2 Mrd. Euro &auml;u&szlig;erst bescheiden aus. <\/p><p>Deutschlands m&auml;chtige Lobby des Gesundheitswesen hatte sich wieder einmal weitgehend durchgesetzt: von den umfassenden Strukturreformen im urspr&uuml;nglichen Gesetzentwurf von Ulla Schmidt blieben nur zaghafte Ans&auml;tze &uuml;brig. Die negativen Konsequenzen f&uuml;r die Versicherten &ndash; &uuml;berdurchnittlich steigende Ausgaben vor allem bei Arznei-, Heil- und Hilfsmitteln &ndash; lie&szlig;en nicht lange auf sich warten.<\/p><p><strong>Anmerkung der Herausgeber:<\/strong><\/p><p>Wir teilen ausdr&uuml;cklich die Meinung der Autorin, dass nach 16 Jahren deutscher Einheit endlich die Konsequenzen aus deren falschen Finanzierung gezogen und die Sozialkassen endlich entlastet werden m&uuml;ssten.<\/p><p>Wir geben Ursula Engelen-Kefer auch Recht, dass die Einnahmebasis auch der gesetzlichen Krankenversicherung durch den dramatischen R&uuml;ckgang der sozialversicherungspflichtigen Besch&auml;ftigung ausgeh&ouml;hlt wird und dass dies keinesfalls eine schicksalhafte Auswirkung der Globalisierung, sondern vielmehr hausgemachte Ergebnisse der so genannten Arbeitsmarktreformen Hartz I &ndash; Hartz IV sind.<\/p><p>Wir sind wie sie der Meinung: Ohne mehr Beitragszahler, d.h. ohne mehr sozialversicherungspflichtige Besch&auml;ftigungsverh&auml;ltnisse bleibt die Finanzierung der Gesundheit prek&auml;r. Deshalb liegt unseres Erachtens auch der wichtigste Schl&uuml;ssel zu Sanierung der Gesundheitskassen in einer aktiven Wirtschafts- und Besch&auml;ftigungspolitik. Solange hier keine Wende in Sicht ist, muss jedes finanzielle Verschiebeman&ouml;ver immer wieder neu nachgebessert werden. Dass man offenbar leider nicht daran denkt, an dem Grund&uuml;bel anzusetzen, zeigt sich etwa darin, dass schon heute f&uuml;r 2009 mit einem voraussichtlichen Gesamtdefizit der gesetzlichen Krankenkassen von 19 Milliarden Euro gerechnet wird. <\/p><p>Solange das Dogma der Senkung der Lohnnebenkosten aufrechterhalten bleibt, ist auch in Zukunft mit einer weiteren Verlagerung der Kosten auf die Arbeitnehmer zu rechnen, egal, ob &uuml;ber eine zus&auml;tzliche Beitragsfinanzierung oder &uuml;ber eine Kopfpauschale.<\/p><p>Wir halten einen &Uuml;bergang zur Steuerfinanzierung der Gesundheitskosten, mit Ausnahme versicherungsfremder Leistungen oder ggf. f&uuml;r eine beitragsfreie Mitversicherung von Kindern, f&uuml;r keinen erfolgversprechenden L&ouml;sungsweg. Schon gar nicht, wenn man Unternehmenssteuern weiter senkt und Lohn- und Einkommensteuern zur Finanzierung der Defizite immer weiter erh&ouml;ht. Einmal abgesehen davon, dass die Lohn- und Einkommensteuern wie die Beitr&auml;ge zur Krankenversicherung gleichfalls wieder im Wesentlichen von den mittleren Lohnempf&auml;ngern aufgebracht werden, halten wir Steuererh&ouml;hungen f&uuml;r die Masse der Menschen in der aktuellen konjunkturpolitischen Situation mit ihrer notleidenden Binnennachfrage f&uuml;r kontraproduktiv.<\/p><p>Wir pl&auml;dieren auch f&uuml;r die Zukunft f&uuml;r eine parit&auml;tische Beitragsfinanzierung, weil auch die Arbeitgeber in der Kostenverantwortung f&uuml;r die Gesundheitssysteme bleiben m&uuml;ssen. <\/p><p>Selbst wenn eine Steuerfinanzierung auf den ersten Blick gerechter erscheinen mag, weil sie auch andere als die Lohneinkommen mit heranzieht, halten wir das bisherige Abgabensystem f&uuml;r vorzugsw&uuml;rdig, weil es dem Einzahler einen direkten Anspruch auf die geleisteten Abgaben gegen&uuml;ber einer Selbstverwaltungsk&ouml;rperschaft verleiht und weil die Beitr&auml;ge zweckgebunden sind. Bei einer Steuerfinanzierung w&auml;re beides &ndash; Zweckgebundenheit und Anspruch &ndash; nicht mehr gegeben und wir erleben, sowohl bei der Rente als auch beim Arbeitslosengeld, auf welche Rutsche man ger&auml;t, wenn die Steuerzuwendungen j&auml;hrlich der politischen Disponibilit&auml;t des Haushaltsgesetzgebers ausgesetzt sind &ndash; zumal wenn der bisherige fiskalische Konsolidierungskurs beibehalten wird.<br>\nDer Verweis auf das skandinavische Beispiel einer Steuerfinanzierung von sozialen Sicherungssystemen zieht nicht, denn dort herrscht eine v&ouml;llig andere Rechtstradition, dort verleihen soziale Rechte einen Rechtsanspruch.<\/p><p>Das bisherige System der parit&auml;tischen Finanzierung garantiert somit ein erheblich h&ouml;heres Ma&szlig; an Sicherheit und Planbarkeit &ndash; &uuml;brigens f&uuml;r Arbeitnehmer und Arbeitgeber.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die ehemalige DGB-Vizechefin und Sozialpolitikerin Ursula Engelen-Kefer war schon an vielen Gesundheitsreformen der letzten zwei Jahrzehnte beteiligt und hat schon einige &bdquo;Durchbr&uuml;che&ldquo; erlebt. 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