{"id":140400,"date":"2025-10-11T14:00:03","date_gmt":"2025-10-11T12:00:03","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=140400"},"modified":"2025-10-10T16:58:32","modified_gmt":"2025-10-10T14:58:32","slug":"buchrezension-das-goldene-tor-von-kiew-eine-fiktionale-auseinandersetzung-mit-der-zeitenwende","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=140400","title":{"rendered":"Buchrezension \u201eDas Goldene Tor von Kiew\u201c \u2013 Eine fiktionale Auseinandersetzung mit der Zeitenwende"},"content":{"rendered":"<p>Sachb&uuml;cher zum Ukraine-Konflikt gibt es mittlerweile reichlich, auch solche, die ihn aus einer anderen Perspektive betrachten als die Schreiberzunft des Mainstreams. Mangelware sind hingegen literarische Auseinandersetzungen. Zuletzt hatte Raymond Unger mit <a href=\"https:\/\/europa-verlag.com\/Buecher\/6701\/KAI.html\">&bdquo;KAI&ldquo;<\/a> einen fiktionalen Versuch unternommen, allerdings den Ukraine-Krieg als eines von vielen Themen der Gegenwart verarbeitet. Wie er tritt nun auch <strong>Alexander Rahr<\/strong> mit einem <a href=\"https:\/\/www.eulenspiegel.com\/verlage\/das-neue-berlin\/titel\/das-goldene-tor-von-kiew.html\">Thriller<\/a> hervor, mit einem, der dem Konflikt zwischen Moskau und Kiew mehr Raum einr&auml;umt. Eine Rezension von <strong>Eugen Zentner<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nVordergr&uuml;ndig werden die geschichtlichen und geopolitischen Zusammenh&auml;nge, nicht die Gr&auml;uel des Kriegsalltags. Es gibt keine Szenen an der Front, keine tragischen Momente in den Sch&uuml;tzengr&auml;ben, keinen Drill in den Kasernen, keinen Lebenskampf im Lazarett. Der Autor f&uuml;hrt weder die Leser aufs Schlachtfeld noch die Figuren. Letzteren kommt &uuml;berwiegend die Aufgabe zu, &uuml;ber den Ukraine-Konflikt und dessen geopolitischen Kontext zu sprechen. Und obwohl die Figuren pausenlos reden und reden, hat man dennoch das Gef&uuml;hl, den Autor zu h&ouml;ren, einen f&uuml;hrenden deutschen Russlandexperten, der seine Sicht auf den Konflikt bereits in unterschiedlichen Medien und mehreren Sachb&uuml;chern kundgetan hat.<\/p><p>In &bdquo;Das Goldene Tor von Kiew&ldquo; streut er sein Wissen unter ein illustres Personal, zu dem nicht nur Russlands Pr&auml;sident Wladimir Putin und der US-Unternehmer Elon Musk geh&ouml;ren, sondern beispielsweise auch ein deutscher Journalist, eine Art medialer Killer, der im Correctiv-Stil unliebsame Politiker, Bewegungen oder Parteien mit gesteuerten Pressekampagnen diskreditiert und vernichtet. Gef&uuml;ttert wird er von einer CIA-Amazone, einer Informationskriegerin, die f&uuml;r Desinformation, Propaganda und die Steuerung von Narrativen zust&auml;ndig ist. An ihrer Seite steht eine Kollegin mit Schwerpunkt auf Regime-Change-Operationen und Grenzwissenschaften.<\/p><p>Als eigentlicher Protagonist tritt jedoch der Berliner Politologe Georgi Vetrov auf. Er erh&auml;lt in Lissabon den Forschungsauftrag, &uuml;ber den Ukraine-Krieg zu schreiben, und begegnet in der portugiesischen Hauptstadt einem alten Bekannten, einem russischen General, der ihm sein Ticket f&uuml;r eine Schiffsreise &uuml;ber den Atlantik &uuml;berl&auml;sst. Wie diese beiden Gentlemen unterh&auml;lt sich der Gro&szlig;teil des restlichen Personals st&auml;ndig &uuml;ber Ukraine-Krieg, Geopolitik oder eine Revolution im Sinne der Bewegung &bdquo;Moderne Liberale&ldquo;. Und wenn sie es nicht tun, dann der Erz&auml;hler, er sogar mehr als die Figuren. Ihre Dialoge werden gr&ouml;&szlig;tenteils wiedergegeben, genauer: deren Inhalt. Show, don&rsquo;t tell &ndash; dieser Grundsatz literarischen Erz&auml;hlens wird leider zu h&auml;ufig unterlaufen. Es wird nicht gezeigt, sondern lediglich mitgeteilt, wodurch die Figuren ohne Kontur, ja ohne einen eigenen Charakter bleiben und der Roman &uuml;ber weite Strecken wie ein Sach- oder Geschichtsbuch anmutet.<\/p><p>Die Informationsdichte ist enorm, sodass selbst gebildete Leser neues Wissen erlangen d&uuml;rften. Neben der eigentlichen Handlung unternimmt Rahr historische Exkurse, die bis zur Kiewer Rus zur&uuml;ckf&uuml;hren. Dabei gelingt es ihm, anhand von mehreren Motiven Parallelen zur Gegenwart zu ziehen, insbesondere im Verh&auml;ltnis zwischen Russland und Europa. Zwischendurch wird minuti&ouml;s der Verlauf des Ukraine-Konflikts nachgezeichnet, mit Deutungen, Analysen oder Reflexionen dieser Art:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;<em>Ein Umdenken wurde zwingend notwendig, um aus der Dominanz &uuml;berzogener Wertevorstellungen eine echte Verst&auml;ndigung mit der globalen Vielfalt zu entwickeln, die in all ihren Facetten respektiert und mit Respekt behandelt w&uuml;rde. Nur durch diesen Prozess der Reflexion kann es gelingen, einer wachsenden Kluft zwischen den Herrschaftseliten und der Bev&ouml;lkerung entgegenzuwirken. Am Ende wird das &Uuml;berdenken dieser Perspektiven nicht nur f&uuml;r die europ&auml;ische Identit&auml;t vonn&ouml;ten sein, sondern auch f&uuml;r die globale Zukunft.&ldquo;<\/em>\n<\/p><\/blockquote><p>Der kritische Ton ist un&uuml;berh&ouml;rbar. Er zieht sich durch die Lekt&uuml;re und gewinnt besonders dann an Lautst&auml;rke, wenn es um die Rolle Europas geht. Die Einfl&uuml;sse der neuen US-Administration werden mitverarbeitet, weshalb die Vereinigten Staaten aufgrund Trumps anf&auml;nglicher Friedensbem&uuml;hungen etwas besser wegkommen, obgleich ihre Hegemoniestellung und geopolitischen Interessen nie in Zweifel stehen. Dabei kommen auch Fragen nach der Autonomie Deutschlands auf. Niemand k&ouml;nne vorhersagen, wie die Bundesrepublik sich &bdquo;in Zukunft gegen&uuml;ber Amerika verhalten w&uuml;rde&ldquo;, lautet der Kommentar des auktorialen Erz&auml;hlers, &bdquo;vor allem wenn die USA damit beg&auml;nnen, die Bodensch&auml;tze der Ukraine zu kolonisieren, wieder ohne die Europ&auml;er zu beteiligen&ldquo;.<\/p><p>Nicht weniger interessant sind eingeflochtene Spekulationen, etwa dar&uuml;ber, was passiert, wenn Putins Pr&auml;sidentschaft endet. &bdquo;Die Spatzen pfiffen es von den D&auml;chern&ldquo;, werden die Gedanken des Protagonisten Vetrov wiedergegeben, der sich als Politologe vom General den Verlauf des Ukraine-Konflikts erkl&auml;ren lassen muss, &uuml;ber derlei Vorg&auml;nge aber gut informiert zu sein scheint. Oder es spricht wieder einmal der &uuml;bergeordnete, allwissende Erz&auml;hler. Das ist an manchen Stellen des Romans leider nicht immer klar. Berichtet wird jedenfalls, dass Putin &bdquo;seit geraumer Zeit an der Errichtung von Parallelstrukturen zu Regierung, Gouverneuren und Sicherheitsapparaten&ldquo; arbeite. &bdquo;W&uuml;rde er das Pr&auml;sidialamt einmal verlassen, k&ouml;nnte er das riesige Land &uuml;ber seine Parallelinstitutionen aus einem m&auml;chtigen Staatsrat weiterregieren.&ldquo;<\/p><p>Eine spannende These, die im fiktionalen Gewand eine umso gr&ouml;&szlig;ere Aura des Geheimnisvollen bekommt. Gleiches gilt f&uuml;r die UFO-Forschung, bei der Russland und die USA zusammenarbeiten, um gewappnet sein, wenn ein gemeinsamer Feind die Erde betritt. Geradezu profan h&ouml;ren sich dagegen Ausf&uuml;hrungen zu den verschiedenen Stadien eines Konflikts zwischen Staaten an &ndash; oder zur Militarisierung der Ukraine durch den Westen sowie zum Aufstieg Chinas, &bdquo;das immer mehr Marinebasen aufbaut &ndash; nicht nur im S&uuml;dchinesischen Meer, sondern auch in Lateinamerika&ldquo;.<\/p><p>Innerhalb der Handlung kommt es schlie&szlig;lich zu einem einschneidenden Ereignis, das mit jener Schiffsreise in Zusammenhang steht. Der Protagonist Vetrov erh&auml;lt ein brisantes Dokument, das in der Ukraine den Weg f&uuml;r Frieden ebnen k&ouml;nnte. Er muss es nur in die richtigen H&auml;nde &uuml;bergeben. Je l&auml;nger der Roman aber fortschreitet, desto klarer wird, dass in Zukunft neue Konflikte warten. Rahrs Buch ist eine Auseinandersetzung mit der Zeitenwende, ausgehend von der heutigen Krisensituation, die den Ukraine-Krieg genauso umfasst wie Massenmigration und technische Entwicklung. Pr&auml;sidenten k&ouml;nnten k&uuml;nftig durch eine KI ersetzt, Individualit&auml;t abgeschafft, das Schicksal von Demokratien besiegelt werden. Der Roman wirft brisante Fragen auf, Fragen nach der Zukunft des Westens oder nach der Aush&ouml;hlung politischer Systeme.<\/p><p>Der eigentliche Thrill entsteht am Ende, wenn eine Gruppe von Zukunftsforschern ihre Gedanken dar&uuml;ber ausbreitet, wie die Welt von morgen aussehen k&ouml;nnte. &bdquo;Die Integration der KI-Technologie ver&auml;nderte die menschliche Zivilisation wie niemals zuvor&ldquo;, hei&szlig;t es an einer Stelle. &bdquo;Kriege wurden von seelenlosen KI-Kommandozentralen gef&uuml;hrt, Roboter- und Drohnenarmeen bek&auml;mpften sich auf den Schlachtfeldern, Kriege entwickelten sich zu unendlichen Materialschlachten.&ldquo; Es ist zu hoffen, dass diese Szenarien reine Fiktion bleiben.<\/p><p><em>Alexander Rahr: Das Goldene Tor von Kiew. Berlin 2025, Verlag Das Neue Berlin (Eulenspiegel Verlagsgruppe), gebundene Ausgabe, 432 Seiten, ISBN 978-3360027719, 30 Euro.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sachb&uuml;cher zum Ukraine-Konflikt gibt es mittlerweile reichlich, auch solche, die ihn aus einer anderen Perspektive betrachten als die Schreiberzunft des Mainstreams. Mangelware sind hingegen literarische Auseinandersetzungen. Zuletzt hatte Raymond Unger mit <a href=\"https:\/\/europa-verlag.com\/Buecher\/6701\/KAI.html\">&bdquo;KAI&ldquo;<\/a> einen fiktionalen Versuch unternommen, allerdings den Ukraine-Krieg als eines von vielen Themen der Gegenwart verarbeitet. 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