{"id":140406,"date":"2025-10-12T14:00:01","date_gmt":"2025-10-12T12:00:01","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=140406"},"modified":"2026-02-24T02:56:38","modified_gmt":"2026-02-24T01:56:38","slug":"philippinen-eine-familiendynastie-unter-aufsicht-von-marcos-zu-marcos-ein-politisches-lesebuch","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=140406","title":{"rendered":"Philippinen \u2013 eine Familiendynastie unter Aufsicht: \u201eVon Marcos zu Marcos\u201c \u2013 ein politisches Lesebuch"},"content":{"rendered":"<p>K&ouml;ln &ndash; &bdquo;Korruption, Misswirtschaft, Demonstration&ldquo;, schreien die politischen Nachrichten, &bdquo;Semana Santa auf Marinduque; S&uuml;dseeromantik auf Boracay&ldquo;, locken die Reiseveranstalter Touristen auf die Philippinen. Wenn sich vor diesem ambivalenten Hintergrund dann ein Theologe und ein Sozialwissenschaftler als Herausgeber publizistisch am Thema Philippinen abarbeiten, braucht es 2019 bereits in der sechsten Auflage 496 Seiten f&uuml;r ein &bdquo;Handbuch &ndash; Philippinen&ldquo;, um den Schatz an Materialien, Dokumenten und Daten &uuml;ber das Land aufzuarbeiten und Ordnung in die Erz&auml;hlung &uuml;ber den Archipel im Fernen Osten zu gewinnen. Eine Rezension von <strong>Albert Kl&uuml;tsch<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nWenn dann Rodrigo Duterte (2016 &ndash; 2022) als Mordbube, der sich in seiner Ordnungsliebe mit 30.000 Opfern schm&uuml;ckt, mit einer Anklage und Verhaftung 2025 vor dem Internationalen Strafgerichtshof endet, dann aber Ferdinand Marcos Jr. als Pr&auml;sident und im Gefolge die Tochter Sara Duterte als Vizepr&auml;sidentin in der Tradition des Familienerbes als &bdquo;Einheit&ldquo; die Lenkung des Staates &uuml;bernahmen, geben die Ereignisse den Herausgebern Anlass, das Wissen um Geschichte und Gegenwart in der Zeit von 1965 bis 2025, Land und Leuten in Informationen, Analysen, Statistiken und pers&ouml;nlichen Berichten weiter zu verdichten &ndash; eine wortgewandte und datenstarke Enzyklop&auml;die des Wissens mit fragilen Gewissheiten.<\/p><p>32 Autorinnen und Autoren leihen der spannungsreichen Zeit zwischen 1965 und 2025 &ndash; von Marcos Sr. bis Marcos Jr. &ndash; Namen und Profil, mit dem sie ihre Sicht auf aktuelle gesellschaftspolitische Sachfragen &ndash; mit Quellenangaben zu vertiefender Lekt&uuml;re &ndash; beschreiben: zu Gesellschaft und Politik, Klima und Umwelt, Arbeitswelt und -migration, Landwirtschaft und Landreform, Globalisierung und Privatisierung. Interviews mit acht Zeitzeugen umrahmen in pers&ouml;nlichen Zeugnissen die Lebenswelten der Filipinos und Filipinas.<\/p><p>Zusammengestellt von ausgewiesenen Sachkennern &ndash; <strong>J&ouml;rg Schwieger<\/strong>, Jahrgang 1953, evangelischer Theologe und Germanist, von 1982 bis 1986 Gesch&auml;ftsf&uuml;hrer der Aktionsgruppe Philippinen, von 1987 bis 1991 Gesch&auml;ftsf&uuml;hrer des Philippinenb&uuml;ro e.V. und Mitarbeiter im kirchlichen Entwicklungsdienst, seit 2020 Vorsitzender der Stiftung Asienhaus in K&ouml;ln; <strong>Rainer Werning<\/strong>, Jahrgang 1949, ehemals Lehrbeauftragter an den Universit&auml;ten Bonn und Osnabr&uuml;ck, Politik- und Sozialwissenschaftler mit breiter publizistischer T&auml;tigkeit im Schwerpunkt S&uuml;dost- und Ostasien, zuletzt auf den NachDenkSeiten in <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?gastautor=rainer-werning\">Beitr&auml;gen zum Milit&auml;rputsch vor 60 Jahren in Indonesien<\/a>.<\/p><p>Wer den Archipel in Fernost als Sehnsuchts- und Vergn&uuml;gungsort abgespeichert hat, wird bereits in der Widmung eines Besseren belehrt: Das Buch ist all jenen Menschen gewidmet, die ihr beharrliches Engagement f&uuml;r Freiheit, Gerechtigkeit und Demokratie im Kampf gegen staatliche Repression und Diktatur mit dem Leben bezahlten. Leben und &Uuml;berleben z&auml;hlt zu den Lebensk&uuml;nsten der Bewohner, ob unter dem Eindruck der j&auml;hrlich bis zu 20 Taifune, der Erdbeben und Vulkanausbr&uuml;che entlang des pazifischen Feuerrings oder dem Erlebnis eines &bdquo;konstitutionellen Autoritarismus&ldquo;, den Ferdinand Marcos 1972 mit der Anordnung des Kriegsrechts ausbaute, um seine unbeschr&auml;nkte diktatorische Herrschaft mit dem Mord an seinem politischen Widersacher Benigno Aquino im August 1983 zu kr&ouml;nen, ehe ihn die USA als &bdquo;guten Verb&uuml;ndeten&ldquo; ihrer pazifischen Imperialinteressen 1986 ins Asyl nach Hawaii holten und vor dem politischen Aufstand &ndash; &bdquo;Rosenkranzrevolution&ldquo; &ndash; bewahrten, der in Manila tobte.<\/p><p>Mit der &bdquo;people power&ldquo; an die Macht gesp&uuml;lt, war Corazon Aquino (1986 &ndash; 1992) als unerfahrene Pr&auml;sidentin dem Diktat ihres Generals und Verteidigungsministers Fidel Ramos unterworfen, der sie in der Abfolge der Familiendynastien alsdann selbst als Pr&auml;sident (1992 &ndash; 1998) beerbte.<\/p><p>Die Machtanspr&uuml;che der feudalistischen Familiendynastien variieren, w&auml;hrend das Volk &uuml;ber die Jahre vertr&ouml;stet und aus dem Leid staatlicher Repression nicht entlassen wird. Insoweit nehmen uns die Autorinnen und Autoren mit auf eine dicht gezeichnete Reise durch die verschiedenen Lebenswelten: Mindanao, die Insel des muslimischen Widerstands der &bdquo;Moros&ldquo;, die mit ihrer Guerillataktik gewaltvoll Autonomie und Selbstbestimmung verlangen, w&auml;hrend gleichzeitig die indigenen Seenomaden ihre traditionellen Riten zu bewahren suchen. Eine b&auml;uerliche Bewegung, die sich Armut, Ausbeutung und Ungerechtigkeit bei ihrer Landpacht ausgesetzt sieht.<\/p><p>Und die Eliten Manilas sind sich einig, alles, was auch nur einen geringen Mangel an nationaler Gesinnung erkennen l&auml;sst, als &bdquo;Terrorismus&ldquo; zu brandmarken und zu &bdquo;neutralisieren&ldquo; &ndash; anschaulich illustriert durch Belege von &bdquo;Reportern ohne Grenzen&ldquo; &uuml;ber den Tod von 147 Journalistinnen und Journalisten sowie durch Berichte von &Auml;rzten und &Uuml;berlebenden eines Attentats.<\/p><p>Die Autoren belassen es nicht bei der Schilderung allgegenw&auml;rtiger staatlicher Repression, sondern verweisen auf die vielf&auml;ltigen Ursachen der gesellschaftlichen Aggression: eine Gesellschaft in einem Bildungssystem traditioneller Lehrmethoden, die sich auf das passive Zuh&ouml;ren beschr&auml;nken; eine Wirtschaft, die sich kapitalistischer Ausbeutung bedient, um im Interesse globaler Investoren die Illusion von Wachstum und Wohlstand zu n&auml;hren; eine Arbeitswelt, die Familien zerrei&szlig;t, weil sie den Unterhalt nur gew&auml;hrleistet, wenn die einen sich der Pflege der westlichen Welt andienen, die anderen als billige Arbeitskr&auml;fte in der weltweiten Seefahrt anheuern. Beitr&auml;ge geben Raum auch f&uuml;r jene zur Unkenntlichkeit verkommenen Friedensverhandlungen mit den Guerillaorganisationen MILF (<em>Moro Islamic Liberation Front<\/em>) und MNLF (<em>Moro National Liberation Front<\/em>), die nach Gusto der Pr&auml;sidentschaft f&uuml;r obsolet erkl&auml;rt werden und erneut zu milit&auml;rischen Auseinandersetzungen f&uuml;hren, die den US-Investoren die Gewissheit zu vermitteln trachten, ihren Investitionen eine sichere Zukunft zu gew&auml;hrleisten.<\/p><p>In spanischer Tradition steht dabei das &bdquo;Caudillo-Prinzip&ldquo;, das die Versuche einer demokratischen Staatsgestaltung den Bedingungen von Dynastien unterwirft, wie es Franco in Spanien vorgelebt hat und Ch&aacute;vez, Maduro und Ortega in S&uuml;damerika nachahmen. Ein System, das sich in das Netz imperialer US-Interessen einer &bdquo;eisernen Allianz&ldquo; (US-Kriegsminister Hegseth 2025) im &bdquo;Balikatan&ldquo; (<em>Schulterschluss<\/em>) einbettet und &uuml;ber Milit&auml;rabkommen die &bdquo;Vorw&auml;rtsverteidigung&ldquo; gegen China im ewig erfolglosen Kampf der &bdquo;Domino-Theorie&ldquo; der US-Administration sichert.<\/p><p>Unter diesen geopolitischen Vorgaben geben die Autoren den Philippinen nur geringe Chancen, sich im Weltgeschehen autonom zu postieren. Die spanische Kolonisation bis 1898 und die nachfolgende amerikanische Besatzung bis zur Unabh&auml;ngigkeit 1946 haben die Bedingungen f&uuml;r jenes System geschaffen, in dem die Staatsmacht von Dynastie zu Dynastie &uuml;ber die K&ouml;pfe der Menschen hinweg nahezu unbeanstandet weitergereicht wird. Herausgeber und Autoren wahren in dem zeitgeschichtlichen Abriss wortstark das Verdienst, den Menschen in diesem aufgew&uuml;hlten Land Stimme und Gewicht zu geben. Wer in dem Informationswirrwarr der Zeitenwende inhaltlich Halt sucht, wird in dem Buch gl&auml;nzend bedient.<\/p><p><em>Rainer Werning \/ J&ouml;rg Schwieger (Hrsg.): Von Marcos zu Marcos &ndash; Die Philippinen seit 1965. Wien 2025, Promedia Druck- und Verlagsgesellschaft mbH, Taschenbuch, 264 Seiten, ISBN 978-3853715505, 24 Euro.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>K&ouml;ln &ndash; &bdquo;Korruption, Misswirtschaft, Demonstration&ldquo;, schreien die politischen Nachrichten, &bdquo;Semana Santa auf Marinduque; S&uuml;dseeromantik auf Boracay&ldquo;, locken die Reiseveranstalter Touristen auf die Philippinen. 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