{"id":1407,"date":"2006-07-13T08:38:59","date_gmt":"2006-07-13T06:38:59","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/v2\/?p=1407"},"modified":"2016-02-02T14:58:57","modified_gmt":"2016-02-02T13:58:57","slug":"auszug-aus-machtwahn-seite-90ff","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=1407","title":{"rendered":"Auszug aus \u201eMachtwahn\u201c, Seite 90ff."},"content":{"rendered":"<p>In keinem anderen Land ist der makro&ouml;konomische Sachverstand so gering wie bei uns. Wir leiden heute unter einer ideologischen Wende, die Anfang der siebziger Jahre begann. Mit dem Zusammenbruch des Bretton-Woods-Systems, einem internationalen W&auml;hrungsabkommen, das auf festen Wechselkursen gegen&uuml;ber dem US-Dollar als Leitw&auml;hrung beruhte, erlangte die Deutsche Bundesbank die uneingeschr&auml;nkte Herrschaft &uuml;ber die deutsche Geldpolitik. Die Bundesbank benutzte diesen Machtzuwachs, um den Vorrang der Preisstabilit&auml;t &uuml;ber die anderen drei zentralen wirtschaftspolitischen Ziele &ndash; hoher Besch&auml;ftigungsstand, au&szlig;enwirtschaftliches Gleichgewicht und angemessenes Wachstum &ndash; durchzusetzen. Nur so sind die drei schweren Rezessionen von 1975, von 1981\/82 und 1993 zu verstehen. Seit Anfang der siebziger Jahre ist in Deutschland kein Aufschwung an Altersschw&auml;che ausgelaufen, sondern er wurde jedesmal fr&uuml;hzeitig von der Bundesbank abgebrochen. Die seitdem propagierte Regel, dass die Stabilit&auml;t des Preisniveaus unabdingbare Voraussetzung f&uuml;r hohen Besch&auml;ftigungsstand und Wachstum sei, hat sich nicht erf&uuml;llt. Deutschland war in den letzten drei&szlig;ig Jahren zwar immer Stabilit&auml;tsweltmeister, aber bei den realwirtschaft lichen Zielen Wachstum und Besch&auml;ftigung haben wir es im internationalen Vergleich nur zu h&ouml;chst bescheidenen Ergebnissen gebracht.<br>\n<!--more--><br>\nAls der damalige &raquo;Superminister&laquo; f&uuml;r Wirtschaft und Finanzen Helmut Schmidt im Oktober 1972 sagte, das deutsche Volk k&ouml;nne 5 Prozent Preissteigerung besser vertragen als 5 Prozent Arbeitslosigkeit, entfachte er einen Sturm der Entr&uuml;stung seitens der neoliberalen wirtschaftspolitischen Institutionen und Vertreter. Die einschl&auml;gige &ouml;konomische Wissenschaft leistete kr&auml;ftig Sch&uuml;tzenhilfe, indem sie behauptete, ein gewisser Teil der Arbeitslosigkeit sei strukturell bedingt und k&ouml;nne durch Nachfra geexpansion nicht beseitigt werden. Es wurden hochwissenschaftliche Berechnungen ins Feld gef&uuml;hrt, die so ausfielen, dass angeblich nur 1 Prozentpunkt, allenfalls 2 Prozentpunkte der &shy;Arbeitslosenquote durch mangelnde Nachfrage bedingt seien. Der weitaus gr&ouml;&szlig;ere Teil habe eben strukturelle Gr&uuml;nde. Flankierend wurde zum einen die gesamtwirtschaftliche Nachfrage l&uuml;cke &ndash; ein wesentlicher Bestandteil der keynesianischen &Uuml;ber legungen &ndash; kleingerechnet und zum anderen der Glaubenssatz aufgestellt, dass expansive Staatsausgaben allenfalls ein Strohfeuer entfachen k&ouml;nnen, das nur zu mehr Staatsverschuldung f&uuml;hre. Bundesbank, Sachverst&auml;ndigenrat, die Forschungsinstitute &ndash; bis vor kurzem mit Ausnahme des DIW-Berlin &ndash;, die Masse der Wirtschaftsprofessoren, aber auch die OECD schwenkten auf diese Linie ein und immunisierten den Ansatz damit gegen jede Kritik.<\/p><p>Das Ergebnis dieser einseitigen Ausrichtung der Wirtschaftspolitik, die in Deutschland seit &uuml;ber drei&szlig;ig Jahren konsequent verfolgt wird, sehen wir heute. Die Erkenntnis, dass die reale Bedrohung durch Arbeitslosigkeit wirklich schlimmer sein kann und schlimmere Folgen haben kann als eine leichte Preissteigerung, ist ganz offensichtlich richtig. Nur in den Arbeitszimmern der Zentralbanker, also bei Bundesbankpr&auml;sident Axel Weber und EZB-Chef Jean-Claude Trichet, und bei ihren Chefvolkswirten ist sie noch nicht angekommen.<\/p><p>Die Geldpolitiker der Bundesbank konterkarierten schon Anfang der siebziger Jahre die Fiskalpolitik der Bundesregierung. Die Bundesbank trat brutal auf die Zinsbremse. So erh&ouml;hten sich die kurzfristigen Zinsen von 5,7 Prozent 1972 auf 12,2 Prozent 1973, das ist ein Anstieg um 114 Prozent und damit ein echter Schock. &Auml;hnlich wurde die Vereinbarung des Bonner Weltwirtschaftsgipfels von 1978 geldpolitisch &raquo;begleitet&laquo;: Die kurzfristigen Zinsen wurden von 3,7 Prozent (1978) bis auf 12,2 Prozent (1981) hochgetrieben. Das wirkte enorm d&auml;mpfend auf die Konjunktur. Beim Bonner Weltwirtschaftsgipfel hatten sich die Teilnehmer einschlie&szlig;lich Deutschlands jedoch zu Ma&szlig;nahmen zur Belebung der Wirtschaft verpflichtet. Die Bundesregierung wollte aufgrund dieser Verabredung 1 Prozent des Bruttosozialprodukts zus&auml;tzlich f&uuml;r konjunkturanregende Ma&szlig;nahmen ausgeben.<\/p><p>So waren die siebziger Jahre vom gegenl&auml;ufigen Kr&auml;ftespiel zwischen Wirtschafts- und Finanzpolitik auf der einen Seite und Geldpolitik auf der anderen Seite gepr&auml;gt. War die Wirtschafts- und Finanzpolitik stark, wie es von 1974 bis 1979 der Fall war, dann schaffte sie es, wirtschaftliche Schwierigkeiten zu &uuml;berwinden. Das beste Beispiel sind die beiden &Ouml;lpreisexplosionen vom Oktober 1973 und im Jahr 1979. Nach der ersten &Ouml;lpreisexplo sion ging das Wachstum 1975 unter die Nullinie: minus 1,3 Prozent. Ein Jahr sp&auml;ter war ein Wachstum von 5,3 Prozent erreicht. Zusammen mit den darauf folgenden drei Jahren kam die deutsche Volkswirtschaft auf ein durchschnittliches reales Wachstum von 3,8 Prozent &ndash; davon w&uuml;rde man heute tr&auml;umen.<\/p><p>Vier Jahre hintereinander 3,8 Prozent &ndash; das ist kein Strohfeuer, wie die sp&auml;teren Propagandisten gegen die Konjunkturprogramme behaupteten. Die Arbeitslosenquote ging von 4,7 auf 3,8 Prozent zur&uuml;ck, bevor diese Politik abgebrochen wurde, und mit den &ouml;ffentlichen Investitionen wurde viel Vern&uuml;nftiges gemacht: Kl&auml;ranlagen gebaut, St&auml;dte saniert, Schulen und Hochschulen gebaut, Fl&uuml;sse saniert.<\/p><p>Aber der Einfluss der monetaristischen und angebots&ouml;kono mischen Kr&auml;fte, wie man diese wirtschaftspolitische Richtung nannte, wuchs. Dann kam das sogenannte Lambsdorff-Papier im September 1982, das bereits die Grundz&uuml;ge der heutigen Reformpolitik enthielt. Dieses Memorandum des damaligen FDP-Wirtschaftsministers Otto Graf Lambsdorff markiert das Ende der sozialliberalen Koalition und pr&auml;gte die Regierung Kohl mit. Es wurde dann zwar nicht in Reinkultur nach neoliberalem Rezept reformiert, aber reihenweise wurden soziale Errungenschaften abgebaut. Es wurde Druck auf die L&ouml;hne und die Arbeitnehmer ausge&uuml;bt. Die Lohnsteigerungen blieben unterhalb der Produk tivit&auml;tsentwicklung. Es wurde dereguliert und privatisiert. Bei all dem blieben die L&ouml;hne beachtlich unterhalb der M&ouml;glichkeiten, die im Rahmen der Produktivit&auml;tsentwicklung gelegen h&auml;tten.\t<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In keinem anderen Land ist der makro&ouml;konomische Sachverstand so gering wie bei uns. Wir leiden heute unter einer ideologischen Wende, die Anfang der siebziger Jahre begann. Mit dem Zusammenbruch des Bretton-Woods-Systems, einem internationalen W&auml;hrungsabkommen, das auf festen Wechselkursen gegen&uuml;ber dem US-Dollar als Leitw&auml;hrung beruhte, erlangte die Deutsche Bundesbank die uneingeschr&auml;nkte Herrschaft &uuml;ber die deutsche Geldpolitik.<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=1407\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[14,30],"tags":[1695,300],"class_list":["post-1407","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-veroffentlichungen-der-herausgeber","category-wirtschaftspoliik-und-konjunktur","tag-machtwahn","tag-mueller-albrecht"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1407","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1407"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1407\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":30807,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1407\/revisions\/30807"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1407"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1407"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1407"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}