{"id":140725,"date":"2025-10-17T13:00:02","date_gmt":"2025-10-17T11:00:02","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=140725"},"modified":"2025-10-20T16:52:59","modified_gmt":"2025-10-20T14:52:59","slug":"die-zweite-welle-wie-ki-deutschlands-sicherheitsapparat-veraendert","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=140725","title":{"rendered":"Die zweite Welle \u2013 Wie KI Deutschlands Sicherheitsapparat ver\u00e4ndert"},"content":{"rendered":"<p>Die erste Welle der &Uuml;berwachungstechnik war reagierend: Man &uuml;berpr&uuml;fte, was geschehen war. Die neue Welle ist pr&auml;ventiv: Sie arbeitet mit Wahrscheinlichkeiten, Prognosen, algorithmischen Entscheidungen &ndash; etwa mit &bdquo;AIP&ldquo; der US-Firma Palantir. Politiker, die kaum IT-Kompetenz haben, bejubeln Verfahrensplattformen und KI-Unterst&uuml;tzung, ohne zu erkennen, dass sie damit ein Instrument erlauben, das den Staat zum allumfassenden Datenapparat wandelt. Wir m&uuml;ssen den Rechtsstaat auch im digitalen Raum verteidigen! Von <strong>G&uuml;nther Burbach<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_4030\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-140725-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/251020_Die_zweite_Welle_Wie_KI_Deutschlands_Sicherheitsapparat_veraendert_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/251020_Die_zweite_Welle_Wie_KI_Deutschlands_Sicherheitsapparat_veraendert_NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/251020_Die_zweite_Welle_Wie_KI_Deutschlands_Sicherheitsapparat_veraendert_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/251020_Die_zweite_Welle_Wie_KI_Deutschlands_Sicherheitsapparat_veraendert_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=140725-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/251020_Die_zweite_Welle_Wie_KI_Deutschlands_Sicherheitsapparat_veraendert_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"251020_Die_zweite_Welle_Wie_KI_Deutschlands_Sicherheitsapparat_veraendert_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>Stell dir vor: Du bewegst dich durch den Alltag, du rufst ein Taxi, surfst im Netz, besuchst Freunde, postest Spr&uuml;che auf Social Media, bekommst eine Rechnung zugeschickt. All das hinterl&auml;sst digitale Spuren. Nun stell dir vor, ein System zieht all diese Spuren zusammen, bewertet, verkn&uuml;pft, prognostiziert und entscheidet leise mit, wohin dein Leben steuert. Das klingt wie Science-Fiction? Nein, genau darauf zielt die &bdquo;zweite Welle der &Uuml;berwachung&ldquo;.<\/p><p>Deutschland steht gerade mitten in dieser Welle. Wir haben bereits die erste Phase hinter uns: klassische &Uuml;berwachungstechnik wie Vorratsdatenspeicherung, Video&uuml;berwachung, Telefonabh&ouml;rungen. Doch sie war reagierend: Man &uuml;berpr&uuml;fte, was geschehen war. Die neue Welle ist pr&auml;ventiv: Sie arbeitet mit Wahrscheinlichkeiten, Prognosen, algorithmischen Entscheidungen. Und das zentrale Werkzeug, mit dem sie in deutschen Polizeien, Ministerien und Beh&ouml;rden Einzug h&auml;lt, tr&auml;gt den stolzen Namen &bdquo;Analysesoftware&ldquo;. Doch in Wahrheit ist sie ein Entscheidungsinstrument.<\/p><p>In L&auml;ndern wie Bayern, Hessen und Nordrhein-Westfalen sitzt die US-Softwarefirma Palantir l&auml;ngst im Maschinenraum der Sicherheitspolitik. Politiker, die kaum IT-Kompetenz haben, bejubeln Verfahrensplattformen und KI-Unterst&uuml;tzung, ohne zu erkennen, dass sie damit ein Instrument erlauben, das den Staat zum allumfassenden Datenapparat wandelt.<\/p><p>Wenn wir jetzt zulassen, dass Palantir mit KI-Modulen in bestehende Polizeisysteme eingebettet wird, dann geben wir Kontrolle ab, bevor wir wissen, wozu. Wir riskieren, dass wir zu Objekten eines Systems mutieren, das &bdquo;uns&ldquo; bewacht, statt &bdquo;f&uuml;r uns&ldquo; da zu sein.<\/p><p>Dies ist der Kampf um Freiheit im digitalen Zeitalter und wir haben nicht mehr viel Zeit.<\/p><p><strong>Palantir 2.0 &ndash; Wenn KI das Kommando &uuml;bernimmt<\/strong><\/p><p>Was bislang als Datenplattform galt, wird gerade zu einem System, das selbstst&auml;ndig denkt. Palantir nennt es &bdquo;AIP&ldquo;, die Artificial Intelligence Platform. Das klingt harmlos, ist aber ein Quantensprung. Denn das System kann mittlerweile Zusammenh&auml;nge erkennen, die kein Mensch mehr nachvollzieht. Es verkn&uuml;pft Gesichter mit Aufenthaltsorten, Kontakte mit Geldstr&ouml;men, Bewegungen mit Kommunikationsmustern. Und es schl&auml;gt von selbst vor, wo als N&auml;chstes zu ermitteln w&auml;re.<\/p><p>Damit ver&auml;ndert sich die Rolle des Menschen. Der Ermittler wird zum Bediener einer Maschine, die l&auml;ngst gelernt hat, was er sucht. Ein Befehl gen&uuml;gt: <em>&bdquo;Zeig mir alle Personen, die letzte Woche im Umkreis von 500 Metern um X waren und in Verbindung zu Y stehen.&ldquo;<\/em> Sekunden sp&auml;ter erscheint ein Netz aus Linien, Punkten und Querverbindungen, das digitale Abbild einer Gesellschaft.<\/p><p>Wer jetzt glaubt, das diene nur der Kriminalit&auml;tsbek&auml;mpfung, irrt. Solche Systeme funktionieren umso besser, je mehr Daten man hineinsch&uuml;ttet. Das bedeutet: Je umfassender die Erfassung, desto gr&ouml;&szlig;er ist die Versuchung, sie f&uuml;r andere Zwecke zu nutzen &ndash; Gefahrenabwehr, Migration, politische Analyse, Krisenmanagement. Der Schritt von der Polizeiarbeit zur sozialen Steuerung ist dann kein Sprung mehr, sondern ein Schieberegler.<\/p><p>Und w&auml;hrend die &Ouml;ffentlichkeit noch diskutiert, ob man &Uuml;berwachungskameras an jeder Ecke braucht, haben die Beh&ouml;rden l&auml;ngst eine andere Waffe in der Hand: eine k&uuml;nstliche Intelligenz, die jeden B&uuml;rger als Datencluster begreift. Sie unterscheidet nicht zwischen T&auml;ter und Unbeteiligtem, sondern zwischen relevant und irrelevant. Das ist eine gef&auml;hrliche Verschiebung: Schuld wird durch Wahrscheinlichkeit ersetzt.<\/p><p>Noch bedenklicher ist, dass niemand mehr wei&szlig;, wie das System zu seinen Schl&uuml;ssen kommt. Palantir AIP ist eine Blackbox, ein mathematischer Nebel, in dem Datenfl&uuml;sse Entscheidungen formen, ohne dass jemand den Weg nachvollziehen kann. Wenn eine KI eine Person als &bdquo;auff&auml;llig&ldquo; markiert, ist das keine Justizhandlung mehr, sondern eine maschinelle Bewertung. Aber sie wird behandelt, als k&auml;me sie von oben: neutral, sachlich, unfehlbar.<\/p><p>In Wahrheit steckt hinter jeder k&uuml;nstlichen Intelligenz ein politischer Wille, die Entscheidung, Kontrolle &uuml;ber Unsicherheit zu stellen. Das ist menschlich nachvollziehbar, aber gesellschaftlich fatal. Denn ein Staat, der sich auf Software verl&auml;sst, verlernt das Denken in Zweifeln. Und genau das ist die Essenz von Rechtsstaatlichkeit: Zweifel, Pr&uuml;fung, Verantwortung.<\/p><p><strong>Politischer Leichtsinn &ndash; Digitalisierung um jeden Preis<\/strong><\/p><p>In den Landesregierungen wird der Einsatz solcher Systeme oft als Fortschritt verkauft. &bdquo;Effizienzsteigerung&ldquo;, &bdquo;Modernisierung der Ermittlungsarbeit&ldquo;, &bdquo;digitale Souver&auml;nit&auml;t&ldquo;, das sind die Schlagworte, mit denen Minister ihre Pressemitteilungen schm&uuml;cken. Dahinter steckt selten b&ouml;ser Wille, aber oft schlichte Ahnungslosigkeit.<\/p><p>Viele Innenpolitiker wissen nicht, was sie da genehmigen. Sie lassen sich Vorf&uuml;hrungen zeigen, auf denen Palantir-Mitarbeiter beeindruckende Visualisierungen pr&auml;sentieren: farbige Linien, blitzende Netzwerke, Live-Simulationen. Man sieht Daten flie&szlig;en und f&uuml;hlt sich, als h&auml;tte man das Chaos im Griff. Das ist der Moment, der f&uuml;r die Demokratie am gef&auml;hrlichsten ist: wenn Technik Vertrauen ersetzt.<\/p><p>In Bayern zum Beispiel wurde die Einf&uuml;hrung von VeRA mit gro&szlig;em Pathos angek&uuml;ndigt. Man sprach von einem &bdquo;wichtigen Schritt in die Zukunft&ldquo; und davon, dass &bdquo;alle Datenschutzfragen gekl&auml;rt&ldquo; seien. Kaum jemand fragte nach, was im Hintergrund passiert, wenn diese Software arbeitet. Wie viele B&uuml;rgerdaten werden einbezogen? Wie lange bleiben sie gespeichert? Wer &uuml;berpr&uuml;ft, ob der Algorithmus verzerrt urteilt? Keine Antwort, nirgends.<\/p><p>Auch in Hessen, wo Palantir zuerst eingef&uuml;hrt wurde, hat sich kaum jemand getraut, das System zu hinterfragen. Die wenigen, die es taten, wurden als Fortschrittsverweigerer abgestempelt. Dabei hat das Bundesverfassungsgericht 2023 eindeutig gewarnt: Eine solche Datenanalyse ist nur in engen Grenzen zul&auml;ssig, und nur, wenn sie sich auf konkrete Gefahren bezieht. In der Praxis aber werden immer mehr Datenquellen angezapft, um den &bdquo;Erkenntnisgewinn&ldquo; zu steigern. Das Ziel wird zur Rechtfertigung der Mittel.<\/p><p>Diese politische Naivit&auml;t hat System. Man will zeigen, dass man &bdquo;digital denkt&ldquo;. Man will modern wirken, innovationsfreudig, sicherheitspolitisch stark. Aber man versteht nicht, dass man in Wahrheit Machtstrukturen importiert, die man nie wieder loswird. Wer einmal einen Algorithmus entscheiden l&auml;sst, wird ihn nicht mehr stoppen, weil jedes Abschalten als Sicherheitsrisiko gilt. So w&auml;chst ein Apparat, der sich selbst legitimiert.<\/p><p><strong>Das juristische Feigenblatt &ndash; Wenn Gesetze der Technik folgen<\/strong><\/p><p>Fr&uuml;her war es so: Die Technik musste sich den Gesetzen beugen. Heute werden die Gesetze an die Technik angepasst. Genau das passiert gerade in Deutschland. Nach den Urteilen des Bundesverfassungsgerichts, die den Einsatz automatisierter Polizeianalyse in Hessen und Hamburg als verfassungswidrig einstuften, h&auml;tte man meinen k&ouml;nnen: Schluss, Stopp, Neuorientierung. Doch das Gegenteil trat ein.<\/p><p>Statt die Systeme zu pausieren, wurden Gesetze nachgesch&auml;rft. Die L&uuml;cken, auf die Karlsruhe hingewiesen hatte, schlie&szlig;t man nun mit neuen Formulierungen. Die Botschaft lautet: Wir wollen diese Werkzeuge, koste es, was es wolle. Datenschutz wird zur Randnotiz, Grundrechte werden in Paragrafen gegossen, die den digitalen Ausnahmezustand legalisieren.<\/p><p>Es ist ein stiller Umbau des Rechtsstaats. Nicht frontal, nicht laut, sondern durch kleine, technokratische Eingriffe. Ein neues Wort hier, ein neuer Absatz da, und schon ist erlaubt, was gestern verboten war. Das nennt man &bdquo;Modernisierung&ldquo;. In Wahrheit ist es eine stille Verschiebung der Machtbalance zwischen B&uuml;rger und Staat.<\/p><p>Wo fr&uuml;her der Richter-Vorbehalt galt, gen&uuml;gt jetzt eine &bdquo;automatisierte Analyse zur Gefahrenprognose&ldquo;. Wo fr&uuml;her der Einzelfall z&auml;hlte, z&auml;hlt heute die Datenlage. Der Mensch als Individuum wird durch Wahrscheinlichkeitscluster ersetzt.<\/p><p>Diese Entwicklung ist gef&auml;hrlicher als jede sichtbare Kamera an der Stra&szlig;enecke. Denn sie findet unsichtbar statt, im Inneren von Beh&ouml;rden, Rechenzentren, Cloud-Servern. Und sie wird abgesichert durch Politiker, die von Technik reden, aber Macht meinen.<\/p><p><strong>Leben unter dem Algorithmus &ndash; Was es f&uuml;r jeden bedeutet<\/strong><\/p><p>Was bedeutet das alles konkret, f&uuml;r dich, f&uuml;r mich, f&uuml;r jeden einzelnen Menschen? Es bedeutet, dass der Staat dich kennt, lange bevor du ihn triffst.<\/p><p>Wenn du morgens dein Handy einschaltest, wei&szlig; ein System, wo du bist. Wenn du online einkaufst, erkennt es deine Vorlieben. Wenn du dich in der N&auml;he eines Tatorts bewegst, landet dein Standort im Raster. Und wenn jemand in deinem Umfeld auff&auml;llig wird, bist du automatisch ein &bdquo;Beziehungsobjekt&ldquo;, ein Punkt in einem Netz, das du nie betreten hast.<\/p><p>Das alles passiert nicht, weil jemand dich gezielt &uuml;berwachen will. Es passiert, weil du in einem System lebst, das alles wissen will, f&uuml;r den Fall der F&auml;lle. Aus Sicherheitsgr&uuml;nden, versteht sich. Aus &bdquo;Verantwortung&ldquo;. Und weil niemand mehr unterscheiden kann, was sinnvoll ist und was Missbrauch, w&auml;chst eine Kultur der Dauererfassung.<\/p><p>Der Beamte, der dich fr&uuml;her kontrollierte, war sichtbar, ansprechbar, menschlich. Der Algorithmus ist unsichtbar. Er pr&uuml;ft, vergleicht, bewertet und du erf&auml;hrst es nicht. Du wei&szlig;t nicht, ob du auf einer Liste stehst, ob du einen Risikowert hast, ob dein Name in einem Zusammenhang auftaucht, der dich eines Tages blockiert. Vielleicht bekommst du einfach keinen Kredit, keine Wohnung, keine Sicherheitsfreigabe. Vielleicht wirst du nur langsamer durchsucht, weil dich das System als harmlos markiert hat. Oder schneller, weil nicht.<\/p><p><strong>Unsichtbare Kontrolle<\/strong><\/p><p>Und das ist der Kern dieser zweiten Welle: Sie ver&auml;ndert nicht nur die Polizei, sondern die Wahrnehmung von Normalit&auml;t. Wenn Kontrolle unsichtbar wird, wird sie auch unwidersprochen. Man gew&ouml;hnt sich daran, dass alles registriert, verkn&uuml;pft, ausgewertet wird. Man nennt das dann Effizienz, Sicherheit, Fortschritt. Und &uuml;bersieht, dass die Freiheit leise verschwindet, nicht mit einem Schlag, sondern mit jedem Software-Update ein St&uuml;ck mehr.<\/p><p>Am Ende steht kein Polizeistaat alter Pr&auml;gung, sondern ein digitaler Verwaltungsstaat, der alles wei&szlig; und nichts mehr erkl&auml;ren muss. Ein Staat, der B&uuml;rger nicht mehr besch&uuml;tzt, sondern berechnet. Und das ist vielleicht die gef&auml;hrlichste Form von Kontrolle, weil sie sich als Vernunft tarnt.<\/p><p><strong>Staat und Mensch<\/strong><\/p><p>Wenn man also heute in den Innenministerien &uuml;ber KI in der Sicherheit redet, dann redet man in Wahrheit &uuml;ber das Verh&auml;ltnis zwischen Staat und Mensch. &Uuml;ber Vertrauen, &uuml;ber Grenzen, &uuml;ber Verantwortung. Und dar&uuml;ber, ob wir noch selbst bestimmen, was wir wissen d&uuml;rfen, oder ob k&uuml;nftig ein Algorithmus entscheidet, wer wir sind.<\/p><p>Das ist keine Zukunftsangst, sondern Gegenwart. Die zweite Welle der &Uuml;berwachung rollt und sie rollt nicht &uuml;ber Daten, sondern &uuml;ber Menschen.<\/p><p>Wenn Politiker &uuml;ber Digitalisierung reden, denken sie an B&uuml;rokratieabbau, schnellere Verfahren, moderne Verwaltungen. Doch im Innern der Sicherheitsapparate hat Digitalisierung l&auml;ngst eine andere Bedeutung: Sie ist der Schl&uuml;ssel zur Kontrolle. Nicht durch Gewalt, sondern durch Berechnung.<\/p><p>W&auml;hrend das Land &uuml;ber Energiesparen, Migration oder den Haushalt streitet, rollt eine zweite Welle der &Uuml;berwachung heran, getragen von Software, gespeist von Daten, angetrieben von K&uuml;nstlicher Intelligenz. Ihr Motor hei&szlig;t Palantir. Und ihre Wirkung reicht weit &uuml;ber Polizei und Justiz hinaus: Sie ver&auml;ndert das Verh&auml;ltnis zwischen Staat und B&uuml;rger.<\/p><p>In Bayern, Hessen und Nordrhein-Westfalen laufen die Systeme bereits. Die Politiker nennen das &bdquo;effizient&ldquo;. Die Datensch&uuml;tzer nennen es &bdquo;riskant&ldquo;. Und viele B&uuml;rger merken es gar nicht. Doch hinter den sch&ouml;nen Worten von Modernisierung, KI und digitaler Sicherheit verbirgt sich ein tiefgreifender Umbau, ein technischer, juristischer und kultureller.<\/p><p><strong>Die zweite Welle der &Uuml;berwachung kommt als Software-Update<\/strong><\/p><p>Die zweite Welle der &Uuml;berwachung kommt ohne Sirenen. Sie braucht keine Kameras, keine Blockwarte, keine Mauern. Sie kommt als Software-Update. Als KI-Modul. Als Routinefunktion. Und genau das macht sie so gef&auml;hrlich: Sie ver&auml;ndert die Gesellschaft nicht durch Zwang, sondern durch Gew&ouml;hnung.<\/p><p>Am Ende dieser Entwicklung steht kein Diktator und keine sichtbare Zensur. Am Ende steht eine Infrastruktur, die alles wei&szlig;, bevor jemand fragt, und alles bewertet, bevor jemand denkt.<\/p><p>Es beginnt harmlos: Daten sollen helfen, Leben zu retten, Kriminalit&auml;t zu bek&auml;mpfen, Gefahren zu verhindern. Doch was als Schutz gedacht ist, wird schnell zur Logik des Verdachts. Die Maschine unterscheidet nicht mehr zwischen T&auml;ter und Zeuge, zwischen relevant und zuf&auml;llig. Sie erkennt Muster, nicht Menschen. Und aus diesen Mustern entstehen Entscheidungen, die niemand mehr hinterfragt, weil sie &bdquo;objektiv&ldquo; erscheinen.<\/p><p>Das ist der Punkt, an dem ein demokratischer Staat sich selbst gef&auml;hrdet. Nicht, weil er b&ouml;se Absichten h&auml;tte, sondern weil er glaubt, Kontrolle sei gleich Sicherheit. Dabei ist Kontrolle das Gegenteil von Vertrauen und Vertrauen das Fundament jeder freien Gesellschaft.<\/p><p>Die zweite Welle der &Uuml;berwachung ist keine ferne Zukunft. Sie ist l&auml;ngst da. Sie steckt in den neuen Polizeigesetzen, in den Cloud-Vertr&auml;gen, in den unscheinbaren Phrasen &uuml;ber &bdquo;digitale Resilienz&ldquo;. Sie w&auml;chst in Serverr&auml;umen, Ministerien und Rechenzentren. Und sie wird bleiben, solange niemand fragt, wer sie steuert und wem sie dient.<\/p><p><strong>Wir m&uuml;ssen den Rechtsstaat im digitalen Raum verteidigen<\/strong><\/p><p>Wer also glaubt, dass all das nur Fachpolitik betrifft, der t&auml;uscht sich. Es betrifft uns alle. Es entscheidet dar&uuml;ber, ob der Staat in Zukunft B&uuml;rger sch&uuml;tzt oder B&uuml;rgerprofile. Ob Freiheit ein Risiko bleibt, das wir eingehen d&uuml;rfen, oder ein Restwert, den die Algorithmen noch tolerieren.<\/p><p>Es gibt keinen lauteren Weckruf als diesen: Wenn wir den Rechtsstaat erhalten wollen, m&uuml;ssen wir ihn auch im digitalen Raum verteidigen. Nicht mit Technikgl&auml;ubigkeit, sondern mit Bewusstsein. Nicht mit Paragrafen, sondern mit Haltung.<\/p><p>Denn die zweite Welle rollt und es bleibt zu bef&uuml;rchten, dass niemand da ist, der einen Schutzwall aufbaut, oder auch nur bemerkt, dass wir alle einen Schutzwall ben&ouml;tigen. <\/p><p><strong>Quellen<\/strong><\/p><ul>\n<li><a href=\"https:\/\/www.heise.de\/en\/news\/Federal-Council-calls-for-rapid-deployment-for-the-police-10325677.html\">&bdquo;Federal Council calls for rapid deployment for the police&ldquo;<\/a> &ndash; Heise, 2025: Pilotbetrieb von <strong>VeRA<\/strong> in Bayern, Verbindung mehrerer Polizeisysteme zur Analyseplattform (Heise)<\/li>\n<li><a href=\"https:\/\/www.faz.net\/aktuell\/rhein-main\/region-und-hessen\/palantir-und-polizei-hessendata-als-vorbild-fuer-ganz-deutschland-110438575.html\">&bdquo;Palantir und Polizei: Hessendata als Vorbild f&uuml;r ganz Deutschland?&ldquo;<\/a> &ndash; FAZ: &uuml;ber Einsatz in Hessen, Anpassung an Landesverh&auml;ltnisse (FAZ)<\/li>\n<li><a href=\"https:\/\/datenschutz.hessen.de\/presse\/analyse-software-der-hessischen-polizei-vor-dem-bundesverfassungsgericht\">&bdquo;Analyse-Software der Hessischen Polizei vor dem Bundesverfassungsgericht&ldquo;<\/a> &ndash; Webseite Landesdatenschutz Hessen: Rechtliche Auseinandersetzungen um Hessendata \/ Gotham in Hessen (Datenschutz Hessen)<\/li>\n<li><a href=\"https:\/\/www.lto.de\/recht\/nachrichten\/n\/gff-verfassungsbeschwerde-gegen-palantir-bayern-polizei-ueberwachung\">&bdquo;Verfassungsbeschwerde gegen umstrittene Polizei-Software&ldquo;<\/a> &ndash; Legal Tribune Online, 2025: Beschwerde gegen Palantir-Einsatz in Bayern wegen &bdquo;massenhafter Datenauswertung&ldquo; (LTO)<\/li>\n<li><a href=\"https:\/\/www.golem.de\/news\/analyseplattform-wie-bayerns-polizei-palantir-nutzt-ein-besuch-bei-vera-2509-200102.html\">&bdquo;Besuch bei Vera: Wie Bayerns Polizei Palantir nutzt&ldquo;<\/a> &ndash; Golem: Reportage, wie die Plattform VeRA tats&auml;chlich funktioniert (Golem)<\/li>\n<li><a href=\"https:\/\/www.behoerden-spiegel.de\/2023\/02\/17\/regelungen-fuer-palantir-einsatz-verfassungswidrig\/\">&bdquo;Regelungen f&uuml;r Palantir-Einsatz verfassungswidrig&ldquo;<\/a> &ndash; Beh&ouml;rden Spiegel, 2023: Rechtliche Einw&auml;nde gegen automatisierte Auswertung in Hessen (Beh&ouml;rden Spiegel)<\/li>\n<li><a href=\"https:\/\/www.deutschlandfunk.de\/palantir-deutschland-polizei-software-datenschutz-100.html\">&bdquo;Palantir: Warum die Polizei-Software umstritten ist&ldquo;<\/a> &ndash; Deutschlandfunk: Hintergrund, Datenschutzbedenken, technische und politische Aspekte (Deutschlandfunk)<\/li>\n<li><a href=\"https:\/\/www.zeit.de\/2025\/26\/ki-polizei-bayern-software-palantir-vera\">&bdquo;KI bei der Polizei: Vera, &uuml;bernehmen Sie!&ldquo;<\/a> &ndash; Zeit Online, 2025: &uuml;ber KI-Ambitionen der bayerischen Polizei mit Palantir (Zeit Online)<\/li>\n<\/ul><p><small>Titelbild: APChanel \/ Shutterstock<\/small><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die erste Welle der &Uuml;berwachungstechnik war reagierend: Man &uuml;berpr&uuml;fte, was geschehen war. 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