{"id":14074,"date":"2012-08-07T10:23:51","date_gmt":"2012-08-07T08:23:51","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=14074"},"modified":"2015-04-24T11:10:28","modified_gmt":"2015-04-24T09:10:28","slug":"vergesst-die-inflation","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=14074","title":{"rendered":"Vergesst die Inflation!"},"content":{"rendered":"<p>Es gibt &Auml;ngste, die sind unausrottbar. Im nationalen Bewusstsein der Deutschen scheint die Urangst vor der Hyperinflation der Jahre 1922 und 1923 allgegenw&auml;rtig. Wen wundert es da, dass Politiker oder Kommentatoren nur allzu gerne das Schreckgespenst &bdquo;Inflation&ldquo; beschw&ouml;ren, um ihren politischen Positionen emotionalen Nachdruck zu verleihen? In den letzten Wochen hatte diese Geisterbeschw&ouml;rung wieder einmal Hochkonjunktur, ging es doch darum, Stimmung gegen verschiedene Vorschl&auml;ge zu machen, mit denen die EZB aktiver in den Kampf gegen die Eurokrise einbezogen werden sollte. Doch die Angst vor einer bevorstehenden Inflation ist irrational und lenkt nur ab, wenn es darum geht,  erfolgreiche L&ouml;sungswege aus der Eurokrise zu finden. Von <strong>Jens Berger<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nZwei &Ouml;konomen, drei Meinungen &ndash; so k&ouml;nnte man auch die theoretische Diskussion &uuml;ber die Entstehung von Inflation zusammenfassen. Im &ouml;ffentlichen Bewusstsein scheint dabei vor allem die Inflationstheorie der &ouml;konomischen Schule der sog. Monetaristen verankert zu sein, die uns auch pausenlos in den Artikeln der schreibenden Zunft vorgebetet wird. Demnach bestimmt die Geldmenge monokausal den Geldwert. Wissenschaftlicher Hintergrund dieser Annahme ist die <a href=\"http:\/\/www.bpb.de\/nachschlagen\/lexika\/lexikon-der-wirtschaft\/20428\/quantitaetstheorie\">Quantit&auml;tstheorie<\/a>, die ma&szlig;geblich auf den US-&Ouml;konomen Irving Fisher zur&uuml;ckgeht. Nach Ansicht der Monetaristen kann demnach die Notenbank direkt &uuml;ber die Geldmengenpolitik auch den Geldwert &bdquo;steuern&ldquo;. L&auml;sst sie beispielsweise die Leitzinsen steigen &ndash; so die Lehre -, wird weniger Geld nachgefragt, die Geldmenge sinkt, und damit sinkt auch die Inflation. Umgekehrt soll eine Senkung des Leitzinses zu einer st&auml;rkeren Nachfrage nach Krediten f&uuml;hren, Geld wird &bdquo;gesch&ouml;pft&ldquo;, die Geldmenge &ndash; und damit auch die Inflation &ndash; steigen. Ein &bdquo;Sch&ouml;nheitsfehler&ldquo; dieser Theorie ist jedoch, dass sie (wenn &uuml;berhaupt) nur unter der Voraussetzung gilt, dass die Rahmenbedingungen ansonsten gleich sind (also ceteris paribus). Nun &auml;ndern sich in der realen Welt die Rahmenbedingungen aber stetig.<\/p><p>Die Unterschiede zwischen der gemessenen Geldmenge und den beobachteten Preissteigerungen des letzten Jahrzehnts sollten die Monetaristen eigentlich verstummen lassen. In den USA wuchs[<a href=\"#foot_1\" name=\"note_1\">*<\/a>] beispielsweise die Geldmenge M3 zwischen dem Jahr 1997 und dem Krisensommer 2008 um durchschnittlich 9,1% pro Jahr, w&auml;hrend der Konsumentenpreisindex CPI lediglich durchschnittlich um 2,7% j&auml;hrlich stieg. Die gleiche Entwicklung war auch leicht zeitversetzt in der Eurozone zu beobachten. Dort stieg die Geldmenge M3 zwischen 2001 und dem Beginn der Finanzkrise im Sp&auml;tsommer 2008 um durchschnittlich 8,2% pro Jahr, w&auml;hrend die Verbraucherpreise im gleichen Zeitraum nur jeweils um 2,3% stiegen. W&auml;hrend die Geldmenge in den beiden gr&ouml;&szlig;ten W&auml;hrungsr&auml;umen der Welt rasant zunahm, blieben die realen Preissteigerungen offenbar weit dahinter zur&uuml;ck. <\/p><p>Eigentlich k&ouml;nnte man nun denken, dass die Monetaristen sich zu einem Krisentreffen in ihrem Elfenbeinturm zusammenfinden und ihre Theorie f&uuml;r gescheitert erkl&auml;ren. Doch erstaunlicherweise wird die monetaristische Sichtweise trotz ihres offensichtlichen Scheiterns an der Wirklichkeit stattdessen immer popul&auml;rer und vor allem die deutschen Vertreter dieser Schule (z.B. J&uuml;rgen Stark, Axel Weber, Jens Weidmann und J&ouml;rg Asmussen) scheinen nicht einmal im Ansatz von Zweifeln geplagt zu sein. Man kennt das ja: Wenn die Theorie nicht mit der Wirklichkeit &uuml;bereinstimmt &ndash; umso schlimmer f&uuml;r die Wirklichkeit! Einfacher haben es da die marktliberalen Ultras, wie die Vertreter der &bdquo;&Ouml;sterreichischen Schule&ldquo;. Sie definieren die Inflation n&auml;mlich unabh&auml;ngig vom Preisniveau direkt &uuml;ber die Geldmengensteigerung. Fragt sich nur, welchen Nutzen eine solch abstruse Definition von Inflation hat?<\/p><p><strong>Wie kommt es zu Inflation?<\/strong><\/p><p>Wenn die Erkl&auml;rung der Monetaristen falsch und die der &bdquo;&Ouml;sterreicher&ldquo; l&auml;cherlich ist, wie kommt es denn dann zu Preissteigerungen? Diese Frage l&auml;sst sich mit dem gesunden Menschenverstand wohl wesentlich einfacher und besser erkl&auml;ren als mit &ouml;konomischen Modellen. In einer Markwirtschaft bestimmen vor allem Angebot und Nachfrage den Preis. Der Zusammenhang von einem merklich knappen Angebot und steigenden Preisen ist beispielsweise bei Wohnungsmieten zu beobachten. In Gebieten, wo eine ohnehin schon hohe Wohnungsnachfrage weiterhin steigt, steigen auch die Mieten, da das Angebot nun einmal nicht so einfach erweitert werden kann &ndash; Beispiele daf&uuml;r sind begehrte Stadtteile in den Gro&szlig;st&auml;dten oder deren ber&uuml;hmte &bdquo;Speckg&uuml;rtel&ldquo;. Diese &bdquo;Angebotsinflation&ldquo; ist jedoch eher die Ausnahme. Meist ist das Angebot variabel und es ist die Nachfrage, die den Preis eines Produkts oder einer Dienstleistung bestimmt.<\/p><p>Wer verstehen will, wie Inflation erzeugt wird[<a href=\"#foot_2\" name=\"note_2\">**<\/a>], k&ouml;nnte sich beispielsweise in die Rolle des Wirtes eines Eiscaf&eacute;s hineinversetzen. Ein solcher Wirt k&ouml;nnte den Preis f&uuml;r seine Eisbecher erh&ouml;hen, wenn die Tische vor seinem Eiscaf&eacute; st&auml;ndig sehr gut besetzt sind. Realisieren kann er diese Preiserh&ouml;hung aber nur dann, wenn seine G&auml;ste auch in der Lage und gewillt sind, h&ouml;here Preise zu zahlen. Gesamtwirtschaftlich spielt daher sowohl die Lohnkostenentwicklung als auch die Besch&auml;ftigungszahl eine ma&szlig;gebliche Rolle f&uuml;r Preissteigerungen. Nur wenn mehr Menschen mehr Geld in der Tasche haben, sind sie auch bereit und in der Lage, mehr Geld auszugeben.<\/p><p>Auch andere Preise, wie beispielsweise die Mietpreise, orientieren sich vor allem an den M&ouml;glichkeiten. H&auml;tte es beispielsweise in Deutschland in den letzten zwanzig Jahren saftige Lohnerh&ouml;hungen gegeben, k&ouml;nnten auch die Vermieter h&ouml;here Mieten realisieren. Da dem nicht so ist, hinkt auch die deutsche Inflation seit der Euroeinf&uuml;hrung weit hinter den Inflationszahlen in anderen L&auml;ndern, in denen die L&ouml;hne merklich gestiegen sind, hinterher.<\/p><p><a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/120807_flassbeck.jpg\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/120807_flassbeck_small.jpg\" alt=\"\"><\/a><\/p><p>Quelle: <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/pdf\/110207_HF+FS_Euroland_in_der_Krise.pdf\">Heiner Flassbeck und Friederike Spiecker [PDF &ndash; 77,3 KB]<\/a><\/p><p>Eine solche &bdquo;Nachfrageinflation&ldquo; ist f&uuml;r fast alle im statistischen Warenkorb enthaltenen G&uuml;ter ma&szlig;geblich. Eine Ausnahme bilden die G&uuml;ter, bei denen es ein Angebotsoligopol gibt und bei denen der Preis nur einen geringen Einfluss auf die Nachfrage hat &ndash; schlicht und einfach weil man diese G&uuml;ter dringend  braucht. &Ouml;konomen sprechen hier von G&uuml;tern mit einer geringen Preiselastizit&auml;t der Nachfrage &ndash; dazu z&auml;hlen beispielsweise Treib- und Brennstoffe oder  Strom. Da jeder Euro nur einmal ausgegeben werden kann, haben die starken Preiserh&ouml;hungen f&uuml;r diese G&uuml;ter zu einer geringeren Preissteigerung bei anderen G&uuml;tern und Dienstleistungen[<a href=\"#foot_3\" name=\"note_3\">***<\/a>] gef&uuml;hrt. W&uuml;rden die Deutschen weniger Geld f&uuml;r Benzin und Strom ausgeben m&uuml;ssen, h&auml;tten sie mehr Geld in der Tasche und auch unser Eiscaf&eacute;betreiber k&ouml;nnte den Eispreis erh&ouml;hen. <\/p><p>Je mehr Menschen einen Arbeitsplatz besitzen und je h&ouml;her die L&ouml;hne sind, desto mehr Geld hat die Nachfrageseite in der Hand und desto mehr Spielraum haben die Anbieter von G&uuml;tern und Dienstleistungen f&uuml;r Preiserh&ouml;hungen. Auch die Vorg&auml;nge im Unternehmenssektor lassen sich auf die Nachfrageseite &uuml;bertragen. Fragt ein Unternehmen Kredite f&uuml;r Investitionen nach, schafft es direkt oder indirekt auch Arbeitspl&auml;tze, wodurch die aggregierte Nachfrage gleichfalls gesteigert wird. Hierbei spielt dann auch die Zinspolitik der EZB und die Geldmenge eine Rolle. Je mehr Kredite durch die Realwirtschaft nachgefragt werden, desto mehr Geld landet schlussendlich im Privatsektor, um G&uuml;ter und Dienstleistungen nachzufragen. Die Geldmenge ist somit eine notwendige &ndash; aber keinesfalls hinreichende &ndash; Bedingung f&uuml;r Preissteigerungen.<\/p><p>Auch wenn man Preissteigerungen nicht aus der Sicht der Nachfrage, sondern aus der Angebotssicht sieht, die Preise also vor allem &uuml;ber die Kosten herleitet, spielen die Lohnkosten eine entscheidende Rolle, da sie bei den Gesamtkosten bei der Herstellung eines Produkts oder bei der Erbringung einer Dienstleistung eine relevante &ndash; allerdings h&auml;ufig &uuml;bersch&auml;tzte &ndash; Rolle spielen. &Uuml;bertr&auml;gt man diese eher betriebswirtschaftliche Betrachtung auf den gesamtwirtschaftlichen Rahmen, erkennt man, dass Inflation nicht aus dem luftleeren Raum oder  durch die Geldpresse der Zentralbank kommt, sondern durch realwirtschaftliche Prozesse bewirkt wird.<\/p><p><strong>Geldmengenwachstum ohne Inflation<\/strong><\/p><p>Warum die stark gestiegene Geldmenge des letzten Jahrzehnts nicht zu einer deutlichen Inflation gef&uuml;hrt hat, d&uuml;rfte jeder Leser bei sich selbst bemerkt haben. Oder haben Sie durch den niedrigen Leitzins der EZB und die vermehrte Nachfrage nach Geld durch das Bankensystem mehr Geld in der Tasche, das sie f&uuml;r Miete oder Eis ausgeben k&ouml;nnen? Nein, und darum haben auch weder Ihr Vermieter noch der Wirt des Eiscaf&eacute;s die Preise um mehr als 8% pro Jahr erh&ouml;ht (erh&ouml;hen k&ouml;nnen), obgleich die Geldmenge in dieser H&ouml;he gestiegen ist. <\/p><p>Wenn Kredite nachgefragt werden und Geld gesch&ouml;pft wird, hei&szlig;t dies n&auml;mlich noch lange nicht, dass dadurch auch die Nachfrage am Realg&uuml;termarkt gest&auml;rkt wird. Um dies wirkungsvoll zu belegen, reicht ein Blick auf den Derivatemarkt. Die 72 gr&ouml;&szlig;ten Banken der Welt <a href=\"http:\/\/www.bundesbank.de\/Redaktion\/DE\/Downloads\/Statistiken\/Geld_Und_Kapitalmaerkte\/OTC_Derivate\/S134ATB38687.pdf?__blob=publicationFile\">halten [PDF &ndash; 30,1 KB]<\/a> Derivate im Marktwert von rund 20.000 Mrd. Euro in ihren B&uuml;chern, die sich auf einen Nominalwert von 477.000 Mrd. Euro beziehen. Der Derivatemarkt ist eine Art Wette auf k&uuml;nftige Preis- und Zinsentwicklungen und stellt letztlich ein Nullsummenspiel dar. Ohne diese Zahlen dramatisieren zu wollen, l&auml;sst sich daran doch zumindest erkennen, dass die genannten Banken stolze 20 Billionen Euro in einem geschlossenen Markt angelegt haben. Kein Cent dieses Geldes wandert in die Realwirtschaft, wo er eine zus&auml;tzliche Nachfrage erzeugen k&ouml;nnte. Auch die j&uuml;ngeren geldpolitischen Ma&szlig;nahmen der EZB haben nur zu einem sehr kleinen Teil Geld in die Realwirtschaft gesp&uuml;lt. Dies l&auml;sst sich zum Beispiel durch die historisch hohen Summen belegen, die das europ&auml;ische Bankensystem zum Zinssatz von 0,0% bei der sogenannten Einlagefazilit&auml;t der EZB &bdquo;parkt&ldquo;; <a href=\"http:\/\/www.ecb.int\/mopo\/implement\/sf\/html\/index.en.html\">aktuell<\/a> sind dies mehr als 300 Mrd. Euro. <\/p><p>Zu einer gestiegenen Inflation hat all dies nicht gef&uuml;hrt. Zumindest nicht zu einer  Inflation, die relevant ist und den statistischen Warenkorb erfasst. Es mag ja sein, dass die Liberalisierung der Finanzm&auml;rkte und die immer gr&ouml;&szlig;ere Einkommens- und Verm&ouml;gensschere zu einer Art &bdquo;Luxusinflation&ldquo; gef&uuml;hrt hat. Die Preise f&uuml;r Gem&auml;lde der alten Meister, Villen am Cap d&rsquo;Antibes und Spitzenjahrg&auml;nge des Ch&acirc;teau P&eacute;trus spielen jedoch bei der Bemessung des allgemeinen Preisniveaus keine Rolle. Volkswirtschaftlich ist es komplett egal, ob eine alte Rotweinflasche ihren Besitzer f&uuml;r einen oder f&uuml;r eine Million Euro wechselt.<\/p><p>Die EZB hat die Geldm&auml;rkte in letzter Zeit in der Tat mit gigantischen Summen geflutet. Da in Zeiten der Rezession jedoch sowohl die Unternehmen als auch die Privathaushalte kaum Kredite nachfragen, kann dieses Geld auch nicht auf der Nachfrageseite landen und somit keine Inflation erzeugen. Versch&auml;rfend kommt hinzu, dass die Finanzkrise zu einem sogenannten <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=13570\">Minsky-Moment<\/a> gef&uuml;hrt hat &ndash; die Gl&auml;ubiger bewerten die Risiken pl&ouml;tzlich h&ouml;her und die Schuldner sind bem&uuml;ht, ihre Schulden rasch zur&uuml;ckzuzahlen und haben dadurch weniger Geld f&uuml;r Investitionen oder Konsum zur Verf&uuml;gung. S&auml;mtliche Inflationstheorien, die von konstanten Rahmenbedingungen ausgehen, k&ouml;nnen inmitten in einer der schwersten Wirtschaftskrisen der j&uuml;ngeren Zeit, in der sich so ziemlich alle Rahmenbedingungen binnen Monaten rasant ge&auml;ndert haben, nicht gelten. Das gilt freilich vor allem f&uuml;r die Inflationstheorie der Monetaristen, die sich schon vor der Krise als empirisch nicht belegbar herausgestellt hat.<\/p><p><strong>K&ouml;nnen die EZB-Interventionen eine Inflation ausl&ouml;sen?<\/strong><\/p><p>Glaubt man <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=14055\">bayerischen Populisten<\/a> oder <a href=\"http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/wirtschaft\/wirtschaftspolitik\/im-gespraech-oekonom-hans-werner-sinn-wir-sitzen-in-der-falle-11653095.html\">Pop-&Ouml;konomen<\/a>, sollen auch die momentan hei&szlig; <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=14032\">diskutierten<\/a> Pl&auml;ne, die EZB verst&auml;rkt zur Symptombek&auml;mpfung der Eurokrise heranzuziehen, angeblich &bdquo;zu Inflation f&uuml;hren&ldquo;. Da stellt sich freilich die Frage, wie das denn geschehen soll. <\/p><p>Italienische und spanische Staatsanleihen sind momentan sicher keine Papiere, die sich Kleinsparer in ihr Portfolio nehmen w&uuml;rden. Zu den ma&szlig;geblichen K&auml;ufern dieser Papiere geh&ouml;ren vor allem italienische und spanische Banken, die das n&ouml;tige Kapital &uuml;ber eines der verschiedenen Finanzierunginstrumente der EZB (die sogenannten Offenmarktgesch&auml;fte) geliehen haben. Der Unterschied zwischen dem Status quo und einem Anleihenkaufprogramm eines ESM mit EZB-Finanzierung stellt sich dann folgenderma&szlig;en dar:<\/p><ol type=\"a\">\n<li>Bank X leiht sich 1.000 Euro von der EZB, kauft daf&uuml;r h&ouml;her verzinste Staatsanleihen und tilgt den EZB-Kredit, wenn die Anleihe ausl&auml;uft<\/li>\n<li>Der ESM leiht sich 1.000 Euro von der EZB, kauft daf&uuml;r h&ouml;her verzinste Staatsanleihen und tilgt den EZB-Kredit, wenn die Anleihe ausl&auml;uft<\/li>\n<\/ol><p>In den F&auml;llen a) und b) erh&auml;lt der Staat 1.000 Euro frisch gesch&ouml;pftes Geld. Selbst nach monetaristischer Sichtweise gibt es hier bez&uuml;glich der Geldmenge keinen Unterschied. Ein Unterschied l&auml;ge jedoch vor, wenn im Fall a) keine Bank, sondern beispielsweise ein Privatmann die Anleihe kaufen w&uuml;rde und daf&uuml;r keinen Kredit aufnehmen w&uuml;rde. In diesem Falle w&uuml;rden durch den ESM in der Tat 1.000 Euro mehr Geld gesch&ouml;pft. Diese zus&auml;tzliche Geldsch&ouml;pfung findet jedoch ebenfalls statt, wenn der Privatmann als Staatsanleihenk&auml;ufer durch eine Bank ersetzt wird. Dies ist in den letzten Jahren vor allem im europ&auml;ischen S&uuml;den massenhaft geschehen. Eine inflation&auml;re Wirkung ist jedoch nicht zu beobachten. Wie denn auch? Wie oben gezeigt, muss das Geld bei der Nachfrageseite landen, um &uuml;berhaupt Auswirkungen auf den Preis zu haben. Die F&auml;lle a) und b) haben jedoch keine Auswirkungen auf die Nachfrageseite. <\/p><p>Dass Interventionen und Staatsanleihenk&auml;ufe die Inflation in Krisenzeiten nicht anheizen, ist zudem empirisch belegbar. Sowohl die amerikanische FED als auch die britische Bank of England bet&auml;tigen sich bereits seit l&auml;ngerem als Staatsfinanzierer, ohne dass dies nennenswerte Auswirkungen auf die jeweilige Inflation h&auml;tte. Warum sollte unser Eiscaf&eacute;betreiber auch seine Preise erh&ouml;hen, wenn ab morgen nicht mehr die UniCredit, sondern ein EZB-finanzierter ESM italienische Staatsanleihen kauft? Allein die Vorstellung davon ist schon reichlich am&uuml;sant.<\/p><p><strong>Implizierte Unterstellungen<\/strong><\/p><p>Wie sich ein Staat finanziert, ist vor allem eine technische Frage, die keine direkte Auswirkung auf die Inflation hat. Wenn Austerit&auml;tsbef&uuml;rworter mutma&szlig;en, dass eine Staatsfinanzierung &uuml;ber die EZB inflation&auml;re Auswirkungen h&auml;tte, unterstellen sie dabei meist, ohne dies direkt zu sagen, eine Reihe von Nebeneffekten und Kausalketten. Diese Konstruktion sieht dann folgenderma&szlig;en aus: Wenn die EZB billige Staatskredite ohne Risikoaufschl&auml;ge zur Verf&uuml;gung stellte, verschuldeten sich die Staaten st&auml;rker und nutzen das Geld vor allem daf&uuml;r, die Konjunktur anzukurbeln. Sollte dann die Konjunktur nicht nur anspringen, sondern sogar &uuml;berhitzen, h&auml;tte der stetige Nachschub von frischem Geld, das &uuml;ber den EZB-Staatsfinanzierungsmechanismus gesch&ouml;pft wird, in der Tat eine inflation&auml;re Wirkung, da sich dann (und nur dann!) die Nachfrage steigern w&uuml;rde. Die Menschen und Unternehmen h&auml;tten also &ndash; vereinfacht gesagt &ndash; mehr Geld in der Tasche und die Anbieter von G&uuml;ter und Dienstleistungen h&auml;tten dadurch mehr Spielraum bei der Preisgestaltung. In einer Zeit, in der die s&uuml;deurop&auml;ischen Staaten ein gigantisches K&uuml;rzungsprogramm nach dem anderen auflegen, die Konjunktur dort f&ouml;rmlich wegbricht und sowohl Privathaushalte als auch Unternehmen immer weniger Kredite, G&uuml;ter und Dienstleistungen nachfragen, ist diese unterstellte Kausalkette jedoch reichlich absurd. Europa hat zahlreiche Probleme, eine &uuml;berhitzte Konjunktur und eine stark steigende Nachfrage geh&ouml;ren ganz sicher nicht dazu. <\/p><p>Solange sich die europ&auml;ische Konjunktur im freien Fall befindet und die Privathaushalte durch die Wirtschaftskrise und die allgegenw&auml;rtige Austerit&auml;tspolitik immer weniger Geld zur Verf&uuml;gung haben, kann es auch keine nennenswerte Inflation geben. Wie denn auch? Egal ob man die Nachfrage- oder die Angebotsseite betrachtet, entdeckt man selbst am Horizont keinen Grund daf&uuml;r, warum die Preise fl&auml;chendeckend st&auml;rker steigen sollten. Die Austerit&auml;tspolitik sorgt daf&uuml;r, dass die Nachfrageseite nicht nur kurz-, sondern auch mittel- bis langfristig geschw&auml;cht wird, die Unternehmen keine Investitionen vornehmen und keine neuen Mitarbeiter einstellen, sondern stattdessen ihr Personal abbauen. Die volkswirtschaftlichen Kennzahlen aus den s&uuml;deurop&auml;ischen L&auml;ndern sprechen da B&auml;nde. Dies alles sind ganz sicher keine Rahmenbedingungen, bei denen es zu einer h&ouml;heren Inflation kommen k&ouml;nnte &ndash; egal wie gro&szlig; die Geldmenge ist. Dies sind eher Rahmenbedingungen, in denen es zu einer Deflation kommen kann. <\/p><p>Liebe Politiker, liebe Leitartikler, liebe Pop-&Ouml;konomen &ndash; so lange die L&ouml;hne nicht fl&auml;chendeckend steigen, die Arbeitslosigkeit nicht fl&auml;chendeckend zur&uuml;ckgeht und die Wirtschaft nicht fl&auml;chendeckend mehr investiert, ist es geradezu abstrus, das Volk zu verunsichern, indem man das Inflationsgespenst heraufbeschw&ouml;rt. Wenn einmal in ferner Zukunft die Konjunktur wieder &uuml;berhitzt, wir Vollbesch&auml;ftigung haben und die Lohnsteigerungen weit &uuml;ber den Produktivit&auml;tssteigerungen liegen, k&ouml;nnen wir uns gerne Gedanken machen, was man gegen eine drohende Inflation unternehmen k&ouml;nnte. Bis dahin sollte man das ganze Geschw&auml;tz &uuml;ber eine drohende Inflation jedoch einstellen. <img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg08.met.vgwort.de\/na\/144255dfdf494f039943b0b50b2dcfd2\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><div class=\"footnote\">\n<p>[<a href=\"#note_1\" name=\"foot_1\">&laquo;*<\/a>] Eigene Berechnung auf Basis von Daten der EZB, der FED und des Bureau of Labor Statistics<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_2\" name=\"foot_2\">&laquo;**<\/a>] Eine besondere Form der Inflation ist die Steigerung der Preise aufgrund einer Abwertung der heimischen W&auml;hrung gegen&uuml;ber den W&auml;hrungen der W&auml;hrungsr&auml;ume, aus denen viele G&uuml;ter importiert werden. Diese Form der Inflation ist ma&szlig;geblich f&uuml;r die hohen Inflationsraten in Entwicklungs- und Schwellenl&auml;ndern, die keine Export&uuml;bersch&uuml;sse haben. F&uuml;r den Euroraum, der zusammen mit dem Dollarraum zu den gr&ouml;&szlig;ten W&auml;hrungsr&auml;umen der Welt z&auml;hlt, spielt diese Form der Inflation jedoch eine sehr untergeordnete Rolle.\n<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_3\" name=\"foot_3\">&laquo;***<\/a>] Eine Ausnahme bilden hier Produkte und Dienstleistungen, bei denen die Kosten f&uuml;r Treib- und Brennstoffe sowie Strom einen gro&szlig;en Anteil am Endpreis haben.<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es gibt &Auml;ngste, die sind unausrottbar. Im nationalen Bewusstsein der Deutschen scheint die Urangst vor der Hyperinflation der Jahre 1922 und 1923 allgegenw&auml;rtig. Wen wundert es da, dass Politiker oder Kommentatoren nur allzu gerne das Schreckgespenst &bdquo;Inflation&ldquo; beschw&ouml;ren, um ihren politischen Positionen emotionalen Nachdruck zu verleihen? In den letzten Wochen hatte diese Geisterbeschw&ouml;rung wieder einmal<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=14074\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":8,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[13,205],"tags":[507,1030,365,424],"class_list":["post-14074","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-denkfehler-wirtschaftsdebatte","category-neoliberalismus-und-monetarismus","tag-ezb","tag-geldmenge","tag-inflation","tag-sinn-hans-werner"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/14074","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/8"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=14074"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/14074\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":14076,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/14074\/revisions\/14076"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=14074"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=14074"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=14074"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}