{"id":140792,"date":"2025-10-20T09:10:13","date_gmt":"2025-10-20T07:10:13","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=140792"},"modified":"2025-10-20T09:29:00","modified_gmt":"2025-10-20T07:29:00","slug":"empathie-als-schulfach","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=140792","title":{"rendered":"Empathie als Schulfach"},"content":{"rendered":"<p>Es ist h&ouml;chste Zeit. Von <strong>Oskar Lafontaine<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nWenn Politiker &bdquo;wir&ldquo; sagen, lohnt es sich, genauer hinzuschauen. Meinen sie wirklich nicht nur andere, sondern auch sich selbst, also beispielsweise Friedrich Merz mit seinem Mantra: &bdquo;Wir k&ouml;nnen uns diesen Sozialstaat nicht mehr leisten&ldquo;? Bei Politikern wie dem Bundeskanzler oder dem Autor dieses Beitrages oder allen beamteten Staatsdienern, zu denen auch Professoren geh&ouml;ren, die man Wirtschaftsweise, Rentenexperten oder Gesundheitsexperten nennt, ist die Frage schnell beantwortet. Sie sind von K&uuml;rzungen bei der Arbeitslosenversicherung, der gesetzlichen Krankenversicherung oder der Rentenversicherung nicht betroffen. Zwar finanzieren sie &uuml;ber ihre Steuern die Zusch&uuml;sse zu den oben genannten Versicherungen mit, aber die Sozialversicherungsbeitr&auml;ge zahlen die Besch&auml;ftigten, auch die sogenannten Arbeitgeberbeitr&auml;ge, weil sie Lohnbestandteile sind, wie bereits die Ordoliberalen wussten.<\/p><p><strong>Adam Smith und Sankt-Florian-Prinzip<\/strong><\/p><p>Vor allem Ludwig Erhards Staatssekret&auml;r Alfred M&uuml;ller-Armack betonte, dass die Arbeitgeberbeitr&auml;ge zur Sozialversicherung nicht als zus&auml;tzliche Belastung f&uuml;r die Unternehmen, sondern als integraler Bestandteil des Arbeitslohns zu verstehen seien und daher in die Lohnpolitik einbezogen werden m&uuml;ssten. Wenn die heutigen CDU-&bdquo;Wirtschaftsexperten&ldquo; um Friedrich Merz eine Reduzierung der Sozialversicherungsbeitr&auml;ge, also Lohnsenkung, fordern, um die Wirtschaft wieder in Gang zu bringen, zeigen sie, dass sie diese wichtige Lehre der sozialen Marktwirtschaft vergessen haben.<\/p><p>Wenn &uuml;ber K&uuml;rzungen bei den oben genannten Versicherungen in erster Linie Leute reden, die von den K&uuml;rzungen nicht betroffen sind, dann ist das zwar ein weitverbreitetes, aber dennoch unmoralisches Verhalten. In vielen Gesellschaften und Kulturen gilt die goldene Regel: &bdquo;Was du nicht willst, das man dir tu&rsquo;, das f&uuml;g auch keinem andern zu&ldquo;. So gesehen w&auml;ren die oben genannten Sozialk&uuml;rzer gehalten, zuallererst &uuml;ber die K&uuml;rzung von Ministergeh&auml;ltern, Di&auml;ten, Beamtengeh&auml;ltern oder Beamtenpensionen zu reden, wenn sie dar&uuml;ber schwadronieren, was &bdquo;wir&ldquo; uns alles nicht mehr leisten k&ouml;nnen.<\/p><p>Nach dem Sankt-Florian-Prinzip: &bdquo;Heiliger Florian, verschon&rsquo; mein Haus, z&uuml;nd andre an&ldquo;, verhalten sich auch andere privilegierte gesellschaftliche Gruppen. Ob es um Steuern oder soziale Leistungen geht, die Verb&auml;nde und Organisationen der Wirtschaft und der Wohlhabenden unterst&uuml;tzen fast ausnahmslos Vorschl&auml;ge, die die Besitzenden schonen und die Menschen mit geringem Einkommen zus&auml;tzlich belasten.<\/p><p>F&uuml;r sie sind L&ouml;hne, Renten, soziale Leistungen und Steuern immer zu hoch. Daher werben sie daf&uuml;r, L&ouml;hne, Renten und soziale Leistungen zu k&uuml;rzen, und fordern die Senkung just der Steuern, die ihren Geldbeutel schm&auml;lern. Und da die Medien im Besitz der &bdquo;Reichen&ldquo; sind, kommentieren die meisten Journalisten nach der Melodie: &bdquo;Wes Brot ich ess, des Lied ich sing&ldquo;.<\/p><p>In seinem Buch &bdquo;Theorie der ethischen Gef&uuml;hle&ldquo; schrieb Adam Smith: &bdquo;Wie selbsts&uuml;chtig man den Menschen auch annimmt, es gibt offenkundig einige Prinzipien in seiner Natur, die ihn f&uuml;r das Schicksal anderer interessieren und ihm das Gl&uuml;ck dieser anderen notwendig machen, auch wenn er daraus nichts gewinnt au&szlig;er dem Vergn&uuml;gen, es zu sehen.&ldquo; Bei der Verteilung des Sozialproduktes ist von den Prinzipien der menschlichen Natur, die der schottische Moralphilosoph beobachtet hat, wenig zu sehen.<\/p><p>Noch schmerzhafter ist dieser Mangel an Mitgef&uuml;hl zu erleben, wenn Staatenlenker Menschen in den Krieg schicken oder Waffen liefern. Ob Trump oder Putin, Selenskyj oder Netanjahu, Merz oder Macron und viele andere, die zu nennen w&auml;ren: Sie sind, wenn sie Menschen in den Tod schicken, nicht betroffen. Und wenn man sie reden h&ouml;rt, sp&uuml;rt man, dass sie nicht empfinden, wie es Menschen geht, denen man befohlen hat, einander umzubringen.<\/p><p>Die F&uuml;hrungsriege der CDU, die sich auf christliche Werte beruft, allerdings zurzeit am st&auml;rksten zum Kriege hetzt, hat offensichtlich von der N&auml;chstenliebe oder gar der Feindesliebe noch nie etwas geh&ouml;rt. Die Strukturen unserer Gesellschaft f&uuml;hren zur Vereinzelung und zur Gleichg&uuml;ltigkeit gegen&uuml;ber dem Schicksal anderer.<\/p><p>Wie Willy Brandt einst in seiner ber&uuml;hmten Regierungserkl&auml;rung forderte: &bdquo;Wir wollen mehr Demokratie wagen&ldquo;, so m&uuml;sste heute ein Bundeskanzler eine Regierungserkl&auml;rung unter das Motto stellen &bdquo;Wir wollen mehr Empathie lernen&ldquo;. D&auml;nemark und Frankreich gehen mit gutem Beispiel voran. In D&auml;nemark ist Empathie seit 1993 verpflichtendes Schulfach f&uuml;r alle Kinder von sechs bis sechzehn Jahren. Ziel ist es, soziale Kompetenzen wie Toleranz und Respekt zu vermitteln und Hilfsbereitschaft zu wecken. Auf diese Weise sollen Mobbing und Konflikte in der Schule reduziert werden. Frankreich hat 2024 das Schulfach Empathie in 1.200 Schulen als Pilotprojekt eingef&uuml;hrt. Erste Auswertungen beweisen positive Effekte dieses neuen Schulfachs, Mobbing und Aggressionsverhalten sind nachweislich zur&uuml;ckgegangen.<\/p><p><strong>Goldene Regeln<\/strong><\/p><p>Die immer mehr auseinanderdriftende Gesellschaft der Bundesrepublik w&auml;re gut beraten, dem Beispiel der europ&auml;ischen Nachbarn zu folgen und Empathie als Schulfach einzuf&uuml;hren. Nachsitzen in diesem Fach m&uuml;ssten eigentlich vor allem die derzeit verantwortlichen Politiker, die die Gesellschaft weiter spalten und uns mit ihrem verantwortungslosen Gerede in einen gro&szlig;en Krieg hineintreiben k&ouml;nnten. Dann best&uuml;nde Hoffnung, dass sie sich wieder an der goldenen Regel &ndash; &bdquo;Was du nicht willst, das man dir tu&rsquo;, das f&uuml;g auch keinem andern zu&ldquo; &ndash; orientieren und sich bewusst machen, dass man im Atomzeitalter nur gemeinsam untergehen oder gemeinsam Sicherheit finden kann.<\/p><p><em>Dieser Artikel erschien zuerst <a href=\"https:\/\/weltwoche.ch\/story\/empathie-als-schulfach\/\">in der Weltwoche Nr. 42.25<\/a>.<\/em><\/p><p><small>Titelbild: Jack_the_sparow\/shutterstock.com<\/small><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es ist h&ouml;chste Zeit. 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