{"id":14082,"date":"2012-08-08T09:16:32","date_gmt":"2012-08-08T07:16:32","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=14082"},"modified":"2015-04-24T11:12:46","modified_gmt":"2015-04-24T09:12:46","slug":"wie-papageien-journalismus-funktioniert-und-wie-das-iab-seine-eigenen-studien-zu-politischen-propagandazwecken-missbraucht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=14082","title":{"rendered":"Wie Papageien-Journalismus funktioniert und wie das IAB seine eigenen Studien zu politischen Propagandazwecken missbraucht"},"content":{"rendered":"<p>&bdquo;Alterung der Bev&ouml;lkerung hat sich kaum auf die Arbeitslosigkeit ausgewirkt&ldquo; lautet die &Uuml;berschrift einer j&uuml;ngst ver&ouml;ffentlichten <a href=\"http:\/\/doku.iab.de\/kurzber\/2012\/kb1012.pdf\">Studie aus dem Institut f&uuml;r Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) [PDF &ndash; 944 KB]<\/a>. Das eigentlich neue und interessante Ergebnis der Studie ist, dass die Alterung der erwerbsf&auml;higen Bev&ouml;lkerung auch in Zukunft &bdquo;nur einen geringen Effekt auf die gesamte Arbeitslosenquote haben&ldquo; d&uuml;rfte.<br>\nDieser Befund widerspricht n&auml;mlich fundamental der von der Politik st&auml;ndig ausgegebenen und von den Medien nachgeplapperten Behauptung, die demografische Entwicklung und dabei vor allem die Alterung der Bev&ouml;lkerung werde die Arbeitslosenzahlen deutlich sinken lassen.<br>\n&bdquo;Alterung der Bev&ouml;lkerung wirkt sich kaum auf die Arbeitslosigkeit aus&ldquo; h&auml;tten also die Schlagzeilen aufgrund dieser Studie lauten m&uuml;ssen, doch die allermeisten Medien fallen auf die politisch motivierte, sch&ouml;nf&auml;rberische Pressemitteilung des IAB herein und  machen daraus eine Jubelmeldung &uuml;ber die Verdoppelung der Erwerbsquote &auml;lterer Arbeitnehmer.<br>\nMan m&uuml;sste also sogar von Papagei-Papageien-Journalismus sprechen. Von <strong>Wolfgang Lieb<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nDie demografische Entwicklung und die Alterung der Bev&ouml;lkerung der Bev&ouml;lkerung w&uuml;rden die Arbeitslosenzahlen deutlich senken, Vollbesch&auml;ftigung sei in Sicht, ja sogar ein Mangel an Arbeitskr&auml;ften drohe. So h&ouml;ren und lesen wir allenthalben.<\/p><p>Dagegen hei&szlig;t es im Fazit der IAB-Studie:<\/p><blockquote><p><em>&bdquo;Schon in den letzten beiden Dekaden hat es einen ausgepr&auml;gten demografischen Wandel gegeben, der mit Ver&auml;nderungen im Erwerbsverhalten einherging. Ausgehend von der Bev&ouml;lkerungsentwicklung im vereinten Deutschland von 1991 bis 2010 wurde dargestellt, dass die erwerbsf&auml;hige Bev&ouml;lkerung (15- bis 64-J&auml;hrige) um 1,18 Mio. Personen zur&uuml;ckgegangen ist, w&auml;hrend die Zahl der Erwerbspersonen um 1,86 Mio. gestiegen ist. Gleichzeitig hat sich die Altersstruktur der Erwerbspersonen drastisch verschoben:<\/em><\/p>\n<p><em>Der Anteil der unter 40-J&auml;hrigen sank von 56,5 auf 42,1 Prozent, w&auml;hrend es bei den &uuml;ber 39-J&auml;hrigen einen entsprechend starken Zuwachs gab.<\/em><\/p>\n<p><em><strong>Diese Ver&auml;nderung der Altersstruktur hat zu einer g&uuml;nstigen Arbeitsmarktentwicklung beigetragen, allerdings schlug dies quantitativ kaum zu Buche.<\/strong><\/em><\/p>\n<p><em>Unsere Berechnungen zeigen: H&auml;tte sich die Altersstruktur der Erwerbspersonen gegen&uuml;ber 1991 nicht ver&auml;ndert, w&auml;re unter sonst gleichen Bedingungen die Arbeitslosenquote des Jahres 2010 mit rund 0,19 Prozentpunkten nur marginal h&ouml;her gewesen.<\/em><\/p>\n<p><em>Positive Impulse f&uuml;r den Arbeitsmarkt gingen auch von der Ver&auml;nderung der Erwerbsbeteiligung aus, die mit 0,07 Prozentpunkten aber noch geringer ausfielen.<\/em><br>\n<em><strong>Auch in Zukunft ist davon auszugehen, dass der Altersstruktureffekt quantitativ kaum Bedeutung f&uuml;r die Arbeitsmarktentwicklung haben d&uuml;rfte. So ergibt sich nach unseren Berechnungen aufgrund dieses Effekts bis 2030 ein R&uuml;ckgang der Arbeitslosenquote um lediglich 0,14 Prozentpunkte.<\/strong><\/em><\/p>\n<p><em>Allerdings ist zu bedenken, dass demografische und partizipationsbezogene Entwicklungen durchaus auch einen Einfluss auf die Arbeitsnachfrageseite und damit eventuell auf die altersspezifischen Arbeitslosenquoten haben k&ouml;nnen. Wir konnten in weiteren Analysen zeigen, dass &ndash; unter Ber&uuml;cksichtigung der Reaktion der altersspezifischen Arbeitslosenquoten auf die demografische Entwicklung &ndash; der R&uuml;ckgang der Arbeitslosenquote insgesamt deutlicher ausf&auml;llt. <strong>Trotz dieser Ergebnisse sollte nicht automatisch darauf geschlossen werden, dass der demografische Wandel die Unterbesch&auml;ftigung beseitigt.<\/strong><\/em><\/p>\n<p><em>Der Eintritt geburtenschwacher Jahrg&auml;nge in den Arbeitsmarkt kann, muss aber nicht zwangsl&auml;ufig zu der dargestellten generellen Verbesserung der Arbeitsmarktlage f&uuml;hren. Letzteres h&auml;ngt auch von der Funktionsweise des Arbeitsmarktes ab und von der Passung zwischen Arbeitsangebot und &ndash;nachfrage in der Zukunft. Hier spielen insbesondere Qualifikationsanforderungen der Betriebe und Qualifikationsprofile der Erwerbspersonen eine tragende Rolle.&ldquo;<\/em><\/p><\/blockquote><p>Die Schlagzeilen h&auml;tten also lauten m&uuml;ssen: &bdquo;Alterung der Bev&ouml;lkerung wirkt sich kaum auf die Arbeitslosigkeit aus&ldquo; oder vielleicht &bdquo;Demografische Entwicklung hat nur wenig Auswirkungen auf die Arbeitsmarktentwicklung&ldquo;. <\/p><p>Solche Botschaften passen nat&uuml;rlich &uuml;berhaupt nicht in die Propagandafloskeln der letzten Jahre, wonach die Alterung der Bev&ouml;lkerung schon bald zu Knappheiten beim Arbeitskr&auml;fteangebot f&uuml;hren werde und deswegen die Rente mit 67 eingef&uuml;hrt werden m&uuml;sse oder dass die demografische Entwicklung sozusagen automatisch zu einem Abbau der Arbeitslosigkeit, ja sogar zur Vollbesch&auml;ftigung f&uuml;hre oder dass sich mit der Alterung die Berufschancen J&uuml;ngerer verbesserten. <\/p><p>Sie haben solche Behauptungen sicherlich schon bis zum &Uuml;berdruss geh&ouml;rt. <\/p><p>Die von dieser politisch gesteuerten Lesart abweichenden Ergebnisse der Studie schienen der Leitung des IAB aber offenbar nicht ins politische Konzept zu passen. Dazu muss man wissen, dass dieses Forschungsinstitut eine Abteilung der Bundesagentur f&uuml;r Arbeit ist und diese Agentur wiederum ein Anh&auml;ngsel des Bundesarbeitsministeriums ist. So ist es auch nicht erstaunlich, dass die &Ouml;ffentlichkeitsarbeiter des IAB eine v&ouml;llig andere Schlagzeile suchten und gefunden haben:<\/p><p><strong>&bdquo;Erwerbsquote der &Uuml;ber-60-J&auml;hrigen hat sich mehr als verdoppelt&ldquo;<\/strong>, so lautet die <a href=\"http:\/\/www.iab.de\/de\/informationsservice\/presse\/presseinformationen\/kb1012.aspx\">&Uuml;berschrift der Pressemeldung des IAB<\/a>. <\/p><p>Weiter hei&szlig;t es:<\/p><blockquote><p><em>&bdquo;In den letzten 20 Jahren hat sich die Erwerbsquote der 60- bis 64-J&auml;hrigen mehr als verdoppelt, berichtet das Institut f&uuml;r Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB). W&auml;hrend sie im Jahr 1991 noch bei 20,8 Prozent lag, stieg sie bis zum Jahr 2010 auf 44,2 Prozent. Entscheidend dazu beigetragen hat die h&ouml;here Erwerbst&auml;tigkeit von Frauen.&ldquo;<\/em><\/p><\/blockquote><p>Und nat&uuml;rlich durfte nicht fehlen, dass die Politik der Bundesregierung z.B. mit der Abschaffung der Vorruhestandsregelungen lobend erw&auml;hnt wird:<\/p><blockquote><p><em>&bdquo;Auch die Verbesserungen im Gesundheitszustand der &Auml;lteren sowie die ver&auml;nderten politischen Rahmenbedingungen bei der Fr&uuml;hverrentung und den Vorruhestandsregelungen beg&uuml;nstigten den Anstieg der Erwerbsbeteiligung bei den &Auml;lteren, so das IAB.&ldquo;<\/em><\/p><\/blockquote><p>Der g&auml;ngige demografische Katastrophismus durfte in der Mitteilung f&uuml;r die Presse selbstverst&auml;ndlich auch nicht fehlen: <\/p><blockquote><p><em>&bdquo;Langfristig k&ouml;nne aber auch ein weiterer Anstieg der Erwerbsquoten der Frauen und der &Auml;lteren den demografischen Wandel nicht mehr ausgleichen, betonen die Arbeitsmarktforscher. Die Zahl der sogenannten Erwerbspersonen, also die Summe aus Erwerbst&auml;tigen und Arbeitsuchenden, werde auf jeden Fall sinken. Bei realistischen Annahmen zur Entwicklung der Erwerbsbeteiligung und zur Zuwanderung werde der R&uuml;ckgang bis 2025 gut drei Millionen und bis 2050 sogar rund zehn Millionen betragen, erkl&auml;rt das IAB.&ldquo;<\/em><\/p><\/blockquote><p>Diese &bdquo;&Ouml;ffentlichkeitsarbeit&ldquo; &ndash; oder man sollte besser sagen, die Manipulation der ver&ouml;ffentlichten Meinung &ndash; hat prompt funktioniert. Der Verlautbarungsjournalismus apportierte, die &bdquo;Papagei-Papageien&ldquo; &ndash; wie Kurt Tucholsky sie schon nannte &ndash; plapperten nach. Sie k&ouml;nnen es &uuml;ber die Suchmaschinen selbst &uuml;berpr&uuml;fen:<\/p><ul>\n<li>&bdquo;<a href=\"http:\/\/www.abendblatt.de\/wirtschaft\/article2362247\/Anteil-der-aelteren-Arbeitnehmer-hat-sich-verdoppelt.html\">Anteil der &auml;lteren Arbeitnehmer hat sich verdoppelt<\/a>&ldquo;<\/li>\n<li>&bdquo;<a href=\"http:\/\/www.deraktionaer.de\/newsticker\/immer-mehr-alte-in-deutschland-arbeiten-18533199.htm\">Immer mehr Alte in Deutschland arbeiten<\/a>&ldquo;<\/li>\n<li>&bdquo;<a href=\"http:\/\/www.gegen-hartz.de\/nachrichtenueberhartziv\/erwerbsquote-bei-60-plus-mehr-als-verdoppelt-9001071.php\">&Uuml;ber 60-J&auml;hrige arbeiten doppelt so h&auml;ufig wie fr&uuml;her<\/a>&ldquo;, schreibt selbst der hartz-kritische Blog gegen-hartz.de.<\/li>\n<li>&bdquo;<a href=\"http:\/\/www.welt.de\/print\/die_welt\/wirtschaft\/article108500858\/Wirtschaft-Kompakt-I.html\">Fast jeder Zweite &uuml;ber 60 arbeitet noch<\/a>&ldquo;, setzt die konservative Welt noch einen drauf.<\/li>\n<\/ul><p>So oder so &auml;hnlich lauteten gestern Abend &uuml;ber 60 News-Eintr&auml;ge meiner Suchmaschine.<\/p><p>Die Zeitungsredakteure hatten sich offenbar nicht einmal die M&uuml;he gemacht, den in der Presseerkl&auml;rung angegeben Link auf die Studie anzuklicken. Denn dann h&auml;tten sie schon durch die &Uuml;berschrift der IAB-Studie erkennen m&uuml;ssen, dass irgendetwas nicht stimmen kann. <\/p><p>Die &Uuml;berschrift der  Studie lautet n&auml;mlich &bdquo;Alterung der Bev&ouml;lkerung hat sich kaum auf die Arbeitslosigkeit ausgewirkt&ldquo;. Jeder einigerma&szlig;en wache Journalist h&auml;tte bemerken m&uuml;ssen, dass die Studie eine ganz andere Fragestellung hatte, als ihre Schlagzeilen und ihre Berichterstattung aussagten. (Siehe oben das Fazit der IAB-Studie)<\/p><p>H&auml;tten sich dann die Verlautbarungsjournalisten die M&uuml;he noch gemacht, die Studie auch nur kurz zu &uuml;berfliegen, dann h&auml;tten sie sich die Augen reiben und erkennen m&uuml;ssen, dass die Pressemeldung des IAB mit dem Inhalt der Studie kaum etwas zu tun hat. <\/p><p>Nun haben selbst die Autoren der Studie offenbar schon mit der &bdquo;Schere im Kopf&ldquo; gearbeitet und Fragestellungen und Formulierungen gew&auml;hlt, die die Meinungsmache ihrer politisch vorgesetzten Arbeitsministerin von der Leyen nicht allzu sehr in Frage stellt, wonach n&auml;mlich immer mehr &Auml;ltere erwerbst&auml;tig seien und deshalb die Abschaffung der Vorruhestandsregelungen ein politischer Erfolg und vor allem auch die Rente mit 67 alternativlos ist. <\/p><p>So ist es z.B. merkw&uuml;rdig, dass die Autoren der Studie als Ma&szlig;gr&ouml;&szlig;e f&uuml;r die Zunahme f&uuml;r die Erwerbst&auml;tigkeit &Auml;lterer die Altersgruppe der 40- bis 64-J&auml;hrigen angenommen haben, also genau die Altersgruppe in der die Generation der sog. Baby-Boomer hineingealtert ist und deswegen die Erwerbsbeteiligung der &Auml;lteren logischerweise zugenommen hat.<br>\nAber ersparen wir uns solche Kritik im Detail. <\/p><p>Neben anderen Gr&uuml;nden, wird da in einer Nebenbemerkung auch die die Ver&auml;nderung der politischen Rahmenbedingungen erw&auml;hnt, die aber dann in der Presseerkl&auml;rung wiederum dick herausgestrichen wird. Der Hinweis der Wissenschaftler, dass ein bedeutender Teil des Anstiegs &auml;lterer Erwerbst&auml;tiger &bdquo;allerdings mit einer Zunahme atypischer Besch&auml;ftigung einher&ldquo; geht, bleibt von den &Ouml;ffentlichkeitsarbeitern des IAB selbstverst&auml;ndlich unerw&auml;hnt. <\/p><p>Korrekt merken die Wissenschaftler sogar noch dar&uuml;ber hinaus an, dass mit der steigenden Teilnahme am Arbeitsmarkt &bdquo;nicht automatisch auch das in Arbeitsstunden gemessene Arbeitsvolumen in Deutschland zugenommen hat&ldquo;. Eine Zunahme der altersspezifischen Erwerbst&auml;tigkeit impliziere also nicht automatisch auch eine Zunahme des altersspezifischen Arbeitsvolumens, schr&auml;nken sie ein. Sie verweisen sogar auf eine Studie, dass das Arbeitsvolumen in den letzten zwanzig Jahren zur&uuml;ckgegangen sei und die Teilzeitbesch&auml;ftigung zugenommen hat. (Siehe dazu<a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=14017\"> &bdquo;Statistisches Bundesamt als Bundesbesch&ouml;nigungsamt<\/a>&ldquo;) <\/p><p>Die in der Pressemeldung des IAB hervorgehobene Alarmmeldung, dass der R&uuml;ckgang der Erwerbspersonen 2025 gut drei Millionen und bis 2050 sogar rund zehn Millionen betrage, kommt in dem IAB-Kurzbericht nicht einmal vor. <\/p><p>Dort hei&szlig;t es v&ouml;llig undramatisch: <\/p><blockquote><p><em>&bdquo;Bis zum Jahr 2030 wird sich nach Berechnungen des Statistischen Bundesamtes (12. Bev&ouml;lkerungsvorausberechnung des Statistischen Bundesamtes, Variante 1 W1) die Erwerbsbev&ouml;lkerung auf 45,5 Mio. Personen verringern. Bei konstanten altersspezifischen Erwerbsquoten und Arbeitslosenquoten erg&auml;be sich aufgrund des Altersstruktureffekts ein R&uuml;ckgang der Arbeitslosenquote um 0,14 Prozentpunkte. Dieser R&uuml;ckgang ist gegen&uuml;ber anderen erwarteten Auswirkungen des demografischen Wandels auf den Arbeitsmarkt von einer zu vernachl&auml;ssigenden Gr&ouml;&szlig;enordnung.&ldquo;<\/em><\/p><\/blockquote><p>Alle diese Befunde der Studie spielen weder in der Pressemeldung des IAB noch in der Presseberichterstattung eine Rolle. Allein der Satz, die Zahl 60- bis 64-J&auml;hrigen Erwerbspersonen habe sich verdoppelt, hat es in die Schlagzeilen geschafft. <\/p><p>Korrekterweise wird aber in der Studie darauf hingewiesen, dass bei der Zahl der Erwerbspersonen nicht das Erwerbspersonenpotenzial, also die &bdquo;Stille Reserve&ldquo; erfasse. Solche sachlichen Einschr&auml;nkungen oder auch die Aussage, dass die Arbeitslosenquote &uuml;ber alle Altersgruppen hinweg und gerade in dieser Gruppe der 60- bis 64-J&auml;hrigen in den letzten zwanzig Jahren &bdquo;deutlich&ldquo; (+3,8%-Punkte) gestiegen wird, fallen in der &ouml;ffentlichen Darstellung unter den Tisch. <\/p><p>H&auml;tte sich die Medien ernsthaft mit der Studie besch&auml;ftigt, so h&auml;tten sie feststellen m&uuml;ssen, dass der Aussagegehalt ihrer Meldungen nichts mit der Kernaussage der Studie zu tun hatte. Von einem recherchierenden Journalismus h&auml;tte man aber dar&uuml;ber hinaus erwarten m&uuml;ssen, dass er die in dieser Studie relativ nebens&auml;chliche Bemerkung &uuml;ber die Verdoppelung der Zahl der Erwerbspersonen unter den 60- bis 64-J&auml;hrigen auch noch einmal selbst hinterfragt. Wenn man seine Recherche sogar nur im Internet betreibt, h&auml;tte man unschwer auf Fakten sto&szlig;en k&ouml;nnen, die diese Jubelmeldung konterkarieren. <\/p><p>Unbestreitbar ist, dass sich die Erwerbsbeteiligung &auml;lterer Arbeitnehmer in den letzten Jahren erh&ouml;ht hat. Das ist aber eine rein quantitative Aussage, die nur wenig &uuml;ber die Qualit&auml;t der Erwerbst&auml;tigkeit &auml;lterer Menschen aussagt. Sieht man n&auml;mlich von (schein-) selbst&auml;ndiger Arbeit oder von Mini-Jobs einmal ab, so st&ouml;&szlig;t man selbst auf der Basis der Daten der Bundesagentur f&uuml;r Arbeit auf die ern&uuml;chternde Tatsache,  dass im rentennahen Alter die sozialversicherungspflichtige Besch&auml;ftigung nach wie vor nur sehr gering ausgepr&auml;gt ist und dass der Teil der &Auml;lteren, die vollzeitig arbeiten, sehr klein ist.<\/p><p>Einer sozialversicherungspflichtigen Vollzeitbesch&auml;ftigung konnten im Jahr 2011 gerade einmal 12,5% der 63-J&auml;hrigen und nur noch 9,9% der 64-J&auml;hrigen nachgehen. <\/p><p><a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/120808_beschaeftigung_rentennah.png\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/120808_beschaeftigung_rentennah_small.jpg\" alt=\"\"><\/a><\/p><p>Quelle: <a href=\"http:\/\/www.sozialpolitik-aktuell.de\/tl_files\/sozialpolitik-aktuell\/_Politikfelder\/Arbeitsmarkt\/Datensammlung\/PDF-Dateien\/abbIV105.pdf\">Sozialpolitik aktuell [PDF &ndash; 110 KB]<\/a><\/p><p>Die Besch&auml;ftigungsbedingungen rentennaher Arbeitnehmer haben sich somit in den letzten Jahren nur &auml;u&szlig;erst langsam verbessert. Dazu kommt: Allein auf die Zahl der Erwerbst&auml;tigen abzustellen, ist viel zu kurz gegriffen, denn unter &bdquo;Erwerbst&auml;tigkeit&ldquo; wird jede Form der Erwerbsbeteiligung verstanden. Nach dem sog. ILO-Konzept werden dazu alle Erwerbspersonen gez&auml;hlt, die in einer Berichtswoche zumindest eine Stunde gegen Entgelt oder als Selbst&auml;ndige bzw. als mithelfende Familienangeh&ouml;rige gearbeitet haben. <\/p><p>Nimmt man andere Daten wie etwa, dass in der Altersgruppe der 60- bis 65-J&auml;hrigen die Besch&auml;ftigungsquote von versicherungspflichtig Besch&auml;ftigten nur bei 27,6% liegt und mit zunehmender Ann&auml;herung an die bisherige Regelaltersgrenze geradezu abst&uuml;rzt (auf insgesamt nur noch rund 266.000 Arbeitnehmer\/innen oder auf eine Vollbesch&auml;ftigungsquote von 12,5% (bei den 63-J&auml;hrigen) und auf 9,9% (bei den 64-J&auml;hrigen), dann entpuppen sich die Jubelmeldungen &uuml;ber die &bdquo;Verdoppelung&ldquo; des Anteils der Arbeitnehmer im rentennahen Alter als reine Propaganda. <\/p><p>Wenn &uuml;ber 90 % der Erwerbsf&auml;higen im Alter von 64 Jahren keine Vollzeiterwerbst&auml;tigkeit mehr aus&uuml;ben (k&ouml;nnen), also die bisherige Regelaltersgrenze von 65 Jahren in einer regul&auml;ren Besch&auml;ftigung nicht erreichen, dann sind die Voraussetzungen f&uuml;r ein Umsetzung der Rente mit 67 ohne drastische Abschl&auml;ge bei den ohnehin in den letzten 20 Jahren schon um ein Drittel gek&uuml;rzten Rentenbez&uuml;gen nicht mehr gegeben. <\/p><p>Aber gerade um &uuml;ber diese Tatsache hinwegzut&auml;uschen, werden solche Pressemeldungen in die Welt gesetzt und die meisten Medien fallen darauf herein und Journalismus macht sich durch das kritiklose Nachplappern zum Handlanger dieser T&auml;uschung.  <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&bdquo;Alterung der Bev&ouml;lkerung hat sich kaum auf die Arbeitslosigkeit ausgewirkt&ldquo; lautet die &Uuml;berschrift einer j&uuml;ngst ver&ouml;ffentlichten <a href=\"http:\/\/doku.iab.de\/kurzber\/2012\/kb1012.pdf\">Studie aus dem Institut f&uuml;r Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) [PDF &ndash; 944 KB]<\/a>. Das eigentlich neue und interessante Ergebnis der Studie ist, dass die Alterung der erwerbsf&auml;higen Bev&ouml;lkerung auch in Zukunft &bdquo;nur einen geringen Effekt auf die gesamte<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=14082\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[155,129,12,183,11],"tags":[342,301,405,510],"class_list":["post-14082","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-demografische-entwicklung","category-lobbyorganisationen-und-interessengebundene-wissenschaft","category-manipulation-des-monats","category-medienkritik","category-strategien-der-meinungsmache","tag-iab","tag-rentenalter","tag-statistisches-bundesamt","tag-vollbeschaeftigung"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/14082","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=14082"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/14082\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":14085,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/14082\/revisions\/14085"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=14082"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=14082"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=14082"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}