{"id":141029,"date":"2025-10-24T11:00:45","date_gmt":"2025-10-24T09:00:45","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=141029"},"modified":"2025-10-24T11:06:33","modified_gmt":"2025-10-24T09:06:33","slug":"wirtschaft-in-osteuropa-verfestigte-bruchlinien","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=141029","title":{"rendered":"Wirtschaft in Osteuropa: Verfestigte Bruchlinien"},"content":{"rendered":"<p>Einmal im Jahr stellt das renommierte &bdquo;Wiener Institut f&uuml;r internationale Wirtschaftsvergleiche&ldquo; (WIIW) seine Prognose im Rahmen einer Pressekonferenz vor. Am 22. Oktober war es wieder so weit. Das Fazit: Osteuropa w&auml;chst langsamer als vorhergesagt, aber schneller als die Euro-Zone; die Massenmigration nach Westen bedingt Lohnsteigerungen im Osten; Russland kann den Krieg noch lange finanzieren; und den einzigen &ndash; freilich fragw&uuml;rdigen &ndash; Lichtblick sehen die Forscher in der R&uuml;stungsindustrie. Von <strong>Hannes Hofbauer<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nSchon der Blick auf die Entwicklung des Bruttoinlandsprodukts in den untersuchten osteurop&auml;ischen L&auml;ndern ist aufschlussreich. Demnach f&uuml;hrt Polen mit einem prognostizierten BIP-Wachstum von 3,5 Prozent (f&uuml;r 2025 gegen&uuml;ber 2024) die Liste an. Die Schlusslichter bilden Ungarn und Slowenien mit jeweils 0,5 Prozent. Im Vergleich der EU mit Russland n&auml;hern sich die Zahlen einander an. Wuchs Russlands BIP im Jahr 2024 noch um 4,3 Prozent gegen&uuml;ber der EU-27 mit 1,0 Prozent, so werden f&uuml;r 2025 nur noch 1,2 Prozent f&uuml;r Russland und 1,1 Prozent f&uuml;r die EU vorausgesagt. Deutschland allein &ndash; so das &bdquo;Deutsche Institut f&uuml;r Wirtschaftsforschung&ldquo; &ndash; stagniert bei 0,2 Prozent (f&uuml;r 2025).<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Je st&auml;rker die L&auml;nder im Osten mit der deutschen Automobilindustrie verbunden sind, desto schwieriger ist die Lage&ldquo;, meint WIIW-Direktor Mario Holzer; und f&uuml;gt interessanterweise f&uuml;r die Balkanl&auml;nder hinzu: &bdquo;Je weniger sie in industrielle Lieferketten verstrickt sind, desto besser l&auml;uft es.&ldquo; Die Schw&auml;che Deutschlands und hohe Budgetdefizite z.B. in Ungarn und Rum&auml;nien verlangsamen den seit &uuml;ber 30 Jahren stattfindenden Aufholprozess des europ&auml;ischen Ostens gegen&uuml;ber den westlichen Zentrumsl&auml;ndern.\n<\/p><\/blockquote><p>Bei den Arbeitslosenstatistiken zeigen sich extreme Unterschiede zwischen den L&auml;ndern. Einer De-Facto-Vollbesch&auml;ftigung in Tschechien und Russland (mit 2,7 bzw. 2,3 Prozent) stehen in Bosnien, Kosovo und der Ukraine zweistellige Arbeitslosenzahlen gegen&uuml;ber. &Ouml;sterreich und Deutschland bewegen sich diesbez&uuml;glich mit 5,6 bzw. 6,3 Prozent im Mittelfeld.<\/p><p>Mit &bdquo;demografischem Schock&ldquo; umschreiben die Wirtschaftsforscher des WIIW die massenhafte Abwanderung von jungen Menschen aus Ost- nach Westeuropa. Diese h&auml;lt freilich schon Jahrzehnte an und hat in L&auml;ndern wie Bulgarien, Rum&auml;nien, Kroatien, Serbien und Moldawien zum Verlust von Millionen Menschen (Arbeitskr&auml;ften) gef&uuml;hrt. Daraus ergeben sich aus &ouml;konomischer Sicht zwei Folgen: einerseits ein &bdquo;beeindruckendes Lohnwachstum&ldquo;, das z.B. in Tschechien im Jahr 2025 inflationsbereinigt bei 5,3 Prozent und in Polen sogar leicht dar&uuml;ber liegt. Auf der anderen Seite f&uuml;hrt diese schleichende Angleichung der Lohnkosten an Westniveaus zu einem Strategiewechsel bei Investoren. Lange Jahre war es die billige Arbeitskraft, die westliches Kapital anzog, um im Osten Profite zu machen. Nun gehen Investoren dazu &uuml;ber, in Automatisierung zu investieren. Robotik und K&uuml;nstliche Intelligenz stehen ganz oben auf den Expansionspl&auml;nen der gro&szlig;en Konzerne. Das bringt, so WIIW-Direktor Holzer, einen &bdquo;Aufstieg in der Wertsch&ouml;pfungskette&ldquo; mit sich.<\/p><p>Das gro&szlig;e Sorgenkind bleibt Deutschland. Dort will der Wirtschaftsmotor einfach nicht anspringen. Das &bdquo;positive Element in der ganzen Trag&ouml;die, zumindest was das BIP betrifft, ist die Verteidigungsindustrie&ldquo;. Br&uuml;ssel und Berlin wollen (und werden) dreistellige Milliardenbetr&auml;ge in R&uuml;stungsunternehmen pumpen. Mit der dadurch erzeugten (Staats)Nachfrage, so hoffen Ursula von der Leyen und Friedrich Merz, soll die Wirtschaft wieder anspringen. Man kann diese Strategie auch Milit&auml;rkeynesianismus nennen, mit dem die Menschheit allerdings &ndash; nicht nur in der Vorbereitung zum Zweiten Weltkrieg &ndash; t&ouml;dliche Erfahrungen machen musste.<\/p><p><strong>Ausblick f&uuml;r Russland<\/strong><\/p><p>Der Russland-Experte des WIIW Vasily Astrov zeichnet ein realistisches Bild des gr&ouml;&szlig;ten Landes der Welt. Er konstatiert einen signifikanten Wachstumseinbruch, den er der &bdquo;restriktiven Geldpolitik der russischen Zentralbank&ldquo; zuschreibt. &bdquo;Sie hat zwar die Inflation dadurch deutlich gesenkt, aber gleichzeitig die Wirtschaft abgew&uuml;rgt, weil damit Kredite unerschwinglich wurden.&ldquo; Der aktuelle Leitzinssatz von 17 Prozent schreckt tats&auml;chlich Investoren ab.<\/p><p>Einen baldigen Zusammenbruch der russischen Wirtschaft, wie er durch die EU- und US-Sanktionen herbeigef&uuml;hrt werden soll, sieht Astrov dennoch nicht. Die Staatsverschuldung ist extrem niedrig, sie liegt bei 16 Prozent des BIP, &bdquo;und den nationalen Wohlfahrtsfonds gibt es immer noch&ldquo;, setzt Astrov hinzu. Die finanziellen Reserven daraus sind zwar geschrumpft, aber noch vorhanden. Vergleicht man die Verschuldungswerte Russlands mit EU-L&auml;ndern, so wird der Unterschied augenf&auml;llig. Deutschlands Schuldenberg betr&auml;gt 64 Prozent des BIP, jener &Ouml;sterreichs 82 Prozent, und bei Frankreich liegt er zurzeit bei 112 Prozent.<\/p><p>Russland braucht sich auch im Au&szlig;enhandel keine gro&szlig;en Sorgen machen. Es war (und ist), so Astrov, Gl&auml;ubiger und nicht Schuldner in der Welt. Die Westsanktionen haben daran nichts ge&auml;ndert, die Leistungsbilanz&uuml;bersch&uuml;sse bestehen weiterhin. &bdquo;Russland kann den Krieg, wenn es sein muss, noch lange finanzieren&ldquo;, bilanziert Wirtschaftsforscher Astrov.<\/p><p><em>Von Hannes Hofbauer ist zum Thema erschienen: &bdquo;Im Wirtschaftskrieg. Die Sanktionspolitik des Westens und ihre Folgen. Das Beispiel Russland&ldquo; (Promedia Verlag).<\/em><\/p><p><small>Titelbild: Pushish Images\/shutterstock.com<\/small><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/vg04.met.vgwort.de\/na\/775a0ef0af7e43f3a7df928178950e81\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Einmal im Jahr stellt das renommierte &bdquo;Wiener Institut f&uuml;r internationale Wirtschaftsvergleiche&ldquo; (WIIW) seine Prognose im Rahmen einer Pressekonferenz vor. Am 22. Oktober war es wieder so weit. 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