{"id":141053,"date":"2025-10-25T13:00:03","date_gmt":"2025-10-25T11:00:03","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=141053"},"modified":"2025-10-26T10:59:31","modified_gmt":"2025-10-26T09:59:31","slug":"alltag-in-der-russischen-provinz-eine-deutsche-mit-familiaeren-verbindungen-an-die-wolga-berichtet","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=141053","title":{"rendered":"Alltag in der russischen Provinz \u2013 eine Deutsche mit famili\u00e4ren Verbindungen in die russische Provinz Udmurtien berichtet"},"content":{"rendered":"<p><strong>Tamara Helck<\/strong> kommt aus D&uuml;sseldorf. Sie ist Deutsche, aber sie geh&ouml;rt zu den Menschen, die famili&auml;re Beziehungen nach Russland haben. Ihr Vater ist Russe, ihre Mutter Ukrainerin. In folgendem Interview berichtet sie &uuml;ber die Integration ihrer Eltern in Westdeutschland nach 1945 und ihre Reise in die russische Provinz im August dieses Jahres. In Udmurtien an der Wolga, 1.200 Kilometer &ouml;stlich von Moskau, besuchte sie im 900-Seelen-Dorf Babino Verwandte und im s&uuml;drussischen Orenburg Freunde. Der Bericht von Tamara Helck kann Wissensl&uuml;cken f&uuml;llen, denn die deutschen Mainstream-Medien berichten kaum &uuml;ber den Alltag in der russischen Provinz. Das Interview f&uuml;hrte <strong>Ulrich Heyden<\/strong> (Moskau).<br>\n<!--more--><br>\n<strong>Ulrich Heyden: Wie f&uuml;hlten Sie sich, als Ihr Flugzeug &uuml;ber russisches Territorium flog? Welche Erinnerungen und welche Erwartungen hatten Sie?<\/strong><\/p><p><strong>Tamara Helck<\/strong>: Ich bin jedes Mal positiv aufgeregt, wenn ich nach Russland fahre, wo ich meine Wurzeln habe. Ich bin das erste Mal als zw&ouml;lfj&auml;hriges M&auml;dchen &ndash; Mitte der 1960er-Jahre &ndash; in der Sowjetunion bei meiner Gro&szlig;mutter nebst gro&szlig;er Verwandtschaft m&uuml;tterlicherseits gewesen und von da an regelm&auml;&szlig;ig immer wieder hingefahren.<\/p><div class=\"imagewrap\"><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/251025-interview-Helck-03.jpg\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/251025-interview-Helck-03.jpg\" alt=\"\" title=\"\"><span><\/span><\/a><\/div><p><small>Tamara Helck mit ihren Halbschwestern &ndash; &copy; Tamara Helck<\/small><\/p><p>Meine Mutter stammt aus der Gegend von Saporoschje (Ukraine). Dort habe ich mehrfach meine Sommerferien verbracht. Als 16-J&auml;hrige habe ich in dem Pionierlager &bdquo;Molodaja Gwardia&ldquo; (Junge Garde) in Odessa meine Ferien verbracht.<\/p><p>Jeder Reporter aus dem Westen w&auml;re vermutlich vor Neid erblasst, wenn er mitbekommen h&auml;tte, wie ich bei meinen Besuchen sp&auml;ter in Russland beim Melken der K&uuml;he in einer Kolchose zugeschaut habe oder in einem Kombinat durch die Waschkaue gelaufen bin.<\/p><p>Ich habe mit gro&szlig;em Interesse den Prozess in Russland seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion verfolgt. Ich hatte gro&szlig;e Hoffnung, dass es keine Feindschaft mehr zwischen dem Westen und Osten gibt. Diese Hoffnung erf&uuml;llte sich leider nicht.<\/p><p>Aber zur&uuml;ck zu eingangs gestellter Frage: Jede meiner fast j&auml;hrlich stattfindenden Reisen nach Russland ist v&ouml;llig unterschiedlich. Ich entdecke jedes Mal Neues und Unerwartetes, obwohl ich der Meinung bin, das Land bereits gut zu kennen. Ich erlebe durchweg freundliche und wohlmeinende Menschen, deren Leben in Bezug auf ihr Familienleben, ihre W&uuml;nsche und Hoffnungen sich nicht viel von dem in Deutschland unterscheidet. Ich w&uuml;nsche mir deshalb von Herzen, dass die Deutschen und Russen nach dieser aktuell stattfindenden Phase der Feindschaft doch wieder zueinanderfinden. Wir sollten doch ein Volk der guten Nachbarn sein. Ich glaube, dass hatte Willy Brandt so gesagt.<\/p><p><strong>Warum haben Sie dieses Mal Russland besucht?<\/strong><\/p><p>Ich habe mit meiner Tochter, die mich dieses Jahr begleitet hat, in Moskau Freunde besucht. Danach sind wir in der Gegend von Ischewsk in der N&auml;he des Ural gewesen, um unsere Verwandten zu besuchen. Sie leben in einem 900-Seelen-Dorf namens Babino. Von dort stammt mein Vater, der im Zweiten Weltkrieg als Politkommissar der Sowjetarmee in Kriegsgefangenschaft geraten ist und deshalb in Deutschland bleiben musste.<\/p><p>Von Babino sind wir in vierst&uuml;ndiger Fahrt weiter mit dem Auto nach Ufa gefahren und nach drei Tagen dann weiter nach Orenburg. Dort leben ebenfalls gute Freunde von mir. Von Orenburg ging es dann zur&uuml;ck &uuml;ber Antalya (T&uuml;rkei) nach Deutschland.<\/p><p><strong>Wann waren Sie das letzte Mal in Russland? Wie oft fahren Sie?<\/strong><\/p><p>Vor der diesj&auml;hrigen Reise bin ich im letzten Jahr in Russland gewesen. Ich hatte mich auf das Abenteuer eingelassen, mit dem Auto nach Kaliningrad zu fahren. Das w&uuml;rde ich nicht wieder tun, weil es an der polnisch-russischen Grenze zu langen Wartezeiten kam und offenbar auch weiterhin kommt, was an der extrem schleppenden Abfertigung der polnischen Grenzbeamten liegt. Auf der Hinreise hat es 14 Stunden gedauert, bis man nach Russland einreisen konnte, und zur&uuml;ck haben wir sogar 25 Stunden auf eine Abfertigung seitens der Polen warten m&uuml;ssen.<\/p><p><strong>Sie waren in Moskau, Ischewsk am Ural, in Ufa und Orenburg. Das ist in S&uuml;drussland. Wie unterscheiden sich diese Regionen, wenn man sie als Tourist bereist? Wie unterscheiden sich Stadt und Land?<\/strong><\/p><p>Es ist ein gro&szlig;er Unterschied, ob man in Russland in einer Gro&szlig;stadt wie Moskau oder St. Petersburg lebt oder in einer Kleinstadt bzw. sogar einem Dorf. Ich nenne ein Beispiel: Auf der Fahrt vom Moskauer Flughafen zur Wohnung meiner Freunde sp&auml;tabends haben diese aus dem Taxi heraus noch warmes Essen bestellt. Dieses wurde p&uuml;nktlich zu unserer Ankunft geliefert. Die Lieferung erfolgt h&auml;ufig per Roboter, die man in Moskau wie selbstverst&auml;ndlich herumfahren sieht. Auch bestellte Ware soll so rasch und p&uuml;nktlich beim Besteller ankommen.<\/p><p>Ganz anders leben die Menschen im Dorf, wie ich es z.B. bei meinen Cousinen in dem 900-Seelen-Dorf Babino erleben konnte. Sie sind noch gr&ouml;&szlig;tenteils Selbstversorger. Fast jeder h&auml;lt H&uuml;hner, zieht eigenes Obst und Gem&uuml;se. Angeln ist in Russland offenbar Volkssport, genauso wie das Sammeln von Beeren und Pilzen.<\/p><p>W&auml;hrend in Moskau Roboter auf den B&uuml;rgersteigen herumfahren und Waren oder Essen ausliefern, sich die Menschen in Diskotheken, Theatern oder Restaurants vergn&uuml;gen, lebt man in den D&ouml;rfern eher beschaulich. Die H&uuml;hner m&uuml;ssen versorgt werden, Obst und Gem&uuml;se gew&auml;ssert oder geerntet und eingemacht werden. In der Freizeit geht man mit der Familie und Freunden Pilze sammeln, angeln oder auf eine Wanderung in der schier grenzenlosen Weite des Landes.<\/p><p><strong>Was &uuml;berraschte Sie auf dieser Reise?<\/strong><\/p><p>Mich hat &uuml;berrascht, dass man im &ouml;ffentlichen Leben fast nichts vom Krieg in der Ukraine mitbekommt. Die Restaurants sind voller Menschen, die M&auml;rkte und Gesch&auml;fte haben eine riesige Warenvielfalt wie eh und je. Nur die gro&szlig;en Plakate, die zum Dienst in der Armee einladen, deuten darauf hin, dass Russland sich im Krieg befindet.<\/p><p><strong>Hatten Sie das Gef&uuml;hl, dass sich Russland entwickelt oder dass die Wirtschaft aufgrund von Sanktionen und Krieg stagniert?<\/strong><\/p><p>Ich denke, dass es der Wahrheit entspricht, dass die Sanktionen in Russland zu einem Innovationsschub gef&uuml;hrt haben. Und: Trotz des Krieges in der Ukraine geht die Regierung in diesem Jahr von einem Wirtschaftswachstum von 2,5 Prozent aus. Das ist alles andere als Stagnation. Russland hat seine weggefallenen Handelspartner ersetzt durch Staaten wie China, Staaten der arabischen Welt und das, was man den Globalen S&uuml;den nennt. Das ist die rein volkswirtschaftliche Betrachtung.<\/p><p>Wenn man als Tourist mit offenen Augen durch das Land f&auml;hrt, so fallen die Sauberkeit auf und der Wunsch, die Umgebung zu schm&uuml;cken. Die vielen bl&uuml;henden Blumenrabatten auf den Stra&szlig;en und in gepflegten Parkanlagen sind eine Augenweide.<\/p><div class=\"imagewrap\"><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/251025-interview-Helck-01.jpg\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/251025-interview-Helck-01.jpg\" alt=\"\" title=\"\"><span><\/span><\/a><\/div><p><small>Tamara Helck mit Freunden  &ndash; &copy; Tamara Helck<\/small><\/p><p><strong>Wie beurteilen Sie die soziale Lage der Russen, die Einkommen, die Preise f&uuml;r den t&auml;glichen Bedarf, die Infrastruktur und die Dienstleistungen?<\/strong><\/p><p>Ich habe f&uuml;r eine gr&uuml;ndliche Beantwortung dieser Frage keine aktuellen Zahlen f&uuml;r das Land. Deshalb kann ich nur die Eindr&uuml;cke von meiner Reise wiedergeben. Es gibt sicherlich gro&szlig;e Unterschiede zwischen St&auml;dten und dem weiten Land. Die &bdquo;soziale Lage&ldquo; kann ich nur danach beurteilen, wie die Menschen gekleidet sind und wie meine Freunde in den gro&szlig;en St&auml;dten leben und meine Verwandten in ihrem Dorf. Nach meiner Beurteilung hungert niemand.<\/p><p>Die L&ouml;hne und Geh&auml;lter unterliegen ebenfalls gro&szlig;en Schwankungen zwischen Stadt und Land. Der Mann meiner Cousine verdient ungef&auml;hr 800 Euro im Monat. Er ist Traktorist in einem landwirtschaftlichen Betrieb, der sich fr&uuml;her Kolchose nannte. Das ist nicht viel, daf&uuml;r kostet ein Liter Benzin vergleichsweise nur ca. 50 Cent, ein Kilogramm Kartoffeln habe ich im Supermarkt f&uuml;r 30 Cent gesehen, F&uuml;r Strom und Gas zahlt mein Cousin umgerechnet um die 10 Euro im Monat. Die Zugfahrt zwischen Orenburg und Moskau kostet ca. 50 Euro. Das ist eine Strecke von ca. 1.500 Kilometer und dauert 21 Stunden.<\/p><p>Zur Infrastruktur kann ich sagen, dass ich ein intaktes Stra&szlig;en- und Autobahnnetz zwischen den gro&szlig;en St&auml;dten erlebt habe, neue und elektrifizierte Bahntrassen &uuml;ber Hunderte von Kilometern. In den alten Mietsh&auml;usern aus der Sowjetzeit, Chruschtschowkas genannt, m&ouml;chten die Menschen zunehmend nicht mehr leben. Am Beispiel Orenburg kann ich sagen, dass v&ouml;llig neue Wohnviertel entstehen, mit einer funktionierenden Infrastruktur. In dem 900-Seelen-Dorf meiner Verwandten ist k&uuml;rzlich eine moderne Krankenstation errichtet worden, und in der mittelgro&szlig;en Stadt Wotkinsk, im Landkreis Ishewsk mit ca. 90.000 Einwohnern, gibt es eine moderne neue Mehrzwecksporthalle.<\/p><p><strong>Wo und wie begegnete Ihnen der Krieg in der Ukraine? Sprachen Sie mit Soldaten auf Heimaturlaub, Verletzten, Angeh&ouml;rigen von Soldaten?<\/strong><\/p><p>Wie ich schon eingangs gesagt habe, merkt man den Krieg nicht tats&auml;chlich. Ich habe ein normales Leben erlebt, wie immer. Lediglich auf den gro&szlig;en Plakaten, die man immer wieder sieht, werden M&auml;nner aufgefordert, sich freiwillig f&uuml;r den Kriegsdienst zu melden. Ich hatte keine Gelegenheit, mit Soldaten zu sprechen. Allerdings habe ich bei einer Gelegenheit auf dem Friedhof in &bdquo;meinem&ldquo; Dorf am Grab eines gefallenen Soldaten erz&auml;hlt bekommen, dass der Bruder der Gefallenen sich nunmehr ebenfalls freiwillig gemeldet hat, er wolle ihn r&auml;chen. Die armen Eltern, habe ich gedacht, hoffentlich kommt er gesund nach Hause zur&uuml;ck.<\/p><p><strong>Ist die Stimmung so, dass man noch Jahre weiter Krieg f&uuml;hren kann, oder ist die Stimmung so, dass der Krieg so schnell wie m&ouml;glich aufh&ouml;ren muss?<\/strong><\/p><p>Nat&uuml;rlich habe ich auch vereinzelt mit Menschen gesprochen, die diesen Krieg als einen Fehler seitens Russlands sehen. Aber die &uuml;berwiegende Mehrheit w&uuml;nscht sich ein rasches Kriegsende, zumal der Tod junger Soldaten gro&szlig;es Mitleid hervorruft. Gleichzeitig habe ich Stimmen geh&ouml;rt, die sinngem&auml;&szlig; sagen, dass der Krieg zu Ende gef&uuml;hrt werden m&uuml;sse, weil es sonst kein Russland mehr geben w&uuml;rde. Sie sprechen von den Begehrlichkeiten des Westens nach den riesigen Bodensch&auml;tzen des Landes.<\/p><p><strong>Gab es neue Anschaffungen, welche aufgrund des Solds m&ouml;glich waren?<\/strong><\/p><p>Diese Frage kann ich nur vom H&ouml;rensagen beantworten. Die Antwort lautete, dass es etliche Soldaten gibt, die der Meinung sind, dass der hohe Sold ihnen erm&ouml;glicht, gr&ouml;&szlig;ere Anschaffungen zu finanzieren, z.B. eine Eigentumswohnung.<\/p><div class=\"imagewrap\"><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/251025-interview-Helck-04.jpg\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/251025-interview-Helck-04.jpg\" alt=\"\" title=\"\"><span><\/span><\/a><\/div><p><small>Tamara Helck mit ihren Verwandten &ndash; &copy; Tamara Helck<\/small><\/p><p><strong>Wie wirkt sich der Krieg auf Kinder und Jugendliche aus?<\/strong><\/p><p>Die Kinder und Jugendlichen, die ich kenne, interessieren sich nicht f&uuml;r den Krieg. Er findet f&uuml;r sie nur im Fernsehen statt. Ich denke, dass die Eltern ihre Sorgen von den Kindern fernhalten. Was anderes ist es nat&uuml;rlich, wenn im nahen Freundes- und Verwandtenkreis jemand umgekommen oder verletzt worden ist. Gl&uuml;cklicherweise ist in meiner Umgebung so ein Fall noch nicht aufgetreten.<\/p><p><strong>Sp&uuml;rten Sie, dass sich in Russland ein neues Nationalgef&uuml;hl entwickelt, dass sich das Land politisch konsolidiert und dass der Staatsf&uuml;hrer Hoffnung spendet?<\/strong><\/p><p>Ich habe den Eindruck, dass man in Russland ein, sagen wir mal, gesundes Nationalbewusstsein hat. Es richtet sich nicht gegen andere Nationalit&auml;ten. Nat&uuml;rlich sieht man, dass die Staatsf&uuml;hrung bestrebt ist, ein noch st&auml;rkeres Zusammengeh&ouml;rigkeitsgef&uuml;hl zu f&ouml;rdern. Dies gelingt ihr nach meinem Eindruck. Die Menschen sind &uuml;berwiegend zufrieden mit ihrem Land, ihrem Leben und ihrer Regierung.<\/p><p><strong>Was h&auml;lt die sehr unterschiedlichen Regionen zusammen in einem Staat? Wie reden die Menschen &uuml;ber Moskau, wo es alles gibt, und den &bdquo;reichen&ldquo; Westen?<\/strong><\/p><p>Die Moskauer sind nach meiner Beobachtung froh, dass sie dort leben, weil die Stadt ihnen viel bietet. Die Menschen in der Provinz sehen diesen Vorteil auch, sagen aber, dass ihnen Moskau zu laut und zu stressig ist, dass sie froh sind, wenn sie nach einem Besuch dort wieder in ihre Provinz zur&uuml;ckkehren k&ouml;nnen. Was den Westen angeht, so w&uuml;rden sie diesen schon gerne wieder bereisen &ndash; so, wie sie es vor dem Krieg getan haben. Es bleibt zu hoffen, dass die Beschr&auml;nkungen bald wieder aufgehoben werden, der Krieg beendet wird.<\/p><p><strong>Ich habe als Journalist seit 2022 das Problem, offene Gespr&auml;che &uuml;ber den Krieg und Alltagsprobleme zu f&uuml;hren. Es gibt eine bestimmte Angst, dass man missverstanden oder verpetzt wird.<\/strong><\/p><p>Mein Gl&uuml;ck ist, dass ich meine Freunde schon viele Jahre kenne. Es hat sich ein Vertrauensverh&auml;ltnis gebildet. Deshalb sprechen sie mir gegen&uuml;ber offen ihre Meinung aus. Das gilt nat&uuml;rlich insbesondere f&uuml;r meine Verwandten. Es ist mehr als verst&auml;ndlich, dass gegen&uuml;ber einem Journalisten aus dem inzwischen feindlichen Ausland das Herz nicht auf der Zunge liegt.<\/p><div class=\"imagewrap\"><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/251025-interview-Helck-02.jpg\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/251025-interview-Helck-02.jpg\" alt=\"\" title=\"\"><span><\/span><\/a><\/div><p><small>Tamara Helck mit ihrer Cousine Mascha in udmurtischer Tracht &ndash; &copy; Tamara Helck<\/small><\/p><p><strong>Wenn Sie Menschen in Deutschland von Ihren Eindr&uuml;cken und Erlebnissen erz&auml;hlen, sto&szlig;en sie auf Interesse, Desinteresse, Ablehnung oder Unglauben?<\/strong><\/p><p>Es ist unterschiedlich. Ich wurde gelegentlich gefragt, ob man &uuml;berhaupt nach Russland reisen k&ouml;nne und ob man ein Visum bekommen k&ouml;nne. Wenn ich dann erz&auml;hle, dass wir unser elektronisches Visum nach drei Tagen erhalten haben, ist das Erstaunen gro&szlig;. H&auml;ufig folgt dann eine interessierte Frage nach der anderen. Ich habe aber auch schon erlebt, dass ein betretenes Schweigen folgt. Es ist wohl das Unverst&auml;ndnis, wie man in heutigen Zeiten &uuml;berhaupt nach Russland reisen kann. Wenn ich nicht auf Ablehnung sto&szlig;e, erz&auml;hle ich gerne von meinen positiven Eindr&uuml;cken. Ich betrachte dies als das Bilden einer Gegen&ouml;ffentlichkeit.<\/p><p><strong>Was sind die gr&ouml;&szlig;ten Vorurteile der Menschen in Deutschland &uuml;ber Russland?<\/strong><\/p><p>Ich glaube, dass die gr&ouml;&szlig;ten Vorurteile auf purem Unwissen basieren, n&auml;mlich, dass die Russen noch &bdquo;hinter dem Mond&ldquo; leben, grob sind, Wodka &bdquo;saufen&ldquo; und mit ihnen &bdquo;nicht gut Kirschen essen&ldquo; sei. Eine Bekannte war mal sehr erstaunt, als ich ihr erz&auml;hlte, dass man per Direktflug von jeder Gro&szlig;stadt in Deutschland in ca. vier Stunden in Moskau sein k&ouml;nne. Das war nat&uuml;rlich noch in der Zeit, als es freien Flug- und sonstigen Verkehr zwischen Russland und westlichen L&auml;ndern gab. Ihre Antwort zeigte mir, dass f&uuml;r sie der Eindruck bestand, dass Russland ein ganz weit entferntes Land war. Sehr schade eigentlich. Offenbar ist New York n&auml;her in der Empfindung, und zwar nicht nur in der Entfernung.<\/p><p><strong>Gibt es bei den Vorurteilen und dem Nichtwissen Unterschiede zwischen West- und Ostdeutschen, Deutschen und Migranten\/Fl&uuml;chtlingen?<\/strong><\/p><p>Nach meinem Eindruck tut sich mittlerweile ein gro&szlig;er Unterschied zwischen den Menschen in den neuen Bundesl&auml;ndern und denen in der alten Bundesrepublik auf. In der DDR hatte man h&auml;ufig freundschaftlichen Kontakt zu sowjetischen Soldaten, in der Schule wurde die russische Sprache gelehrt und man bereiste gegenseitig Russland bzw. die DDR. Das nannte man V&ouml;lkerverst&auml;ndigung, und die hat dazu gef&uuml;hrt, dass die derzeitige negative Berichterstattung &uuml;ber Russland im Osten Deutschlands zu Widerspruch f&uuml;hrt, w&auml;hrend im Westen aus purer Unwissenheit diese leider auf fruchtbaren Boden f&auml;llt. Wie Migranten und Fl&uuml;chtlinge denken, das ist mir nicht bekannt.<\/p><p><strong>Sie wurden in Deutschland geboren, aber Sie haben Eltern aus der Ukraine und Russland. Was bedeutete das f&uuml;r Ihr Leben als deutsche Staatsb&uuml;rgerin?<\/strong><\/p><p>Gl&uuml;cklicherweise habe ich nie irgendwie Nachteile erlebt, vielleicht weil ich blond und hellh&auml;utig bin und Deutsch, neben Russisch, meine Muttersprache ist. Meine Eltern haben aber in Deutschland nie eine zweite Heimat gefunden. Insbesondere mein Vater hat stets darauf geachtet, mir seine Heimat nahezubringen, hat mich als Schulkind damit &bdquo;getriezt&ldquo;, russische Grammatik und Literatur zu lernen. Heute bin ich ihm nat&uuml;rlich dankbar daf&uuml;r. Ich erlebe, welchen Schatz mir mein Elternhaus mitgegeben hat.<\/p><p><strong>Wie integrierten sich ihre Eltern nach 1945 in Westdeutschland?<\/strong><\/p><p>Meine Eltern haben sich nur teilweise in der Bundesrepublik Deutschland integriert. Sie bewegten sich vorwiegend in Kreisen der Menschen, die ebenfalls aus der Sowjetunion kriegsbedingt hier gestrandet waren. Aber es gab vereinzelt auch nette Kontakte, die aus Kollegenkreisen oder der Nachbarschaft entstanden. Aber als richtig integriert w&uuml;rde ich meine Eltern nicht bezeichnen. Sie unterhielten &uuml;ber Jahrzehnte regelm&auml;&szlig;igen Briefkontakt zu ihren Verwandten in der Sowjetunion. Mein Vater h&ouml;rte viel einen sowjetischen Radiosender, den man &uuml;ber Langwelle empfangen konnte. Mir klingt noch heute die Ank&uuml;ndigung des Programms im Ohr: &bdquo;goworit Moskwa&ldquo;, auf Deutsch: &bdquo;Hier spricht Moskau&ldquo;.<\/p><p><strong>Wollten die westlichen Besatzungsm&auml;chte in Westdeutschland die gestrandeten Sowjetb&uuml;rger nicht eigentlich alle abschieben?<\/strong><\/p><p>Nach Beendigung des Zweiten Weltkriegs war von den Siegerm&auml;chten vorgesehen gewesen, dass die vielen gestrandeten Menschen aus ganz Europa wieder in ihre Heimatl&auml;nder zur&uuml;ckkehren. Das gelang auch gut. Meine Mutter h&auml;tte problemlos in die Sowjetunion zur&uuml;ckkehren k&ouml;nnen. Sie hatte allerdings schon kurz nach Beendigung des Krieges meinen Vater kennengelernt und blieb seinetwegen hier. Bei meinem Vater lag der Fall anders. Er hatte in der sowjetischen Armee die Funktion eines politischen Kommissars. Laut einem Befehl Stalins betrachtete man die in Kriegsgefangenschaft geratenen eigenen Soldaten als Verr&auml;ter. Sie hatten nach der geltenden Auffassung nicht gut genug gek&auml;mpft, sonst w&auml;ren sie nicht in deutsche H&auml;nde gefallen. Deshalb wurden solche zur&uuml;ckgekehrten Milit&auml;rangeh&ouml;rigen entweder direkt nach ihrer R&uuml;ckkehr erschossen oder f&uuml;r Jahrzehnte nach Sibirien verbannt.<\/p><p>Den westlichen Alliierten war diese Vorgehensweise bekannt, weshalb sie Personen wie meinem Vater Papiere ausstellten, auf denen ein Geburtsort au&szlig;erhalb der Sowjetunion eingetragen wurde. Im Fall meines Vaters war dies Rowno in Polen.<\/p><p><strong>Wie lernten ihre Eltern Deutsch?<\/strong><\/p><p>Es gab nach dem Zweiten Weltkrieg keine Sprachkurse, so wie sie heute Fl&uuml;chtlingen angeboten werden. Die Menschen lernten mit der Zeit die deutsche Sprache in ihrem Alltag. So ist es auch bei meinen Eltern gewesen. Ich erinnere mich allerdings daran, dass ich, als ich aus dem Kindesalter herausgewachsen war, zunehmend dazu herangezogen wurde, ihnen zum Beispiel bei Beh&ouml;rdenkorrespondenz zu helfen. Wahrscheinlich musste ich genau solche Aufgaben &uuml;bernehmen, wie es heute die Kinder von Arbeitsmigranten tun.<\/p><p><strong>Wie haben ihre Eltern in Westdeutschland Geld verdient?<\/strong><\/p><p>Nach dem Krieg war es gl&uuml;cklicherweise kein Problem gewesen, sich beruflich zu integrieren. Meine Mutter arbeitete sehr schnell in einem st&auml;dtischen Kindergarten, ohne dass sie dies zu Hause gelernt hatte. Schlie&szlig;lich ist sie als 16-J&auml;hrige von deutschen Wehrmachtssoldaten als Zwangsarbeiterin aus der Ukraine von der Stra&szlig;e weg verschleppt worden. Sie und ihresgleichen wurden in einem G&uuml;terwaggon in einer zweiw&ouml;chigen Fahrt nach Deutschland gebracht &ndash; im Fall meiner Mutter nach Salzgitter in ein Munitionswerk.<\/p><p>Mein Vater arbeitete bis zu seiner Pensionierung als Arbeiter in einer Erd&ouml;lraffinerie in Hannover.<\/p><p><strong>Sind ihre Eltern jemals in die Sowjetunion oder in einen der Nachfolgestaaten gefahren?<\/strong><\/p><p>Mein Vater ist aus den genannten Gr&uuml;nden nie in die Sowjetunion gefahren. Er w&auml;re sofort verhaftet worden, denn Stalins &bdquo;Kommissarbefehl&ldquo; war noch viele Jahre in Kraft, bis er aufgehoben wurde. Sp&auml;ter dann f&uuml;hlte sich mein Vater gesundheitlich nicht mehr in der Lage, den emotionalen Stress so einer Reise zu verkraften. Meine Mutter besuchte jedoch mehrmals ihre Mutter und Geschwister in der Ukraine. Fast immer begleitete ich sie dabei. Bei unserer ersten Reise in den Sechzigerjahren war so eine private Reise aus der Bundesrepublik in die Sowjetunion eine Sensation. Deshalb bekamen meine Eltern auch Besuch vom deutschen Verfassungsschutz, der &uuml;ber die Korrespondenz meiner Eltern mit der sowjetischen Botschaft in Bonn genauestens Bescheid wusste. Sie machten auch kein Geheimnis daraus, dass sie den gesamten Briefwechsel abgefangen hatten. Er lag w&auml;hrend des Gespr&auml;chs meiner Eltern mit dem Verfassungsschutzbeamten vor ihnen auf dem K&uuml;chentisch.<\/p><p><strong>F&uuml;hlen Sie sich in Russland heimisch?<\/strong><\/p><p>Ich f&uuml;hle mich sehr zu Russland hingezogen und merke ganz klar, dass ich dort meine Wurzeln habe. Gl&uuml;cklicherweise haben meine Eltern mit mir zu Hause stets Russisch gesprochen, weshalb ich komplett zweisprachig aufgewachsen bin. Das hilft mir, mich in Russland ohne jegliche Sprachbarrieren zu bewegen. Dar&uuml;ber bin ich sehr froh. Ich habe sozusagen zwei Heimaten in meinem Herzen.<\/p><p><strong>Haben sie nach Ihrer Russland-Reise in diesem Jahr neue Pl&auml;ne geschmiedet?<\/strong><\/p><p>Russland ist so gro&szlig; und es ist ein so sch&ouml;nes Land zum Bereisen. Ich bin noch nie in Sibirien gewesen, noch nie auf der Halbinsel Kamtschatka im russischen Fernen Osten. Dort hinzufahren habe ich mir f&uuml;r die nahe Zukunft fest vorgenommen.<\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><p><strong>Zur Person<\/strong><\/p><p>Tamara Helck ist gelernte Bankkauffrau. Sie wurde in den 1950er-Jahren in Hannover geboren. Seit 15 Jahren arbeitet sie f&uuml;r Kliniken im Raum D&uuml;sseldorf bei der Betreuung russischsprachiger Patienten aus Russland und der Ukraine.<\/p><p>Als junge Frau war sie aktiv bei den Jungsozialisten. Sie lebte mehrere Jahre in Paris, Mexiko und Brasilien. Nach der R&uuml;ckkehr Mitgliedschaft in der Partei Die Linke, zeitweise friedenspolitische Sprecherin im Landesvorstand NRW. Heute leitet sie den Gespr&auml;chskreis der NachDenkSeiten in D&uuml;sseldorf.<\/p><p><small>Titelbild: Tamara Helck in Russland mit Freunden &ndash; August 2015 \/ &copy; Tamara Helck<\/small><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg04.met.vgwort.de\/na\/812210a9f8fb404db09a868a8b6d2a42\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p><strong>Tamara Helck<\/strong> kommt aus D&uuml;sseldorf. Sie ist Deutsche, aber sie geh&ouml;rt zu den Menschen, die famili&auml;re Beziehungen nach Russland haben. Ihr Vater ist Russe, ihre Mutter Ukrainerin. In folgendem Interview berichtet sie &uuml;ber die Integration ihrer Eltern in Westdeutschland nach 1945 und ihre Reise in die russische Provinz im August dieses Jahres. In Udmurtien an<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=141053\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":141056,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[209,20],"tags":[753,2250,2972,259,2147,827,402,1019,340],"class_list":["post-141053","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-interviews","category-landerberichte","tag-integration","tag-nachkriegszeit","tag-reisebeschraenkungen","tag-russland","tag-sowjetunion","tag-stigmatisierung","tag-wachstum","tag-wirtschaftssanktionen","tag-zuwanderung"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2025\/10\/251025-interview-Helck-titel.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/141053","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=141053"}],"version-history":[{"count":8,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/141053\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":141134,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/141053\/revisions\/141134"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/141056"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=141053"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=141053"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=141053"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}