{"id":14148,"date":"2012-08-14T09:20:50","date_gmt":"2012-08-14T07:20:50","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=14148"},"modified":"2019-07-30T12:53:49","modified_gmt":"2019-07-30T10:53:49","slug":"die-renationalisierung-europas","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=14148","title":{"rendered":"Die Renationalisierung Europas"},"content":{"rendered":"<p>Die als Denationalisierungsprojekt erhoffte Europ&auml;ische Union hat sich l&auml;ngst in ihr Gegenteil verkehrt: Renationalisierung. Die Renationalisierung Europas hat mit der Dominanz einzelwirtschaftlichen Konkurrenzdenkens in gesamtwirtschaftlichen Zusammenh&auml;ngen begonnen und f&uuml;hrte auf der EU-Ebene zur Reduktion der europ&auml;ischen Idee auf die Gesch&auml;ftspolitik des industriellen Kerns. Heute ist das Vertrauen in den propagierten Selbstlauf des eurogekr&ouml;nten Binnenmarktes bez&uuml;glich seiner Verteilungseffekte schwer getr&uuml;bt, nur Deutschland scheint noch nicht einmal im eigenen Land mitbekommen zu haben, wer den nicht erkl&auml;rten Klassenkrieg gewinnt. Von <strong>Orlando Pascheit<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nWird das spanische Milit&auml;r auf Unruhen vorbereitet? So lautet die <a href=\"http:\/\/www.heise.de\/tp\/blogs\/8\/152513\">&Uuml;berschrift eines Telepolis-Beitrags<\/a> unter Bezugnahme auf eine neue <a href=\"http:\/\/imagenes.publico-estaticos.es\/resources\/archivos\/2012\/8\/1\/1343834287946DIRECTIVADEDEFENSANACIONAL2012.pdf\">spanische Sicherheitsdoktrin [PDF &ndash; 2,1 MB]<\/a><\/p><p>Weiter hei&szlig;t es: &bdquo;Die spanische Regierung sieht in der &ldquo;Wirtschaftskrise&rdquo; offensichtlich eine ernsthafte &ldquo;Gefahr f&uuml;r die nationale Sicherheit&rdquo;. In der neuen Sicherheitsdoktrin, welche die konservative Regierung unter Mariano Rajoy f&uuml;r die Streitkr&auml;fte aufgestellt hat, muss man nicht weit lesen, um schon im zweiten Satz darauf zu sto&szlig;en, dass die seit vier Jahren dauernde Finanz- und Wirtschaftskrise als Gefahr f&uuml;r das Land gesehen wird. Beschworen wird in der Milit&auml;rdoktrin auch die separatistische Gefahr, weshalb die Verteidigung der &ldquo;territorialen Einheit&rdquo; benannt wird, mit der nach der Verfassung ohnehin das Milit&auml;r betraut ist. Die konservative Volkspartei (PP), die sich vom Putsch 1936 und den vier Jahrzehnten der Diktatur nie distanziert hat, ist offenbar bereit, erneut das Milit&auml;r einzusetzen, wenn Unabh&auml;ngigkeitsbestrebungen oder soziale Forderungen zu stark vorgetragen werden. Das legt ihre neue Milit&auml;rdoktrin nahe.&ldquo;<\/p><p>Bemerkenswert wie vorausschauend die neue spanische Regierung auf die Wirtschaftskrise reagiert. Bemerkenswert insofern, dass Spanien zumindest nach au&szlig;en &ndash; das erinnert sehr an die griechische Informationspolitik &ndash; die vor sich hinfaulenden Immobilienkredite seiner Banken sehr sp&auml;t kommunizierte, geschweige denn auf die Immobilienblase reagierte. <\/p><p>Aber Ironie beiseite, in der Tat ist zu bef&uuml;rchten, dass in Spanien durch die allgemeine soziale Lage bestehende separatistische Tendenzen verst&auml;rkt werden. Der spanische Zentralstaat  wird sich, wenn die Krise andauert, dann Ph&auml;nomenen stellen m&uuml;ssen, die weit &uuml;ber einfache Demonstrationen hinausgehen. Wenn sich selbst <a href=\"http:\/\/www.youtube.com\/watch?feature=player_embedded&amp;v=b4aTgoQcnYI\">die spanische Polizei und Guardia civil den Demonstranten anschlie&szlig;en<\/a>, ist die milit&auml;rische Option nicht weit.  <\/p><p>Mit dem Zerfall Jugoslawiens haben wir in Europa ein Beispiel vor Augen, wie Separationsbewegungen durch Wirtschaftskrisen bef&ouml;rdert werden. Oberfl&auml;chlich gesehen k&ouml;nnte man meinen, dass im Falle Jugoslawiens der Krieg in den Neunzigern der entscheidende Aspekt des Untergangs Jugoslawiens gewesen sei. &Uuml;bersehen wird dabei, dass Jugoslawien in den achtziger Jahren &uuml;ber zehn Jahre einen massiven Wirtschaftseinbruch erlebte, in dem erst die ethnonationalistischen Strategien der Eliten in den einzelnen Republiken ihren N&auml;hrboden fanden. In Wirklichkeit haben erst der kontraktive Wirtschaftsverlauf w&auml;hrend der 80er Jahre und die ungleiche Entwicklung der verschiedenen Republiken die Entladung des sich ansammelnden sozialen Sprengstoffs an den Republikgrenzen und nicht in Richtung der verantwortlichen Staatsklasse erm&ouml;glicht. <\/p><p>Man stelle sich einmal vor, die EU h&auml;tte eine 10-j&auml;hrige Wirtschaftskrise zu verkraften. Die Abw&auml;rtsmobilit&auml;ten einzelner L&auml;nder bzw. wichtiger Sektoren w&uuml;rden nicht nur das Ausscheren einzelner Staaten vom bisherigen Integrationspfad f&ouml;rdern, sondern auch zu Aufl&ouml;sungstendenzen innerhalb von Staaten f&uuml;hren k&ouml;nnen. In einem von einem starken Entwicklungsgef&auml;lle gepr&auml;gten europ&auml;ischen Wirtschaftsraum deutet sich bereits heute bei den Gewinnerregionen des europ&auml;ischen Standortwettbewerbs eine tendenzielle Absetzbewegung an, in Form eines auf Wahrung des Besitzstandes bedachten Wohlstandschauvinismus. Aussichtsreiche Kandidaten sind im Verh&auml;ltnis zum &uuml;brigen Land hochproduktive Regionen wie Katalonien oder Norditalien &ndash; und selbst Bayern ist sich nicht zu schade, im beginnenden &ldquo;Vorwahlkampf&rdquo; seine Transfers zugunsten schw&auml;cherer Bundesl&auml;nder zu instrumentalisieren. <\/p><p>In Spanien appellierten bereits 1998 die &ldquo;nationalistischen&rdquo; Parteien Kataloniens, des Baskenlands und Galiciens in der &bdquo;Erkl&auml;rung von Barcelona&ldquo; an die EU, eine Konf&ouml;deration Spaniens zu akzeptieren. Und heute? Der Ministerpr&auml;sident Kataloniens, Artur Mas, verlangt von der Zentralregierung eine Neuverhandlung des bisherigen Lastenausgleichs unter den Regionen sowie eine Steuerhoheit, wie sie bisher <a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/wirtschaft\/2012-08\/spanien-regionen-schulden\">das Baskenland und die Region Navarra genie&szlig;en<\/a>. <\/p><p>Seiner Meinung nach w&auml;re Katalonien nicht in die jetzige Situation geraten, wenn es nicht immerzu wesentlich mehr in den Ausgleichsfonds h&auml;tte zahlen m&uuml;ssen, als es erhalten habe. Mas musste Ende Juli eingestehen, dass auch Katalonien erw&auml;ge, Mittel aus dem nationalen Rettungsschirm FLA zu beantragen. Nach seinem Amtsantritt hatte er ein Sparprogramm umgesetzt, doch sei f&uuml;r Katalonien mit den zus&auml;tzlichen Forderungen aus der Zentrale die Grenze der Belastbarkeit der Bev&ouml;lkerung erreicht. Katalonien sei nicht mehr in der Lage, Geh&auml;lter im Sozialwesen zu bezahlen. Der Vorsto&szlig; des katalanischen Ministerpr&auml;sidenten, Steuerhoheit f&uuml;r Katalonien zu verlangen, wird in der Zentralregierung als &lsquo;Akt des Separatismus&rsquo; verurteilt. <\/p><p>Nat&uuml;rlich w&auml;re f&uuml;r Spanien eine &Auml;nderung der Wirtschafts- und Sozialpolitik als Antwort auf seine Krise weitaus sinnvoller als eine neue Milit&auml;rdoktrin. Nur sollte man nicht vergessen, dem spanischen Nationalstaat sind durch die W&auml;hrungsunion wie auch durch die Binnenmarktgesetzgebung die H&auml;nde gebunden: Die dem Geld- und Exportkapital dienende vulg&auml;rliberale, angebotsorientierte Europapolitik kaschiert einen &bdquo;Akt der Gewalt, um den Gegner zur Erf&uuml;llung unseres Willens zu zwingen&ldquo; (Clausewitz), d. h. innenpolitisch &uuml;berall in Europa einen nicht erkl&auml;rten Klassenkrieg und europ&auml;isch gewendet einen h&ouml;chst ungleichen Konkurrenzkampf gegen die Peripherie. <\/p><p>Die als Denationalisierungsprojekt erhoffte Europ&auml;ische Union hat sich l&auml;ngst in ihr Gegenteil verkehrt: Renationalisierung. Die Renationalisierung Europas hat mit der Dominanz einzelwirtschaftlichen Konkurrenzdenkens in gesamtwirtschaftlichen Zusammenh&auml;ngen begonnen und f&uuml;hrte auf der EU-Ebene zur Reduktion der europ&auml;ischen Idee auf die Gesch&auml;ftspolitik des industriellen Kerns. Heute ist das Vertrauen in den propagierten Selbstlauf des eurogekr&ouml;nten Binnenmarktes bez&uuml;glich seiner Verteilungseffekte schwer getr&uuml;bt, nur Deutschland scheint noch nicht einmal im eigenen Land mitbekommen zu haben, wer den <a href=\"http:\/\/www.boeckler.de\/22741_22745.htm\">nicht erkl&auml;rten Klassenkrieg gewinnt<\/a>. <\/p><p>Viel zu sehr fixiert sich die europ&auml;ische Diskussion auf die &ouml;konomischen Kosten eines Austritts bzw. Nichtaustritts bestimmter L&auml;nder aus der W&auml;hrungsunion. Spanien stellt ein Beispiel f&uuml;r weit dar&uuml;ber hinausgehende ganz andere Probleme: Bevor die ethnonationalistische Instrumentalisierung sozialer Missst&auml;nde virulent wird, kann der Zentralstaat versuchen, seine vollst&auml;ndige Handlungskompetenz &uuml;ber einen Austritt aus der W&auml;hrungsunion wiederherzustellen &ndash; oder\/und um die die Einheit des Landes zu retten, auf die neue Milit&auml;rdoktrin zur&uuml;ckgreifen. Bezeichnenderweise hat  Spanien die Republik Kosovo bisher nicht anerkannt. <\/p><p>Die Krise Eurolands, ja Europas, bleibt in vielerlei Hinsicht nicht beim Euro stehen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die als Denationalisierungsprojekt erhoffte Europ&auml;ische Union hat sich l&auml;ngst in ihr Gegenteil verkehrt: Renationalisierung. Die Renationalisierung Europas hat mit der Dominanz einzelwirtschaftlichen Konkurrenzdenkens in gesamtwirtschaftlichen Zusammenh&auml;ngen begonnen und f&uuml;hrte auf der EU-Ebene zur Reduktion der europ&auml;ischen Idee auf die Gesch&auml;ftspolitik des industriellen Kerns. Heute ist das Vertrauen in den propagierten Selbstlauf des eurogekr&ouml;nten Binnenmarktes bez&uuml;glich<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=14148\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[126,22,60],"tags":[866,1203,443],"class_list":["post-14148","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-erosion-der-demokratie","category-europaische-union","category-innere-sicherheit","tag-konkurrenzdenken","tag-separatismus","tag-standortwettbewerb"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/14148","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=14148"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/14148\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":53832,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/14148\/revisions\/53832"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=14148"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=14148"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=14148"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}