{"id":14152,"date":"2012-08-14T12:25:06","date_gmt":"2012-08-14T10:25:06","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=14152"},"modified":"2015-04-24T11:32:04","modified_gmt":"2015-04-24T09:32:04","slug":"hurra-wir-sind-weltmeister","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=14152","title":{"rendered":"Hurra, wir sind Weltmeister!"},"content":{"rendered":"<p>Deutschland ist wieder &bdquo;Exportweltmeister&ldquo; und f&uuml;hrte zum ersten Mal seit einem Vierteljahrhundert sogar mehr G&uuml;ter nach China aus als es von dort einf&uuml;hrte. Wenn man diese Entwicklung als Sieg sehen will, so handelt es sich hierbei um einen Pyrrhussieg. Dies wird deutlich, wenn man sich auch die Kehrseite der Medaille anschaut. Deutschland ist nicht nur Weltmeister bei den Export&uuml;bersch&uuml;ssen, sondern spiegelbildlich auch bei den Importdefiziten. Erkauft wurde dieser Sieg vor allem durch die viel zu niedrigen L&ouml;hne in Deutschland. Die Lektionen, die China gelernt hat, scheinen in Deutschland zu verpuffen. Von <strong>Jens Berger<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nWas die Bundesbank am letzten Freitag zu vermelden hatte, best&auml;tigt die schlimmsten Bef&uuml;rchtungen: Im Juni dieses Jahres kletterte der &Uuml;berschuss der deutschen Leistungsbilanz gegen&uuml;ber dem Vorjahr um schwindelerregende 16%. Nach Berechnungen des ifo-Instituts wird Deutschland damit in diesem Jahr einen Leistungsbilanz&uuml;berschuss von mehr als 210 Mrd. US$ erreichen und damit den gro&szlig;en Konkurrenten China, der nur auf 203 Mrd. US$ kommt, hinter sich lassen. In Relation zur Wirtschaftskraft f&auml;llt der Unterschied jedoch deutlich gr&ouml;&szlig;er aus &ndash; Deutschland wird 2012 einen Leistungsbilanz&uuml;berschuss von mehr als 6% des BIP erreichen, China kommt &bdquo;nur&ldquo; auf 2,5%. Erstmals seit mehr als einem Vierteljahrhundert hat es Deutschland sogar geschafft, Leistungsbilanz&uuml;bersch&uuml;sse gegen&uuml;ber der &bdquo;Weltfabrik&ldquo; China aufzubauen, also mehr G&uuml;ter ins Reich der Mitte zu exportieren, als von dort aus zu importieren. <\/p><p>Was ist passiert? Um die Hintergr&uuml;nde dieser Entwicklungen zu verstehen, ist es hilfreich, die betriebswirtschaftliche oder besser angebotsorientierte Sichtweise zumindest f&uuml;r einen Moment auszublenden. Die chinesischen Produkte sind nicht schlechter, die deutschen nicht besser geworden. Wenn in Deutschland die stetigen Handelsbilanz&uuml;bersch&uuml;sse diskutiert werden, neigt man dazu, die Betrachtung ausschlie&szlig;lich auf die Exporte zu fokussieren. Das ist jedoch nicht sonderlich hilfreich und f&uuml;hrt meist zu falschen Schl&uuml;ssen. In absoluten Zahlen steigen sowohl die deutschen als auch die chinesischen Exporte. Erkl&auml;rungen findet man eher, wenn man auf die andere Seite des Bilanz&uuml;berschusses schaut. Ein Handelsbilanz&uuml;berschuss entsteht dann, wenn eine Volkswirtschaft mehr G&uuml;ter exportiert, als sie importiert. Wie viele G&uuml;ter eine Volkswirtschaft importiert, h&auml;ngt wiederum vor allem mit den Einkommen ab. <\/p><p>Chinas Arbeitnehmer k&ouml;nnen seit Jahren stetige Reallohnsteigerungen verzeichnen. Dadurch steigt die Nachfrage nach Importprodukten. Chinas Exporte wachsen von Jahr zu Jahr, Chinas Importe wachsen jedoch ebenfalls von Jahr zu Jahr und dies in einem deutlich h&ouml;heren Ma&szlig;e als die Exporte. In Deutschland steigen zwar &ndash; trotz Eurokrise &ndash; die Exporte (aktuell um 7,4% p.a.), daf&uuml;r sinken jedoch die Importe. Deutschlands Exportbranche ist &ndash; nicht zuletzt wegen der zu niedrigen L&ouml;hne &ndash; sehr erfolgreich, die Arbeitnehmer profitieren jedoch nicht von diesem Erfolg und k&ouml;nnen sich daf&uuml;r sprichw&ouml;rtlich nichts kaufen &hellip; auch keine Importg&uuml;ter. So kommt es, wie es kommen muss: Deutschlands Export&uuml;bersch&uuml;sse wachsen stetig.<\/p><p>Was f&uuml;r Wirtschaftslobbyisten und Regierungsvertreter offenbar ein Grund zur Freude ist, stellt sich vor allem dann als grandiose Fehlentwicklung heraus, wenn man seine Betrachtung auf die Importe fokussiert. Wenn Deutschland Weltmeister in der Disziplin &bdquo;Export&uuml;bersch&uuml;sse&ldquo; ist, dann ist Deutschland gleichzeitig auch Weltmeister in der Disziplin &bdquo;Importdefizite&ldquo;, nur dass sich dies freilich nicht so gut anh&ouml;rt und von keinem Leitartikler oder Regierungspolitiker gefeiert wird. Kein Wunder, schlie&szlig;lich k&auml;me es bei der W&auml;hlerschaft nicht so gut an, wenn man es auch noch feiern w&uuml;rde, dass diese sich immer weniger leisten kann.  Das ist die Kehrseite der Medaille. Kein Mensch w&uuml;rde sich &uuml;ber steigende Exportziffern beschweren, wenn gleichzeitig die Importe in einem h&ouml;heren Ma&szlig;e zulegen w&uuml;rden. China ist auf dem besten Wege dazu, w&auml;hrend Deutschland mit immer h&ouml;herer Geschwindigkeit auf den Abgrund zurauscht.<\/p><p>Eine Weltwirtschaft, in der bestimmte Volkswirtschaften stetig &Uuml;bersch&uuml;sse und bestimmte Volkswirtschaften stetig Defizite machen, neigt zur Instabilit&auml;t. In der Regel w&uuml;rden sich solche Au&szlig;enhandels&uuml;bersch&uuml;sse und &ndash;defizite durch die Tauschverh&auml;ltnisse der entsprechenden W&auml;hrungen wieder angleichen. Wenn ein Land stetig mehr exportiert als es importiert, wird seine W&auml;hrung mittel- bis langfristig gegen&uuml;ber den L&auml;ndern, die mehr importieren als sie exportieren, aufwerten. In Deutschland kennt man dieses Ph&auml;nomen nur allzu gut, geh&ouml;rte die D-Mark doch zu den &bdquo;h&auml;rtesten&ldquo; W&auml;hrungen der Welt. Durch die Einf&uuml;hrung des Euros ist dieses Korrektiv jedoch besch&auml;digt, gleichen nun doch die Defizite der s&uuml;deurop&auml;ischen L&auml;nder die deutschen &Uuml;bersch&uuml;sse im Handel mit Nicht-Euro-Staaten aus. Auch der zweite Exportgigant, China, ist diesbez&uuml;glich ein Problem, da seine Nationalw&auml;hrung, der Renminbi, nicht frei konvertierbar ist und die chinesische Zentralbank den Tauschkurs nach politischen Vorgaben nach unten manipuliert. <\/p><p>Vor allem innerhalb der Eurozone gelten die deutschen Au&szlig;enhandels&uuml;bersch&uuml;sse als der gewichtigste Grund f&uuml;r die heutige Eurokrise. Zu diesem Thema sei hier noch einmal ausdr&uuml;cklich die f&uuml;nfteilige Sendung von <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=14126#h03\">Kontext-TV mit Heiner Flassbeck<\/a> als Quelle f&uuml;r Hintergrundinformationen erw&auml;hnt. <\/p><p>Vereinfacht l&auml;sst sich das Problem folgenderma&szlig;en darstellen: Wenn eine Volkswirtschaft st&auml;ndig mehr exportiert als sie importiert und W&auml;hrungsauf- bzw. &ndash;abwertungen als Korrektiv ausfallen, f&uuml;hrt dies zwingend dazu, dass sich die L&auml;nder, die stetig mehr importieren als sie exportieren, bei den L&auml;ndern, die mehr exportieren als sie importieren, verschulden. Das geht so lange halbwegs gut, wie die Kredite vom Exporteur zum Importeur flie&szlig;en. China sitzt auf Billionenforderungen gegen die USA, Deutschland hat Billionenforderungen an andere Eurostaaten. Wenn sich am Au&szlig;enhandelsverh&auml;ltnis nichts &auml;ndert, k&ouml;nnen beide Gl&auml;ubigernationen ihre Forderungen wohl langfristig abschreiben.<\/p><p>W&auml;hrend das &bdquo;<a href=\"http:\/\/www.heise.de\/tp\/artikel\/29\/29831\/1.html\">dysfunktionale Duo<\/a>&ldquo; China-USA zumindest noch die M&ouml;glichkeit hat, &uuml;ber eine Ver&auml;nderung der Wechselkurse zu einem Ausgleich zu kommen und die stetig h&ouml;heren Lohnzuw&auml;chse in China ebenfalls ausgleichend wirken, sieht die Lage f&uuml;r Deutschland bedeutend d&uuml;sterer aus. Will die deutsche Volkswirtschaft ihre Forderungen nicht abschreiben, muss sie mittel- bis langfristig ihre Au&szlig;enhandels&uuml;bersch&uuml;sse gegen&uuml;ber den Schuldnerstaaten nicht nur abbauen, sondern sogar gegen&uuml;ber diesen Staaten ein Handelsbilanzdefizit ausweisen &ndash; solange, bis die Forderungen sich ausgeglichen haben. Im gemeinsamen W&auml;hrungsraum gibt es nur eine einzige Methode, um dies zu erreichen: Die deutschen L&ouml;hne m&uuml;ssen stetig st&auml;rker steigen als im Rest Europas. Nur dann kann Deutschland sein weltmeisterliches Importdefizit ausgleichen &hellip; und den drohenden Konkurs noch abwenden.<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg08.met.vgwort.de\/na\/4ea3fdea79ed485b9a76073f2fe14c79\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Deutschland ist wieder &bdquo;Exportweltmeister&ldquo; und f&uuml;hrte zum ersten Mal seit einem Vierteljahrhundert sogar mehr G&uuml;ter nach China aus als es von dort einf&uuml;hrte. Wenn man diese Entwicklung als Sieg sehen will, so handelt es sich hierbei um einen Pyrrhussieg. Dies wird deutlich, wenn man sich auch die Kehrseite der Medaille anschaut. 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