{"id":14156,"date":"2012-08-14T14:34:18","date_gmt":"2012-08-14T12:34:18","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=14156"},"modified":"2015-04-24T11:34:27","modified_gmt":"2015-04-24T09:34:27","slug":"auch-gravierende-fehler-und-fehleinschatzungen-werden-hierzulande-nicht-bestraft-beispielhaft-steinmeier-steingart-und-sinn","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=14156","title":{"rendered":"Auch gravierende Fehler und Fehleinsch\u00e4tzungen werden hierzulande nicht bestraft. Beispielhaft: Steinmeier, Steingart und Sinn."},"content":{"rendered":"<p>Heute sind die Medien voll von Meldungen (S.a. <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=14152\">hier<\/a>) &uuml;ber einen wahrscheinlichen Leistungsbilanz&uuml;berschuss Deutschlands von rund 163 Milliarden &euro;. Damit hat sich seit dem Jahr 2000 ein Leistungsbilanz&uuml;berschuss von weit &uuml;ber 1 Billion angesammelt. Das erinnert an Einsch&auml;tzungen und politische Forderungen zum Ausbau der Wettbewerbsf&auml;higkeit der deutschen Volkswirtschaft, die ca. zehn Jahre zur&uuml;ckliegen. Es sind gravierende Fehleinsch&auml;tzungen, die mitverantwortlich sind f&uuml;r die Ungleichgewichte in den internationalen Wirtschaftsbeziehungen und insbesondere f&uuml;r die Krise im Euroraum. Den falschen Propheten und Falschberatern hat dies nicht geschadet. Das liegt vor allem daran, dass die meisten Medien eng mit der Fehleinsch&auml;tzung verflochten sind und die Wissenschaft von der &Ouml;konomie unter einem schon des &Ouml;fteren beschriebenen Mangel an welfare&ouml;konomischer Bildung leidet. <strong>Albrecht M&uuml;ller<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\n<strong>Das Kanzleramtspapier vom Dezember 2002<\/strong><\/p><p>Steinmeier war Chef des Bundeskanzleramtes, als Ende Dezember 2002 ein Papier das Licht der Welt erblickte, das unter der Chiffre &bdquo;Kanzleramtspapier&ldquo; firmierte. Das Papier war eine Art Einleitung f&uuml;r die dann beginnende Diskussion zur Agenda 2010. Eines der Kernanliegen war offensichtlich der Druck auf die L&ouml;hne und auf die Entwicklung der &bdquo;Lohnnebenkosten&ldquo;. Im Papier stand zu lesen:<\/p><blockquote><p><em>&bdquo;Wie sch&auml;dlich steigende Lohnnebenkosten sind, zeigt die Entwicklung seit der Wiedervereinigung: 1990 betrugen die Beitragss&auml;tze zur Sozialversicherung noch 35,5%. Bis 1998 waren sie auf den historischen H&ouml;chstwert von 42% gestiegen. Im gleichen Zeitraum ist die Arbeitslosigkeit von 2,6 Mio. auf 4,28 Mio. Arbeitslose im Jahresdurchschnitt gestiegen. Die Zahl der Erwerbst&auml;tigen ging von 38,5 Mio. auf 37,2 Mio. in 1997 zur&uuml;ck.<\/em><br>\n<em>Deswegen &hellip; ist eine der Kernstrategien der Bundesregierung die auf eine Absenkung der Lohnebenkosten abzielende Modernisierung der sozialen Sicherungssysteme.&ldquo;<\/em><\/p><\/blockquote><p>Zehn Jahre sp&auml;ter stellen wir fest, dass diese Politik insgesamt die zuvor schon erkennbare Stagnation der L&ouml;hne fortgef&uuml;hrt hat und auch die Finanzierung der sozialen Sicherungssysteme und ihre Leistungsf&auml;higkeit beeintr&auml;chtigt.  Das, was man heute Niedriglohnsektor nennt, kombiniert mit der Erosion der sozialen Sicherungssysteme hat die Wettbewerbsf&auml;higkeit erh&ouml;ht und damit zum langsam dramatisch werdenden Ungleichgewicht der internationalen Wirtschafts- und W&auml;hrungsbeziehungen beigetragen.<br>\nDer Ruf des f&uuml;r das Kanzleramtspapier verantwortlichen Chefs des Bundeskanzleramtes Steinmeier hat darunter genauso wenig zu leiden gehabt wie der Ruf des damaligen Bundeskanzlers Gerhard Schr&ouml;der. <\/p><p>Dieser Vorgang ist insofern aktuell und relevant, als der potentielle Spitzenkandidat der SPD vermutlich auch heute nicht &uuml;ber seinen damals angelegten Schatten springen k&ouml;nnen wird. Wenn man eine solche Fehleinsch&auml;tzung hinter sich hat, dann braucht man schon sehr viel Charakterst&auml;rke, um zuzugeben, dass dies eine Fehleinsch&auml;tzung mit fatalen Folgen war. <\/p><p>Angesichts der Medienlage muss Steinmeier auch nicht mit Sanktionen von ihrer Seite rechnen. Auch nicht von Seiten der anderen etablierten Parteien und der Mehrheit der Wissenschaft. Sie lagen und liegen bis heute &auml;hnlich falsch.<\/p><p><strong>Gabor Steingart: Der Abstieg eines Superstars (2003)<\/strong><\/p><p>Der damalige Chef des Spiegelb&uuml;ros Berlin, Gabor Steingart, ver&ouml;ffentlichte wenige Monate nach Erscheinen des Kanzleramtspapiers, also in der Phase der Einf&uuml;hrung der Agenda 2010, ein dramatisch daher kommendes Buch. Er sah den industriellen Kern der Bundesrepublik Deutschland wegschwimmen. Hier ein Auszug aus dem Text <strong>der Amazon.de-Redaktion<\/strong>:<\/p><blockquote><p><em>&ldquo;Das Urteil des Autors ist schonungslos: Die deutsche Erfolgsstory ist l&auml;ngst zu Ende. Einst als Mustersch&uuml;ler gepriesen, verabschiedet sich die Bundesrepublik zunehmend aus dem Kreis der f&uuml;hrenden Volkswirtschaften.&ldquo;<\/em><\/p><\/blockquote><p>Heute ist der Autor Chefredakteur des Handelsblatts, also wahrlich nicht in der Versenkung verschwunden. Seine damalige grobe Fehleinsch&auml;tzung hat ihm nicht geschadet, vermutlich auch deshalb nicht, weil sein Buch zusammen mit &auml;hnlichen Ver&ouml;ffentlichungen seiner Partner Stefan Aust und Claus Richter die Funktion hatte, den neoliberalen Reformen den Weg zu bereiten und sie publizistisch zu begleiten. Da dies auch eine gro&szlig;e Zahl anderer Kolleginnen und Kollegen so hielt, muss er bis heute nicht mit Kritik an seiner groben Fehleinsch&auml;tzung rechnen.<\/p><p><strong>Hans-Werner Sinn: Ist Deutschland noch zu retten?<\/strong><\/p><p>Erscheinungstermin: 2003.<br>\nHier der Auszug aus Amazons Kurzbeschreibung:<\/p><blockquote><p><em>&bdquo;Deutschland ist zum kranken Mann Europas geworden. Das Bildungssystem ist miserabel, die Wettbewerbsf&auml;higkeit katastrophal.&ldquo;<\/em><\/p><\/blockquote><p>Dem &bdquo;besten &Ouml;konomen Deutschlands&ldquo; ist 2003 gleich ein doppelter Fehler unterlaufen &ndash; zum einen die zitierte grobe Fehleinsch&auml;tzung der Wettbewerbsf&auml;higkeit Deutschlands im Vergleich zu den USA, zum andern die Verwechslung von Exporten und Importen bei der Darstellung der Weltmarktposition der beiden L&auml;nder im Vergleich.<br>\nDar&uuml;ber habe ich in &bdquo;<a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?page_id=1114\">Machtwahn<\/a>&ldquo; berichtet. Dieser Text wurde am 11. Mai 2006 als Auszug aus &bdquo;Machtwahn&ldquo; betreffend Prof. Sinn, <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=1154\">Seiten 248-251 wiedergegeben<\/a>.<\/p><p>Prof. Sinn hat dann mit einem Buch &uuml;ber die &bdquo;Basar&ouml;konomie&ldquo; auf der gleichen Linie nach gelegt. Es hat ihm bis heute nicht geschadet, obwohl er auf der Seite der Wissenschaft einer der Hauptverantwortlichen f&uuml;r die Fehlentwicklung ist.<\/p><p>Wer sich etwas ausf&uuml;hrlicher mit der Frage der Wettbewerbsf&auml;higkeit und <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?page_id=23\">den Einlassungen des Prof. Sinn befassen will, findet einen immer noch aktuellen Text in &bdquo;Die Reforml&uuml;ge&ldquo;<\/a>. Auch diesen Text haben wir in den NachDenkSeiten wiedergegeben. Siehe <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=2785\">hier<\/a>.<\/p><p><strong>Man konnte alles wissen &uuml;ber die Fehlentwicklung &ndash; &uuml;ber das Auseinanderlaufen der Wettbewerbsf&auml;higkeiten und die Gefahren f&uuml;r den gemeinsamen W&auml;hrungsraum, den Euroraum.<\/strong><\/p><p>Der oben zitierte Text stammt von 2004. Aus dieser Zeit gibt es eine Reihe warnender Texte von Heiner Flassbeck. Ich selbst habe mich in &bdquo;<a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?page_id=1114\">Machtwahn<\/a>&ldquo; (2006) konkret zu dem absehbaren Problem ge&auml;u&szlig;ert. Dort hei&szlig;t es auf Seite 113 und 114:<\/p><blockquote><p><em>&bdquo;Fazit: Die wirtschaftlichen Folgen der neoliberal bestimmten Wirtschaftspolitik in Deutschland sind jetzt schon gravierend. Man kann in einem Land wie Deutschland nicht eine die Nachfrage abw&uuml;rgende und nur auf den Export zielende Politik betreiben, ohne die W&auml;hrungsunion zu gef&auml;hrden und\/oder den Partnerl&auml;ndern eine &auml;hnlich verr&uuml;ckte Stagnationspolitik zuzumuten. Wenn die sich abzeichnenden w&auml;hrungspolitischen Auswirkungen tats&auml;chlich eintreten, k&ouml;nnte sich unsere Situation noch erheblich verschlechtern.&ldquo;<\/em><\/p><\/blockquote><p>Dieser Text erschien im M&auml;rz 2006. Nach weiteren sechs Jahren stehen wir vor dem prognostizierten Scherbenhaufen. Und wiederum wird der Wahnsinn von Wissenschaft und Publizistik gedeckt. Ein besonders gravierendes Beispiel f&uuml;r diese Ignoranz findet sich heute in der FAZ:<\/p><p><a href=\"http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/wirtschaft\/aussenhandel-ungleichgewichte-11854842.html#Drucken%20\"><strong>Au&szlig;enhandel<\/strong> Ungleichgewichte<\/a><br>\nFAZ 13.08.2012&nbsp;&middot;&nbsp; Deutschlands Export&uuml;berschuss ist nochmals gestiegen. Jetzt wird wieder &uuml;ber angebliche &bdquo;Ungleichgewichte&ldquo; debattiert. Verfehlt ist eine solche Diskussion vor allem dann, wenn sie &Uuml;bersch&uuml;sse und Defizite als gleicherma&szlig;en problematisch anprangert.<br>\n&hellip;<br>\nVon <strong>Philip Plickert<\/strong><\/p><p>Lesen Sie diesen kurzen Text. Nach Meinung des Autors haben die &bdquo;Marktkr&auml;fte&ldquo; zu den hohen &Uuml;bersch&uuml;ssen in Deutschland gef&uuml;hrt. Er hat nicht verstanden, dass in der Tat Defizite und &Uuml;bersch&uuml;sse die beiden Seiten der gleichen Medaille sind. Und er sieht keinen Grund zur Sorge. Da muss man doch wohl fragen d&uuml;rfen:<\/p><p><strong>Kann sich die FAZ keine besser ausgebildeten Wirtschaftsredakteure leisten?<\/strong><\/p><p><strong>Zur besseren Ausbildung w&uuml;rde geh&ouml;ren, dass &Ouml;konomen nicht nur in Geldgr&ouml;&szlig;en zu denken verm&ouml;gen, sondern auch in &bdquo;real terms&ldquo;. Sie m&uuml;ssten die Theorie der Marktwirtschaft von der optimalen Allokation der Ressourcen lernen.<\/strong><\/p><p>Dann w&uuml;rden sie begreifen, dass auf Dauer angesammelte Export&uuml;bersch&uuml;sse verschenkter Wohlstand sind. Wir leben gravierend unter unseren Verh&auml;ltnissen und wir richten in der aktuell gegebene Situation auch noch den Schaden an, dass wir Arbeitslosigkeit exportieren. Wenn man nicht in monet&auml;ren Gr&ouml;&szlig;en, sondern in realen Gr&ouml;&szlig;en denkt, dann wei&szlig; man, dass man Forderungen gegen amerikanische Importeure nicht essen kann und sich damit auch nicht kleiden kann. Im Denkfehler Nummer 17 &bdquo;Wir leben vom Export&ldquo; (Die Reforml&uuml;ge) ist mehr dazu gesagt. Auch diesen Text haben wir <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=2813\">ins Netz gestellt<\/a>.<\/p><p>Es bleibt noch anzumerken, dass die zuvor genannten Personen keinesfalls einzigartig sind. Es gibt zuhauf &auml;hnliche Texte und Einlassungen von Angela Merkel, von Sch&auml;uble, von Steinbr&uuml;ck, usw. Fehleinsch&auml;tzungen sind sozusagen die Regel. Und das Ausbleiben der Strafe\/Sanktion gegen Fehlberatung und Fehlentscheidung ist auch die Regel.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Heute sind die Medien voll von Meldungen (S.a. <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=14152\">hier<\/a>) &uuml;ber einen wahrscheinlichen Leistungsbilanz&uuml;berschuss Deutschlands von rund 163 Milliarden &euro;. Damit hat sich seit dem Jahr 2000 ein Leistungsbilanz&uuml;berschuss von weit &uuml;ber 1 Billion angesammelt. Das erinnert an Einsch&auml;tzungen und politische Forderungen zum Ausbau der Wettbewerbsf&auml;higkeit der deutschen Volkswirtschaft, die ca. zehn Jahre zur&uuml;ckliegen. Es<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=14156\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[25,13,139,157],"tags":[499,288,419,252],"class_list":["post-14156","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-lohnnebenkosten","category-denkfehler-wirtschaftsdebatte","category-euro-und-eurokrise","category-wettbewerbsfaehigkeit","tag-handelsbilanz","tag-prekaere-beschaeftigung","tag-steingart-gabor","tag-steinmeier-frank-walter"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/14156","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=14156"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/14156\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":14158,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/14156\/revisions\/14158"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=14156"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=14156"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=14156"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}