{"id":141577,"date":"2025-11-05T10:00:35","date_gmt":"2025-11-05T09:00:35","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=141577"},"modified":"2025-11-12T09:23:04","modified_gmt":"2025-11-12T08:23:04","slug":"blick-aus-dem-globalen-sueden-die-welt-finanziert-das-us-defizit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=141577","title":{"rendered":"Blick aus dem Globalen S\u00fcden: Die Welt finanziert das US-Defizit"},"content":{"rendered":"<p>Der Status des US-Dollars als Weltreservew&auml;hrung erm&ouml;glicht es den USA, ihre Inflation zu exportieren und &uuml;ber ihre Verh&auml;ltnisse zu leben &ndash; auf Kosten aller anderen. Die gro&szlig;e Frage ist, wie lange dieses System aufrechterhalten werden kann. Es gibt bereits Versuche, Alternativen zu schaffen: den chinesischen Yuan oder Renminbi, die BRICS-Initiativen zum Handel in lokalen oder sogar in digitalen W&auml;hrungen der Zentralbanken. Von <strong>Jaime Bravo<\/strong> und <strong>Jorge Coulon<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\n<em>Anmerkung der Redaktion (6. November): Dieser Artikel enth&auml;lt einige Aussagen, die &ouml;konomisch falsch sind. Die NachDenkSeiten werden morgen am 7. November eine ausf&uuml;hrlichere Anmerkung zu den Denkfehlern ver&ouml;ffentlichen, die den Autoren dieses Artikels unterlaufen und die auch generell in vielen klassischen und alternativen Medien weiterverbreitet sind. Die angek&uuml;ndigte Entgegnung von Jens Berger k&ouml;nnen Sie nun <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=141711\">hier nachlesen<\/a>.<\/em><\/p><p>Im August 1971 verk&uuml;ndete der damalige US-Pr&auml;sident Richard Nixon die Aussetzung der Bindung des Dollars an Gold.<\/p><p>Damit endete ein Zyklus, der mit den Bretton-Woods-Abkommen [1944, Anm. d. Red.] begonnen hatte, die den USA &ndash; der einzigen Industrie- und Finanzmacht, die mit ihren intakten Kapazit&auml;ten und als Kreditgeber f&uuml;r den Rest der Welt aufstrebten &ndash; die M&ouml;glichkeit gaben, ihre W&auml;hrung zur globalen Wertreserve zu machen.<\/p><p>Aber selbst mit diesem amerikanischen Gewicht mussten die USA Kompromisse bei der Golddeckung eingehen und daf&uuml;r die Reserven der westlichen L&auml;nder konzentrieren. Niemand war bereit, die Druckerpresse f&uuml;r die Reservew&auml;hrung einem einzigen Land zu &uuml;berlassen.<\/p><p>Mit der Aufhebung der Konvertibilit&auml;t &ndash; dem sogenannten Nixon-Schock &ndash; brach das Bretton-Woods-System zusammen, das seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs f&uuml;r Stabilit&auml;t im internationalen Handel gesorgt hatte. Der Goldstandard, der garantierte, dass jeder Dollar gegen eine feste Menge Edelmetall eingetauscht werden konnte, wurde aufgegeben.<\/p><p>Seitdem wird der Dollar allein durch &bdquo;Vertrauen&rdquo; in die US-Wirtschaft und die politische und milit&auml;rische Macht, die dahintersteht, gest&uuml;tzt.<\/p><p>Aber das ist nicht alles. Die erzwungene Verwendung des Dollars f&uuml;hrte zur Entstehung der Petrodollars. Nixon selbst unterzeichnete ein Abkommen mit Saudi-Arabien, wonach dieses Land &ndash; seinerzeit der f&uuml;hrende &Ouml;lexporteur &ndash; nur Zahlungen in US-Dollar akzeptieren w&uuml;rde. Im Gegenzug w&uuml;rden die USA die Sicherheit Saudi-Arabiens garantieren.<\/p><p>Die hohe Abh&auml;ngigkeit der Weltwirtschaft vom &Ouml;l sicherte den Fortbestand dieser W&auml;hrung als Reservew&auml;hrung und als universellstes internationales Zahlungsmittel.<\/p><p><strong>Exorbitantes Privileg<\/strong><\/p><p>Dieser &Uuml;bergang zu einer auf &bdquo;Vertrauen&rdquo; basierenden W&auml;hrung f&uuml;hrte zu einer besonderen Finanzordnung: Die W&auml;hrung eines einzigen Landes wurde der globale Ma&szlig;stab.<\/p><p>Damit erlangte Washington ein beispielloses Privileg: Es kann nach Belieben Dollar drucken, ohne dass die Welt diese ablehnt. Tats&auml;chlich verlangt die Welt nach ihnen. Zentralbanken, Regierungen und Unternehmen ben&ouml;tigen Dollar, zum Handeln, Sparen und Leihen. Was f&uuml;r jede andere Nation ein sicheres Rezept f&uuml;r Inflation w&auml;re, wird f&uuml;r die USA zu einem Mechanismus f&uuml;r globale Finanzierung.<\/p><p>Der damalige Finanzminister &ndash; und sp&auml;tere Pr&auml;sident Frankreichs &ndash; Val&eacute;ry Giscard d&rsquo;Estaing bezeichnete diese Situation als &bdquo;exorbitantes Privileg&rdquo;.<\/p><p>Und er hatte recht: Dank der Hegemonie des Dollars k&ouml;nnen die USA &uuml;ber ihre Verh&auml;ltnisse leben und ihre Haushalts- und Handelsdefizite mit Papiergeld &ndash; oder digitalen Belegen &ndash; finanzieren, die andere wie Gold horten.<\/p><p><strong>Wie die Maschinerie funktioniert<\/strong><\/p><p>Die Maschinerie funktioniert auf einfache und brutale Art und Weise.<\/p><p>Wie wir gesehen haben, werden &Ouml;l und die meisten anderen Rohstoffe in Dollar gehandelt. Internationale Schulden werden in Dollar angegeben. Die Reserven der Zentralbanken werden in Dollar gehalten. Somit zahlt jedes Land der Welt eine Art &bdquo;Tribut&rdquo; an das Zentrum des Systems.<\/p><p>Wenn die Federal Reserve die Geldmenge erweitert &ndash; wie nach der Krise von 2008 oder w&auml;hrend der Pandemie von 2020 &ndash;, injiziert sie Liquidit&auml;t, die &uuml;ber ihre Grenzen hinausflie&szlig;t.<\/p><p>Ein Teil dieser Dollar zirkuliert in der Weltwirtschaft, &uuml;bt Druck auf Preise aus und wertet lokale W&auml;hrungen ab. Andere kehren in Form von K&auml;ufen von Treasury Bonds[<a href=\"#foot_1\" name=\"note_1\">*<\/a>], die als die sichersten Anlagen der Welt gelten, in die USA zur&uuml;ck. In beiden F&auml;llen gewinnt Washington: Es finanziert seine Schulden zu niedrigen Kosten und exportiert einen Teil seiner Inflation.<\/p><p><strong>Nicht alle Schuld liegt beim Dollar<\/strong><\/p><p>Dieser Punkt sollte differenziert werden. Die globale Inflation l&auml;sst sich nicht allein durch die Emissionen der USA erkl&auml;ren. Noch andere Faktoren sind im Spiel: Kriege, die die Lieferketten unterbrechen; &Ouml;lpreisanstiege; Pandemien, die die Produktion beeintr&auml;chtigen; Finanzspekulationen und die Innenpolitik der einzelnen L&auml;nder.<\/p><p>Aber der Dollar wirkt wie ein Verst&auml;rker: Sein Status als globale Reservew&auml;hrung bedeutet, dass die Kosten der Entscheidungen der USA auf globaler Ebene verteilt werden.<\/p><p>Wenn beispielsweise die Federal Reserve die Zinsen erh&ouml;ht, flie&szlig;t Kapital aus Schwellenl&auml;ndern in Treasury Bonds, wodurch der Dollar gest&auml;rkt und die nationalen W&auml;hrungen geschw&auml;cht werden. Dies macht Importe teurer, erh&ouml;ht die Kosten der Auslandsverschuldung und trifft die peripheren Volkswirtschaften direkt.<\/p><p>Es macht deutlich, dass die W&auml;hrungssouver&auml;nit&auml;t des Globalen S&uuml;dens an die Entscheidungen einer Zentralbank gebunden ist, die ausschlie&szlig;lich den Interessen der USA dient, mit F&uuml;hrungskr&auml;ften aus der privaten Finanzwelt und einem von der Exekutive ernannten Pr&auml;sidenten.<\/p><p><strong>Unsichtbare Finanzierung<\/strong><\/p><p>Das Ergebnis ist paradox: Die ganze Welt finanziert das Defizit der USA. Das am h&ouml;chsten verschuldete Land der Welt bleibt gleichzeitig in den Augen der M&auml;rkte das solventeste. Nicht weil seine Konten in Ordnung sind, sondern weil es immer in der W&auml;hrung bezahlen kann, die nur es selbst ausgibt.<\/p><p>Es ist, als akzeptierten alle anderen bereitwillig, ewige Gl&auml;ubiger einer Macht zu sein, die niemals beabsichtigt, sie in Gold zur&uuml;ckzuzahlen, sondern nur in ihrem eigenen gedruckten Versprechen.<\/p><p><strong>Wie lange wird das so weitergehen?<\/strong><\/p><p>Die gro&szlig;e Frage ist, wie lange dieses System aufrechterhalten werden kann. Es gibt bereits Versuche, Alternativen zu schaffen: den chinesischen Yuan oder Renminbi, die BRICS-Initiativen zum Handel in lokalen oder sogar in digitalen W&auml;hrungen der Zentralbanken. Der Euro, obwohl wichtig, hat es nicht geschafft, den Dollar von seinem Thron zu sto&szlig;en.<\/p><p>Die Hegemonie des Dollars ist nicht nur eine wirtschaftliche Frage: Sie ist ein Machtinstrument. Die USA drucken nicht nur die W&auml;hrung, die jeder benutzt, sie k&ouml;nnen auch Transaktionen blockieren, Finanzsanktionen verh&auml;ngen und ganze L&auml;nder aus dem Zahlungssystem ausschlie&szlig;en. Krieg und Finanzen sind auf demselben Schlachtfeld verwoben.<\/p><p>Unterdessen tr&auml;gt der Rest der Welt die Kosten: importierte Inflation, teurere Schulden, wiederkehrende W&auml;hrungskrisen.<\/p><p>Die Schlussfolgerung ist unbequem, aber klar: Wir leben in einer Ordnung, in der der Emittent der Weltw&auml;hrung Geld ausgibt, das er nicht hat, und der Rest der Welt die Rechnung bezahlt &ndash; zunehmend mit dem, was er ebenfalls nicht hat: steigende Schulden und verpf&auml;ndete Souver&auml;nit&auml;t.<\/p><p>Vielleicht wird das 21. Jahrhundert die Herausbildung eines neuen monet&auml;ren Gleichgewichts mit sich bringen. Aber solange der Dollar weiterhin dominiert, wird das Paradoxon bestehen bleiben: Die USA produzieren Defizite, und die ganze Welt finanziert sie.<\/p><p><em>Der Beitrag erschien <a href=\"https:\/\/aliran.com\/web-specials\/the-world-finances-the-us-deficit\">im Original auf Aliran<\/a>, &Uuml;bersetzung aus dem Englischen von Marta Andujo.<\/em><\/p><p><em>&Uuml;ber die Autoren:<\/em><\/p><ul>\n<li><em><strong>Jaime Bravo<\/strong> aus Chile ist Wirtschaftswissenschaftler und Vorsitzender der Corporaci&oacute;n Encuentro Ciudadano.<\/em><\/li>\n<li><em><strong>Jorge Coulon<\/strong> aus Chile ist Musiker, Schriftsteller und Kulturmanager. Er ist Gr&uuml;ndungsmitglied der Gruppe Inti Illimani.<\/em><\/li>\n<\/ul><p><small>Titelbild: Pla2na \/ Shutterstock<\/small><\/p><div class=\"moreLikeThis\">\n<strong>Mehr zum Thema:<\/strong>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=98689\">Gipfeltreffen der s&uuml;damerikanischen Staatschefs in Brasilien: St&auml;rkere Integration und Pl&auml;doyer f&uuml;r Abkehr vom US-Dollar im regionalen Handel<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=96491\">BRICS-Entwicklungsbank verk&uuml;ndet konkrete Schritte, um Dominanz des US-Dollars aufzubrechen<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=141525\">KI &ndash; die irrsinnige Billionen-Dollar-Wette der USA<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=44442\">Fake: Es gibt kein Handelsdefizit der USA gegen&uuml;ber der EU<\/a>\n<\/p><\/div><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><div class=\"footnote\">\n<p>[<a href=\"#note_1\" name=\"foot_1\">&laquo;*<\/a>] Treasury Bonds sind eine Form der Schuldenaufnahme durch Staaten, um sich zu finanzieren. Die US-Treasury Bonds werden vom US-Finanzministerium herausgegeben.<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Status des US-Dollars als Weltreservew&auml;hrung erm&ouml;glicht es den USA, ihre Inflation zu exportieren und &uuml;ber ihre Verh&auml;ltnisse zu leben &ndash; auf Kosten aller anderen. Die gro&szlig;e Frage ist, wie lange dieses System aufrechterhalten werden kann. Es gibt bereits Versuche, Alternativen zu schaffen: den chinesischen Yuan oder Renminbi, die BRICS-Initiativen zum Handel in lokalen oder<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=141577\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":141578,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[134,135],"tags":[1334,1426,365,2640,637,325,1556,3203],"class_list":["post-141577","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-finanzen-und-waehrung","category-finanzpolitik","tag-erdoel","tag-hegemonie","tag-inflation","tag-leitwaehrung","tag-staatsanleihen","tag-staatsschulden","tag-usa","tag-zentralbank"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2025\/11\/shutterstock_2457709427.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/141577","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=141577"}],"version-history":[{"count":7,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/141577\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":141972,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/141577\/revisions\/141972"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/141578"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=141577"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=141577"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=141577"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}