{"id":1416,"date":"2006-07-17T09:10:14","date_gmt":"2006-07-17T07:10:14","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/v2\/?p=1416"},"modified":"2016-02-02T14:42:32","modified_gmt":"2016-02-02T13:42:32","slug":"innenansicht-der-wahlen-in-mexiko","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=1416","title":{"rendered":"Innenansicht der Wahlen in Mexiko"},"content":{"rendered":"<p>Einer unserer Leser in Mexiko hat uns eine Wahlanalyse der dortigen Wahl vom 2. Juli von Onel Ort&iacute;z Fragoso, wissenschaftlicher Mitarbeiter der Fraktion der sozialdemokratischen Partido de la Revoluci&oacute;n Democratica (PRD) im Senat, zur Verf&uuml;gung gestellt. Da der Wahlausgang gro&szlig;e Bedeutung f&uuml;r die weitere politische Entwicklung in S&uuml;d- und Mittelamerika, vor allem f&uuml;r das Verh&auml;ltnis dieser Staaten zu den USA hat, wollen wir Ihnen diesen Bericht zur Kenntnis bringen. Wir haben bisher jedenfalls keine vergleichbare Innenansicht der Wahlen in Mexiko nachlesen k&ouml;nnen.<br>\n<!--more--><br>\n<strong>Die Wahlergebnisse vom 2. Juli<\/strong><\/p><p>von Onel Ort&iacute;z Fragoso<br>\n7. Juli 2006<\/p><p>Die Wahlergebnisse vom 2. Juli zeichnen sich besonders durch zwei Punkte aus:<\/p><ol>\n<li>der knappe Wahlausgang bei der Pr&auml;sidentschaftswahl,<\/li>\n<li>die neue Wahlgeografie, bei der die PRI (Partido Revolucionario Institucional, &uuml;ber 70 Jahre an der Regierung, 2000 von PAN unter Vicente Fox abgel&ouml;st, neoliberal) vom ersten auf den letzten Platz fiel.<\/li>\n<\/ol><p>Friedlicher Wahltag, sonniger Morgen, regnerischer Nachmittag. Hohe Wahlbeteiligung (59%). &Auml;ngste wurden beschw&ouml;rt. Die Polarisierung und die den Wahlen vorausgehenden Disqualifikationen konnten den Urnengang nicht schm&auml;lern. Die B&uuml;rger gingen ihrem Wahlrecht nach. Eine Herausforderung f&uuml;r die Wahlbeh&ouml;rde IFE (Instituto Federal Electoral) und die Parteien. Aufruf zur Verantwortlichkeit. Das Land schwebt nicht in Ungewissheit, aber es er&ouml;ffnet sich die M&ouml;glichkeit einer den Wahlen folgenden Mobilisation.<\/p><p>Bei der Pr&auml;sidentenwahl waren sowohl die Hochrechnung des IFE als auch die des PREP (Computerprogramm des IFE f&uuml;r Hochrechnungen) unzureichend, um einen Sieger festzustellen. Im Gegenteil, es wurde vielmehr die Begrenztheit beider offengelegt.<\/p><p>Die Aufrufe zur M&auml;&szlig;igung von Seiten des IFE-Pr&auml;sidenten Luis Carlos Ugalde bewirkten wenig. So erkl&auml;rten sich Sonntagnacht sowohl Andr&eacute;s Manuel L&oacute;pez Obrador von der PRD (Partido de la Revoluci&oacute;n Democratica, sozialdemokratisch) als auch Felipe Calder&oacute;n von der PAN (Partido Acci&oacute;n Nacional, rechtskonservativ) zum Wahlsieger.<\/p><p>Am Montag endete die PREP-Ausz&auml;hlung. Felipe Caledr&oacute;n (PAN) erhielt 36,38 % der Stimmen, Andr&eacute;s Manuel (PRD) 25,34 %, Roberto Madrazo (PRI) 21,57 %, Patricia Mercado (Alternativa Socialdem&oacute;crata y Campesina, sozialdemokratisch) 2,81 % und Roberto Campa Cifri&aacute;n (PANAL &ndash; Partido Nueva Alianza, konservativ) 0,99 %. Von diesem Moment an &auml;nderten sich die Strategien. Felipe Calder&oacute;n begann mit einer Kampagne, um seinen Sieg zu legitimieren. Andr&eacute;s Manuel hingegen setzte all seine Kraft darauf, die Wahlunterlagen zu sammeln und die Widerspr&uuml;che im PREP offenzulegen.<\/p><p>Im Verlauf des Montags begann Roberto Campa das vorl&auml;ufige Resultat des PREP &ouml;ffentlich zu unterst&uuml;tzen und Dienstagmittag schickte die PP (Partido Popular) Spaniens ein Gl&uuml;ckwunschschreiben an Felipe Caledr&oacute;n. In verschiedenen Kreisen der Macht und der Medien kursierten Ger&uuml;chte, deren Ziel es war zu verbreiten, dass der Kandidat der PAN die Wahlen gewonnen habe. Auf diese Weise sollte Andr&eacute;s Manuel unter Druck gesetzt werden.<\/p><p>Auf der anderen Seite beklagten der Kandidat der Coalici&oacute;n por el Bien de Todos (Koalition aus PRD und zwei kleinen Parteien (PT &ndash; Partido del Trabajo, Convergencia, beide sozialdemokratisch)) und sein Wahlkampfteam die Unregelm&auml;&szlig;igkeiten des PREP. Die eindeutigste Unregelm&auml;&szlig;igkeit dabei war, dass 3,5 Millionen Stimmen vom PREP nicht registriert wurden. Stimmen aus Wahlurnen, deren Akten aus verschiedensten Gr&uuml;nden unleserlich waren. Diese Klage wurde am sp&auml;ten Dienstag vom f&uuml;r die Hochrechnung und das PREP verantwortlichen Technischen Komitees des IFE best&auml;tigt.<\/p><p>Am Mittwoch, 5. Juli, ab 8 Uhr morgens bis in die Morgenstunden des 6. Julis wurden dann die Wahldistriktsausrechnungen vorgenommen. Erneute Anspannung. Wieder verzerrte Gesichter. Von Mittwochmittag an lag Andr&eacute;s Manuel f&uuml;r die n&auml;chsten 16 Stunden im Computer vorne. Offene Augen und Gesichter des Unglaubens vor jeder Aktualisierung der Resultate. Um Mitternacht verlie&szlig; der Kandidat der Coalici&oacute;n por el Bien de Todos seine Wahlkampfzentrale und fuhr nach Hause. Zur gleichen Zeit begannen Sympathisanten und Mitarbeiter von Felipe Caledr&oacute;n sich in der nationalen Parteizentrale der PAN zu treffen. In den jeweiligen Wahlkampfzentralen wusste man Bescheid, welche Distrikte noch fehlten und wie sich die Resultate noch &auml;ndern w&uuml;rden. Die Differenz verringerte sich dramatisch und um 04:07 morgens &uuml;berholte Felipe Caledr&oacute;n Andr&eacute;s Manuel.<\/p><p>Mit 100% der Ergebnisse erhielt Felipe Calder&oacute;n 35,88% und Andr&eacute;s Manuel L&oacute;pez Obrador 35,31 %. Der Unterschied bel&auml;uft sich gerade einmal auf 0,57%.<\/p><p>Nachdem der Pr&auml;sident des IFE das Ergebnis offiziell verk&uuml;ndete, erkl&auml;rte Felipe Calder&oacute;n eine Regierung der Nationalen Einheit zu bilden und in einen Dialog mit den anderen Kandidaten zu treten. Andr&eacute;s Manuel erkannte das Ergebnis nicht an und verk&uuml;ndete, vor das Wahltribunal zu ziehen, gleichzeitig rief er zu einer &ouml;ffentlichen Versammlung am Samstag, 8.Juli, auf dem Zocalo (zentraler Platz in Mexiko Stadt) um 17 Uhr auf.<\/p><p>Am Samstag auf einem von Sympathisanten &uuml;berf&uuml;llten Zocalo (ca. 400.000 Teilnehmer) wurden zwei Tonbandaufnahmen pr&auml;sentiert, eine mit Elba Esther Gordillo (Vorsitzende der einflussreichsten Lehrergewerkschaft) und dem Gouverneur von Tamaulipas (PRI), eine andere mit diesem und dem Kommunikationsminister Pedro Cerisola. Diese Tonbandaufnahmen konnten beweisen, auf welche Weise die Kazique der Lehrer eine politische Operation zugunsten Felipe Calder&oacute;ns durchf&uuml;hrte. Andr&eacute;s Manuel bezeichnete Vicente Fox als Verr&auml;ter der Demokratie und disqualifizierte den IFE. Er richtete sich an das h&ouml;chste Wahltribunal (TEPJDF- Tribunal Electoral del Poder Judicial de la Federaci&oacute;n) und das H&ouml;chste Gericht (SCJN &ndash; Suprema Corte de Justicia de la Naci&oacute;n), verantwortungsvoll zu agieren. Zugleich bat er das Milit&auml;r darum, die Distriktszentralen des IFE zu bewachen. Au&szlig;erdem rief er zu einer sozialen Mobilisation zur Verteidigung der Demokratie auf.<\/p><p>Geografisch gesehen gewann Felipe Calder&oacute;n 16 Staaten: Aguascaliente, Baja California, Coahuila, Colima, Chihuahua, Durango, Guanajuato, Jalisco, Nuevo Le&oacute;n, Puebla, Quer&eacute;taro, San Luis Potos&iacute;, Sinaloa, Sonora, Tamaulipas und Yucat&aacute;n.<\/p><p>Andr&eacute;s Manuel gewann in 15 Staaten und im Distrito Federal: Baja California Sur, Campeche, Chiapas, Distrito Federal, Guerrero, Hidalgo, M&eacute;xico, Michoac&aacute;n, Morelos, Nayarit, Oaxaca, Quintana Roo, Tabasco, Tlaxcala, Veracruz und Zacatecas. Roberto Madrazo gewan nirgends. <\/p><p>Felipe Caledr&oacute;n gewann die Wahlbezirke I und II; Andr&eacute;s Manuel die drei restlichen.<br>\nGeografisch geht der Norden mit Ausnahme von Baja California Sur an die PAN, der S&uuml;den mit Ausnahme von Yucat&aacute;n an die Coalici&oacute;n por el Bien de Todos. Das Zentrum ist dabei hart umk&auml;mpft.<\/p><p>Einige Fakten, die das Ergebnis der Pr&auml;sidentschaftswahl und die neue Wahlgeografie erkl&auml;ren m&ouml;gen:<\/p><ol>\n<li>Die Polarisierung der Wahlkampagnen. Die extreme Gegnerschaft der Kandidaten, wie sie sich vor den Wahlen zeigte, wurde in ein eindeutiges Votum f&uuml;r Felipe Calder&oacute;n und f&uuml;r Andr&eacute;s Manuel L&oacute;pez Obrador &uuml;bertragen.<\/li>\n<li>Die differenzierten Stimmen. Vor allem in den 16 von der PRI regierten Staaten zeigt sich eine differenzierte Stimmabgabe bzgl. der Parlamentarier und Senatoren auf der einen Seite und des Pr&auml;sidenten auf der anderen Seite. Die Nordstaaten differenzierten ihre Stimmen zugunsten Felipe Calder&oacute;ns, die Staaten des Zentrums und S&uuml;dens zugunsten Andr&eacute;s Manuels.<\/li>\n<li>Die korporativistische Kontrolle, jedoch nicht vergleichbar mit fr&uuml;her. Die verschiedenen gewerkschaftlichen Organisationen schlossen sich einem der drei Kandidaten an. Trotzdem sticht vor allem die Rolle des SNTE (Sindicato Nacional de Trabajadores de la Educaci&oacute;n &ndash; Lehrergewerkschaft Gordillos) hervor.<br>\nBei der Diputierten- und Senatorenwahl stimmten sie f&uuml;r die PANAL, dadurch konnte diese Partei ihren endg&uuml;ltigen Parteienstatus erhalten, bei der Pr&auml;sidentenwahl stimmten sie f&uuml;r Felipe Caledr&oacute;n. Im Hinblick auf den engen Wahlausgang, waren die Stimmen der von Elba Esther Gordillo kontrollierten Lehrer f&uuml;r den Triumpf Caledr&oacute;ns ma&szlig;gebend.<\/li>\n<\/ol><p>Wie auch immer das Endergebnis ausfallen m&ouml;ge, die neue Regierung ist dazu verdammt, mit den restlichen politischen Kr&auml;ften Vereinbarungen auszuhandeln. Ohne Zweifel wird die junge mexikanische Demokratie in den kommenden zwei Monaten ihrer h&auml;rtesten Pr&uuml;fung unterzogen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Einer unserer Leser in Mexiko hat uns eine Wahlanalyse der dortigen Wahl vom 2. Juli von Onel Ort&iacute;z Fragoso, wissenschaftlicher Mitarbeiter der Fraktion der sozialdemokratischen Partido de la Revoluci&oacute;n Democratica (PRD) im Senat, zur Verf&uuml;gung gestellt. Da der Wahlausgang gro&szlig;e Bedeutung f&uuml;r die weitere politische Entwicklung in S&uuml;d- und Mittelamerika, vor allem f&uuml;r das Verh&auml;ltnis<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=1416\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[20,190],"tags":[1570,255],"class_list":["post-1416","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-landerberichte","category-wahlen","tag-mexiko","tag-wahlanalyse"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1416","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1416"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1416\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":30798,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1416\/revisions\/30798"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1416"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1416"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1416"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}