{"id":141681,"date":"2025-11-09T13:00:29","date_gmt":"2025-11-09T12:00:29","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=141681"},"modified":"2025-11-10T10:56:02","modified_gmt":"2025-11-10T09:56:02","slug":"russischer-diplomat-ueber-1989-oeffnung-der-deutsch-deutschen-grenze-zerstoerte-nachkriegsordnung-teil-1","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=141681","title":{"rendered":"Russischer Diplomat \u00fcber 1989: \u201e\u00d6ffnung der deutsch-deutschen Grenze zerst\u00f6rte Nachkriegsordnung\u201c \u2013 Teil 1"},"content":{"rendered":"<p>&bdquo;Wir mussten neu bauen &ndash; aus einer Position der Schw&auml;che&ldquo; &ndash; Mit diesen Worten beschreibt der sowjetisch\/russische Diplomat <strong>Wladimir Michailowitsch Polenow<\/strong> die damalige Lage Moskaus im Umbruch von 1989\/90. Im Gespr&auml;ch mit <strong>Artem Pawlowitsch Sokolow<\/strong> beleuchtet Polenow die Umst&auml;nde des Beitritts der DDR zur BRD, die Besonderheiten des Verhandlungsprozesses und teilt seine pers&ouml;nliche Einsch&auml;tzung der Folgen der Ereignisse von 1989\/90. Aus dem Russischen &uuml;bersetzt von <strong>&Eacute;va P&eacute;li<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nDie deutsche Wiedervereinigung stellte die Sowjetunion vor immense politische und diplomatische Herausforderungen. Polenow, ehemaliger Mitarbeiter der sowjetischen Botschaft in der BRD, war nicht nur hautnah an den Geschehnissen beteiligt. Er war sp&auml;ter als Mitarbeiter des Au&szlig;enministeriums ma&szlig;geblich an der Ausarbeitung zentraler Abkommen, einschlie&szlig;lich des Zwei-plus-Vier-Vertrags, beteiligt.<\/p><p><strong>Artem Sokolow: Wladimir Michailowitsch, vielen Dank, dass Sie sich die Zeit genommen haben, mit uns zu sprechen. Haben Sie Ende der 1980er-Jahre eine Perspektive f&uuml;r eine m&ouml;gliche Wiedervereinigung Deutschlands gesehen?<\/strong><\/p><p><strong>Wladimir Polenow:<\/strong> Im September 1989, nach siebeneinhalb Jahren fast ununterbrochenen Aufenthalts in Deutschland, machte ich mich auf den Weg nach Hause nach Moskau. Botschafter Juli Alexandrowitsch Kwizinski wollte mich damals nicht so recht gehen lassen &ndash; auch weil sich in Ostdeutschland Prozesse anbahnten, die sp&auml;ter zu dem f&uuml;hrten, was wir heute haben.<\/p><p>Ich w&uuml;rde nicht sagen, dass wir damals in der Botschaft der Sowjetunion in der Bundesrepublik Deutschland das Gef&uuml;hl hatten, dass gleich etwas passieren w&uuml;rde &ndash; und dass alles innerhalb einer Stunde zusammenbrechen w&uuml;rde. Ich glaube nicht wirklich denen, die sp&auml;ter behaupteten, sie h&auml;tten diese rasante Entwicklung der Ereignisse vorausgesehen, die wie eine Dampfwalze &uuml;ber die gesamte internationale Lage hinwegrollte, einschlie&szlig;lich des V&ouml;lkerrechts. Aber es war klar, dass ein Prozess in Richtung einer &bdquo;Zerlegung&ldquo; der DDR in Gang gekommen war.<\/p><p>Das haben wir schon 1986 gesp&uuml;rt. Warum? Schon damals war uns, die wir in Bonn arbeiteten, durch unsere Kontakte klar, dass die mit dem Amtsantritt von Michail Sergejewitsch Gorbatschow begonnene Politik der damaligen DDR-F&uuml;hrung nicht gefiel. Bezeichnend war der Besuch meines guten Freundes, des Ministerpr&auml;sidenten von Baden-W&uuml;rttemberg, Lothar Sp&auml;th, bei Erich Honecker in Ostberlin. In jenen Jahren hatte ich offiziell die Position des Kulturattach&eacute;s der Botschaft inne und war dar&uuml;ber hinaus faktisch Assistent des amtierenden Botschafters J. A. Kwizinski. Sp&auml;th rief mich an und bat mich, zur Er&ouml;ffnung einer Ausstellung ostdeutscher K&uuml;nstler in Stuttgart zu kommen. Bemerkenswert ist, dass mich die St&auml;ndige Vertretung der DDR nicht zu dieser Veranstaltung eingeladen hatte, obwohl ich Kulturberater war &hellip; Ich konnte nicht zur Er&ouml;ffnung kommen &ndash; entweder wegen Staus oder aus einem anderen Grund. Ich kam erst zum Abendessen, und Sp&auml;th erz&auml;hlte mir am Rande ausf&uuml;hrlich von seinem Gespr&auml;ch mit Honecker. Nat&uuml;rlich sprachen sie &uuml;ber die Sowjetunion, die Perestroika und Gorbatschow. Honecker beschimpfte ohne Umschweife unseren Staatschef und benutzte dabei alle Schimpfw&ouml;rter, die ihm einfielen. Nach meiner R&uuml;ckkehr nach Bonn berichtete ich Botschafter Kwizinski ausf&uuml;hrlich &uuml;ber dieses Gespr&auml;ch. Letztendlich beschlossen wir, Moskau dar&uuml;ber nicht zu informieren.<\/p><p>So war bereits 1986 eine Diskrepanz zwischen der Wahrnehmung unserer Perestroika durch die DDR-F&uuml;hrung und der eigenen Realit&auml;t offensichtlich. Die Spaltung innerhalb der DDR verst&auml;rkte sich mit dem Besuch Gorbatschows in Bonn im Juni 1989. Die Westdeutschen empfingen ihn begeistert &ndash; sowohl in Bonn als auch in Stuttgart, wo er ebenfalls hinreiste. Ich war damals unter anderem f&uuml;r das Programm f&uuml;r Raissa Maximowna Gorbatschowa zust&auml;ndig. Wir sahen, wie sich in Stuttgart an einem normalen Wochentag vor dem Neuen Schloss 20.000 bis 30.000 Menschen versammelten, nur um den sowjetischen Staatschef zu sehen. Nat&uuml;rlich hatte sie niemand dorthin getrieben. Als wir mit Raissa Maximowna auf ihren Wunsch hin eine einfache Arbeiterfamilie in einem Vorort von Stuttgart besuchten, fanden wir nach dem Treffen unseren Dienstwagen ZIL mit mehreren Schichten Blumen bedeckt vor. So nahmen die Deutschen diesen Besuch wahr.<\/p><p>Dann folgte der Besuch von Gorbatschow in der Hauptstadt der DDR. Damals sah und h&ouml;rte die ganze Welt diese Rufe &bdquo;Gorbi, rette uns! Hilf uns!&ldquo;. Gleichzeitig muss auch an die Montagsdemonstrationen in Leipzig erinnert werden.<\/p><p>Allerdings konnte J. A. Kwizinski mich nicht l&auml;nger in Bonn halten. Unsere Zentrale bestand darauf, dass meine siebeneinhalbj&auml;hrige Entsendung nun beendet sei und meine R&uuml;ckkehr anstehe. Da mir die M&ouml;glichkeit fehlte, jedes Jahr Urlaub zu nehmen, plante ich, die Zeit f&uuml;r eine ausgedehnte Erholung zu nutzen &ndash; ich hatte mindestens drei Monate bezahlten Urlaub angesammelt. Diese Pl&auml;ne wurden jedoch durch die deutsche Wiedervereinigung obsolet. Nach drei Wochen rief mich der Leiter der Dritten Europaabteilung des Au&szlig;enministeriums, Alexander Pawlowitsch Bondarenko, an und fragte:<\/p><ul>\n<li><em>Was machst du?<\/em><\/li>\n<li><em>Ich mache nichts, ich bin im Urlaub.<\/em><\/li>\n<li><em>Was f&uuml;r ein Urlaub? Siehst du denn nicht, was da gerade los ist?<\/em><\/li>\n<\/ul><p>Ich wurde dringend zur Arbeit gerufen und habe mich an der Ausarbeitung des Zwei-plus-Vier-Vertrags beteiligt. So konnte ich &ndash; nat&uuml;rlich nicht aus Berlin, sondern aus Moskau &ndash; alles mitverfolgen, was in der DDR und in Berlin geschah, vor allem den Fall der Mauer. Es war klar, dass die &Ouml;ffnung der Grenzen nicht nur die Deutschen im Osten und Westen durcheinanderbringen, sondern auch die gesamte Nachkriegsordnung zerst&ouml;ren w&uuml;rde.<\/p><p>Sie wissen sehr gut, wie sich die Bewegung der BRD in Richtung Vereinigung weiterentwickelte &ndash; zun&auml;chst entstand die Idee einer Konf&ouml;deration oder F&ouml;deration. Als es dann aber darum ging, die au&szlig;enpolitischen Aspekte der deutschen Regelung internationalrechtlich zu regeln, tauchten viele Fragen auf.<\/p><p>Das Wichtigste war nat&uuml;rlich, dass wir keine andere Wahl hatten, als Formen zu finden, um diese Einheit unter Ber&uuml;cksichtigung unserer Interessen zu gestalten, vor allem, weil wir Truppen in der DDR stationiert hatten. All diesen Prozessen ging bekanntlich ein Vertrag zwischen der BRD und der DDR &uuml;ber die Schaffung einer W&auml;hrungs-, Wirtschafts- und Sozialunion voraus. Die Westmark kam in den Osten. Ich erinnere mich noch gut daran, wie wir Ende April 1990 mit Bondarenko im B&uuml;ro des Botschaftsrats in unserer Botschaft in Berlin sa&szlig;en. Wir h&ouml;rten den L&auml;rm von <em>Unter den Linden, <\/em>wo bereits Festzelte aufgestellt waren, in denen Coca-Cola, verschiedene S&uuml;&szlig;igkeiten und Leckereien verkauft wurden und Musik spielte. Damals akzeptierten die Verk&auml;ufer dort bereits beide W&auml;hrungen: die ostdeutsche Mark und die D-Mark.<\/p><p>Zu diesem Zeitpunkt musste Botschafter Kwizinski dringend nach Moskau zur&uuml;ckkehren, da er zum stellvertretenden Minister ernannt worden war. Nachdem ich also nur kurze Zeit in der Dritten Europaabteilung gearbeitet hatte, wechselte ich in das Sekretariat von J. A. Kwizinski, um n&auml;her an diesem Prozess beteiligt zu sein.<\/p><p>Das kostete mich viele schlaflose N&auml;chte. Eines Tages rief mich der Botschafter in sein B&uuml;ro und sagte: &bdquo;Schreiben Sie einen Entwurf f&uuml;r einen Vertrag &uuml;ber den Abzug unserer Truppen.&ldquo; Mein erster Gedanke war: <em>&bdquo;Aber wie? Wo soll ich nachschauen? Noch nie wurden unsere Truppen abgezogen!&ldquo;<\/em>. Und er: <em>&bdquo;Ich wei&szlig; nichts davon &ndash; setz Dich hin und schreib!&ldquo;<\/em> Ich musste also schreiben. Die Grundprinzipien der v&ouml;lkerrechtlichen Regelung in Bezug auf Deutschland wurden von unserer Seite von J. A. Kwizinski selbst ausgearbeitet. Es war eine maximale Forderung, wie es in Verhandlungen &uuml;blich ist. Ich musste fast alle anderen Vertr&auml;ge schreiben, mit Ausnahme des Vertrags &uuml;ber die verm&ouml;gensrechtlichen und finanziellen Aspekte der deutschen Vereinigung. Aber der &bdquo;Gro&szlig;e Vertrag&rdquo;, also der Vertrag &uuml;ber gute Nachbarschaft, Partnerschaft und Zusammenarbeit mit der BRD, der auf unser Dr&auml;ngen hin am Tag nach der Unterzeichnung des Zwei-plus-Vier-Vertrags in Moskau paraphiert wurde, wurde zum Gegenstand meiner kreativen Arbeit.<\/p><p>Nach meiner R&uuml;ckkehr ins Au&szlig;enministerium von einem praktisch ausgefallenen Urlaub Anfang Oktober 1989 begann ich, mich mit den Berichten unserer Botschafter aus beiden deutschen Hauptst&auml;dten vertraut zu machen. Offen gesagt stammte fast die gesamte Information &uuml;ber die Lage in der DDR und die damit verbundenen Risiken nicht aus Berlin, sondern aus Bonn. Dies war vermutlich darauf zur&uuml;ckzuf&uuml;hren, dass die ostdeutsche F&uuml;hrung den Prozessen in der Sowjetunion seit Mitte der 1980er-Jahre &auml;u&szlig;erst reserviert gegen&uuml;berstand und unsere Diplomaten mit gro&szlig;er Vorsicht behandelte. Der Informationsfluss war, abgesehen von den sichtbaren Stra&szlig;enszenen in Leipzig und Berlin, stark limitiert. Unsere Botschaft in der BRD erhielt weitaus umfangreichere Informationen.<\/p><p><strong>Sie sagten, dass die Wiedervereinigung Deutschlands Ihnen Ihren gro&szlig;en Urlaub zunichtegemacht hat &hellip;<\/strong><\/p><p>Und das hat mir von deutscher Seite niemand kompensiert (l&auml;chelt).<\/p><p><strong>Das hei&szlig;t, Sie haben aus den Nachrichten vom Fall der Berliner Mauer 1989 erfahren? Wie haben Sie auf dieses Ereignis reagiert?<\/strong><\/p><p>Ich muss sagen, dass ich nicht in der DDR gearbeitet habe. Ich war nur 1973 f&uuml;r f&uuml;nf Monate in der sowjetischen Botschaft in Berlin, wie es damals nach dem vierten Studienjahr &uuml;blich war. Mein gesamtes Berufsleben war mit der BRD verbunden, und dann mit dem vereinigten Deutschland. Aber noch 1973, als ich ein unerfahrener Student war und mit Bewohnern der DDR sprach, stellte ich einmal die naive Frage: <em>&bdquo;Wie nehmen Sie die Teilung der Nation wahr?&ldquo;<\/em> Ein Ostdeutscher antwortete mir ganz einfach: <em>&bdquo;Sie verstehen doch, dass, wenn man eine Hand abhackt, die eine H&auml;lfte abf&auml;llt und die andere blutet.&ldquo;<\/em> Die Teilung der Nation war f&uuml;r die meisten Menschen nicht normal. Der Bau der Mauer trug dazu bei, die DDR als Staat zu erhalten. Ohne sie h&auml;tte sich der Zustrom von Menschen aus Ost- nach Westberlin wahrscheinlich noch weiter verst&auml;rkt, mit entsprechenden wirtschaftlichen und v&ouml;lkerrechtlichen Folgen. Aber ich rechtfertige den Bau der Mauer nicht. Anscheinend war diese Entscheidung damals die einzig m&ouml;gliche. Es gab verschiedene Exzesse: Polizei und Grenzsoldaten schossen auf diejenigen, die die Grenze &uuml;berqueren wollten &ndash; all dies wurde nat&uuml;rlich in den westlichen Medien verbreitet. Gleichzeitig muss man jedoch verstehen, dass schon damals, als es noch kein Internet gab, eine Flut von Propagandamaterial &uuml;ber das Fernsehen der BRD auf die DDR hereinbrach. In vielerlei Hinsicht &uuml;berwog diese sogar die ostdeutsche Darstellung, obwohl die Propaganda in der DDR auf hohem Niveau war. Meine Diplomarbeit schrieb ich zum Thema: &bdquo;Die au&szlig;enpolitische Propaganda der DDR unter den Bedingungen der ideologischen Expansion der BRD&ldquo;.<\/p><p>Man kann nicht sagen, dass wir &uuml;ber den Fall der Mauer emp&ouml;rt waren. Dieser Prozess war unvermeidlich und musste fr&uuml;her oder sp&auml;ter eintreten, da sich in den 44 Jahren seit Ende des Zweiten Weltkriegs zu viel grundlegend ver&auml;ndert hatte.<\/p><p>Ich begann 1974, in Bonn zu arbeiten. Was war das f&uuml;r eine Zeit? Es war eine Zeit, in der auf unsere Initiative hin und als Ergebnis intensiver politischer und diplomatischer Bem&uuml;hungen etwas erreicht wurde, was lange Zeit nicht m&ouml;glich gewesen war. Die Unterzeichnung des <a href=\"https:\/\/www.bpb.de\/kurz-knapp\/hintergrund-aktuell\/210710\/12-august-1970-unterzeichnung-des-moskauer-vertrags\/\">Moskauer Vertrags von 1970<\/a>, der Abschluss des <a href=\"https:\/\/www.bpb.de\/kurz-knapp\/lexika\/politiklexikon\/17175\/berlin-abkommen\/\">Vierm&auml;chteabkommens &uuml;ber Westberlin<\/a> und nat&uuml;rlich die Aufnahme beider deutscher Staaten in die UNO im Jahr 1973. Wir konnten erreichen, dass beide deutschen Staaten als gleichberechtigte Akteure der Weltpolitik agierten im Bereich der internationalen Beziehungen. Es war symbolisch, dass Erich Honecker zu einem Besuch nach Bonn kam und dass ein Foto des Bundeskanzlers und des Staatschefs der DDR vor dem Hintergrund der Flaggen der beiden deutschen Staaten gemacht wurde. Unsere Diplomatie hat aktiv dazu beigetragen. 1989 wiederum war gr&ouml;&szlig;tenteils eine direkte Konsequenz der Verkrustung der DDR-F&uuml;hrung. Denn selbst der &bdquo;Fall&ldquo; der Mauer war letztlich auf Fehler und interne Abstimmungsprobleme innerhalb des ostdeutschen Machtapparates zur&uuml;ckzuf&uuml;hren.<\/p><p><strong>Ja, die Aussage von G&uuml;nter Schabowski.<\/strong><\/p><p>Sie waren verwirrt und konnten nichts entgegensetzen. Doch wie verliefen &auml;hnliche Prozesse bei uns im Jahr 1991?<\/p><p><strong>In welchem Umfeld arbeiteten die sowjetischen diplomatischen Vertretungen und andere Organisationen in der DDR in der &Uuml;bergangszeit 1989-1990?<\/strong><\/p><p>Ich wei&szlig; nicht sehr genau, wie die Arbeit unserer Kollegen in der Hauptstadt der DDR ablief, da ich nur wenige Male dort war. Ich kam aus Bonn f&uuml;r ein paar Tage, um meine Gesch&auml;fte zu erledigen, oder zusammen mit dem Botschafter. Aber ich kann mir vorstellen, dass es f&uuml;r sie sehr schwierig war. Ich erinnere mich an mein Praktikum in unserer Botschaft in Berlin im Jahr 1973. Schon damals beobachtete ich bestimmte Prozesse in der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED). Die DDR-F&uuml;hrung schaffte es zwar, diese vor&uuml;bergehend zu stoppen, aber nicht vollst&auml;ndig zu unterbinden.<\/p><p>Man denke nur an die Geschichte von Werner Lambertz, einem Mitglied des Politb&uuml;ros des Zentralkomitees der SED: ein junger, aktiver, popul&auml;rer und denkender Parteikader. Unsere Kollegen in der sowjetischen Botschaft in der DDR unterhielten gute, ja freundschaftliche Kontakte zu ihm. Doch irgendwann betrachteten die &auml;lteren Kr&auml;fte in der SED-F&uuml;hrung diese j&uuml;ngeren, reformoffeneren Pers&ouml;nlichkeiten als St&ouml;rfaktoren. Werner Lambertz verstarb tragischerweise bei einem Flugzeugabsturz viel zu fr&uuml;h &hellip; Die Starrheit im DDR-F&uuml;hrungskreis hatte sich bereits seit Mitte der 1970er-Jahre verfestigt. Vor diesem Hintergrund wurde es f&uuml;r unsere Diplomaten naturgem&auml;&szlig; immer m&uuml;hsamer, an authentische Informationen zu gelangen.<\/p><p>Westler behaupteten, dass Botschafter Pjotr Andrejewitsch Abrassimow<strong> <\/strong>mit dem Fu&szlig; die T&uuml;r zu Erich Honeckers B&uuml;ro &ouml;ffnete. Das war bei Weitem nicht der Fall.<\/p><p>In Ostdeutschland wusste man sehr gut, wie man sich gegen&uuml;ber der UdSSR &auml;u&szlig;erlich unterw&uuml;rfig verhalten und gleichzeitig seine eigenen engen Interessen wahren konnte. Man denke nur daran, in welchem Zustand sich unsere Wirtschaft in den 1980er-Jahren befand und wie die Wirtschaft der DDR im Vergleich zur sowjetischen Wirtschaft aussah. Es ist kein Zufall, dass in Ostdeutschland lange Zeit die These vertreten wurde, die DDR sei die zehntgr&ouml;&szlig;te Volkswirtschaft der Welt.<\/p><p><strong>Das Schaufenster des Sozialismus.<\/strong><\/p><p>Ja, nat&uuml;rlich. Die Ostdeutschen konnten sich wirklich auf die Schulter klopfen und sagen: &bdquo;Seht her!&ldquo; Ich erinnere mich noch genau daran, was damals in den Gesch&auml;ften der DDR-Hauptstadt und in den Gesch&auml;ften Moskaus verkauft wurde.<\/p><p><em><strong>Wladimir Michailowitsch Polenow <\/strong>ist ein sowjetischer und russischer Diplomat, au&szlig;erordentlicher und bevollm&auml;chtigter Botschafter 1. Klasse, der lange Zeit in der BRD t&auml;tig war und an den Zwei-plus-Vier-Verhandlungen teilgenommen hat. Er ist der Verfasser des Vertrags &uuml;ber gute Nachbarschaft, Partnerschaft und Zusammenarbeit zwischen der BRD und der Sowjetunion von 1990, der die Grundlagen der russisch-deutschen Beziehungen f&uuml;r die n&auml;chsten Jahrzehnte festlegte.<\/em><\/p><p><em><strong>Artem Sokolow<\/strong>, Senior Researcher am Institut f&uuml;r Internationale Studien des MGIMO, ist ein ausgewiesener Experte f&uuml;r internationale Beziehungen. Seine Forschungsschwerpunkte umfassen die deutsche Au&szlig;en- und Innenpolitik, die deutsche Geschichte sowie die europ&auml;ische Integration.<\/em><\/p><p><em>Dieses Interview ist Teil einer Reihe analytischer Materialien &uuml;ber die Au&szlig;en- und Innenpolitik der BRD, die von Mitarbeitern des Instituts f&uuml;r Internationale Studien der MGIMO (Staatliches Moskauer Institut f&uuml;r Internationale Beziehungen des Au&szlig;enministeriums Russlands) erstellt wurden. Wir ver&ouml;ffentlichen das Interview in zwei Teilen.<\/em><\/p><p><em>Das vorliegende Gespr&auml;ch ist eingebettet in den analytischen Bericht &uuml;ber die deutsche Wiedervereinigung, erstellt am <strong>MGIMO des Au&szlig;enministeriums Russlands, 2024<\/strong>.<\/em><\/p><p><em>Der zugrundeliegende Bericht <strong>&bdquo;GESPALTENE EINHEIT: 35 Jahre Beitritt der DDR zur BRD&ldquo;<\/strong> f&uuml;hrt die Forschungstradition des <strong>Instituts f&uuml;r Internationale Studien der MGIMO<\/strong> zur deutschen Politik fort.<\/em><\/p><p><em><strong>Copyright-Vermerk:<\/strong> &copy; Sokolow A.P., Worotnikow W.W., Pankow E.S., 2024.<\/em><\/p><p><small>Titelbild: DacologyPhoto \/ Shutterstock<\/small><\/p><div class=\"moreLikeThis\">\n<strong>Mehr zum Thema:<\/strong>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=141884\">&bdquo;Im Gro&szlig;en und Ganzen sind wir die Verlierer&ldquo; &ndash; Sowjetischer Diplomat &uuml;ber den Zwei-plus-Vier-Vertrag &ndash; Teil 2<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=141380\">Die Mauer fiel &rsquo;89 &ndash; Deutsche Frage ist nicht gel&ouml;st, Gysi stellt sie weiter<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=137088\">Das unw&uuml;rdige Umgehen der Bundesregierung mit Sigmund J&auml;hn und wie sich das Ausw&auml;rtige Amt &uuml;ber &bdquo;sogenannte Wiedervereinigung&ldquo; echauffiert&hellip;<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=116807\">Der 17. 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