{"id":141690,"date":"2025-11-07T11:00:29","date_gmt":"2025-11-07T10:00:29","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=141690"},"modified":"2025-11-07T16:37:01","modified_gmt":"2025-11-07T15:37:01","slug":"filet-vom-phrasenschwein-nun-lasst-uns-mal-die-armut-ausrotten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=141690","title":{"rendered":"Filet vom Phrasenschwein: Nun lasst uns mal die Armut ausrotten!"},"content":{"rendered":"<p>Im schillernden Doha trafen sich 40 Staatenlenker zum sogenannten Weltsozialgipfel, um &uuml;ber Elend, Entrechtung und Ungleichheit zu reden &ndash; und vom Kapitalismus zu schweigen. Das h&auml;tte man der Menschheit besser ersparen sollen. Von <strong>Ralf Wurzbacher<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_8055\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-141690-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/251107-Filet-vom-Phrasenschwein-NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/251107-Filet-vom-Phrasenschwein-NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/251107-Filet-vom-Phrasenschwein-NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/251107-Filet-vom-Phrasenschwein-NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=141690-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/251107-Filet-vom-Phrasenschwein-NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"251107-Filet-vom-Phrasenschwein-NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>War was gewesen? Ja klar war da was: der Weltsozialgipfel. Im Original: World Summit for Social Development (WSSD). Drei Tage lange, von Dienstag bis Donnerstag, haben Vertreter aus Politik, Wirtschaft und Zivilgesellschaft unter Schirmherrschaft der Vereinten Nationen in Doha &uuml;ber Armut, Ungleichheit und anderen Kummer der Menschheit debattiert. Ja, richtig: in Doha, der Hauptstadt von Katar. Wer erinnert sich nicht an die FIFA-WM 2022 und die pr&auml;chtigen Fu&szlig;ballstadien, bei deren Bau mehrere Tausend Arbeitsmigranten den Tod fanden. In einem stinkreichen Golfemirat, dessen F&uuml;hrungsclique sich durch ein Millionenheer von Lakaien aus den globalen Elendsvierteln bedienen l&auml;sst und wo die oberen Zehntausend in sagenhaftem Luxus schwelgen. Einen w&uuml;rdigeren Rahmen h&auml;tte es nicht geben k&ouml;nnen, um die soziale Schieflage auf der Erde zu besprechen. Gute Wahl, alle Achtung!<\/p><p>Nun sage noch einer, er h&auml;tte das alles nicht mitgekriegt, diese Wahnsinnig-wichtig-Veranstaltung, zu der etwa die <em>Deutsche Welle<\/em> titelte: <a href=\"https:\/\/www.dw.com\/de\/30-jahre-weltsozialgipfel-von-kopenhagen-nach-doha\/a-74618259\">&bdquo;30 Jahre Weltsozialgipfel: Von Kopenhagen nach Doha.&ldquo;<\/a> Das ist wahrhaft eine ruhmreiche Historie und ein langer und m&uuml;hsamer Weg. 4.600 Kilometer Luftlinie, daf&uuml;r braucht es seine Zeit. Drei Dekaden eben, von A nach B, beziehungsweise K nach D. Das Ganze ohne Zwischenstopp, denn der Doha-Gipfel war erst der zweite seiner Art, nach dem ersten in D&auml;nemark. Der stieg 1995 und hinterlie&szlig; ein Bekenntnis: &bdquo;Wir sind gemeinsam der &Uuml;berzeugung, dass soziale Entwicklung und soziale Gerechtigkeit unabdingbare Voraussetzungen f&uuml;r die Herbeif&uuml;hrung und Wahrung von Frieden und Sicherheit innerhalb unserer Nationen wie auch zwischen ihnen sind.&ldquo; Und man formulierte zehn Verpflichtungen, darunter Vollbesch&auml;ftigung erreichen, soziale Integration vorantreiben, Armut &bdquo;ausrotten&ldquo;.<\/p><p><strong>Flasche leer <\/strong><\/p><p>Das klang zu sch&ouml;n, um wahr zu werden, weshalb man die netten Absichten lieber hat ruhen und die Probleme reifen lassen. Um sie jetzt in ihrer ganzen Monstr&ouml;sit&auml;t vor passender Kulisse durch die Katara-Towers hindurch (Bild oben) &ndash; ein 600 Millionen Dollar teurer Hotelkomplex, &Uuml;bernachtungspreis Minimum 1.400 Dollar &ndash; wie in einem Brennglas zu bestaunen. Wow, ist das krass! Also das Leid auf dem Planeten. Da w&auml;ren zum Beispiel 700 Millionen Menschen, die hungern m&uuml;ssen, 120 Millionen auf der Flucht und eine untere H&auml;lfte der Weltbev&ouml;lkerung ohne soziale Sicherung. Dazu die ganze Zerst&ouml;rung, &uuml;berall Kriege, Umwelt verschmutzt, Meer verm&uuml;llt, Klima am Anschlag. Schlimm, das alles.<\/p><p>Dar&uuml;ber musste mal wieder geredet werden, ganz fokussiert und konzentriert. Das hei&szlig;t: in drei Tagen und nicht in sieben wie damals in Kopenhagen und statt in gro&szlig;er in kleiner Runde, weil Kleinvieh auch Mist macht. 40 Staats- und Regierungschefs waren in Doha mit dabei, beim ersten WSSD waren es noch 117. Aber viele von denen gibt es eh nicht mehr, so wie Helmut Kohl, Nelson Mandela oder Fidel Castro. Und ihr gemeinsamer &bdquo;Traum&ldquo;, laut <em>Deutscher Welle<\/em> &bdquo;eine Welt ohne Armut&ldquo;, ist auch geplatzt. Wie schade! Daf&uuml;r gingen andere Tr&auml;ume in Erf&uuml;llung: Der Euro, Soziale Medien, k&uuml;nstliche Intelligenz und Wasserflaschen, die per App Bescheid sto&szlig;en, wann man Durst zu haben hat. So was br&auml;uchte man im Iran, dort herrscht gerade D&uuml;rre. Aber Regime sind Zivilisationsfeinde. Selbst schuld!<\/p><p><strong>Afrika am Katzentisch <\/strong><\/p><p>Die Gipfler von Doha glauben an Entwicklung und wissen, wo der Schuh dr&uuml;ckt. Zum Auftakt am Dienstag hielt UN-Generalsekret&auml;r Ant&oacute;nio Guterres eine flammende Rede. W&auml;hrend massenhaft Menschen bittere Not litten, horte das reichste Prozent der Erdenbewohner fast die H&auml;lfte des globalen Verm&ouml;gens. Das sei &bdquo;gewissenlos&ldquo; und hat gesessen. Zumal genau am selben Tag sechs renommierte &Ouml;konomen, angef&uuml;hrt durch Wirtschaftsnobelpreistr&auml;ger Joseph Stiglitz, in dieselbe Kerbe schlugen: &bdquo;Die Welt hat erkannt (ach was?), dass wir uns in einer Klimakrise befinden. Es ist an der Zeit, dass wir auch erkennen, dass wir uns in einer Ungleichheitskrise befinden.&ldquo; Die Experten haben einen <a href=\"https:\/\/www.merkur.de\/wirtschaft\/globale-ungleichheit-erreicht-rekordniveau-nobelpreistraeger-fordert-radikale-wende-zr-94024050.html\">Bericht<\/a> mit allerlei Bedr&uuml;ckendem geschrieben. 2,3 Milliarden Menschen h&auml;tten nicht zuverl&auml;ssig genug zu essen und m&uuml;ssten regelm&auml;&szlig;ig Mahlzeiten auslassen, hei&szlig;t es darin. 2019 waren es noch 335 Millionen weniger. Oder dass von dem zwischen 2000 und 2024 neu entstandenen Verm&ouml;gen 41 Prozent auf das oberste eine Prozent und nur ein Prozent auf die untersten f&uuml;nfzig Prozent der Menschheit entfielen.<\/p><p>Der Report soll beim anstehenden Gipfeltreffen der 20 f&uuml;hrenden Industrienationen Thema sein. Ganz gewiss wird man das Anliegen zur Kenntnis nehmen, schlie&szlig;lich wei&szlig; der <a href=\"https:\/\/www.tagesspiegel.de\/wissen\/reiche-werden-immer-reicher-die-g20-sagt-der-ungleichheit-den-kampf-an-14738072.html\"><em>Tagesspiegel<\/em><\/a>: &bdquo;Die G20 sagen der Ungleichheit den Kampf an.&ldquo; Das w&auml;re freilich ein Novum. Bisher hatten die G20, genauso wie die noch m&auml;chtigeren G7, immer Wichtigeres zu tun, n&auml;mlich die versch&auml;rfte Ausbeutung des Globalen S&uuml;dens auszuhecken. Aber Fortschritt muss sein. Zum Dank darf die Afrikanische Union seit zwei Jahren als st&auml;ndiges Mitglied mit am (Katzen-)Tisch sitzen, als Zeichen des guten Willens und bestimmt nicht nur der Symbolik wegen.<\/p><p><strong>Kleiner Mann noch kleiner <\/strong><\/p><p>Mit vollem Ernst: Das Stelldichein des 20er-Clubs Ende November in Johannesburg (ausgerechnet) steht im Zeichen massiver Einschnitte bei der Entwicklungshilfe durch die gro&szlig;en Wirtschaftsm&auml;chte nach dem Vorbild Trump. Hierzulande k&uuml;rzen Union und SPD die humanit&auml;re Hilfe j&auml;hrlich um 1,2 Milliarden und die Entwicklungszusammenarbeit um knapp 941 Millionen Euro. Mit entsprechend leichtem Gep&auml;ck reiste Bundesarbeitsministerin B&auml;rbel Bas nach Doha, um deutsche Interessen zu vertreten. Ihre SPD versteht darunter seit &uuml;ber 20 Jahren Mitregierung emsiges Umverteilen von unter nach oben, sprich Generieren von &bdquo;Ungleichheitsnotstand&ldquo; (Stiglitz) im BRD-Ma&szlig;stab &ndash; bei (ver)schwindender W&auml;hlerbasis und chronischem Bauchschmerz. So soll es weitergehen, wenngleich ein gutes St&uuml;ck heftiger, weil Aufschwung durch R&uuml;stung Rheinmetall freut und den kleinen Mann noch kleiner macht.<\/p><p>F&uuml;r den gibt es Erbauliches in Schriftform, aus der Abteilung Phrasenschwein. Die Abschlusserkl&auml;rung von Doha stand in den Grundz&uuml;gen schon vorher fest. Anders als noch in Kopenhagen durften zivile Akteure &uuml;ber den Text nicht mitberaten. Der Wortlauf bleibe &bdquo;deutlich hinter dem zur&uuml;ck, was n&ouml;tig w&auml;re&ldquo;, beklagen <a href=\"https:\/\/www.globalpolicy.org\/de\/news\/2025-11-03\/weltsozialgipfel-doha-ohne-verbindliche-zusagen-keine-soziale-gerechtigkeit\">mehrere Entwicklungshifleverb&auml;nde<\/a>. Es fehlten &bdquo;verbindliche Ziele&ldquo;, &bdquo;konkrete Zusagen&ldquo;, &bdquo;kritische Ursachenanalyse&ldquo; und ein Bekenntnis zu &bdquo;Reformbem&uuml;hungen f&uuml;r ein gerechtes internationales Wirtschafts- und Finanzsystem&ldquo;. Anders gesagt: Ohne Kapitalismuskritik h&auml;tte man sich den ganzen Aufriss auch sparen k&ouml;nnen.<\/p><p>Immerhin B&auml;rbel Bas fand es dufte, postete hernach via Facebook eine Serie H&auml;nde-Sch&uuml;ttel-Fotos und proklamierte: <a href=\"https:\/\/www.facebook.com\/BMAS.Bund\/posts\/gemeinsam-f%C3%BCr-eine-gerechte-inklusive-und-nachhaltige-welt-beim-weltsozialgipfel\/1339672118199534\/\">&bdquo;Ein starkes Zeichen f&uuml;r internationale Zusammenarbeit in Zeiten geopolitischer Polarisierung!&ldquo;<\/a> Das muss gen&uuml;gen. Bis zum n&auml;chsten Mal &ndash; in 30 Jahren oder nach der Sintflut.<\/p><p><small>Titelbild: Photo Drive\/shutterstock.com<\/small><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg09.met.vgwort.de\/na\/34fe55a5efbc4776a5a362a5e9a608ad\" alt=\"\" title=\"\" height=\"1\" width=\"1\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im schillernden Doha trafen sich 40 Staatenlenker zum sogenannten Weltsozialgipfel, um &uuml;ber Elend, Entrechtung und Ungleichheit zu reden &ndash; und vom Kapitalismus zu schweigen. Das h&auml;tte man der Menschheit besser ersparen sollen. Von <strong>Ralf Wurzbacher<\/strong>.<\/p>\n<p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><\/p>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":141691,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[107,85,132,211],"tags":[881,1487,3517,909,1479,687,639,510],"class_list":["post-141690","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-audio-podcast","category-pr","category-ungleichheit-armut-reichtum","category-veranstaltungshinweiseveranstaltungen","tag-armut","tag-entwicklungshilfe","tag-globaler-sueden","tag-kapitalismus","tag-katar","tag-ungleichheit","tag-uno","tag-vollbeschaeftigung"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2025\/11\/shutterstock_2599511309.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/141690","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=141690"}],"version-history":[{"count":8,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/141690\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":141766,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/141690\/revisions\/141766"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/141691"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=141690"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=141690"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=141690"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}