{"id":141884,"date":"2025-11-10T10:00:25","date_gmt":"2025-11-10T09:00:25","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=141884"},"modified":"2025-11-10T16:59:21","modified_gmt":"2025-11-10T15:59:21","slug":"im-grossen-und-ganzen-sind-wir-die-verlierer-sowjetischer-diplomat-ueber-den-zwei-plus-vier-vertrag","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=141884","title":{"rendered":"\u201eIm Gro\u00dfen und Ganzen sind wir die Verlierer\u201c &#8211; Sowjetischer Diplomat \u00fcber den Zwei-plus-Vier-Vertrag &#8211; Teil 2"},"content":{"rendered":"<p>Die deutsche Wiedervereinigung stellte die Sowjetunion im Jahr 1990 vor immense politische und diplomatische Herausforderungen. Wie <strong>Wladimir Michailowitsch Polenow<\/strong>, sowjetisch\/russischer Diplomat, berichtet, war der Prozess von Unsicherheit und dem Gef&uuml;hl einer &bdquo;Zerlegung&ldquo; der DDR gepr&auml;gt. <strong>Artem Pawlowitsch Sokolow<\/strong> f&uuml;hrte dieses Interview im Rahmen des analytischen Berichts des Instituts f&uuml;r Internationale Studien der MGIMO (Moskauer Staatliches Institut f&uuml;r Internationale Beziehungen des Au&szlig;enministeriums Russlands), der als &bdquo;GESPALTENE EINHEIT: 35 Jahre Beitritt der DDR zur BRD&ldquo; im Jahr 2024 ver&ouml;ffentlicht wurde. Den ersten Teil des Interviews k&ouml;nnen Sie <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=141681\">hier nachlesen.<\/a> Aus dem Russischen &uuml;bersetzt von <strong>&Eacute;va P&eacute;li<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_9971\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-141884-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/251110_Im_Grossen_und_Ganzen_sind_wir_die_Verlierer_Sowjetischer_Diplomat_ueber_den_Zwei_plus_Vier_Vertrag_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/251110_Im_Grossen_und_Ganzen_sind_wir_die_Verlierer_Sowjetischer_Diplomat_ueber_den_Zwei_plus_Vier_Vertrag_NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/251110_Im_Grossen_und_Ganzen_sind_wir_die_Verlierer_Sowjetischer_Diplomat_ueber_den_Zwei_plus_Vier_Vertrag_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/251110_Im_Grossen_und_Ganzen_sind_wir_die_Verlierer_Sowjetischer_Diplomat_ueber_den_Zwei_plus_Vier_Vertrag_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=141884-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/251110_Im_Grossen_und_Ganzen_sind_wir_die_Verlierer_Sowjetischer_Diplomat_ueber_den_Zwei_plus_Vier_Vertrag_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"251110_Im_Grossen_und_Ganzen_sind_wir_die_Verlierer_Sowjetischer_Diplomat_ueber_den_Zwei_plus_Vier_Vertrag_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p><em>Dieses Interview bietet die Perspektive eines Insiders, der nicht nur die Spannungen zwischen der DDR-F&uuml;hrung und Moskau hautnah miterlebte &ndash; etwa bei den Treffen mit Erich Honecker &ndash;, sondern sp&auml;ter als Mitarbeiter des sowjetischen Au&szlig;enministeriums ma&szlig;geblich an der Ausarbeitung der Regelwerke zur deutschen Einheit beteiligt war, insbesondere am Zwei-plus-Vier-Vertrag. Er schildert die diplomatische H&auml;rte der Verhandlungen, den kurzfristig notwendigen Truppenabzug und die Frage, wer aus diesem historischen Prozess als Gewinner und wer als Verlierer hervorging.<\/em><\/p><p><strong>Artem P. Sokolow: Wie verlief die Zusammenarbeit zwischen sowjetischen und ostdeutschen Diplomaten in der &Uuml;bergangsphase 1989\/90? Wir haben bereits dar&uuml;ber gesprochen, dass es in der zweiten H&auml;lfte der 1980er-Jahre ein hohes Ma&szlig; an Misstrauen gab. Gab es in diesen schwierigen Monaten irgendwelche Ver&auml;nderungen?<\/strong><\/p><p><strong>Wladimir M. Polenow: <\/strong>Wir haben uns in Bonn nat&uuml;rlich mit den ostdeutschen Diplomaten getroffen, genauso wie mit all unseren Freunden, Botschaftern und St&auml;ndigen Vertretern aus den sozialistischen L&auml;ndern. Es gab auch informelle Gespr&auml;che. Aber ich hatte den Eindruck, dass man uns gegen&uuml;ber nicht mehr so offen war. Diese Diplomaten standen bereits unter dem Druck der F&uuml;hrung ihrer L&auml;nder, die wahrscheinlich nichts h&ouml;ren wollten, was nicht in ihr Weltbild passte.<\/p><p>Mit Blick auf heute frage ich mich: <em>&bdquo;Wie f&uuml;hlen sich die Diplomaten der Bundesrepublik Deutschland derzeit in Russland?&ldquo;<\/em> Denn sie m&uuml;ssen, wie alle Diplomaten, ihrer Zentrale, also Berlin, Einsch&auml;tzungen zur innenpolitischen Lage und zu den au&szlig;enpolitischen Schritten Russlands &uuml;bermitteln. Was berichten sie? K&ouml;nnen sie berichten, was wirklich vor sich geht, oder m&uuml;ssen sie sich dem Mainstream in ihrem Heimatland anpassen? Ich denke, dass dies eine gro&szlig;e Schwierigkeit darstellt. Uns russischen Diplomaten wird vor allem beigebracht, dass wir trotz allem die Wahrheit berichten m&uuml;ssen. Von den deutschen Diplomaten wird dasselbe gefordert. Ich denke, dass die westlichen Botschaften in Russland derzeit in einer &auml;hnlichen Situation arbeiten wie die Vertretungen der DDR in den 1980er-Jahren.<\/p><p><strong>Als die deutsche Vereinigung und damit das Ende der DDR unabwendbar wurden, standen die ostdeutschen Diplomaten vor der Wahl: Setzten sie auf die Fortsetzung ihrer Laufbahn im vereinten Deutschland oder erkannten sie, dass ihre berufliche Zukunft in eine Phase der Ungewissheit eintrat?<\/strong><\/p><p>Ich denke, sie mussten begreifen, dass sich die Zeiten gewandelt hatten. Nach der Wiedervereinigung wurden nahezu alle DDR-Diplomaten aus dem Ausw&auml;rtigen Amt entfernt, mit Ausnahme einiger &Uuml;bersetzer f&uuml;r seltene Sprachen, deren Fachwissen nicht ersetzt werden konnte. Zwar wurden einige Jahre sp&auml;ter vereinzelt ehemalige Kollegen zur&uuml;ckgeholt; heute sind Ostdeutsche im Ausw&auml;rtigen Amt der Bundesrepublik durchaus keine Seltenheit mehr. Im Grunde wurden sie alle einer &bdquo;S&auml;uberung&ldquo; (Lustration) unterzogen, auch wenn dies offiziell nat&uuml;rlich nicht so benannt wurde. Damals wurden sie alle entlassen und mit kleinen Renten abgespeist. Wir pflegten Kontakt zu unseren ehemaligen ostdeutschen Partnern, f&uuml;r sie war die Situation sehr belastend. Es war schwer, sich selbst zu erkl&auml;ren, was geschah, und dies nat&uuml;rlich auch uns und unseren westdeutschen Partnern zu vermitteln. Obwohl der Vertrag &bdquo;Zwei-plus-Vier&ldquo; hie&szlig;, wurde die ostdeutsche Diplomatie faktisch beiseitegeschoben; sie musste buchst&auml;blich ihr Gesicht wahren. Markus Meckel, der formal die DDR-Seite bei den Zwei-plus-Vier-Verhandlungen f&uuml;hrte, &auml;u&szlig;erte sich praktisch gar nicht &ndash; man lie&szlig; ihn nicht zu Wort kommen. Meckel selbst gab sp&auml;ter zu, dass die westdeutschen Kollegen die ostdeutschen Kollegen wie Menschen zweiter Klasse behandelten.<\/p><p><strong>Wie verliefen die Vorbereitungen f&uuml;r die Unterzeichnung des &bdquo;Zwei-plus-Vier&ldquo;-Vertrags, welche Besonderheiten gab es in den Ans&auml;tzen der Vertragsparteien?<\/strong><\/p><p>Als Erstes w&uuml;rde ich Ihnen das Buch von J. A. Kwizinski, &bdquo;Zeit und Zufall&ldquo;, empfehlen. Dort schildert er ausf&uuml;hrlich die Umst&auml;nde der Verhandlungen bis zum abschlie&szlig;enden Zwei-plus-Vier-Vertrag.<\/p><p>Die Formel lautete anfangs &bdquo;Vier-plus-Zwei&ldquo;, was jedoch nur sehr kurz w&auml;hrte, da die Westdeutschen strikt dagegen waren. Auch meinem Vorschlag, den ich in den Berliner Verhandlungen unterbreitete &ndash; n&auml;mlich der Formulierung &bdquo;v&ouml;lkerrechtliche Regelung&ldquo; statt einer blo&szlig;en &bdquo;abschlie&szlig;enden Regelung&ldquo; &ndash; lehnten sie vehement ab. Die Westdeutschen wollten verhindern, dass diese Vereinbarung &Auml;hnlichkeit mit einem Friedensvertrag hatte. Schlie&szlig;lich existierte zwischen uns und der BRD &ndash; ebenso wie mit Japan &ndash; kein Friedensvertrag. Ein Beharren auf einem Friedensvertrag im Jahr 1990 h&auml;tte die Forderung nach Reparationen impliziert. Aus diesem Grund lehnten die Deutschen und sp&auml;ter die US-Amerikaner eine Ausweitung des Verhandlungskreises strikt ab. Es gab die Idee, die Einigungsgespr&auml;che unter dem Schirm der Organisation f&uuml;r Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) zu f&uuml;hren. Dies h&auml;tte die Zahl der Vertragsstaaten auf fast einhundert erh&ouml;ht. F&uuml;r die Westdeutschen w&auml;re dies eine Katastrophe gewesen, da der Prozess extrem verz&ouml;gert worden w&auml;re, w&auml;hrend Bonn gro&szlig;e Eile hatte. Der formelle Vertrag &uuml;ber den Beitritt der DDR gem&auml;&szlig; Artikel 23 des Grundgesetzes zum deutschen Staatsgebiet zementierte im Grunde die &Uuml;bernahme der DDR. Es war die schlechteste aller Optionen, aber die Ostdeutschen hatten keine Alternative.<\/p><p>Angesichts aller Prozesse, die sich in den deutsch-deutschen Beziehungen vollzogen, war es notwendig, ihnen einen &auml;u&szlig;eren Rahmen zu geben, der als klare Rechtsgrundlage f&uuml;r die weiteren Beziehungen dienen w&uuml;rde. Was war dabei das Wichtigste? Die Frage der Grenzen, die Frage der Begrenzung der Streitkr&auml;fte, die Frage der Nicht-Ausweitung der NATO nach Osten, wo wir, um es ganz offen zu sagen, v&ouml;llig &uuml;ber den Tisch gezogen wurden. Als wir uns mit diesem Vertrag befassten, haben wir dar&uuml;ber nachgedacht, wer hier der Verlierer und wer der Gewinner ist. Im Gro&szlig;en und Ganzen sind wir die Verlierer. Das gilt insbesondere f&uuml;r die Frage des Truppenabzugs. Wir mussten unsere Truppen abziehen, w&auml;hrend sich die US-amerikanischen Truppen in Deutschland bis heute wohlf&uuml;hlen.<\/p><p>Das Wichtigste war jedoch, dass unsere wirtschaftlichen, politischen und kulturellen Beziehungen zu Ostdeutschland zusammenbrachen. Alles war zunichtegemacht worden. Deshalb musste das Fundament f&uuml;r bilaterale Beziehungen bereits mit dem vereinigten Deutschland gelegt werden. In diesem Zusammenhang entstand die Idee eines bilateralen &bdquo;Gro&szlig;en Vertrags&rdquo; von Bundeskanzler Helmut Kohl, das hei&szlig;t eines Vertrags &uuml;ber gute Nachbarschaft, Partnerschaft und Zusammenarbeit zwischen der UdSSR und der BRD (genau so schien es mir richtig, ihn zu nennen). An diesen Vertrag wurden sp&auml;ter Vereinbarungen &uuml;ber eine umfassende wirtschaftliche, industrielle und wissenschaftlich-technische Zusammenarbeit, &uuml;ber Finanzfragen und nat&uuml;rlich das Abkommen &uuml;ber den Abzug der Truppen &bdquo;angebunden&ldquo;. Auch beim letzten Dokument musste hart gek&auml;mpft werden, denn die Deutschen wollten, dass der Abzug der Truppen so schnell wie m&ouml;glich erfolgte. Zu diesem Zeitpunkt waren in der DDR etwa eine halbe Million Soldaten stationiert, und zusammen mit ihren Familien belief sich die Zahl der Westgruppe der sowjetischen Streitkr&auml;fte auf bis zu 1,5 Millionen Menschen.<\/p><p>Die Bildung einer W&auml;hrungsunion zwischen der BRD und der DDR hat uns sofort den Boden unter den F&uuml;&szlig;en weggezogen, den wir f&uuml;r ein normales Bestehen unserer Truppen brauchten. Am Ende wurde der Abzug unserer Soldaten ein halbes Jahr fr&uuml;her als geplant abgeschlossen. Die Truppen wurden buchst&auml;blich in die Steppe abgezogen. Die Deutschen stellten uns 15 Milliarden Mark zur Verf&uuml;gung, davon allerdings drei Milliarden Mark als Kredit. Leider verlief nicht alles so, wie wir es uns gew&uuml;nscht h&auml;tten. Aber stellen Sie sich vor, der gesamte Verhandlungsprozess zum Zwei-plus-Vier-Vertrag verlief sehr schnell &ndash; von Mai bis September 1990, also insgesamt nur ein halbes Jahr. In dieser Zeit musste alles so gemacht werden, dass unsere Interessen so weit wie m&ouml;glich ber&uuml;cksichtigt wurden. Wir hatten absolut keine Zeit und bef&uuml;rchteten, dass die Ereignisse &uuml;ber uns hinwegrollen w&uuml;rden. Wir versuchten, unsere Interessen so weit wie m&ouml;glich in die Dokumente einzubringen, die vorbereitet wurden. Genau aus diesem Grund gab es eine Bindung an das Datum der Unterzeichnung des Vertrags selbst: Wenn er am 12. September unterzeichnet werden sollte, musste bereits am n&auml;chsten Tag die Paraphierung des bilateralen &bdquo;Gro&szlig;en Vertrags&rdquo; mit der BRD erfolgen. Das war unsere Aufgabe, und wir haben sie erfolgreich gel&ouml;st.<\/p><p>Ich denke, dass wir zu diesem Zeitpunkt alles, was m&ouml;glich war, in diesen Vertrag einbringen konnten. Die Deutschen betrachten ihn als Musterbeispiel f&uuml;r multilaterale Diplomatie, und einige unserer anderen westlichen Kollegen sind derselben Meinung. Ich w&uuml;rde mich jedoch mit meiner Einsch&auml;tzung zur&uuml;ckhalten. Weder wir noch sie hatten Zeit. Der Vertrag h&auml;tte in letzter Minute noch scheitern k&ouml;nnen, weil die Briten unbedingt nach der Wiedervereinigung Man&ouml;ver auf dem Gebiet der DDR durchf&uuml;hren wollten und verlangten, diese Klausel in den Vertrag aufzunehmen. Das war ein unverhohlener Versuch, unsere Pl&auml;ne zu durchkreuzen.<\/p><p><strong>Das hei&szlig;t, sie haben in letzter Minute versucht, diese Idee durchzusetzen?<\/strong><\/p><p>Ja, diese Idee kam, glaube ich, um 22 Uhr am Vorabend der Unterzeichnung auf. Damals schlug Au&szlig;enminister Eduard Schewardnadse vor: &bdquo;Verharre auf deiner Position, sag, dass wir morgen ein Ministertreffen abhalten werden, aber nichts unterzeichnen werden.&ldquo; Und dann rief Hans-Dietrich Genscher die US-Botschaft an.<\/p><p><strong>Hat er sich beschwert?<\/strong><\/p><p>Ja, man sagte ihm, dass Au&szlig;enminister James Baker schlafe, eine Schlaftablette genommen und dazu noch Whisky getrunken habe. Und Genscher sagte: &bdquo;Ich komme sofort vorbei und wecke ihn selbst auf.&ldquo; Er fuhr zur Botschaft, weckte den armen Au&szlig;enminister, der daraufhin seinen britischen Kollegen anrief. Es kam zu einem weiteren Treffen, und die Briten zogen ihre Forderung zur&uuml;ck.<\/p><p><strong>Sie haben gesagt, dass die Regierung von Helmut Kohl und die westdeutschen Diplomaten es eilig hatten. War diese Eile Ihrer Meinung nach mit Bef&uuml;rchtungen hinsichtlich des Schicksals der Sowjetunion verbunden?<\/strong><\/p><p>Aus internen Gr&uuml;nden wollten die Deutschen bis zum 3. Oktober fertig werden. Das ist verst&auml;ndlich, aber nicht das Wichtigste. Das Wichtigste war, dass sie die Unsicherheit der Position von Michail Sergejewitsch <em>[Gorbatschow]<\/em> verstanden und wussten, wie es um seine politische Zukunft angesichts der damaligen Kr&auml;fteverh&auml;ltnisse im Obersten Sowjet stehen w&uuml;rde. Das war ihnen vollkommen klar, deshalb waren sie so in Eile. &Uuml;brigens war es im Obersten Rat damals nicht einfach, unsere Positionen zu verteidigen, die mit dem Au&szlig;enministerium, dem Verteidigungsministerium und dem KGB abgestimmt waren, wie es in solchen Situationen &uuml;blich ist. J. A. Kwizinski musste buchst&auml;blich um diese Dokumente k&auml;mpfen, weil der Erste Stellvertretende Au&szlig;enminister, Anatolij Gawrilowitsch Kowaljow, sich weigerte, dies zu tun. Als der sowjetische Botschafter zur Sitzung des Obersten Sowjets erschien, waren die Abgeordneten emp&ouml;rt, warum nicht der Minister selbst mit ihnen sprach. Sp&auml;ter, im Jahr 1991, wiederholte sich dies alles. Es bestand das Risiko, dass M. S. Gorbatschow abgesetzt werden k&ouml;nnte. In diesem Fall h&auml;tten die Deutschen nat&uuml;rlich keinerlei Garantien gehabt. Dies umso mehr, als Gorbatschow gerade beim Treffen in Archys &ndash; informell, ohne Krawatte &ndash; gr&uuml;nes Licht f&uuml;r den Beitritt des vereinigten Deutschlands zur NATO gegeben hatte. <em>[Anm. Red.: Das Treffen in Archys im Kaukasus fand am 16. Juli 1990 zwischen dem sowjetischen Pr&auml;sidenten Michail Gorbatschow und Bundeskanzler Helmut Kohl statt. Dort gab Gorbatschow die entscheidende Zusage, dass das vereinigte Deutschland seine B&uuml;ndnisse (also die NATO-Mitgliedschaft) frei w&auml;hlen k&ouml;nne. Dieses Treffen war ein entscheidender Durchbruch auf dem Weg zur Deutschen Einheit.]<\/em> Zuvor gab es noch Versuche, die Idee eines neutralen Status voranzutreiben. Es gab sogar solche irrwitzigen Ideen, dass ein Teil Deutschlands in einem Block und der andere Teil in einem anderen Block verbleiben sollte.<\/p><p>W&auml;re es damals m&ouml;glich gewesen, darauf zu bestehen, dass das vereinte Deutschland seinen neutralen Status beh&auml;lt? Diese Frage l&auml;sst sich nicht eindeutig beantworten. Ich denke, die Chancen w&auml;ren da gewesen, wenn Moskau eine gewisse Entschlossenheit gezeigt h&auml;tte. Leider befand sich die Sowjetunion wirtschaftlich in einer schwachen Position. Wir haben uns mit ausgestreckter Hand an den Westen gewandt. Hungerrevolten in der Sowjetunion h&auml;tten Realit&auml;t werden k&ouml;nnen. Daher denke ich, dass das, was getan wurde, unter den damaligen politischen und wirtschaftlichen Bedingungen das Maximum war, das f&uuml;r uns m&ouml;glich war.<\/p><p><strong>Welche Folgen hatte Ihrer Meinung nach das Verschwinden der DDR von der politischen Weltkarte?<\/strong><\/p><p>Das Wichtigste ist, dass sich die Kr&auml;ftebalance in Europa und der Welt grundlegend ver&auml;ndert hat. Das sozialistische System begann bereits fr&uuml;her zu zerfallen. &Uuml;berall, au&szlig;er in Rum&auml;nien, verliefen diese Prozesse in den vorangegangenen Jahren relativ friedlich. Was trug zur Massenflucht der DDR-B&uuml;rger in den Jahren zwischen 1987 und 1989 in den Westen bei? Es war die &Ouml;ffnung der Grenzen zwischen Ungarn und &Ouml;sterreich. Und warum hat Ungarn das getan? Auch hier: eine ausgestreckte Hand. All das f&uuml;gte sich zusammen.<\/p><p>Dies war nat&uuml;rlich ein Prozess, der die Welt ins Ungleichgewicht brachte, die sich in den &uuml;ber vierzig Jahren nach dem Krieg gefestigt hatte. Wir mussten das gesamte System au&szlig;enpolitischer Koordinaten neu aufbauen, und das von einer Position der Schw&auml;che aus. Was war die Sowjetunion in den Jahren 1989-1990 und erst recht 1991? Es war, offen gesagt, die Vorgeschichte zum Zerfall der UdSSR.<\/p><p><strong>Im Februar 2024 wurde in Russland eine Initiative zur K&uuml;ndigung des Zwei-plus-Vier-Vertrags vorgelegt. Wie stehen Sie zu dieser Idee?<\/strong><\/p><p>Ich habe diesen Gedanken privat mit meinen Kollegen besprochen, die derzeit im deutschen Bereich t&auml;tig sind oder waren. Nat&uuml;rlich ist es verlockend, den Deutschen eins auszuwischen &hellip;<\/p><p><strong>Vom deutschen Boden darf nur Frieden ausgehen!<\/strong><\/p><p>Ja, man sollte ihnen diese &Auml;u&szlig;erungen unter die Nase reiben. Aber sofort stellt sich die Frage, was uns das bringt. Was w&uuml;rde das &auml;ndern? Es w&uuml;rde nichts &auml;ndern. Und die zweite Frage: An diesen Vertrag ist der &bdquo;Gro&szlig;e Vertrag&ldquo; <em>[gemeint: Vertrag &uuml;ber gute Nachbarschaft, Partnerschaft und Zusammenarbeit]<\/em> gekn&uuml;pft, in dem ebenfalls festgehalten ist, dass beide Seiten die territoriale Integrit&auml;t nicht nur des jeweils anderen, sondern auch anderer Staaten wahren m&uuml;ssen. Damit w&uuml;rden wir uns in neue, fruchtlose Streitigkeiten verwickeln.<\/p><p>Ich denke, aus heutiger Sicht h&auml;tten wir 1990 vielleicht zus&auml;tzlich eine Formulierung in den Vertrag &uuml;ber die Unzul&auml;ssigkeit des Einsatzes bewaffneter Streitkr&auml;fte gegeneinander einf&uuml;gen sollen, indem wir das Wort &bdquo;Waffen&ldquo; erg&auml;nzen, also: Unzul&auml;ssigkeit des Einsatzes von &bdquo;bewaffneten Streitkr&auml;ften und Waffen&ldquo;?<\/p><p>Wenn man jetzt versuchen w&uuml;rde, den Zwei-plus-Vier-Vertrag zu k&uuml;ndigen, muss man bedenken, dass erstens nicht nur wir und die BRD, sondern noch weitere Parteien an dem Vertrag beteiligt sind. Und zweitens: Wer gewinnt und wer verliert dadurch? Wieder wir. Daher ist es kein Zufall, dass diese Diskussionsans&auml;tze bei uns nach reiflicher &Uuml;berlegung wieder verstummt sind. Ich w&uuml;rde mich im Moment nicht damit besch&auml;ftigen, zumal diese Vertr&auml;ge formal noch in Kraft sind. Es ist klar, dass sie in der Praxis nicht funktionieren, aber das bedeutet nicht, dass wir sie in einiger Zeit nicht wieder ben&ouml;tigen werden. Deutschland und Russland werden nicht von der Landkarte verschwinden. Wir werden gezwungen sein, unsere Beziehungen auf einer neuen Grundlage aufzubauen und uns dabei auf die Errungenschaften der Vergangenheit zu st&uuml;tzen. Wir hatten mit Deutschland bekanntlich schon schlimmere Situationen als heute &ndash; und das nicht nur einmal.<\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><p><em><strong>Wladimir Michailowitsch Polenow <\/strong>ist ein sowjetischer und russischer Diplomat, au&szlig;erordentlicher und bevollm&auml;chtigter Botschafter 1. Klasse, der lange Zeit in der BRD t&auml;tig war und an den Zwei-plus-Vier-Verhandlungen teilgenommen hat. Er ist der Verfasser des Vertrags &uuml;ber gute Nachbarschaft, Partnerschaft und Zusammenarbeit zwischen der BRD und der Sowjetunion von 1990, der die Grundlagen der russisch-deutschen Beziehungen f&uuml;r die n&auml;chsten Jahrzehnte festlegte.<\/em><\/p><p><em><strong>Artem Sokolow<\/strong>, Senior Researcher am Institut f&uuml;r Internationale Studien des MGIMO, ist ein ausgewiesener Experte f&uuml;r internationale Beziehungen. Seine Forschungsschwerpunkte umfassen die deutsche Au&szlig;en- und Innenpolitik, die deutsche Geschichte sowie die europ&auml;ische Integration.<\/em><\/p><p><em>Das vorliegende Gespr&auml;ch ist eingebettet in den analytischen Bericht &uuml;ber die deutsche Wiedervereinigung, erstellt am <strong>MGIMO des Au&szlig;enministeriums Russlands, 2024<\/strong>.<\/em><\/p><p><em>Der zugrundeliegende Bericht <strong>&bdquo;GESPALTENE EINHEIT: 35 Jahre Beitritt der DDR zur BRD&ldquo;<\/strong> f&uuml;hrt die Forschungstradition des <strong>Instituts f&uuml;r Internationale Studien der MGIMO<\/strong> zur deutschen Politik fort.<\/em><\/p><p><em><strong>Copyright-Vermerk:<\/strong> &copy; Sokolow A.P., Worotnikow W.W., Pankow E.S., 2024.<\/em><\/p><p><small>Titelbild: DacologyPhoto \/ Shutterstock<\/small><\/p><div class=\"moreLikeThis\">\n<strong>Mehr zum Thema:<\/strong>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=141681\">Russischer Diplomat &uuml;ber 1989: &bdquo;&Ouml;ffnung der deutsch-deutschen Grenze zerst&ouml;rte Nachkriegsordnung&ldquo; &ndash; Teil 1<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=137088\">Das unw&uuml;rdige Umgehen der Bundesregierung mit Sigmund J&auml;hn und wie sich das Ausw&auml;rtige Amt &uuml;ber &bdquo;sogenannte Wiedervereinigung&ldquo; echauffiert&hellip;<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=116807\">Der 17. Juni und die vergessene Unterdr&uuml;ckung von Streiks und Volksaufst&auml;nden im Westen Deutschlands<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=90172\">Gedanken zum 09. November: Im Jahr 33 nach der &bdquo;Zeitenwende&ldquo; des Mauerfalls<\/a>\n<\/p><\/div><p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/vg09.met.vgwort.de\/na\/a9532a30ce2c455abe5af0c0b883ec9b\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die deutsche Wiedervereinigung stellte die Sowjetunion im Jahr 1990 vor immense politische und diplomatische Herausforderungen. Wie <strong>Wladimir Michailowitsch Polenow<\/strong>, sowjetisch\/russischer Diplomat, berichtet, war der Prozess von Unsicherheit und dem Gef&uuml;hl einer &bdquo;Zerlegung&ldquo; der DDR gepr&auml;gt. <strong>Artem Pawlowitsch Sokolow<\/strong> f&uuml;hrte dieses Interview im Rahmen des analytischen Berichts des Instituts f&uuml;r Internationale Studien der MGIMO (Moskauer Staatliches<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=141884\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":141685,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[169,107,170],"tags":[277,1543,3240,3364,400,1644,295,466,259,2147,2664,781,3418],"class_list":["post-141884","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-aussen-und-sicherheitspolitik","category-audio-podcast","category-friedenspolitik","tag-ddr","tag-deutsche-einheit","tag-diplomatische-verhandlungen","tag-diplomatischer-dienst","tag-genscher-hans-dietrich","tag-gorbatschow-michail","tag-kohl-helmut","tag-nato","tag-russland","tag-sowjetunion","tag-truppenabzug","tag-waehrungsunion","tag-zwei-plus-vier-vertrag"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2025\/11\/shutterstock_2504773291_wmp.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/141884","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=141884"}],"version-history":[{"count":7,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/141884\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":141901,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/141884\/revisions\/141901"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/141685"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=141884"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=141884"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=141884"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}