{"id":142,"date":"2004-10-27T16:09:22","date_gmt":"2004-10-27T15:09:22","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/v2\/?p=142"},"modified":"2016-03-24T11:25:08","modified_gmt":"2016-03-24T10:25:08","slug":"vergabe-des-okonomie-nobelpreises-an-die-beiden-neoliberalen-kydland-und-prescott","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=142","title":{"rendered":"Vergabe des \u00d6konomie-Nobelpreises an die beiden Neoliberalen Kydland und Prescott"},"content":{"rendered":"<p>Ein Bericht von Gerhard Kilper &uuml;ber die kritische W&uuml;rdigung der Preisverleihung durch die beiden franz&ouml;sischen Wirtschaftsprofessoren Antoine d&rsquo;Autume und Jean-Olivier Hairault (Universit&auml;ten Paris-I und Institut universitaire de France) in Le Monde vom 19.10.2004<br>\n<!--more--><br>\nNach den Darlegungen der beiden Le Monde-Autoren d&rsquo;Autume und Hairault wurde der diesj&auml;hrige &Ouml;konomie-Nobelpreis an den Norweger Finn E. Kydland und den Amerikaner Edward C. Prescott insbesondere f&uuml;r zwei in den Jahren 1977 und 1982 ver&ouml;ffentlichte Artikel verliehen. <\/p><p>Beide Publikationen beruhten auf der impliziten Arbeitshypothese wirtschaftlich-rationalen Verhaltens bzw. rationaler Antizipation wirtschaftlicher Entscheidungen der privaten Wirtschaftssubjekte in entwickelten Volkswirtschaften. In direkter Anlehnung an die Nobelpreistr&auml;ger Milton Friedman und Robert Lucas versuchten die beiden Preistr&auml;ger in ihren Arbeiten eine Br&uuml;cken von der mikro&ouml;konomischen Analyse zur Makro&ouml;konomie zu schlagen. Sie gingen dabei davon aus, dass es m&ouml;glich sei, mikro&ouml;konomische Modell-Erkenntnisse in die Makro&ouml;konomie zu integrieren &ndash; ein Vorgehen das bisher in der makro&ouml;konomischem Analyse undenkbar war (insbesondere aufgrund der fundierten Kritik der &bdquo;Allgemeinverbindlichkeit&ldquo; der Aussagen der Klassik durch John Maynard Keynes in seinem Hauptwerk &bdquo;The General Theory of Employment, Interest and Money&ldquo;, 13.Auflage, Cambridge 1973).<br>\nKydland und Prescott lehnen kategorisch die Aussagen der Keynes&rsquo;schen Analyse ab, gr&ouml;&szlig;ere Schwankungen der Gesamtnachfrage k&ouml;nnten Konjunkturschwankungen zur Folge haben. So stellte ihr erster Artikel von 1977 grunds&auml;tzlich die Keynes&rsquo;schen Aussagen und Erkenntnisse und seine Konzeption einer aktiven staatlichen Wirtschaftspolitik zur globalen Konjunktursteuerung in Frage.<\/p><p>Kydland und Prescott sehen die &bdquo;Makro&ouml;konomie&ldquo; schematisch vereinfachend als ein permanentes, komplexes Wechselspiel zwischen den rational entscheidenden, privaten Wirtschaftssubjekten einerseits und dem wirtschaftspolitischen Handeln staatlicher Organe andererseits. In diesem Spiel seien die privaten Wirtschaftssubjekte die wirtschaftlichen Hauptakteure der Volkswirtschaft. Im Anschluss an Friedman und Lucas behaupten Kydland und Prescott nach Aussagen der beiden Le Monde-Autoren, die privaten Wirtschaftssubjekte br&auml;uchten f&uuml;r koh&auml;rente wirtschaftlich-rationale Entscheidungen insbesondere stabile Vorgaben der staatlichen Politik. Am Ende ihrer Analyse kommen die beiden Nobelpreistr&auml;ger zum Schluss, zur Vermeidung zyklischer Schwankungen sei es empfehlenswert, den wirtschaftspolitischen Handlungsspielraum des Staates so weit wie m&ouml;glich einzuschr&auml;nken. Ein Beispiel daf&uuml;r sei die Geldpolitik: die Regierung habe nicht nur eine Politik des stabilen Geldwertes als wirtschaftliches Ziel programmatisch anzuk&uuml;ndigen, sondern m&uuml;sse eine solche Politik auch, komme was wolle, strikt einhalten. Nur so k&ouml;nne vermieden werden, dass die privaten Wirtschaftssubjekte implizit davon ausgehen, in der Krise werde die Regierung vom Tugendpfad der Stabilit&auml;t abweichen, Nachfrage ankurbelnde Ma&szlig;nahmen einleiten und damit die Preisstabilit&auml;t gef&auml;hrden. Und nur wenn die privaten Wirtschaftssubjekte ein solches Kalk&uuml;l nicht antizipierten, weil sie dem Regierungshandeln voll vertrauen k&ouml;nnen, k&ouml;nnten auch krisenhafte Entwicklungen vermieden werden.<br>\nDiese &ndash;im Hinblick auf staatliches Handeln im Bereich der Wirtschaftspolitik- pessimistische Analyse trifft sich mit den Friedmanschen Empfehlungen zur Wirtschaftspolitik. Inflation ist f&uuml;r die beiden neuen Nobelpreistr&auml;ger nur noch das Ergebnis einer institutionell falsch angelegten Wirtschaftspolitik. Der einzige Ausweg liege darin, die Unabh&auml;ngigkeit der Zentralbanken verfassungsrechtlich zu verankern und diese in ihrer Politik allein auf das Ziel der Preisstabilit&auml;t zu verpflichten.<\/p><p>In ihrer zweiten, 1982 ver&ouml;ffentlichten Arbeit kamen, nach dem Le Monde- Bericht, Kyldand und Prescott zu dem Ergebnis, Konjunkturschwankungen seien insbesondere auf technologische Entwicklungsschocks zur&uuml;ck zu f&uuml;hren &ndash; Schocks auf die die Wirtschaftssubjekte nur wirtschaftlich-rational reagiert h&auml;tten.<br>\nSie stellen diese &bdquo;neue&ldquo; Konjunktursicht gegen die Keynes&rsquo;sche Sicht konjunktureller Schwankungen und heben ausdr&uuml;cklich drei Gr&uuml;nde hervor, mit denen Keynes Konjunkturzyklen und insbesondere lange rezessive Phasen erkl&auml;rt habe: <\/p><ul>\n<li>die Realit&auml;t des Marktgeschehens auf tats&auml;chlich unvollst&auml;ndigen und eben nicht vollst&auml;ndigen M&auml;rkten. (Keynes meinte, da in der Realit&auml;t die Pr&auml;missen der vollst&auml;ndigen M&auml;rkte nicht gegeben seien, k&ouml;nne es auch die Tendenz zum automatischen Marktgleichgewicht und die damit verbundenen Erkenntnisse nicht geben; auch k&ouml;nne die Denk- und Vorgehensweise der Newtonsche Mechanik nicht einfach schematisch auf den Bereich von Wirtschaft und Gesellschaft &uuml;bertragen werden)<\/li>\n<li>das &uuml;berwiegend nicht-rationale Verhalten der Wirtschaftssubjekte bei ihren faktischen Entscheidungen und Antizipationen<\/li>\n<li>das in der Gesellschaft verbreitete Verhalten der Wirtschaftssubjekte, in kollektiven Panikreaktionen die Kauf- oder Verkaufentscheidungen von angeblichen Autorit&auml;ten nachzuahmen, so z.B. im B&ouml;rsengeschehen. Kydland und Prescott verneinen ausdr&uuml;cklich, dass diese nach ihrer Meinung &bdquo;typisch Keynes&rsquo;schen Gr&uuml;nde&ldquo; daf&uuml;r verantwortlich sein k&ouml;nnten, dass das angebotene Sozialprodukt von der Gesamtnachfrage nicht absorbiert und eine rezessive Abw&auml;rtsbewegung der Konjunktur ausgel&ouml;st werden k&ouml;nne. Ebenso verwerfen Kydland und Prescott, nach Angaben der beiden Autoren, die von Keynes vorgeschlagenen Instrumente zur globalen Konjunktursteuerung.\n<\/li>\n<\/ul><p>Konjunkturelle Bewegungen entstehen nach Kydland und Prescott als Antwort der rational handelnden privaten Wirtschaftssubjekte auf strukturelle &Auml;nderungen des wirtschaftlichen Umfeldes, aus dem sich der Staat, bitte sch&ouml;n, ganz herauszuhalten habe. Die beiden Nobelpreistr&auml;ger sind weiter der Meinung, bei vielen aktuellen Problemen des Wirtschaftsgeschehens spiele die tempor&auml;r angemessene Koh&auml;renz eingeleiteter Ma&szlig;nahmen der Wirtschaftspolitik eine tragende Rolle, so auch bei der Einf&uuml;hrung einer Kapitalsteuer, die beide Nobelpreistr&auml;ger bef&uuml;rworten.<br>\nDie beiden Le Monde-Autoren &auml;u&szlig;ern zum Schluss die Ansicht, die vorgestellten Hypothesen und Aussagen der beiden Nobelpreistr&auml;ger seien wohl in sich wissenschaftlich koh&auml;rent und k&ouml;nnten Arbeitsgrundlage f&uuml;r weiterf&uuml;hrende Arbeiten sein. Allerdings m&uuml;sse die Arbeitshypothese des rational-wirtschaftlichen Verhaltens der privaten Wirtschaftssubjekte durch empirische Analysen erh&auml;rtet werden. Sie warnen gleichzeitig davor, den &bdquo;theoretischen Wurf&ldquo; der beiden Schriften &uuml;ber zu bewerten. So habe die amerikanische Zentralbank unter Greenspan immer sehr flexibel auf sich rasch &auml;ndernde strukturelle Gegebenheiten reagiert und auch ohne die, von den beiden Nobelpreistr&auml;gern so nachdr&uuml;cklich empfohlenen, starren Regeln inflation&auml;re Tendenzen immer wieder rechtzeitig in Griff bekommen und neues Wachstum anregen k&ouml;nnen.\t<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Bericht von Gerhard Kilper &uuml;ber die kritische W&uuml;rdigung der Preisverleihung durch die beiden franz&ouml;sischen Wirtschaftsprofessoren Antoine d&rsquo;Autume und Jean-Olivier Hairault (Universit&auml;ten Paris-I und Institut universitaire de France) in Le Monde vom 19.10.2004<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[131,205],"tags":[1526,367],"class_list":["post-142","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-oekonomie","category-neoliberalismus-und-monetarismus","tag-nachtwaechterstaat","tag-nobelpreis"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/142","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=142"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/142\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":32478,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/142\/revisions\/32478"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=142"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=142"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=142"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}