{"id":142062,"date":"2025-11-16T12:00:03","date_gmt":"2025-11-16T11:00:03","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=142062"},"modified":"2025-11-14T20:52:27","modified_gmt":"2025-11-14T19:52:27","slug":"gedanken-nach-den-zwischenwahlen-in-argentinien-wie-sich-der-ueberwaeltigende-sieg-von-milei-erklaert","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=142062","title":{"rendered":"Gedanken nach den Zwischenwahlen in Argentinien: Wie sich der \u00fcberw\u00e4ltigende Sieg von Javier Milei erkl\u00e4rt"},"content":{"rendered":"<p>Trotz des brutalen Kaufkraftverlusts und einer Reihe von Korruptionsskandalen f&uuml;hrten die Zwischenwahlen in Argentinien zu einem &uuml;berw&auml;ltigenden Sieg f&uuml;r La Libertad Avanza (Die Freiheit schreitet voran, LLA), die Partei von Javier Milei. Und jetzt? Von&nbsp;<strong>Florencia Oroz<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nDie Ergebnisse der Zwischenwahlen in Argentinien brachten einen &uuml;berw&auml;ltigenden Sieg f&uuml;r Mileis Partei, die auf nationaler Ebene mit mehr als 40 Prozent der Stimmen gewann.<\/p><p>F&uuml;r diejenigen von uns, die sich vor nur 50 Tagen &uuml;ber die Ergebnisse der Parlamentswahlen in der Provinz Buenos Aires (eine Provinz, die fast 40 Prozent der nationalen W&auml;hlerschaft ausmacht) gefreut hatten, war die Nachricht ein Schlag ins Gesicht. Die Entt&auml;uschung ist gro&szlig;, nicht nur unter denen, die mit voller &Uuml;berzeugung ihre Hoffnungen auf Fuerza Patria[<a href=\"#foot_1\" name=\"note_1\">1<\/a>] gesetzt hatten, sondern auch unter Leuten wie uns, die sich &uuml;ber die damaligen Ergebnisse gefreut hatten. Nicht so sehr wegen ihrer positiven Bedeutung, sondern wegen ihrer negativen Aussagekraft: der lang ersehnte Beginn des Niedergangs der Liberalen und der Beginn der Auswirkungen der von der Regierung Milei verursachten Wirtschaftskatastrophe auf die Wahlurnen.<\/p><p>Aber nein. Am 26. Oktober gelang es dem Peronismus nicht nur nicht, etwas von diesem Sieg auf Provinzebene auf die nationale Ebene zu &uuml;bertragen. Er verlor sogar in demselben Gebiet, in dem er vor knapp zwei Monaten einen &bdquo;Kantersieg&rdquo; errungen hatte. Knapp, aber dennoch verloren. Ein wirklich spektakul&auml;res Comeback von La Libertad Avanza: Innerhalb weniger Wochen konnte die Partei mehr als 13 Punkte gutmachen, vor allem aufgrund der gestiegenen Wahlbeteiligung, die bei den Wahlen am 7. September bei etwas mehr als 61 Prozent lag, am 26. Oktober jedoch knapp &uuml;ber 68 Prozent betrug.<\/p><p>Nun, abgesehen von der leichten Erholung der Wahlbeteiligung in der Provinz Buenos Aires und von dem f&uuml;r viele entmutigenden Anblick der violett gef&auml;rbten Landkarte, ist das herausragende Ergebnis des 26. Oktobers Resultat des Einbruchs der allgemeinen Wahlbeteiligung auf nationaler Ebene. Seit der R&uuml;ckkehr zur Demokratie im Jahr 1983 ist die Wahlbeteiligung einem anhaltenden Abw&auml;rtstrend unterworfen. Man k&ouml;nnte sagen, dass Zwischenwahlen immer weniger Menschen anziehen als Pr&auml;sidentschaftswahlen, und das ist auch richtig. Aber selbst wenn man nur die Parlamentswahlen betrachtet, ist der Einbruch bemerkenswert: Zum ersten Mal in den letzten 40 Jahren lag die Wahlbeteiligung unter 70 Prozent. Die Daten dieser letzten Wahl zeigen, dass nur 68 Prozent der Wahlberechtigten an den Urnen erschienen sind. Mit anderen Worten hat sich jeder Dritte entschieden, nicht an einer obligatorischen Wahl teilzunehmen. Diese Zahlen sollten mehrere Alarmglocken l&auml;uten lassen.<\/p><p>F&uuml;r viele sind die 40 Prozent von La Libertad Avanza unerkl&auml;rlich. Seit zwei Jahren verfolgt die Regierung von Javier Milei eine Politik der Inflationsbek&auml;mpfung, indem sie L&ouml;hne und Renten als Anker nutzt. Die Regierungspartei behauptet, dass es keinen Spielraum f&uuml;r Lohnvereinbarungen gibt, die &uuml;ber ein Prozent pro Monat hinausgehen. Eine Zahl, die darauf abzielt, die Inflationserwartungen nach unten zu korrigieren und zu verhindern, dass der Verteilungskampf eine aufw&auml;rts gerichtete Preisspirale ausl&ouml;st. Angesichts einer massiven Abwertung zu Beginn der Amtszeit und einer monatlichen Inflation, die im Durchschnitt doppelt so hoch ist wie die Obergrenze f&uuml;r Lohnerh&ouml;hungen, sinkt die Kaufkraft der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer jedoch rapide.<\/p><p>Die Situation der Rentnerinnen und Rentner ist noch schlimmer. W&auml;hrend der Wert ihres Warenkorbs auf etwa 1,5 Millionen Pesos (knapp 900 Euro) gesch&auml;tzt wird, betr&auml;gt die Mindestrente nicht einmal ein Drittel dieses Betrags, n&auml;mlich 396.000 Pesos (inklusive Bonus zwischen 240 und 250 Euro). Dieses Szenario wird noch katastrophaler, wenn man bedenkt, dass die H&auml;lfte der Rentnerinnen und Rentner des Landes die Mindestrente bezieht. Jeden Mittwoch versammelt sich der Koordinierungsausschuss der Rentner vor dem Nationalkongress, um eine Anpassung ihrer Bez&uuml;ge zu fordern, und die Antwort der Regierung Milei war bisher ausnahmslos Repression.<\/p><p>Hinzu kommt die Haushaltskrise der Universit&auml;ten und des &ouml;ffentlichen Gesundheitswesens, Sektoren, die Anfang Oktober, kurz vor Ende des Wahlkampfs, einen wichtigen Sieg errungen hatten, als der Kongress auf die Erkl&auml;rung des Notstands in beiden Bereichen bestand und das Veto des Pr&auml;sidenten ablehnte.<\/p><p>Der systematische Finanzierungsentzug im &ouml;ffentlichen Sektor hatte in den letzten Monaten zudem eine weitere Folge: einen alarmierenden Anstieg der Zahl der Frauenmorde. Nach&nbsp;<a href=\"https:\/\/ahoraquesinosven.com.ar\/reports\/178-femicidios-en-lo-que-va-del-2025\">Angaben<\/a>&nbsp;der Organisation &bdquo;Ahora que s&iacute; nos ven&ldquo; (Jetzt, da sie uns wirklich sehen)[<a href=\"#foot_2\" name=\"note_2\">2<\/a>]&nbsp;gab es im Jahr 2025 bisher 178 Frauenmorde, also einen alle 36 Stunden. In den zwei Wochen vor den Wahlen erlangten vier F&auml;lle besondere &ouml;ffentliche Aufmerksamkeit, sodass das Thema sogar in den gro&szlig;en Medien behandelt wurde. Wie das Observatorio argumentiert, sch&uuml;ren die Abschaffung und Aush&ouml;hlung der meisten Pr&auml;ventionsprogramme sowie die F&ouml;rderung von Hassreden, Leugnung und Frauenfeindlichkeit durch den Staat selbst patriarchale Gewalt und f&uuml;hren zu einem zunehmend feindseligen Klima f&uuml;r Frauen und Dissidenten. Trotz der Schwere der Lage wurde das Thema in den Wahlkampfreden kaum angesprochen.<\/p><p>Doch damit war die Liste der Probleme f&uuml;r La Libertad Avanza, die sowohl bei den eigenen Anh&auml;ngern als auch bei Au&szlig;enstehenden Zweifel an ihrem Wahlerfolg aufkommen lie&szlig;en, noch nicht zu Ende. Vom Skandal um den Betrug mit der Kryptow&auml;hrung $LIBRA im Februar &uuml;ber die Korruptionsvorw&uuml;rfe gegen Mileis Schwester Karina und andere hochrangige Regierungsbeamte &ndash; die im August beschuldigt wurden, illegale Provisionen f&uuml;r Pharmavertr&auml;ge (die ber&uuml;hmten &bdquo;drei Prozent&rdquo;) verlangt zu haben &ndash; bis hin zu verschiedenen anderen Vorf&auml;llen schien es zahlreiche Gr&uuml;nde f&uuml;r eine Wahlniederlage der Partei des Pr&auml;sidenten zu geben. Die j&uuml;ngste Aff&auml;re um Luis Espert, der als Spitzenkandidat von La Libertad Avanza in der Provinz Buenos Aires f&uuml;r die Wahlen im Oktober antreten sollte, aber wegen des Verdachts auf Verbindungen zum Drogenhandel seine Kandidatur zur&uuml;ckziehen musste, war das i-T&uuml;pfelchen f&uuml;r einen Wahlkampf, der mehr Hindernisse als erwartet mit sich brachte.<\/p><p>Die Schw&auml;chung der Figur Milei und die Abnutzung seines Wirtschaftsmodells, wie Delfina Rossi in&nbsp;<a href=\"https:\/\/jacobinlat.com\/2025\/10\/mada-make-argentina-default-again\/\"><em>Jacobin<\/em><\/a>&nbsp;erkl&auml;rt, f&uuml;hrten in den letzten Wochen zu einer allgemeinen Flucht aus argentinischen Anleihen und M&auml;rkten, was wiederum zu einer Beschleunigung der Abwertung des Wechselkurses f&uuml;hrte. Vor diesem Hintergrund und in dem Wissen, dass eine abrupte Abwertung so wenige Tage vor den Wahlen v&ouml;llig undurchf&uuml;hrbar war, beschloss die nationale Regierung, sich an die Vereinigten Staaten zu wenden. Die bedingte Unterst&uuml;tzung von Donald Trump (&bdquo;Wenn Milei nicht gewinnt, werden wir nicht gro&szlig;z&uuml;gig zu Argentinien sein&rdquo;) veranlasste nicht wenige Menschen &ndash; darunter auch mich &ndash; zu der Annahme, dass eine derart massive Einmischung in die lokale Politik f&uuml;r die Regierung nach hinten losgehen w&uuml;rde.<\/p><p>Angesichts der Ergebnisse vom 26. Oktober haben wir uns jedoch geirrt. Nicht nur scheinen die Erwartungen, die durch das US-Rettungspaket geweckt wurden, jegliche Bestrebungen nach Souver&auml;nit&auml;t &uuml;bertrumpft zu haben. Auch die Folgen der Korruptionsskandale und der anhaltende Kaufkraftverlust seit dem Amtsantritt der neuen Regierung im Dezember 2023 scheinen die politische Konstellation im Wahlgeschehen nicht neu geordnet zu haben, wie wir angenommen hatten. Nicht einmal die Ank&uuml;ndigung einer Arbeitsmarktreform, die unter anderem die Abschaffung der Abfindungen bei Entlassungen und eine &bdquo;Dynamisierung&rdquo; des Achtstundentags durch eine m&ouml;gliche Verl&auml;ngerung auf zw&ouml;lf Stunden vorsieht, konnte die W&auml;hlerschaft beeindrucken und ihre Pr&auml;ferenzen &auml;ndern. Ist Argentinien nun unwiderruflich rechtsgerichtet? Oder sind die Menschen aus unerkl&auml;rlichen Gr&uuml;nden entschlossen, gegen ihr eigenes &Uuml;berleben zu stimmen?<\/p><p>Ich glaube weder noch, auch wenn uns die Verzweiflung manchmal dazu verleitet, solche Fragen zu stellen. Vielmehr scheint es mir, dass wir die in der argentinischen Gesellschaft verbreitete Entt&auml;uschung &uuml;ber die Politik untersch&auml;tzen, ebenso wie die Tiefe des &Uuml;berdrusses und das weit verbreitete Gef&uuml;hl, dass &bdquo;alles so schlecht ist&rdquo;, dass nur extreme Ma&szlig;nahmen Abhilfe schaffen k&ouml;nnen, selbst wenn dies Opfer in der Gegenwart mit sich bringt. Um die Ursachen dieses Ph&auml;nomens zu ergr&uuml;nden, reicht es jedoch nicht aus, nur die Situation des letzten Jahres zu betrachten. Es ist notwendig, eine mittelfristige Betrachtung vorzunehmen, die in die Analyse nicht nur wirtschaftliche Dynamiken und ideologische Definitionen einbezieht, sondern auch kulturelle und soziale Prozesse, die in den Statistiken weniger offensichtlich, aber f&uuml;r die Gestaltung der sozialen Stimmungen ebenso wichtig wie die erstgenannten sind.<\/p><p>&Uuml;ber die wiederholte Unf&auml;higkeit des Peronismus, sich nicht nur formal, sondern auch effektiv und nachhaltig zu den Wahlen zu vereinigen und die internen Streitigkeiten zu &uuml;berwinden, in denen er seit der Regierung von Alberto Fern&aacute;ndez versunken ist, wurde bereits viel geschrieben. Das alles werde ich hier nicht wiederholen. Ich m&ouml;chte nur anmerken, dass von den &bdquo;neuen Liedern&rdquo;, zu deren Komposition Axel Kicillof &ndash; meiner Meinung nach zu Recht &ndash; im Oktober 2023, vor dem Sieg Mileis,&nbsp;<a href=\"https:\/\/x.com\/somoscorta\/status\/1699435792366539152\">aufgerufen<\/a>&nbsp;hatte, noch keines erklungen ist. Abgesehen vom Willen (oder der k&uuml;hnen &Auml;u&szlig;erung?) des Gouverneurs der Provinz Buenos Aires scheint es keine ehrliche Bilanz &uuml;ber die Reichweite und Grenzen der Erfahrungen des Kirchnerismus in der Regierung, die tieferen Ursachen seiner Niederlage im Jahr 2015 oder die Gr&uuml;nde zu geben, warum es ihm seitdem &ndash; und sogar schon vorher &ndash; nicht gelungen ist, eine dauerhafte Hegemonie wiederaufzubauen.<\/p><p>Welche Politik verfolgten die verschiedenen Organisationen, die sich mit dem Kirchnerismus in einer seiner Varianten identifizierten (mehr oder weniger &bdquo;cristinistisch&rdquo;, um es kurz und b&uuml;ndig zu sagen), um den Teil der Gesellschaft zur&uuml;ckzugewinnen, der einst von dem eingeschlagenen Kurs &uuml;berzeugt war und beispielsweise den historischen Sieg von 2011 mit 54 Prozent der Stimmen erm&ouml;glichte? Grob gesagt basierte die Strategie des Kirchnerismus &ndash; zumindest in seinen Mainstream-Varianten &ndash; w&auml;hrend der bisherigen Amtszeit von Milei auf zwei S&auml;ulen: erstens auf der systematischen Wiederholung eines Diskurses, der dazu aufrief, die Vorz&uuml;ge der Jahre der Kirchner-Regierung &bdquo;zur&uuml;ckzuholen&rdquo;, die Kennzahlen der &bdquo;gewonnenen Dekade&rdquo; &bdquo;wiederherzustellen&rdquo; und die Erfahrungen der Regierungen von N&eacute;stor und &ndash; vor allem &ndash; Cristina &bdquo;neu aufzulegen&rdquo;. Mit anderen Worten: ein Diskurs, der immer wieder auf diesen &bdquo;nostalgischen Peronismus&rdquo; anspielte, den es laut Kicillof zu &uuml;berwinden galt.<\/p><p>Da es keine ernsthafte Bilanz &uuml;ber die Erinnerung oder die Bedeutung der Jahre der Kirchner-Regierungen gibt &ndash; die zusehends in die Vergangenheit r&uuml;cken &ndash;, klingt ein Diskurs, der im Wesentlichen auf die Vorz&uuml;ge der Vergangenheit verweist, immer hohler. W&uuml;rde man eine ehrliche Bilanz ziehen, w&uuml;rde man wahrscheinlich feststellen, dass der Kampf um diese Erz&auml;hlung, der Streit um den Wert, den diese Jahre seit dem Ende der &Auml;ra 2015 im kollektiven Ged&auml;chtnis der argentinischen Gesellschaft haben, weitgehend verloren ist. Nicht unter den Anh&auml;ngern des Kirchnerismus selbst, die immer noch zwischen einem Viertel und einem Drittel der W&auml;hlerschaft ausmachen, wohl aber gegen&uuml;ber dem ber&uuml;hmten&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.pagina12.com.ar\/578613-una-eleccion-de-tercios-el-pronostico-de-cristina-kirchner-q\">&bdquo;dritten Drittel&rdquo;<\/a>. Weiterhin auf dieser Linie zu beharren, bedeutet daher, immer wieder &uuml;ber denselben Stein zu stolpern. Je fr&uuml;her man diese Tatsache anerkennt, desto gr&ouml;&szlig;er sind die Chancen, aus der Sackgasse herauszukommen.<\/p><p>Die andere S&auml;ule, auf der die Strategie des Kirchnerismus in diesen fast zwei Jahren libert&auml;rer Regierung beruhte, war das Beharren auf dem institutionellen Weg als wichtigstes Instrument der Auseinandersetzung. Mit anderen Worten: Die gr&ouml;&szlig;ten Hoffnungen, den Kurs der Regierung zu &auml;ndern, wurden in die parlamentarische Arbeit gesetzt. Die Mobilisierung, wenn sie denn mit Nachdruck stattfand, wurde als Unterst&uuml;tzung oder Druckmittel f&uuml;r einen Kampf eingesetzt, der hinter den T&uuml;ren des Kongresses ausgetragen wurde.<\/p><p>Der transformative Charakter des Protests und vor allem der Organisation von unten als zentrale Strategie des politischen Kampfes fehlte weitgehend in den Pl&auml;nen. Die Politik wird so immer mehr &ndash; selbst unter denen, die behaupten, das Gegenteil zu vertreten &ndash; zu einer delegativen Angelegenheit, fast zu einer Frage des &bdquo;Glaubens&rdquo;, wodurch die Einflusskraft der von unten organisierten Bev&ouml;lkerung entwertet wird, einfach weil die Menschen nicht dazu aufgerufen werden, sich von unten zu organisieren, sondern lediglich zu &bdquo;unterst&uuml;tzen&rdquo;. Angesichts der Ergebnisse vom 26. Oktober stellt sich die Frage, wie es nun weitergehen soll, da der Kongress, der zuvor gespalten und in jeder Abstimmung noch umk&auml;mpft war, nun praktisch verloren ist.<\/p><p>Der allgemeine Eindruck ist, dass die Verbreitung des Anti-Kirchner-Diskurses in weiten Teilen der Gesellschaft immer wieder untersch&auml;tzt wird. Und spiegelbildlich dazu werden die Vorz&uuml;ge des &bdquo;gewonnenen Jahrzehnts&rdquo; &uuml;berbewertet. Ja, es stimmt, dass heute die &bdquo;gl&uuml;cklichere&rdquo; wirtschaftliche Lage (aus einem Zeitraum, der deutlich k&uuml;rzer als ein Jahrzehnt war) vermisst wird. Vermisst werden auch die Kulturpolitik und die Ausweitung der Rechte, die heute nicht nur fehlen, sondern im Begriff sind, r&uuml;ckg&auml;ngig gemacht zu werden, wenn dies nicht bereits geschehen ist. Aber diese Jahre haben auch die Grundlagen des neoliberalen Modells nicht ersch&uuml;ttert. Als das internationale Umfeld nicht mehr vorteilhaft war und der zu verteilende Kuchen kleiner wurde, wurde die Gelegenheit f&uuml;r eine strukturelle Ver&auml;nderung der Verteilung des Reichtums im Land verpasst.<\/p><p>Der Schlag ins Gesicht, den die Ergebnisse der Wahlen am 26. Oktober bedeuteten, muss &uuml;berwunden werden, denn es bleibt nichts anderes &uuml;brig. Aber wenn wir nicht nur &uuml;berleben, sondern auch um die Subjektivit&auml;t k&auml;mpfen und einen Konsens dar&uuml;ber schaffen wollen, dass eine gerechtere Gesellschaft (wie auch immer sie hei&szlig;en mag) m&ouml;glich und notwendig ist, m&uuml;ssen wir auch eine offene Debatte &uuml;ber unsere j&uuml;ngste Geschichte f&uuml;hren und den Mut aufbringen, &uuml;ber den Possibilismus hinauszugehen. Die argentinische Gesellschaft ist nicht &uuml;ber Nacht rechtsgerichtet geworden und hat auch nicht pl&ouml;tzlich beschlossen, dass sie lieber schlechter leben m&ouml;chte. Die argentinische Gesellschaft ist allgemein desillusioniert und sieht zunehmend keine M&ouml;glichkeit mehr, eine Zukunft zu erkennen. Das Problem ist, dass die einzige politische Option, die dieses Gef&uuml;hl aufgreift und einen Neuanfang vorschl&auml;gt, die extreme Rechte ist. Aus Gr&uuml;nden des blo&szlig;en &Uuml;berlebens ist es an der Zeit, eine eigene Option zu entwickeln.<\/p><p>&Uuml;bersetzung: Hans Weber, <a href=\"https:\/\/amerika21.de\/analyse\/277816\/gedanken-nach-zwischenwahlen-argentinien\">Amerika21<\/a><\/p><p><em>&Uuml;ber die Autorin: <strong>Florencia Oroz<\/strong> hat einen Master-Abschluss in argentinischer und lateinamerikanischer Geschichte der Universit&auml;t Buenos Aires, ist Dozentin und Redaktionskoordinatorin der Revista Jacobin.<\/em><\/p><p><em>Dieser Artikel ist Teil der&nbsp;<a href=\"https:\/\/jacobinlat.com\/categoria\/series\/situacion-latinoamericana-y-elecciones-argentinas-2025\/\">Reihe<\/a>&nbsp;&bdquo;Die Lage Lateinamerikas und die Wahlen in Argentinien 2025&Prime;, einer Zusammenarbeit zwischen der Zeitschrift Jacobin und der <a href=\"https:\/\/rosalux-ba.org\/\">Rosa-Luxemburg-Stiftung<\/a>.<\/em><\/p><p><small>Titelbild: Joshua Sukoff \/ Shutterstock<\/small><\/p><div class=\"moreLikeThis\">\n<strong>Mehr zum Thema:<\/strong>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=141200\">Die massive Einmischung der Trump-Regierung in die Wahlen in Argentinien und das Schweigen der &bdquo;Libert&auml;ren&ldquo;<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=139273\">Mileis Au&szlig;enminister in Berlin: Vertiefte Partnerschaft mit der NATO, Abbau von Grundrechten und &bdquo;Geschmacklosigkeiten&ldquo;<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=137126\">Stimmen aus Argentinien: Das Urteil des Obersten Gerichtshofs und das Ende der Demokratie<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=136493\">Vereinte Nationen warnen vor wachsender staatlicher Repression in Argentinien<\/a>\n<\/p><\/div><p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/ssl-vg03.met.vgwort.de\/na\/3976d68003984fcc8d7bd1cb5ba5a5af\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\" title=\"\"><\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><div class=\"footnote\">\n<p>[<a href=\"#note_1\" name=\"foot_1\">&laquo;1<\/a>] Fuerza Patria (FP), fr&uuml;her Uni&oacute;n por la Patria (UxP), ist die progressive, peronistische politische Koalition, der die ehemalige Pr&auml;sidentin Cristina Kirchner angeh&ouml;rt (Anmerkung des &Uuml;bersetzers).<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_2\" name=\"foot_2\">&laquo;2<\/a>] Die Beobachtungsstelle &bdquo;Ahora que s&iacute; nos ven&rdquo; ist eine argentinische zivilgesellschaftliche Organisation, die sich gegen geschlechtsspezifische Gewalt einsetzt (A. d. &Uuml;).<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Trotz des brutalen Kaufkraftverlusts und einer Reihe von Korruptionsskandalen f&uuml;hrten die Zwischenwahlen in Argentinien zu einem &uuml;berw&auml;ltigenden Sieg f&uuml;r La Libertad Avanza (Die Freiheit schreitet voran, LLA), die Partei von Javier Milei. 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