{"id":142109,"date":"2025-11-14T15:00:42","date_gmt":"2025-11-14T14:00:42","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=142109"},"modified":"2025-11-14T15:40:45","modified_gmt":"2025-11-14T14:40:45","slug":"thema-verfehlt-lieferkettengesetz-zerbroeselt-aber-alle-reden-von-brandmauer","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=142109","title":{"rendered":"Thema verfehlt! Lieferkettengesetz zerbr\u00f6selt \u2013 aber alle reden von Brandmauer"},"content":{"rendered":"<p>Das EU-Parlament brachte einen Gesetzentwurf durch, der die Berichts- und Sorgfaltspflichten von Konzernen im Umgang mit Menschenrechten minimiert und dessen Reichweite kl&auml;glich ist. Hierin liegt der eigentliche Skandal. Dass das Votum durch eine Allianz von Konservativen und Rechtsau&szlig;en zustande kam, darf das nicht vergessen machen. Ein Kommentar von <strong>Ralf Wurzbacher<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nWird das, was das Europ&auml;ische Parlament am Donnerstag beschlossen hat, rechtskr&auml;ftig, h&auml;tte man sich den ganzen Aufriss sparen k&ouml;nnen. Erkl&auml;rtes politisches Ziel war es einmal, Ausbeutung, Entrechtung, Versklavung, &ouml;kologische Zerst&ouml;rung, sprich Menschenrechtsverletzungen aller Art, in den globalen Wertsch&ouml;pfungskreisl&auml;ufen einzud&auml;mmen. Dieser Anspruchskatalog ist mit der gestern auf den Weg gebrachten EU-Lieferkettenrichtlinie reif f&uuml;r den Papierm&uuml;ll. Auf Deutschland &uuml;bertragen, m&uuml;sste nur noch ein Bruchteil an Unternehmen extrem reduzierte Berichts- und Sorgfaltspflichten erf&uuml;llen. Sch&auml;tzungen reichen von <a href=\"https:\/\/archive.is\/20251113145247\/https:\/www.rnd.de\/politik\/mit-stimmen-von-extrem-rechts-eu-parlament-verwaessert-lieferkettengesetz-DSNNUUIWYZH4JD2X5NMFSW5RJI.html\">120<\/a>, &uuml;ber <a href=\"https:\/\/taz.de\/Regel-fuer-Menschenrechte-in-Lieferketten\/!6116398\/\">150<\/a> bis hinauf zu <a href=\"https:\/\/www.faz.net\/aktuell\/wirtschaft\/klima-nachhaltigkeit\/eu-will-mittelstand-von-lieferkettengesetz-verschonen-110554555.html\">276<\/a>. Nach der seit 2024 geltenden Rechtslage sind es noch &uuml;ber 5.000. Oxfam Deutschland bringt es auf den Punkt: <a href=\"https:\/\/www.oxfam.de\/presse\/pressemitteilungen\/2025-11-13-brandmauer-gefallen-konservative-rechtsextreme-stimmen\">&bdquo;Tausende Gro&szlig;konzerne sollen sich k&uuml;nftig an gar keine Regeln in ihrer Lieferkette halten m&uuml;ssen.&ldquo;<\/a><\/p><p>Die Zerhackst&uuml;cklung eines sinnvollen und richtungsweisenden Projekts hat sich lange abgezeichnet. Faktisch war es den Entscheidern durch die Zivilgesellschaft aufgen&ouml;tigt worden, damals vor Corona, als Soziales und Klima noch relevant waren und Menschen bewegten. Mit abnehmendem &ouml;ffentlichen Druck und angesichts neuer Aufreger wie &bdquo;Zeitenwende&ldquo;, &bdquo;Kriegst&uuml;chtigkeit&ldquo; und Donald Trump gerieten die Verantwortlichkeiten der deutschen und EU-Wirtschaft f&uuml;r Menschenrechte rasch und nachhaltig aus dem Blick. Auf politischer Ebene wurde das Thema seit Jahren nur mehr unter der Ma&szlig;gabe verhandelt, wie sich die &bdquo;Belastungen&ldquo; f&uuml;r die Unternehmerschaft begrenzen lassen, nicht die von <a href=\"https:\/\/www.humanium.org\/de\/die-aktuelle-situation-der-kinderarbeit-in-kobaltminen-in-der-demokratischen-republik-kongo\/\">Kinderarbeitern in afrikanischen Kobaltminen<\/a>.<\/p><p><strong>Meilenstein oder Grabstein <\/strong><\/p><p>Robert Habeck von den Gr&uuml;nen hatte die Priorit&auml;ten in seiner Zeit als Bundeswirtschaftsminister mit dem Vorsto&szlig;, das deutsche Lieferkettengesetz zwei Jahre auf Eis zu legen, in gro&szlig;er Offenheit auf den Punkt gebracht. Zitat: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=116559\">&bdquo;Das w&auml;re das Beste.&ldquo;<\/a> Sp&auml;testens damit war der Weg geebnet zum heute beherrschenden Diskurs unter Schwarz-Rot, wonach das Regelwerk ein &bdquo;b&uuml;rokratisches Monster&ldquo; sei, das es zu b&auml;ndigen gelte. Wie treffend kommentierte die <a href=\"https:\/\/www.faz.net\/aktuell\/wirtschaft\/abstimmung-zu-lieferkettengesetz-es-gibt-keinen-skandal-110779389.html\"><em>Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ)<\/em><\/a> die Vorg&auml;nge: &bdquo;Ob das Abstimmungsergebnis ein Meilenstein auf dem Weg zur Weckung neuer Wachstumskr&auml;fte in der EU ist, steht dahin.&ldquo; Bei einem anderen Ausgang &bdquo;w&auml;re der B&uuml;rokratieabbau an die Wand gefahren worden, bevor er begonnen h&auml;tte&ldquo;. Vom &bdquo;Grabstein&ldquo;, den das Votum auf Bem&uuml;hungen zu setzen droht, die Globalisierung ein St&uuml;ck weit zu zivilisieren, spricht der Autor nicht. Vielmehr fragt er sich: &bdquo;Wo ist der Skandal?&ldquo;<\/p><p>Ja, wo eigentlich? Nimmt man die mediale Berichterstattung, steht n&auml;mlich ein ganz anderer Aspekt im Zentrum. Eben nicht der Inhalt und die Folgen des Beschlusses, sondern die Art des Zustandekommens. Die konservative EVP-Fraktion hat die Vorlage gemeinsam mit den Rechtsau&szlig;enfraktionen EKR, PfE und ESN durchgebracht und prompt erhob sich ein lautes Geschrei, damit sei die &bdquo;Brandmauer&ldquo; eingerissen. Gemeint ist das, was angeblich die guten, lupenreinen Demokraten von den b&ouml;sen Demokratiever&auml;chtern, Populisten und Postfaschisten trennt. Wenn die Mauer Risse zeigt, br&ouml;ckelt oder gar zusammenf&auml;llt, k&ouml;nne die Demokratie alsbald einpacken. So oder &auml;hnlich geht die Erz&auml;hlung, die speziell auch hierzulande im Umgang mit der AfD hoch im Kurs steht. Und wenn Konservative und Rechte schon in Europa gemeinsame Sache machten, werde gleiches demn&auml;chst auch im Bundestag passieren.<\/p><p><strong>Auf neoliberaler Linie <\/strong><\/p><p>Ja, genau das wird fr&uuml;her oder sp&auml;ter passieren beziehungsweise soll passieren. Ma&szlig;gebliche Kr&auml;fte innerhalb von CDU\/CSU arbeiten daran und der EU-Parlamentsentscheid ist ein Schritt in diese Richtung, bestimmt kein Betriebsunfall. Aber ist das alles so schlimm, wie SPD und Gr&uuml;ne nebst der Linkspartei glauben machen wollen? Oder doch ein Beitrag zu politischer Aufrichtigkeit, der Schluss macht mit Augenwischerei? Faktisch stehen sich Union und AfD viel n&auml;her, als es bisher den Anschein haben sollte und durfte. Sie arbeiten sogar schon gedeihlich zusammen, wenn auch nicht offiziell. Die harte Gangart der Regierung in der Fl&uuml;chtlingspolitik ist keine erzwungene Antwort auf den massiv erstarkten rechten Rand. Wenigstens CDU und CSU lassen sich gerne von der AfD antreiben, die Grenzen dichtzumachen und &bdquo;deutsche Interessen&ldquo; &uuml;ber die von Migranten zu stellen. Dasselbe gilt f&uuml;r die Versch&auml;rfungen beim B&uuml;rgergeld und viele andere Felder: von Rente, &uuml;ber Arbeitsrecht bis zur Wirtschaftspolitik. F&uuml;r den rigiden neoliberalen Umbau der Gesellschaft ist die AfD kein bisschen weniger als der Blackrock-Kanzler Friedrich Merz (CDU).<\/p><p>In Wirklichkeit gibt es zwischen Union und AfD l&auml;ngst mehr Verbindendes als Trennendes. Selbst in der Russland-Frage ist man dabei, das Kriegsbeil zu verbuddeln. Bisher galt die N&auml;he zum Kreml und die Ablehnung des deutschen Ukraine-Beistands als Geht-ja-gar-nicht-Position der AfD. Pl&ouml;tzlich verbietet Parteichefin Alice Weidel Fraktionsmitgliedern <a href=\"https:\/\/www.tagesschau.de\/inland\/innenpolitik\/afd-russlandreisen-100.html\">Reisen nach Russland<\/a>. Das signalisiert ohne Frage: Wir r&uuml;cken auf Kurs au&szlig;enpolitischer Mainstream. Die Hochr&uuml;stung Deutschlands ist der Partei ohnedies ein Herzensanliegen, nur dass bisher nicht entschieden schien, ob man sich auch mit Wladimir Putin anlegen w&uuml;rde. Jetzt liegen die Dinge klarer. Das kann auch f&uuml;r allerhand Anh&auml;nger der Partei ein Augen&ouml;ffner sein: Frieden mit Russland oder gar Pazifismus, womit die AfD lange hausieren ging, sind nicht wirklich ernst gemeint. Zu sehen, wie sich die Partei zur Kenntlichkeit &bdquo;verbiegt&ldquo;, um endlich koalitionsf&auml;hig zu werden, k&ouml;nnte sie einiges an Glanz kosten. Sollte sie dereinst wirklich einmal mitregieren, um Rentenklau, Arbeitszeitverl&auml;ngerung, Klinikkahlschlag oder Bahn-Privatisierung aktiv mitzugestalten, k&ouml;nnte ihr Stern noch viel schneller sinken. Manches davon steht schon heute im Parteiprogramm, was jedoch viele ihrer W&auml;hler nicht wissen d&uuml;rften.<\/p><p><strong>Sparschwein mit 800 Euro <\/strong><\/p><p>Die SPD hat ihre Reize schon vor langer Zeit verloren, indem sie dem Neoliberalismus verfallen ist. Bei der Abstimmung in Stra&szlig;burg sollen selbst Sozialdemokraten mit dem rechtskonservativen Lager votiert haben. Aus der SPD habe sich sogar Parteichef Lars Klingbeil auf die EVP-Seite geschlagen, schrieb die <em>FAZ<\/em>. Im fraglichen Entwurf greift die Sorgfaltspflicht erst bei Unternehmen ab 5.000 Besch&auml;ftigten und 1,5 Milliarden Euro Umsatz. Zudem drohen bei Verst&ouml;&szlig;en keine harten Sanktionen mehr: Eine zivilrechtliche Haftung entf&auml;llt, Verst&ouml;&szlig;e w&uuml;rden lediglich als Ordnungswidrigkeit mit geringf&uuml;gigem Bu&szlig;geld vom Bundesamt f&uuml;r Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle (BAFA) geahndet. &Uuml;ber soziale und &ouml;kologische Nachhaltigkeit sollen nur noch Gro&szlig;konzerne mit mehr als 1.750 Besch&auml;ftigten berichten m&uuml;ssen &ndash; und das nur noch in vereinfachter Form. Komplett gestrichen wurde die Berichtspflicht dar&uuml;ber, wie Unternehmen im Einklang mit dem Pariser Klimaabkommen wirtschaften wollen.<\/p><p>Das katholische Entwicklungshilfswerk Misereor beklagt ein <a href=\"https:\/\/www.misereor.de\/presse\/pressemitteilungen\/desaster-fuer-menschenrechte-und-die-eu\">&bdquo;Desaster f&uuml;r Menschenrechte und die EU&ldquo;<\/a>. Es k&ouml;nnte noch verhindert werden. Beim anstehenden Trilog m&uuml;sse die Bundesregierung Haltung zeigen, &bdquo;damit Ausbeutung von Mensch und Natur wirksam bek&auml;mpft wird&ldquo;, appelliert der Verband. Damit ist nicht zu rechnen. Vor drei Wochen war im EU-Parlament der Versuch, das seit 2024 geltende Regelwerk zu entkernen, noch gescheitert. Merz tobte, die Entscheidung sei &bdquo;inakzeptabel&ldquo;. Dann wurden die Karten neu gemischt, mit gewiss ma&szlig;geblicher deutscher Einmischung, mit besagtem Ergebnis.<\/p><p>Lohnt sich das? Der Normenkontrollrat hat errechnet, was hiesige Unternehmen sparen, sofern sie k&uuml;nftig nicht mehr nach deutschem, sondern europ&auml;ischem Recht ihren Pflichten nachkommen: <a href=\"https:\/\/www.normenkontrollrat.bund.de\/Webs\/NKR\/SharedDocs\/Downloads\/DE\/Stellungnahmen\/nkr-nr-7802.pdf?__blob=publicationFile&amp;v=1\">4,1 Millionen Euro<\/a>, oder 800 Euro bezogen auf 5.000 Firmen. So viel zu &bdquo;B&uuml;rokratie-Monster&ldquo;. Das haut die dickste Brandmauer um.<\/p><p><small>Titelbild: Juhku\/shutterstock.com<\/small><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg05.met.vgwort.de\/na\/71ee3a5a96344c0c9bd1190f14ac22e2\" alt=\"\" title=\"\" height=\"1\" width=\"1\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das EU-Parlament brachte einen Gesetzentwurf durch, der die Berichts- und Sorgfaltspflichten von Konzernen im Umgang mit Menschenrechten minimiert und dessen Reichweite kl&auml;glich ist. Hierin liegt der eigentliche Skandal. 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