{"id":14224,"date":"2012-08-21T12:05:56","date_gmt":"2012-08-21T10:05:56","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=14224"},"modified":"2015-04-26T09:43:40","modified_gmt":"2015-04-26T07:43:40","slug":"ezb-unter-beschuss","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=14224","title":{"rendered":"EZB unter Beschuss"},"content":{"rendered":"<p>Nach Informationen des SPIEGEL plant die EZB &bdquo;Zinsschwellen&ldquo;, mit denen sie k&uuml;nftig ihren Interventionen am Markt f&uuml;r Staatsanleihen einen festen Rahmen geben kann. Ein solcher Interventionsautomatismus w&auml;re durchaus geeignet, die Spekulation einzugrenzen und den s&uuml;deurop&auml;ischen Staaten ein wenig Luft zu verschaffen. Wer jedoch glaubt, dass &bdquo;die M&auml;rkte&ldquo; stets rational agieren und eine Entsch&auml;rfung der Eurokrise den &bdquo;Reformdruck&ldquo; von den angegriffenen Staaten nehmen w&uuml;rde, kann auch kein Interesse an einer politischen Deeskalation der Krise haben. Vor allem aus Deutschland gibt es daher zahlreiche Stimmen gegen die neue EZB-Linie. Finanzpolitische Hardliner denken sogar bereits daran, das EZB-Statut zu ver&auml;ndern, um Deutschland ein Vetorecht bei allen Entscheidungen zu verschaffen. Von <strong>Jens Berger<\/strong><br>\n<!--more--><br>\nStaaten wie Portugal, Italien und Spanien leiden nur indirekt unter ihren eigentlichen Staatsschulden. Das Damoklesschwert, das &uuml;ber ihnen schwebt, ist der Zinsdienst, der umso h&ouml;her ausf&auml;llt, desto h&ouml;her die Zinsen f&uuml;r neu ausgegebene Staatsanleihen sind. Spanien hat beispielsweise sowohl absolut als auch relativ weniger Staatsschulden als Deutschland, muss jedoch aufgrund der wesentlich h&ouml;heren Zinsen einen deutlich gr&ouml;&szlig;eren Teil des Staatshaushalts f&uuml;r die Bedienung dieser Schulden aufwenden. Ab einem bestimmten Zinssatz droht jeder Staat in eine Verschuldungsspirale abzugleiten, da die hohe Zinslast dann nur noch durch neue Schulden bedient werden kann. Hinzu kommt, dass in einer Situation, in der die Neuverschuldung politisch reglementiert und die Konjunktur am Boden ist, dieser Staat keinen Spielraum f&uuml;r konjunkturpolitische Ma&szlig;nahmen hat. Dieser Teufelskreis kann erst dann unterbrochen werden, wenn man verhindert, dass der Zinssatz ein zerst&ouml;rerisches Niveau erreicht.<\/p><p><strong>Warum eine Zinsschwelle?<\/strong><\/p><p>Zu hohe Zinsen k&ouml;nnen faktisch nur dann vermieden werden, wenn man den Einfluss der Finanzm&auml;rkte ab einem bestimmten Zinsniveau eliminiert. Dies k&ouml;nnte beispielsweise dadurch erreicht werden, dass die EZB den Staaten ab einem bestimmten Zinsniveau ihre Anleihen direkt oder indirekt abnimmt. Eine direkte Intervention der EZB ist jedoch nach dem EZB-Statut untersagt. Eine indirekte Intervention (z.B. &uuml;ber den ESM mit Zugriff auf EZB-Kredite) w&auml;re wohl die <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=14032\">sinnvollste L&ouml;sung<\/a> [<a href=\"#foot_1\" name=\"note_1\">1<\/a>], ist jedoch nicht gegen den Willen der schwarz-gelben Mehrheit im Bundestag umsetzbar, der einer &Auml;nderung des ESM-Gesetzes zustimmen m&uuml;sste [<a href=\"#foot_2\" name=\"note_2\">2<\/a>]. Ohne das zu erwartende deutsche Veto kann derzeit nur die EZB agieren. Weder die Bundesregierung noch die Bundesbank haben im EZB-Rat ein Vetorecht und bereits beim letzten Ratstreffen der EZB war der Bundesbankvertreter <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=14047#h01\">Jens Weidmann<\/a> komplett isoliert. Um das EZB-Statut nicht zu verletzen, ist die Zentralbank jedoch gezwungen, ihre Interventionen auf den sogenannten <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=11186\">&bdquo;Sekund&auml;rmarkt&ldquo;<\/a> zu beschr&auml;nken, Staatsanleihen also nur an den Finanzm&auml;rkten zu kaufen. Um dennoch eine gr&ouml;&szlig;tm&ouml;gliche Auswirkung auf den <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=11186\">Prim&auml;rmarkt<\/a>, also die f&uuml;r die Staaten relevanten Versteigerungen der Staatsanleihen, zu nehmen, kommt die Zinsschwelle ins Spiel.<\/p><p>Da bei Anleihen die Kurse genau umgekehrt zum Zins verlaufen, ein steigender Zins also mit fallenden Kursen f&uuml;r die betreffenden Anleihen einhergeht, ist eine solche Zinsschwelle gleichbedeutend mit einem Minimalkurs f&uuml;r die betreffenden Anleihen. Sinkt der Marktwert f&uuml;r diese Anleihen unter den Minimalkurs, kauft die EZB die Papiere auf. Dies hat jedoch auch Auswirkungen auf den Prim&auml;rmarkt. Da jeder K&auml;ufer am Prim&auml;rmarkt wei&szlig;, dass er das ersteigerte Papier gleich nach der Versteigerung zum Minimalkurs weiterverkaufen kann, wird es bei den Versteigerungen auch keine nennenswerten Gebote geben, die deutlich unter dem Minimalkurs liegen. Wer zu schlechte Angebote abgibt, geht bei diesen Versteigerungen n&auml;mlich in der Regel leer aus. Dadurch d&uuml;rfte sich der Zins, den die Staaten bei neu ausgegebenen Anleihen zu zahlen haben, ziemlich schnell auf der Zinsschwelle der EZB einpendeln. Eine solche Zinsschwelle h&auml;tte zudem den Vorteil, dass die Gl&auml;ubiger keine weiteren irrationalen Abwertungen der Anleihen bef&uuml;rchten m&uuml;ssten und eine kalkulierbare Untergrenze h&auml;tten. Dies k&ouml;nnte den Verkaufsdruck von diesen Papieren nehmen. Kein Spekulant wagt es, gegen eine potente Zentralbank zu spekulieren. Je glaubhafter die Interventionspl&auml;ne der EZB, desto geringer ist daher auch die Wahrscheinlichkeit, dass die EZB &uuml;berhaupt intervenieren muss. Im Idealfall beruhigen sich &bdquo;die M&auml;rkte&ldquo; nach einer glaubhaften Interventionsank&uuml;ndigung der EZB und die Kurse finden von ganz alleine auf ein vertretbares Niveau zur&uuml;ck.<\/p><p><strong>Die Gegner der Zinsschwelle<\/strong><\/p><p>Wer solche Zinsschwellen ablehnt, h&auml;lt die momentanen Zinsaufschl&auml;ge meist f&uuml;r gerechtfertigt und geht davon aus, dass die Finanzm&auml;rkte stets rational agieren und &bdquo;unsolide&ldquo; Staaten vollkommen zu Recht abstrafen. So dumm sind jedoch noch nicht einmal die Finanzm&auml;rkte. In der Vergangenheit war es vielmehr die Regel, dass die Zinsen immer dann in die H&ouml;he schnellten, wenn die betreffenden Staaten sich dem Druck aus Br&uuml;ssel und Berlin beugten und neue Austerit&auml;tsprogramme beschlossen. Jedes Signal aus Br&uuml;ssel, den Staaten ein wenig mehr Freiraum zu bieten, wurde spiegelbildlich von sinkenden Zinsen begleitet. Die Finanzm&auml;rkte sind zwar keinesfalls rational, die Akteure auf diesen M&auml;rkten wissen jedoch selbst nur allzu gut, dass die Austerit&auml;tspolitik  das Ausfallrisiko der Anleihen nicht senkt, sondern erh&ouml;ht. Die Austerit&auml;tsbef&uuml;rworter in Br&uuml;ssel und Berlin befinden sich somit gleich doppelt auf dem Holzweg.<\/p><p>Den Gegnern von EZB-Interventionen geht es somit auch nur vordergr&uuml;ndig um die Ideologie der freien, rationalen und effektiven M&auml;rkte; ihnen geht es eigentlich vielmehr darum, nicht den Hebel auf die Finanz- und Wirtschaftspolitik der L&auml;nder, die bereits jetzt unter Kuratel der EU stehen, aus der Hand zu geben. Sie wollen ihre <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=10473\">&bdquo;Schock-Strategie&ldquo;<\/a> durchdr&uuml;cken, egal was da komme. Mehr oder weniger offen wird dies auch ganz klar so kommuniziert. Michael H&uuml;ther vom arbeitgeberfinanzierten IW <a href=\"http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/wirtschaft\/schuldenkrise-oekonomen-verteufeln-zinsobergrenzen-durch-die-ezb-11862346.html\">vertritt<\/a> beispielsweise die Position, dass &bdquo;die Staaten damit von den Sanktionswirkungen der Kapitalm&auml;rkte abgeschottet [w&uuml;rden], was zu gr&ouml;&szlig;erer Laxheit in der Finanzpolitik einlade&ldquo;.  Dieser &bdquo;Reformdruck&ldquo; wurde auch schon von Vertretern der schwarz-gelben Koalition bereits mehrfach gegen Ma&szlig;nahmen <a href=\"http:\/\/de.reuters.com\/article\/topNews\/idDEBEE87000A20120801\">ins Feld gef&uuml;hrt<\/a>, die eine Deeskalation der Krise versprechen. Meist h&auml;lt man sich jedoch eher bedeckt und appelliert stattdessen an die deutsche &bdquo;Urangst&ldquo; vor einer steigenden Inflation &ndash; zu unrecht, wie die NachDenkSeiten erst letzte Woche <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=14074\">analysierten<\/a>.<\/p><p><strong>Deutschland gegen den Rest Europas<\/strong><\/p><p>Ohne ein Veto-Recht im EZB-Rat ist es der deutschen Regierung jedoch nicht m&ouml;glich, Ma&szlig;nahmen der Zentralbank zu unterbinden, die sich in Einklang mit dem EZB-Statut befinden. Der deutschen Regierung gelingt es offensichtlich nicht mehr, auf europ&auml;ischer Ebene eigene Mehrheiten zu finden. Sowohl Bundesregierung als auch Bundesbank sind mittlerweile komplett isoliert &ndash; Deutschland gegen den Rest Europas. Den Versuch, durch &bdquo;bessere&ldquo; Argumente Mehrheiten f&uuml;r die eigene Position zu gewinnen, scheint Deutschland bereits aufgegeben zu haben. Wenn man das Spiel nicht mehr gewinnen kann, muss man halt die Regeln des Spiels &auml;ndern. Da die Mehrheit des EZB-Rats die deutsche Linie nicht mehr mittr&auml;gt, werden hierzulande bereits Stimmen laut, die einen &bdquo;Radikalumbau&ldquo; der EZB <a href=\"http:\/\/www.handelsblatt.com\/politik\/deutschland\/zukunft-der-zentralbank-politiker-fordern-radikalumbau-der-ezb\/7004434.html\">fordern<\/a> &ndash; darunter die &bdquo;&uuml;blichen Verd&auml;chtigen&ldquo;, wie Frank Sch&auml;ffler (FDP), Klaus-Peter Willsch (CDU) und Carsten Schneider (SPD). Der Unterst&uuml;tzerkreis eines solchen &bdquo;Radikalumbaus&ldquo; ist gro&szlig; &ndash; da w&auml;ren zum Einen die &bdquo;Marktgl&auml;ubigen&ldquo;, die jeden Eingriff des Staates in die freien M&auml;rkte ablehnen und zum Anderen die &bdquo;Neoliberalen&ldquo;, die bef&uuml;rchten, dass eine starke EZB, die sich nicht der deutschen Ideologie beugt, ihnen ihren Hebel auf die Eurozone aus der Hand nehmen k&ouml;nnte. Zwischen diesen Hauptstr&ouml;mungen befinden sich auch noch die &bdquo;Monetaristen&ldquo; der alten Bundesbank, f&uuml;r die eine Zentralbank sich einzig und allein um die Preisstabilit&auml;t zu k&uuml;mmern hat, die &bdquo;Goldbugs&ldquo;, die auf einen Preisanstieg an den Edelmetallm&auml;rkten gewettet haben und diverse &bdquo;Geldtheoretiker&ldquo;, die es nicht wahrhaben wollen, dass wir ein &bdquo;Fiat-Money-System&ldquo; haben, in dem die W&auml;hrung nicht durch &bdquo;reale Werte&ldquo; gedeckt ist. <\/p><p>Welchen Einfluss dieses Konglomerat auf die Regierungspolitik hat, ist fraglich. Dass Frau Merkel zumindest den Marktgl&auml;ubigen, den Neoliberalen und den Monetaristen sehr nahe steht, d&uuml;rfte inzwischen bekannt sein. Die Frage ist jedoch, ob sie so weit geht, den Konflikt zwischen Deutschland und Resteuropa durch einen geplanten EZB-Umbau auf die Spitze zu treiben. K&auml;me es hart auf hart, k&ouml;nnte Deutschland durch das &ndash; bereits vorhandene &ndash; Vetorecht in den EU-Gremien und bei den &bdquo;Rettungsschirmen&ldquo; geh&ouml;rigen Druck auf die Gegner eines EZB-Umbaus aus&uuml;ben. Die EZB ist die letzte Bastion im Kampf gegen die Eurokrise, die (noch) nicht dem deutschen Diktat unterworfen wurde. Es steht in den Sternen, wie lange sich diese Bastion h&auml;lt. Die Zeichen stehen jedenfalls auf Sturm.<br>\n<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg08.met.vgwort.de\/na\/4bf42d3c852f457e9e27cb692669ee35\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><div class=\"footnote\">\n<p>[<a href=\"#note_1\" name=\"foot_1\">&laquo;1<\/a>] Was die NachDenkSeiten im Artikel &bdquo;Die deutsche Regierung heizt die Eurokrise weiter an&ldquo; als &bdquo;Zinskorridor&ldquo; bezeichnen, entspricht im Wesentlichen den &bdquo;Zinsschwellen&ldquo;, die von der EZB geplant werden.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_2\" name=\"foot_2\">&laquo;2<\/a>] Es ist auch keinesfalls sicher, dass die Oppositionsparteien im Bundestag einer solchen Gesetzes&auml;nderung zustimmen w&uuml;rden.<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nach Informationen des SPIEGEL plant die EZB &bdquo;Zinsschwellen&ldquo;, mit denen sie k&uuml;nftig ihren Interventionen am Markt f&uuml;r Staatsanleihen einen festen Rahmen geben kann. Ein solcher Interventionsautomatismus w&auml;re durchaus geeignet, die Spekulation einzugrenzen und den s&uuml;deurop&auml;ischen Staaten ein wenig Luft zu verschaffen. Wer jedoch glaubt, dass &bdquo;die M&auml;rkte&ldquo; stets rational agieren und eine Entsch&auml;rfung der Eurokrise<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=14224\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":8,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[139,22],"tags":[507,776,637],"class_list":["post-14224","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-euro-und-eurokrise","category-europaische-union","tag-ezb","tag-schockstrategie","tag-staatsanleihen"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/14224","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/8"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=14224"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/14224\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":14226,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/14224\/revisions\/14226"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=14224"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=14224"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=14224"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}