{"id":14240,"date":"2012-08-23T09:31:10","date_gmt":"2012-08-23T07:31:10","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=14240"},"modified":"2019-07-30T12:53:19","modified_gmt":"2019-07-30T10:53:19","slug":"von-der-leyen-befurwortet-busgelder-fur-schulschwanzer","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=14240","title":{"rendered":"Von der Leyen bef\u00fcrwortet Bu\u00dfgelder f\u00fcr Schulschw\u00e4nzer"},"content":{"rendered":"<p>Ursula von der Leyen und Heinz Buschkowsky &uuml;ber Probleme der Arbeitsmarktreform, den Kampf gegen die B&uuml;rokratie und Berliner Erfolgsrezepte. Ein makabres <a href=\"http:\/\/www.morgenpost.de\/politik\/article108681475\/Von-der-Leyen-befuerwortet-Bussgelder-fuer-Schulschwaenzer.html\">&bdquo;Spitzengespr&auml;ch&ldquo; in der Berliner Morgenpost<\/a> kommentiert von <strong>Orlando Pascheit<\/strong>.<br>\n<!--more--><\/p><p>Zun&auml;chst einige Ausz&uuml;ge aus diesem &bdquo;Spitzengespr&auml;ch&ldquo;:<\/p><p><strong>Ursula von der Leyen:<\/strong> Wenn wir nicht einschreiten, wird sich das rasch &auml;ndern. Schon 2030 m&uuml;ssten 1, 3 Millionen Menschen, die Jahrzehnte flei&szlig;ig waren und in die Rentenkasse eingezahlt haben, zum Amt, weil die Rente nicht reicht. F&uuml;r diejenigen, die nie gearbeitet haben, ist die Grundsicherung gut und richtig. F&uuml;r sie kann es auch gar nichts anderes geben. Aber es geht nicht, dass der Lagerarbeiter, die Floristin oder der Geb&auml;udereiniger, bei denen 35 Jahre lang jeden Morgen der Wecker geklingelt hat, genauso beim Sozialamt vorstellig werden m&uuml;ssen, wie Leute, die nichts dergleichen geleistet haben. Das kann man diesen Menschen nicht zumuten &hellip;<\/p><p><strong>Heinz Buschkowsky:<\/strong> &hellip; na ja, Oma und Opa bestellen wir schon lange nicht mehr monatlich ins Rathaus, das ist nicht das Problem &hellip;<\/p><p><strong>Ursula von der Leyen:<\/strong> &hellip; hier muss der Staat bis zu einer Obergrenze von 850 Euro aufstocken. Wenn wir das nicht hinbekommen, dann verliert das Rentensystem seine moralische Grundlage. Dabei kann und werde ich als Ministerin nicht zusehen.<\/p><p><strong>Morgenpost Online:<\/strong> Aus der Wirtschaft hei&szlig;t es unisono: Der Gedanke mag richtig sein, aber leider passt so eine neue Leistung nicht in die Zeit der Sparsamkeit.<\/p><p><strong>Heinz Buschkowsky:<\/strong> Diese Sprechblasen tun so, als w&uuml;rde Frau von der Leyen die Revolution ausrufen. Man muss doch die Kirche im Dorf lassen. Bereits die Grundsicherung bel&auml;uft sich heute auf 790 Euro. Hier wird kein F&uuml;llhorn ausgesch&uuml;ttet. Zu 850 Euro liegen keine Welten dazwischen. Und mal ehrlich: Wer hier unten vorm Rathaus 30 Jahre lang Br&ouml;tchen verkauft hat, der kriegt doch einen Herzkasper, wenn er seinen Rentenbescheid ansieht. Oder der Friseur in der Karl-Marx-Stra&szlig;e mit 800 Euro brutto im Monat. Was soll denn da f&uuml;r eine Rente herauskommen? Der Anteil derjenigen, die mit solchen &ndash; heute ganz normalen Berufsviten &ndash; in den Ruhestand gehen, steigt. Hinzu kommt die Ver&auml;nderung der Alterspyramide. Das alles erzwingt eine Systemver&auml;nderung.<\/p><p> &hellip;&hellip;&hellip;<\/p><p><strong>Ursula von der Leyen:<\/strong> Die Einf&uuml;hrung des Mindestlohns in Deutschland ist &uuml;berf&auml;llig, wenn auch kein Allheilmittel. Nach dem Konzept der Union bleibt der Ball bei Gewerkschaften und Arbeitgebern, die seit 60 Jahren die Tarifvertr&auml;ge machen. Sie sollen in einer unabh&auml;ngigen Kommission entscheiden, ob Mindestl&ouml;hne nach Branchen Regionen oder Gruppen unterschiedlich festgelegt werden sollen. Ein Mindestlohn, der im Parlament nach dem Motto &ldquo;Wer bietet mehr?&rdquo; ausgehandelt wird, f&uuml;hrt ins Elend. Da sollte sich die Politik weiter raushalten.<br>\n &hellip;&hellip;.<\/p><p><strong>Heinz Buschkowsky:<\/strong> Auch der Hartz-IV-Empf&auml;nger muss sein Kn&ouml;llchen bezahlen, wenn er sein Auto im Halteverbot abgestellt hat. Wir verh&auml;ngen in Neuk&ouml;lln pro Jahr etwa 300 Bu&szlig;gelder wegen Schulschw&auml;nzens. Die verstorbene Jugendrichterin Kisten Heisig hat sogar Haftbefehle ausgestellt, wenn Eltern von Schulschw&auml;nzern nicht zahlen wollten. Was meinen Sie, wie schnell gezahlt wurde? Aber die Kernfrage ist eine andere: Inwieweit ist unsere Gesellschaft &uuml;berhaupt noch bereit, Ordnungsprinzipien durchzusetzen? In Hannover gibt es jedes Jahr 2500 Verfahren gegen Eltern von Schulschw&auml;nzern. In Berlin mit einer siebenfach so gro&szlig;en Bev&ouml;lkerung haben wir 800 bis 900 Verfahren. Staatliche Intervention bei Regelverletzungen ist in weiten Teilen der Politik verp&ouml;nt. Nicht aus jedem Schulschw&auml;nzer wird ein Intensivt&auml;ter. Aber so gut wie jeder Intensivt&auml;ter war Schulschw&auml;nzer. Die einzig sp&uuml;rbare Sanktion ist der Griff in den Geldbeutel, auch in den Sozialtransfer. Die Berliner Familienrichter haben das schon 2006 bei der Novellierung des BGB gefordert. Und das ist ja nun wirklich keine &ldquo;Hau-Drauf-Kaste&rdquo;. Damals war der Senat noch daf&uuml;r, davon will er heute nichts mehr wissen.<\/p><p><strong>Ursula von der Leyen:<\/strong> Der Grundsatz stimmt. Wer lange schw&auml;nzt, verl&auml;sst die soziale Gruppe, die hilft, durch die Schule zu kommen. Der Weg zur&uuml;ck ist dann unglaublich schwer. Wenn wir &uuml;ber Langzeitarbeitslosigkeit reden, ist Schulschw&auml;nzen der Anfang. 50 Prozent der Langzeitarbeitslosen haben keinen Schul- oder Berufsabschluss. Das ist das gr&ouml;&szlig;te gemeinsame Merkmal. In der Erziehung ist entscheidend, den Anf&auml;ngen zu wehren. Schule, Polizei, Jugendamt und Familie m&uuml;ssen zusammen L&ouml;sungen anbieten, Druck aus&uuml;ben, Regeln aufstellen und diese auch durchziehen.<\/p><p><strong>Morgenpost Online:<\/strong> Wenn man Sie so h&ouml;rt, dann k&ouml;nnten Sie doch sofort gemeinsam eine gro&szlig;e Koalition bilden.<\/p><p><strong>Und hier der Kommentar von Orlando Pascheit:<\/strong><\/p><p>Dieses Interview ist wieder einmal ein typisches Beispiel daf&uuml;r, wie unsere Medien einzelne Aussagen herauspicken, welche nach ihrer Ansicht am meisten Aufmerksamkeit beim Publikum finden. Erstens geht diese Aussage auf ein Interview nicht nur mit Ursula von der Leyen (CDU), sondern auch mit Heinz Buschkowsky (SPD) zur&uuml;ck. Zweitens geht es nicht nur um Schulschw&auml;nzer. <\/p><p>Die Ministerin darf zun&auml;chst lang und breit mit der von ihr initiierten &ldquo;<a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=14141#more-14141\">Zuschussrente<\/a>&rdquo; ihr soziales Herz unter Beweis stellen, was den B&uuml;rgermeister Buschkowsky allerdings nicht sonderlich beeindruckt und der darauf hinweist, dass die aufgestockte Rente nicht weit von der Grundsicherung entfernt sei. <\/p><p>Angesichts der Biografien, die er in seinem Viertel kennt, fordert er  einen Systemwechsel. Leider schaltet er nicht, als Ministerin frohgemut f&uuml;r den Mindestlohn eintritt. Es geht nat&uuml;rlich nicht um einen gesetzlich garantierten Mindestlohn, sondern darum dass Arbeitgeber und Arbeitnehmer, sozusagen der Markt, diesen Mindestlohn aushandeln. <\/p><p>Wohin das f&uuml;hrt, wenn es den Tarifparteien &uuml;berlassen bleibt, solche Dinge zu regeln, zeigte sich zuletzt bei der Leiharbeit. Kaum hatte die IG Metall einen Zuschlag f&uuml;r ihre Leiharbeiter durchgesetzt, verk&uuml;ndete Arbeitsministerin von der Leyen, ein Gleichstellungsgesetz f&uuml;r Leiharbeiter sei nicht mehr notwendig, da sich gezeigt habe, dass tarifliche L&ouml;sungen m&ouml;glich seien. <\/p><p>&Auml;hnliches schwebt der Ministerin auch beim Mindestlohn vor. Leider hat Heinz Buschkowsky hier nicht reagiert, denn ein gesetzlich garantierter, ausk&ouml;mmlicher Mindestlohn w&uuml;rde die von der Leyensche &ldquo;Zuschussrente&rdquo; im Niedriglohnbereich &uuml;berfl&uuml;ssig machen. Stattdessen l&auml;sst er sich &uuml;ber das zugegeben erwiesene B&uuml;rokratiemonster Bildungspaket aus. Aber auch hier h&auml;tte man z.B. darauf hinweisen k&ouml;nnen, dass es schon lange nicht mehr damit getan ist, bei drohender Nichtversetzung den Sch&uuml;lern einige Nachhilfestunden anzubieten, wenn die besser gestellten Haushalte, ihren Kindern ganzj&auml;hrig Nachhilfe angedeihen lassen, damit diese auch ja den richtigen Notendurchschnitt im Abitur erlangen, um ein f&uuml;r die Karriere f&ouml;rderliches Studium beginnen zu k&ouml;nnen. <\/p><p>Dass das dem rechten Lager zugeh&ouml;rige SPD-Mitglied Buschkowsky zu Hart IV steht, war zu erwarten.<\/p><p>Was nun das Bu&szlig;geld f&uuml;r Schulschw&auml;nzer betrifft, so geht Buschkowsky noch viel weiter als die Ministerin und fordert im Gegenzug schon lange Abstriche beim Kindergeld. Nun besteht ein Unterschied darin, wenn ein B&uuml;rgermeister seine altbekannten Thesen wiederholt oder wenn sich eine Ministerin diese Thesen aneignet. <\/p><p>Die Ministerin begibt sich auf das Niveau der Sarrazinschen Verk&uuml;rzungen, wenn sie dem Publikum erz&auml;hlt: &ldquo;Wenn wir &uuml;ber Langzeitarbeitslosigkeit reden, ist Schulschw&auml;nzen der Anfang.&rdquo; Da hilft es dann auch nicht mehr, wenn sie im n&auml;chsten Satz einschr&auml;nkt:&rdquo; 50 Prozent der Langzeitarbeitslosen haben keinen Schul- oder Berufsabschluss. Das ist das gr&ouml;&szlig;te gemeinsame Merkmal.&rdquo; Jetzt kann sich jeder der hergelaufene Volksverhetzer mit der Ministerin schm&uuml;cken und behaupten, dass Langzeitarbeitslose  Schulschw&auml;nzer seien und f&uuml;r Schulschw&auml;nzer Knast oder &auml;hnliches fordern. <\/p><p>Dass es sowohl f&uuml;r Langzeitarbeitslosigkeit wie auch f&uuml;r das Schw&auml;nzen der Schule ganz unterschiedliche, urs&auml;chliche Ausgangslagen gibt, an der unsere Gesellschaft nicht ganz unbeteiligt ist, f&auml;llt unter den Tisch. <\/p><p>Differenzierte L&ouml;sungsans&auml;tze braucht man dann nicht mehr zu diskutieren. Das Rezept von Frau von der Leyen, den Anf&auml;ngen zu wehren, ist von verantwortungsloser Leichtfertigkeit: &ldquo;Schule, Polizei, Jugendamt und Familie m&uuml;ssen zusammen L&ouml;sungen anbieten, Druck aus&uuml;ben, Regeln aufstellen und diese auch durchziehen.&rdquo; <\/p><p>Hier &uuml;bernimmt von der Leyen unreflektiert Buschkowskys Thesen, die nicht nur aus einem Handbuch f&uuml;r Schwarze P&auml;dagogik stammen. sondern meines Wissens auch wissenschaftlich\/empirisch nicht belegt sind. Wenn dieser meint, es sei wirksam, die Eltern beim Schulschw&auml;nzen ihrer Kinder durch Haftbefehle zu Bu&szlig;geldern zu zwingen, so w&uuml;rde ich doch ganz gerne erfahren, ob diese Kinder zum Beispiel erfolgreich die Schule abgeschlossen haben. <\/p><p>Es ist derselbe Buschkowsky, der noch im vorigen Jahr die Schulstationen in seinem Bezirk abschaffen wollte &ndash; Anlaufstellen, in denen sich Lehrer, Sch&uuml;ler und Eltern sich in solchen Fragen beraten lassen k&ouml;nnen. Zum Gl&uuml;ck wurden diese Pl&auml;ne nicht umgesetzt, obschon etliche Stellen abgebaut wurden. &ndash; Buschkowsky berief sich dabei auf notwendige Sparma&szlig;nahmen. <\/p><p>Wenn die Ministerin sich ihrer Verantwortung bewusst w&auml;re, w&uuml;rde sie auf der Regierungsebene nicht f&uuml;r weitgehende Sparetats in den Kommunen stimmen, zum Beispiel &uuml;ber die Schuldenbremse, sondern daf&uuml;r sorgen, dass die Kommunen in den sozialen Brennpunkten der Republik mehr daf&uuml;r tun k&ouml;nnten, dass die Eltern dieser Kinder in Lohn und Brot k&auml;men, dass f&uuml;r die Kinder selbst mehr Betreuungsm&ouml;glichkeiten geschaffen w&uuml;rden und deutlich mehr f&uuml;r die spezielle Betreuung von Kindern in verschiedensten Notlagen getan werden k&ouml;nnte.<\/p><p>Siehe dazu auch: <a href=\"http:\/\/ad-sinistram.blogspot.de\/2012\/08\/bugeld-fur-minister-die-ohne-profunde.html\">Bu&szlig;geld f&uuml;r Minister, die ohne profunde Kenntnis Bu&szlig;gelder fordern?<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ursula von der Leyen und Heinz Buschkowsky &uuml;ber Probleme der Arbeitsmarktreform, den Kampf gegen die B&uuml;rokratie und Berliner Erfolgsrezepte. 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