{"id":14270,"date":"2012-08-28T08:50:36","date_gmt":"2012-08-28T06:50:36","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=14270"},"modified":"2015-04-26T09:56:51","modified_gmt":"2015-04-26T07:56:51","slug":"haufig-gestellte-fragen-welche-ziele-verfolgt-bertelsmann-in-der-hochschulpolitik","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=14270","title":{"rendered":"H\u00e4ufig gestellte Fragen: Welche Ziele verfolgt Bertelsmann in der Hochschulpolitik?"},"content":{"rendered":"<p>Immer wieder werde ich zu Vortr&auml;gen an Hochschulen vor allem auch in Nordrhein-Westfalen, zu Gespr&auml;chen oder zu Interviews eingeladen. Sowohl die Anfragenden, aber vor allem auch in Diskussionen werden mir immer wieder folgende Fragen gestellt:<\/p><ul>\n<li>Welche Ziele verfolgt Bertelsmann in der Bildungspolitik?<\/li>\n<li>Wie gehen Bertelsmann und CHE vor, um ihre Ziele umzusetzen?<\/li>\n<li>Welchen Einfluss hat das CHE auf den Prozess der &Ouml;konomisierung, speziell auf das Hochschulfreiheitsgesetz in NRW ausge&uuml;bt?<\/li>\n<\/ul><p>Ich will versuchen, in gebotener K&uuml;rze meine Antworten auf diese h&auml;ufig gestellten Fragen zu geben. <strong>Wolfgang Lieb<\/strong><br>\n<!--more--><\/p><ul>\n<li><strong>Welche Ziele verfolgt Bertelsmann in der Bildungspolitik?<\/strong>\n<p>Die Bertelsmann Stiftung ist &ndash; entgegen dem Anschein, den sie zu erwecken versucht &ndash; keine gesellschaftspolitisch neutrale Einrichtung zu uneigenn&uuml;tzigen Zwecken.<br>\nMan kann dem verstorbenen Firmenpatriarchen Reinhard Mohn nicht einmal vorwerfen, dass er mit seiner &bdquo;Mission&ldquo; hinter dem Berg gehalten h&auml;tte. Jeder kann diese noch heute auf der Website der Bertelsmann Stiftung oder etwa in Mohns Buch &bdquo;Die gesellschaftliche Verantwortung des Unternehmers&ldquo; nachlesen.<\/p>\n<p>Mohn und mit ihm die Bertelsmann Stiftung vertreten eine Art deutschen Sonderweg in die wirtschaftsliberal globalisierte Welt, <\/p>\n<ul>\n<li>der auf eine korporatistische Unternehmenskultur setzt,<\/li>\n<li>der den Sozialstaat als &uuml;berdehnt oder gar &uuml;berholt betrachtet<\/li>\n<li>und der eine &uuml;ber den Wettbewerb hergestellte Effizienz als Steuerungsinstrument an die Stelle von Mitbestimmung und demokratischer Gestaltung setzen will.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Und immer geht es deshalb auch um ein Zur&uuml;ckdr&auml;ngen des Staates, eine Verringerung der Staatsquote und &ndash; als Mittel dazu &ndash; um die Senkung der Steuerlast.<br>\n&bdquo;Es ist ein Segen, dass uns das Geld ausgeht. Anders kriegen wir das notwendige Umdenken nicht in Gang&ldquo;, sagte Reinhard Mohn schon 1996 in einem Stern-Interview.<\/p>\n<p>Im Hinblick auf diese Mission ist die Stiftung &ndash; wie Harald Schumann im Tagesspiegel schrieb &ndash; eine &bdquo;Macht ohne Mandat&ldquo;.<\/p>\n<p>Bertelsmann ist geradezu zu einem &bdquo;informellen Bundesbildungsministerium&ldquo; geworden. <\/p>\n<p>Unter dem Pathos der &bdquo;Gemeinwohlverpflichtung&ldquo; oder &bdquo;Wir helfen der Politik, dem Staat und der Gesellschaft, L&ouml;sungen f&uuml;r die Zukunft zu finden&ldquo; (so Reinhard Mohn) gibt es kaum ein politisches Feld von Bedeutung, wo die Bertelsmann Stiftung mit ihren Handreichungen nicht ihre L&ouml;sungsangebote macht.<\/p>\n<p>Besonders engagiert ist die Bertelsmann Stiftung auf dem Feld der Hochschulpolitik. Hochschulen werden von Reinhard Mohn &ndash; richtigerweise &ndash; als &bdquo;Schl&uuml;ssel zur Gesellschaftsreform&ldquo; angesehen.<\/p>\n<p>Mohn war einer der Gr&uuml;ndungsv&auml;ter und bis vor einigen Jahren der Hauptsponsor der 1983 gegr&uuml;ndeten ersten deutschen Privaten Universit&auml;t Witten-Herdecke. Diese sollte &bdquo;Stachel im Fleisch&ldquo; der staatlichen Hochschulen sein.<\/p>\n<p>Witten-Herdecke schaffte es nie so richtig finanziell auf die Beine zu kommen und w&auml;re der Privaten Uni der Staat nicht zur Seite gesprungen w&auml;re sie wohl schon l&auml;ngst Pleite gegangen. <\/p>\n<p>Reinhard Mohn hat offenbar im Laufe der Zeit erkannt, dass der Weg zur Reform des Hochschulsystems &uuml;ber die Gr&uuml;ndung privater Hochschulen nicht erfolgversprechend ist; schlicht: weil sich nicht ausreichend private Geldgeber finden lassen. Viel effizienter erschien ihm daher der Weg, die weitgehend staatlich finanzierten Hochschulen organisiert wie private Unternehmen in den Wettbewerb zu schicken und &uuml;ber die Konkurrenz um Studiengeb&uuml;hren und erg&auml;nzende private oder auch &ouml;ffentliche Drittmittel das Hochschulsystem steuern zu lassen.<\/p>\n<p>Diese Erkenntnis haben Reinhard Mohn und seine Berater wohl veranlasst 1994 das Centrum f&uuml;r Hochschulentwicklung (CHE) zu gr&uuml;nden.<\/p>\n<p>Da Wettbewerb und Konkurrenz das entscheidende Steuerungsinstrument sein sollen, steuern vor allem einzuwerbenden Mittel (Drittmittel, Studiengeb&uuml;hren) &ndash; also eine die von den L&auml;ndern bereitgestellte &bdquo;Grundfinanzierung&ldquo; erg&auml;nzende Finanzierung &ndash; das nach wie vor ganz &uuml;berwiegend staatlich finanzierte Unternehmen Hochschule. <\/p>\n<p>Mit der einer Aktiengesellschaft nachgebildeten Aufsichtsratsstruktur wurden die &ouml;ffentlichen Hochschulen faktisch &bdquo;funktionell privatisiert&ldquo;.<\/p><\/li>\n<li><strong>Wie gehen Bertelsmann und CHE vor, um ihre Ziele umzusetzen?<\/strong>\n<p>Klugerweise nahm das CHE die damals ohne gro&szlig;en Apparat und ohne gro&szlig;en institutionellen Einfluss auf die Hochschulpolitik agierende, aber umso standesbewusstere Hochschulrektorenkonferenz (HRK) mit ins Boot. So ver&ouml;ffentlichten das CHE und die HRK ihre hochschulreformerischen L&ouml;sungskonzepte unter einem gemeinsamen Kopfbogen und so verschaffte sich Bertelsmann ein einigerma&szlig;en unverd&auml;chtiges Entree in die Hochschulen vor allem &uuml;ber die Hochschulleitungen.<\/p>\n<p>Dar&uuml;ber hinaus hat das CHE ein vielf&auml;ltiges Netzwerk finanzstarker Unterst&uuml;tzer. Der GEW Privatisierungsreport Nr. 6 [PDF &ndash; 340 KB] hat nur die wichtigsten aufgez&auml;hlt: <\/p>\n<ul>\n<li>Da ist etwa der Stifterverband f&uuml;r die Deutsche Wissenschaft, sozusagen der verl&auml;ngerte Arm der Wirtschaft in die Wissenschaft,<\/li>\n<li>der Aktionsrat Bildung der Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft e.V. (vbw), <\/li>\n<li>die von den Arbeitgeberverb&auml;nden der Metall- und Elektro-Industrie finanzierte Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft (INSM) mit ihren Webekampagnen,<\/li>\n<li>das arbeitgebernahe Institut der deutschen Wirtschaft (IW) <\/li>\n<li>oder etwa auch die McKinsey &amp; Company Inc. <\/li>\n<\/ul>\n<p>Um Synergien zu erzielen, arbeitet die Bertelsmann Stiftung unter anderem mit der Heinz Nixdorf Stiftung, der K&ouml;rber-Stiftung, der Volkswagen Stiftung, der Hertie-Stiftung oder der Ludwig-Erhard-Stiftung zusammen. Und vielen anderen mehr.<\/p>\n<p>Das CHE hat es auch geschafft mit Namen und K&ouml;pfen in der &Ouml;ffentlichkeit pr&auml;sent zu sein, also vor allem mit dem fr&uuml;heren Chef Detlef M&uuml;ller-B&ouml;ling, mit Frank Ziegele, mit dem ehemaligen Hamburger Wissenschaftssenator und jetzigen Gesch&auml;ftsf&uuml;hrer des Zentrums, J&ouml;rg Dr&auml;ger und vielen anderen inzwischen zu &bdquo;Experten&ldquo; avancierten Mitarbeitern, die nur zu gern von den Hochschulen zu Rate gezogen werden.<\/p>\n<p>Und schlie&szlig;lich und vor allem auch: Hinter dem CHE steht der Bertelsmann-Konzern und seine geballte Medienmacht vom Spiegel (Unispiegel), &uuml;ber den stern, die Financial Times Deutschland bis hin zu RTL. Und f&uuml;r sein Hochschulranking hat das das CHE dazu noch die b&uuml;rgerliche &bdquo;Zeit&ldquo; als Medienpartner gewonnen.<\/p>\n<p>Das Centrum f&uuml;r Hochschulentwicklung (CHE) firmiert als eine private und als gemeinn&uuml;tzig anerkannte GmbH, die von der Bertelsmann-Stiftung mit j&auml;hrlich etwa eineinhalb bis zwei Millionen Euro finanziert wird. Nach eigener Darstellung handelt es sich beim &bdquo;CHE&ldquo; um eine unabh&auml;ngige &raquo;Denkfabrik&laquo;. Zur &bdquo;Marke&ldquo; CHE geh&ouml;ren inzwischen zwei Gesellschaften, das gemeinn&uuml;tzige Centrum f&uuml;r Hochschulentwicklung (gGmbH) als &bdquo;Reformwerkstatt f&uuml;r das deutsche Hochschulwesen&ldquo; und in die CHE Consult GmbH, als Profitcenter und als private Beratungsgesellschaft f&uuml;r Hochschulen, Wissenschaftseinrichtungen, Ministerien oder Stiftungen.<\/p>\n<p>Das CHE arbeitet &ndash; wie die anderen meist als gemeinn&uuml;tzige zivilgesellschaftliche Stiftungen organisierte PR-Agenturen wie etwa die &bdquo;Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft&ldquo; (INSM) &ndash; nach dem gleichen Muster. Man erstellt eine Studie oder macht eine Umfrage oder veranstaltet einen Kongress und schafft so einen Medien-Event und die Mainstream-Medien plappern die Ergebnisse unkritisch nach. Schlie&szlig;lich gilt die Stiftung als gemeinn&uuml;tzig und damit als neutral.<\/p>\n<p>Die Methoden, die Bertelsmann und das CHE f&uuml;r ihre &bdquo;&Uuml;berzeugungsarbeit&ldquo; einsetzen, sind im Gro&szlig;en und Ganzen auch immer dieselben: Es sind Rankings und Benchmarks und Umfragen, die zun&auml;chst von den eigenen Medien verbreitet und dann von den anderen aufgegriffen werden.<\/p>\n<p>&Uuml;berall dort, wo kein Markt besteht und damit das Steuerungsinstrument des (Markt-) Wettbewerbs nicht funktioniert, also vor allem im &ouml;ffentlichen Sektor, etwa auch bei den Hochschulen, musste die Bertelsmann Stiftung wettbewerbliche Steuerungsinstrumente erst noch einf&uuml;hren. Da dienen als Fiktion f&uuml;r den Marktwettbewerb Rankings und Benchmarks.<\/p>\n<p>Das CHE hat so z.B. in Deutschland die Hochschulrankings hoff&auml;hig gemacht.<\/p>\n<p>Durch diese Vergleiche soll nicht etwa nur eine Selbsteinsch&auml;tzung der einzelnen Hochschule erm&ouml;glicht werden, sondern es wird vor allem ein an den von der Bertelsmann Stiftung aufgestellten Messkriterien ein Konformit&auml;ts- und Anpassungsdruck auf alle Hochschulen ausge&uuml;bt.<\/p>\n<p>Aus den rein quantitativen Rankings sollen sich Qualit&auml;tsvergleiche ergeben, und wer am besten abschneidet, soll nach den Vorstellungen der Veranstalter solcher Rankings die Qualit&auml;tsma&szlig;st&auml;be vorgeben. Das Ziel ist, dass sich die schlechter Platzierten im Wettbewerb an den besser Platzierten messen. Dadurch wird ein Wettlauf zur vom CHE propagierten &bdquo;Entfesselung&ldquo; der Hochschulen angesto&szlig;en.<\/p>\n<p>Man kann nun lange &uuml;ber die Sinnhaftigkeit von Benchmarks oder Rankings streiten. &Uuml;ber eine Tatsache f&uuml;hrt nichts hinweg: Wie bei allen Vergleichsmessungen geht es bei Rankings darum, dass Qualit&auml;t quantifiziert werden muss. Oder anders: Man muss Qualit&auml;t in Quantit&auml;ten ausdr&uuml;cken, denn nur so l&auml;sst sich vergleichen und messen. Der Wiener Philosoph Konrad Paul Liessmann nennt diese &Uuml;bertragung betriebswirtschaftlicher Prinzipien, also das Messen und Vergleichen einen &bdquo;Verlust an Urteilskraft&ldquo;.<\/p>\n<p>Die Bertelsmann AG ist der gr&ouml;&szlig;te Oligopolist der ver&ouml;ffentlichten Meinung in Deutschland. Die Zeitungen, Zeitschriften, Fernseh- und Radiosender und nicht zuletzt die Verlage des Konzerns beeinflussen nicht nur die Meinungsbildung sondern auch die gesamte Stimmungslage und die Befindlichkeiten in Deutschland. Schon diese Medienmacht alleine stellt eine Bedrohung f&uuml;r die Meinungsvielfalt in Deutschland dar, Bertelsmann geh&ouml;rt zu den m&auml;chtigsten Meinungsmachern in unserer Gesellschaft. <\/p>\n<p>&Uuml;ber die Meinungsmacht des Konzerns hinaus &uuml;bt Bertelsmann hinaus eine politische Gestaltungsmacht aus, die weit &uuml;ber den Einfluss von Verb&auml;nden, Kirchen, Gewerkschaften, ja sogar von Parteien hinausgeht.<\/p><\/li>\n<li><strong>Welchen Einfluss hat das CHE auf den Prozess der &Ouml;konomisierung, speziell auf das Hochschulfreiheitsgesetz in NRW ausge&uuml;bt?<\/strong>\n<p>An Hand von Dokumenten l&auml;sst sich schwarz auf wei&szlig; belegen: Das nordrhein-westf&auml;lische &bdquo;Hochschulfreiheitsgesetz&ldquo; wurde nicht nur am Schreibtisch des bertelsmannschen CHE konzipiert, w&auml;hrend des Gesetzgebungsverfahrens wurde aus G&uuml;tersloh souffliert und sogar nach seiner Verabschiedung wurde im Auftrag des NRW-Ministeriums Bertelsmann mit der  Umsetzung des Gesetzes an den Hochschulen betraut. <\/p>\n<p>Die Entstehungsgeschichte des &bdquo;Hochschulfreiheitsgesetzes&ldquo; ist ein Musterbeispiel daf&uuml;r, wie sich die Politik und der Staat aus seiner Verantwortung f&uuml;r ein zentrales Feld der Zukunftsgestaltung zur&uuml;ckzieht und dem Druck und von privaten Lobbyorganisationen nachgibt und sich zur verl&auml;ngerten Werkbank von an gesellschaftlichen Einzelinteressen orientierten, finanzkr&auml;ftigen Think-Tanks degradieren l&auml;sst.<\/p>\n<p>Schaut man n&auml;mlich einmal genauer hin, woher dieses Konzept vom R&uuml;ckzug des Staates, der unternehmerischen Hochschule mit einem CEO (Chief Executive Officer) und einem aufsichtsrats&auml;hnlichen Hochschulrat stammt, so st&ouml;&szlig;t man auf die sog. &bdquo;Governance Struktur&ldquo; des &bdquo;New Public Management&ldquo;-Modells das vom Bertelsmannschen Centrum f&uuml;r Hochschulentwicklung (CHE) und dem hochschulpolitischen Arm der Wirtschaft, dem &bdquo;Stifterverband f&uuml;r die deutsche Wissenschaft&ldquo; seit &uuml;ber einem Jahrzehnt Zeit der Politik angedient, um nicht zu sagen aufgen&ouml;tigt wird.<\/p>\n<p>Das l&auml;sst sich bei der Entstehungsgeschichte des nordrhein-westf&auml;lischen &bdquo;Hochschulfreiheitsgesetzes&ldquo; gut belegen:<\/p>\n<ul>\n<li>Ende 2005 ver&ouml;ffentlichte der G&uuml;tersloher Think-Tank &ndash; w&ouml;rtlich &ndash; &bdquo;Zehn CHE-Anforderungen an ein Hochschulfreiheitsgesetz f&uuml;r Nordrhein-Westfalen&ldquo;.<\/li>\n<li>Dort finden sich teilweise sogar bis in den Wortlaut hinein die Formulierungen, die der damalige Innovationsminister Pinkwart, ohne jede politische Debatte in seiner Partei, geschweige denn im Landtag auf einer Pressekonferenz Anfang des Jahres 2006 als &bdquo;Eckpunkte des geplanten Hochschulfreiheitsgesetzes&ldquo; vorstellte.<br>\nDiese &bdquo;Eckpunkte&ldquo; entsprachen weitgehend den zuvor vom CHE formulierten &bdquo;Zehn Anforderungen an ein Hochschulfreiheitsgesetz&ldquo;.<\/li>\n<li>Nur wenige Tage nachdem die &bdquo;Eckpunkte&ldquo; vorgelegt wurden, lieferte des CHE ein &bdquo;Zeugnis&ldquo; und bewertete die Pinkwartschen Gesetzesvorschl&auml;ge am Erf&uuml;llungsgrad der CHE-Anforderungen.<\/li>\n<li>Aber damit immer noch nicht genug:<br>\nNachdem das HFG verabschiedet worden ist, wird das CHE vom Ministerium beauftragt, die Hochschulen auch noch bei der Umsetzung zu begleiten.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Eine solche &Uuml;berwachung h&auml;tte sich fr&uuml;her einmal ein Ministerium erlauben sollen:<br>\nDer Untergang der Freiheit von Wissenschaft und Forschung und damit der Epoche der Aufkl&auml;rung w&auml;re von den Hochschulen beschworen worden.<br>\nAber wenn nun einer der m&auml;chtigsten und politisch einflussreichsten Konzerne den Hochschulen sagt, was sie zu tun haben, dann ist das von den Hochschulen ganz selbstverst&auml;ndlich und ohne Murren hingenommen worden.<\/p>\n<p>Nat&uuml;rlich ist es nach wie vor richtig, dass Bertelsmann die Gesetze nicht selber verabschiedet, sondern dass diese meist von der Exekutive eingebracht und vom Parlament verabschiedet werden. Aber &uuml;ber die personellen Netzwerke wird der Bertelsmannsche &bdquo;Reformmotor&ldquo; zur eigenst&auml;ndigen politischen Antriebskraft, der auch au&szlig;erhalb der Parlamente eine Art Eliten-Konsens schafft &ndash; und dabei nebenbei auch noch f&uuml;r ein positives Image f&uuml;r den Bertelsmann-Konzern sorgt.<\/p>\n<p>Unter dem Zwang der leeren &ouml;ffentlichen Kassen und unter dem besch&ouml;nigenden Etikett eines &bdquo;zivilgesellschaftlichen Engagements&ldquo; greift der Staat die &bdquo;gemeinn&uuml;tzigen&ldquo; Dienstleistungen privater Think-Tanks nur allzu gerne auf. Ja noch mehr, er zieht sich aus seiner Verantwortung immer mehr zur&uuml;ck und &uuml;berl&auml;sst wichtige gesellschaftliche Bereiche wie etwa die Bildung oder die Hochschule gleich ganz den Selbsthilfekr&auml;ften b&uuml;rgerschaftlichen Engagements.<\/p><\/li>\n<li><strong>Inwiefern sind die Hochschulen durch das Hochschulfreiheitsgesetz in NRW unfreier geworden?<\/strong>\n<p>Kaum ein anderer Begriff ist in der Menschheitsgeschichte so unterschiedlich gebraucht und so oft missbraucht worden, wie der Freiheitsbegriff.<br>\nMan sollte also immer auch nach der schon von Immanuel Kant herausgearbeiteten Unterscheidung zwischen &bdquo;positiver&ldquo; und &bdquo;negativer&ldquo; Freiheit, also von der Freiheit &bdquo;zu was&ldquo; und der Freiheit &bdquo;von was oder von wem&ldquo; fragen.<\/p>\n<p>Die &bdquo;unternehmerische Hochschule&ldquo; ist vom Staat und vom Einfluss des demokratischen Gesetzgebers &bdquo;befreit&ldquo; worden und &ndash; dem Glaubensbekenntnis des Markt- und Wettbewerbsliberalismus entsprechend &ndash; den Gesetzen des Wettbewerbs auf dem Ausbildungs- und Forschungsmarkt unterworfen worden. Die Forschungs-, Lehr- und Lernfreiheit wird als Freiheit zur Durchsetzung auf dem Ausbildungs- und Wissensmarkt umdefiniert. Dem Zwang des Marktes kann und darf sich kein Hochschulangeh&ouml;riger entziehen.Denkt jeder Hochschullehrer und jede Hochschule an sich, so ist an alle gedacht. So lautet das markt- und betriebswirtschaftliche Credo. <\/p>\n<p>Der Staat oder der Gesetzgeber sind bestenfalls noch &bdquo;Zahlmeister&ldquo;. <\/p>\n<p>Es gab einen R&uuml;ckzug staatlicher Verantwortung zugunsten einer unternehmerischen Autonomie der Hochschule und zugunsten einer der einzelunternehmerischen Wettbewerbslogik unterworfenen autokratischen Leitungsstruktur.<\/p>\n<p>Die Hochschulleitungen sollen von der Spitze aus in alle Bereiche des Unternehmens &ndash; als &bdquo;Arbeitgeber und Dienstherr&ldquo; des &bdquo;Personals&ldquo; (ehemals Hochschullehrer genannt) und bis hinein in die &bdquo;Ausbildungsverh&auml;ltnisse&ldquo; (ehemals Studium genannt) &ndash; durchentscheiden k&ouml;nnen. Man braucht dazu sozusagen einen Chief Executive Officer als Pr&auml;sidenten, gegen dessen Stimme keine Entscheidung getroffen werden kann. (So in &sect; 15 Abs. 2 Ziff. 3 HFG geregelt.)<\/p>\n<p>An Stelle des demokratisch kontrollierten Ministeriums oder des Parlaments als demokratische legitimierte rahmensetzende Organe wurde in der &bdquo;unternehmerischen&ldquo; Hochschule der Hochschulleitung ein freischwebender Aufsichtsrat als &bdquo;Fachaufsicht&ldquo; mit weitergehenden Kompetenzen vorgesetzt, als sie Staat und Parlament je hatten. <\/p>\n<p>Die Mitglieder des &bdquo;Hochschulrats&ldquo; sind w&auml;hrend und nach ihrer gesamten f&uuml;nfj&auml;hrige Amtszeit keiner irgendwie demokratisch legitimierten Instanz rechenschaftspflichtig. Sie k&ouml;nnen weder abberufen noch abgew&auml;hlt werden. Sie k&ouml;nnen f&uuml;r Ihre oft tiefgreifenden und kostenintensiven Entscheidungen nicht zur Verantwortung gezogen werden.<br>\nDie Hochschulratsmitglieder entscheiden &uuml;ber das Geld der Steuerzahler nach ihren ganz pers&ouml;nlichen oder ihren politischen oder &ouml;konomischen Interessen.<\/p>\n<p>Hochschulr&auml;te arbeiten in der Regel weder transparent noch sind sie repr&auml;sentativ zusammengesetzt. Vor allem unter den Hochschulratsvorsitzenden sind &bdquo;F&uuml;hrungspers&ouml;nlichkeiten&ldquo; aus der Wirtschaft dominant vertreten. (In Abwandlung zur Kritik an US-Boards &bdquo;white, wealthy, businessmen&ldquo; k&ouml;nnte man sagen die Hochschulr&auml;te sind bei uns &bdquo;old, wealthy, masculine, businessmen&ldquo;)<\/p>\n<p>In der tats&auml;chlichen Zusammensetzung zeigt sich eine &bdquo;Erosion der klassischen Verb&auml;ndebeteiligung&ldquo;. Wir haben es mit einer Verschiebung der &bdquo;Organisationsverantwortung&ldquo; zu Lasten der klassisch-parlamentarischen Repr&auml;sentation der gesellschaftlichen Interessen und vor allem auch zu Ungunsten der Selbstverwaltung der Hochschule zu tun. <\/p>\n<p>Mit der einer Aktiengesellschaft nachgebildeten Aufsichtsratsstruktur wurden die &ouml;ffentlichen Hochschulen faktisch &bdquo;funktionell privatisiert&ldquo;.<\/p>\n<p>In der &bdquo;unternehmerischen Hochschule&ldquo; ist die &uuml;berwiegende Mehrheit der Forschenden und Lehrenden an den Hochschulen und schon gar die Studierenden mit der &bdquo;neuen&ldquo; Freiheit verglichen mit ihren fr&uuml;heren Beteiligungs- und Mitwirkungsrechten wesentlich &bdquo;unfreier&ldquo; geworden als unter der fr&uuml;heren &ndash; allerdings durchaus nicht optimalen &ndash; akademischen Selbstverwaltung.<\/p>\n<p>In der selbstverwalteten Gruppenuniversit&auml;t entschieden (vor allem) die Gemeinschaft der Lehrenden und (in Studienangelegenheiten mit einer Drittelparit&auml;t) auch die Studierenden &ndash; jedenfalls dem Anspruch nach &ndash; nach forschungs- und lehrrelevanten Maximen und Interessen &uuml;ber Forschung und Lehre und &ndash; mit zunehmend flexibilisierten Haushalten &ndash; auch &uuml;ber die Verteilung der Ressourcen.<\/p>\n<p>Der Staat legte den Finanzrahmen fest und f&uuml;hrte im Wesentlichen nur eine Rechts- und Finanzaufsicht. Eine &bdquo;Fachaufsicht&ldquo; wie heute durch die Hochschulr&auml;te w&auml;re gegen&uuml;ber einer verfassungsrechtlich garantierten Selbstverwaltungsk&ouml;rperschaft Hochschule nicht denkbar gewesen. Das Schreckbild staatlicher b&uuml;rokratischer Detailsteuerung ist eher ein Buhmann, der von den sog. &bdquo;Reformern&ldquo; aufgebaut wurde. Man hatte damals allerdings einen S&uuml;ndenbock zur Verf&uuml;gung, wenn es zu Knappheiten oder zu Konflikten innerhalb der Hochschule kam und der Bock, das war dann eben das Ministerium. Heute werden Knappheitskonflikte vor Ort ausgetragen und die Politik ist fein heraus.<\/p>\n<p>In der neuen &bdquo;unternehmerischen&ldquo; Hochschule wird nicht mehr aufgrund von &bdquo;Entscheidungen in den Gremien&ldquo; (in denen nach dem Vorurteil eines ihrer wichtigsten Promotoren, dem damaligen NRW-Minister Pinkwart Vorurteil nur &bdquo;blockiert&ldquo; wurde und &bdquo;demotivierende Bedingungen&ldquo; herrschten), sondern es muss nach den Gesetzen des &bdquo;Wettbewerbs&ldquo; und der &bdquo;Konkurrenz&ldquo; auf dem Wissenschafts- und Ausbildungsmarkt gehandelt werden.<\/p>\n<p>Nicht nur die Universit&auml;t selbst soll &bdquo;unternehmerisch&ldquo; agieren, sondern auch die Lehrenden und Forschenden sollen zu &bdquo;Unternehmern innerhalb der unternehmerischen Hochschule&ldquo; werden.<\/p>\n<p>Bei Entscheidungen unter Konkurrenz- und Wettbewerbsdruck sind nat&uuml;rlich ausgiebige Diskussionen in Selbstverwaltungsgremien nur &bdquo;b&uuml;rokratische H&uuml;rden&ldquo; und &bdquo;Hemmnisse&ldquo; die es &bdquo;aus dem Weg zu r&auml;umen&ldquo; galt.<\/p>\n<p>Es gibt inzwischen Rechtsgutachten, wonach das NRW-Modell der Hochschulr&auml;te den Anforderungen, die nach Art. 5 Abs. 3 S. 1GG an eine wissenschaftsad&auml;quate Teilhabe der betroffenen Hochschulangeh&ouml;rigen zu stellen sind, nicht gen&uuml;gt.<br>\nDies betrifft vor allem die in &sect; 17 Abs. 3 S. 2 HG NRW normierte M&ouml;glichkeit des Hochschulrats, die vom Senat versagte Zustimmung f&uuml;r die Wahl der Hochschulleitung mit 2\/3 bzw. 3\/4- Mehrheit zu ersetzen.<\/p>\n<p>Gegen eine Novellierung der Kompetenzen der Hochschulr&auml;te, die viel Macht aber relativ wenige Rat haben, stemmen sich nat&uuml;rlich die Hochschulleitungen. Sie sind in dieser Debatte Partei, denn die Pr&auml;sidenten k&ouml;nnen sich &ndash; mit dem Hochschulrat im R&uuml;cken &ndash; gegen alle Widerst&auml;nde innerhalb der Hochschule durchsetzen. Und wer w&uuml;rde schon gerne eine einmal erlangte Machtposition freiwillig wieder in Frage stellen lassen?<\/p><\/li>\n<\/ul>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Immer wieder werde ich zu Vortr&auml;gen an Hochschulen vor allem auch in Nordrhein-Westfalen, zu Gespr&auml;chen oder zu Interviews eingeladen. 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