{"id":142704,"date":"2025-11-26T16:43:39","date_gmt":"2025-11-26T15:43:39","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=142704"},"modified":"2025-11-26T17:50:42","modified_gmt":"2025-11-26T16:50:42","slug":"kuenstler-fuer-den-frieden-wo-bleiben-sie-heute-wird-vielerorts-gefragt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=142704","title":{"rendered":"K\u00fcnstler f\u00fcr den Frieden &#8211; Wo bleiben sie heute, wird vielerorts gefragt."},"content":{"rendered":"<p>Sie sind zwar weniger geworden als im Bonner Hofgarten im Oktober 1981 gegen die NATO-Atomraketen. Aber es gibt sie noch. Die langj&auml;hrige Hamburger Landesvorsitzende, B&uuml;rgerschafts- und Bundestagsabgeordnete von Linke und BSW, <strong>Zaklin Nastic<\/strong>, portr&auml;tiert einen &bdquo;gro&szlig;en Sohn&ldquo; ihrer Stadt, der sich einst zu Recht als Publikumsliebling f&uuml;hlen durfte, aber heute wie ein Ausgesto&szlig;ener erscheint.<br>\n<!--more--><br>\n<strong>Br&uuml;ckenbauer f&uuml;r den Frieden: Justus Frantz<\/strong><\/p><p>In den Achtzigerjahren war Justus Frantz zwar noch nicht unter den Initiatoren der gro&szlig;en Friedenskundgebungen in Bonn, Hamburg und Mutlangen, doch als Dirigent, Impressario und Pianist bereits ein Br&uuml;ckenbauer zwischen klassischer Musik und der arbeitenden Bev&ouml;lkerung. Das von ihm &ndash; gemeinsam mit Helmut Schmidt und Uwe Barschel &ndash; gegr&uuml;ndete und von Leonard Bernstein unterst&uuml;tzte &bdquo;Schleswig-Holstein-Musik-Festival&ldquo; holte weltber&uuml;hmte Virtuosen wie Anne-Sophie Mutter, Yehudi Menuhin und Swjatoslaw Richter in ungewohnte Spielst&auml;tten: norddeutsche Scheunen, Werkhallen und Werften. Von 1986, dem Jahr seines Hamburger Professurantritts, bis 1994 war Frantz Intendant des Festivals. Sein Leitgedanke &bdquo;Make music as friends&ldquo; bezog sich f&uuml;r ihn stets auch auf Willy Brandts Satz: &bdquo;Wir wollen ein Volk der guten Nachbarn sein&ldquo;.<\/p><p>Die enge Freundschaft zu Helmut Schmidt, gemeinsame Klavierauftritte und sogar zwei Schallplatteneinspielungen mit ihm f&uuml;hrten dazu, dass sich der konservative Klassikexperte zunehmend der Sozialdemokratie ann&auml;herte. Die konservativ-humanistische Pr&auml;gung der Familie Frantz, die sich stets gegen Faschismus, Krieg und andere Formen von Chauvinismus gestellt hatte, wurde in seinem k&uuml;nstlerischen Wirken zu einem humanistischen Erbe &ndash; und zu einer best&auml;ndigen Friedensbotschaft.<\/p><p>Seine Fernsehauftritte &ndash; etwa bei &bdquo;Wetten, dass..?&ldquo; oder &bdquo;Wer wei&szlig; denn sowas?&ldquo; und auch sp&auml;ter bei &bdquo;Lanz&ldquo; &ndash; entwickelten sich zu Quotenbringern. Mit seiner ZDF-Sendung &bdquo;Achtung Klassik&ldquo; hatte er ein Millionenpublikum erreicht. Frantz erkl&auml;rte gro&szlig;e Kompositionen dort nicht von oben herab, sondern als gemeinsames Erlebnis. Seine Mission war klar: Musik geh&ouml;rt nicht nur Experten, sondern allen. Sie ist Br&uuml;ckenbau zwischen Welten &ndash; und &uuml;ber ideologische Sch&uuml;tzengr&auml;ben der V&ouml;lker hinweg.<\/p><p>Sein vielleicht wichtigstes Projekt, die &bdquo;Philharmonie der Nationen&ldquo;, gr&uuml;ndete er 1995 bewusst &bdquo;f&uuml;r Frieden und V&ouml;lkerverst&auml;ndigung&ldquo;. Junge Musiker aus vielen L&auml;ndern sollten zu einem vielfarbigen Klangk&ouml;rper zusammenwachsen &ndash; als lebendiges Symbol daf&uuml;r, dass Verst&auml;ndigung m&ouml;glich ist, wo Menschen einander zuh&ouml;ren.<\/p><p>Frantz, der in Hamburg, St. Petersburg und Gran Canaria lebt und musiziert, betont h&auml;ufig, dass Kunst eine Br&uuml;cke ist, aber keine Waffe. Doch als er mehrfach an s&auml;mtliche Parteien des Deutschen Bundestags &ndash; sp&auml;ter auch an AfD und BSW &ndash; appellierte, im Zusammenhang mit der Krim-Annexion nicht die umjubelte Rede Wladimir Putins im Bundestag 2001 zu vergessen und eine Friedensperspektive mit Russland nicht g&auml;nzlich zu verbauen, begann eine Phase zunehmender Drangsalierung. Diese traf nicht nur ihn, sondern auch Familienangeh&ouml;rige und Freunde.<\/p><p>Nachdem er sich geweigert hatte, sich in den offiziell vorgegebenen Formulierungen &bdquo;von Russlands v&ouml;lkerrechtswidrigem Angriffskrieg&ldquo; zu distanzieren, wuchs enormer wirtschaftlicher und politischer Druck auf das Schleswig-Holstein-Musikfestival &ndash; bis er von dort ab 2023 nicht mal mehr als dessen Gr&uuml;ndungsvater eingeladen wurde. Intendant Kuhnt nannte daf&uuml;r als Grund: Frantz&rsquo; Haltung zu Russland. Auch die <em>FAZ<\/em> meint es seither nicht gut mit dem Maestro: Er m&uuml;sse gef&auml;lligst sein Mandat als Juror beim Moskauer &bdquo;Tschaikowski-Wettbewerb&ldquo; niederlegen. Alle anderen Juroren seien ja bereits ausgeschieden. Dieses behauptete das &bdquo;Frankfurter Blatt der klugen K&ouml;pfe&ldquo; &ndash; allerdings war das frei erfunden.<\/p><p>NATO-nahe Medien griffen ihn an, weil er in Sankt Petersburg Mozart und Verdi dirigiert hatte, w&auml;hrend die politischen Beziehungen zwischen Russland und dem Westen auf einem Tiefpunkt standen. Als Dieter Hallervorden (90) und Justus Frantz (81) am Karfreitag 2025 per Videobotschaft zu einer Friedenskundgebung in Dresden zugeschaltet wurden, folgte scharfe Kritik &ndash; unter anderem wegen &bdquo;Alterstarrsinn&ldquo; und wegen der Anwesenheit von Tino Chrupalla, wodurch man ihnen angebliche N&auml;he zu &bdquo;gesichert Rechtsextremen&ldquo; unterstellte.<\/p><p>Besonders heftig wurde Frantz attackiert, als er am 5. November im Kreml einen Friedens- und Kultur-Preis aus den H&auml;nden Putins entgegennahm. Bereits am Folgetag forderte ein fr&uuml;herer CDU-Staatssekret&auml;r &ouml;ffentlich, Frantz das Bundesverdienstkreuz abzuerkennen.<\/p><p>Auch sein Sohn Konstantin verlor und verliert in Deutschland Veranstaltungsr&auml;ume und bereits zugesagte Konzerte &ndash; offenbar als Reaktion auf die politische Haltung seines Vaters und wom&ouml;glich auch auf seine Mutter, die bekannte russische Violistin Dubrowskaja.<\/p><p>F&uuml;r Frantz jedoch bleibt seine Kulturarbeit ein aufrechter Gang &ndash; gerade dort, wo Politik scheitert. Seine Kunst versteht er als Angebot zur Verst&auml;ndigung. Heute fordert er, den von Donald Trump vorgelegten 28-Punkte-Plan f&uuml;r einen Frieden in der Ukraine nicht vorschnell abzulehnen, sondern als Grundlage f&uuml;r einen erneuten, von mehreren Staaten getragenen Prozess der Abr&uuml;stung und wirtschaftlichen Zusammenarbeit in ganz Europa und dar&uuml;ber hinaus zu pr&uuml;fen.<\/p><p>Trotz seines Zweitwohnsitzes in Sankt Petersburg und entsprechender Angebote aus Russland h&auml;lt Frantz an seiner deutschen Staatsangeh&ouml;rigkeit in Hamburg fest &ndash; ebenso wie an seinem humanistischen Engagement. Mit seiner Kunst m&ouml;chte er weiterhin dazu beitragen, V&ouml;lkerverst&auml;ndigung orchestrierend zu f&ouml;rdern und neu auszubauen.<\/p><div class=\"imagewrap\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/251126-Frieden-Franz-01.jpg\" alt=\"\" title=\"\"><span><\/span><\/div><p><small>Vlnr.: Justus Frantz, Leonard Bernstein, Helmut Schmidt<\/small><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sie sind zwar weniger geworden als im Bonner Hofgarten im Oktober 1981 gegen die NATO-Atomraketen. Aber es gibt sie noch. 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