{"id":142733,"date":"2025-11-27T10:00:09","date_gmt":"2025-11-27T09:00:09","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=142733"},"modified":"2025-12-05T16:34:37","modified_gmt":"2025-12-05T15:34:37","slug":"fremdschaemen-im-bundestag","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=142733","title":{"rendered":"Fremdsch\u00e4men im Bundestag"},"content":{"rendered":"<p>Nach l&auml;ngerer Abstinenz g&ouml;nnte ich mir gestern mal wieder die Live-&Uuml;bertragung einer Bundestagsdebatte auf <em>Phoenix<\/em>. Ich h&auml;tte das bleibenlassen sollen. Fr&uuml;her waren Generaldebatten zum Haushaltsplan ja oft rhetorische Feuerwerke des Parlamentarismus. Die <a href=\"https:\/\/www.bundestag.de\/mediathek\/video?videoid=7645299\">gestrige Debatte<\/a> war eher eine Kriegserkl&auml;rung an den Intellekt der W&auml;hler. Wieder mal ging es weniger um die Probleme unseres Landes, sondern vor allem um die AfD, die man offenbar nun als &bdquo;Putins Knechte&ldquo; framen will. Da kann sich die AfD nur freuen. Einer Macht&uuml;bernahme oder -beteiligung der AfD in sp&auml;testens vier Jahren d&uuml;rfte nicht viel entgegenstehen, wenn sich die innere Verfasstheit der Politik nicht fundamental &auml;ndert. Von <strong>Jens Berger<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_6749\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-142733-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/251127_Fremdschaemen_im_Bundestag_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/251127_Fremdschaemen_im_Bundestag_NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/251127_Fremdschaemen_im_Bundestag_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/251127_Fremdschaemen_im_Bundestag_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=142733-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/251127_Fremdschaemen_im_Bundestag_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"251127_Fremdschaemen_im_Bundestag_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>W&auml;re dieser Text eine Bundestagsrede, h&auml;tte ich mich bereits jetzt, im zweiten Absatz, als Gef&auml;hrder der nationalen Sicherheit geoutet. Warum, fragen Sie sich? Nun, ich schreibe jetzt drei Minuten an dem Text und habe noch nicht das Leiden der ukrainischen Bev&ouml;lkerung erw&auml;hnt und auch nicht klargestellt, dass Putin ein gottloser brutaler Aggressor ist, der ganz allein die Verantwortung f&uuml;r alle unsere Sorgen und N&ouml;ten tr&auml;gt. Dies war in der Tat der Kernvorwurf der gestrigen Reden s&auml;mtlicher Redner der SPD und der Gr&uuml;nen an die Redner der AfD. Ei der Daus! Und dabei ging es doch eigentlich bei der gestrigen Generaldebatte um die Haushaltsplanung.<\/p><p>Stichwort Haushalt. Mitten im Plenum stand da ja ein richtig gro&szlig;er, dicker Elefant im Raum. Mehr als 108 Milliarden Euro sollen im kommenden Jahr f&uuml;r R&uuml;stung und Milit&auml;r ausgegeben werden. Ein historischer Rekord. An allen anderen Ecken muss nun gek&uuml;rzt werden. Finanziert wird die Hochr&uuml;stung zu gro&szlig;em Teil auf Pump. Inklusive der Schattenhaushalte und Sondert&ouml;pfe betr&auml;gt die Nettoneuverschuldung 180 Milliarden Euro. Bei einem Haushaltsvolumen von 525 Milliarden Euro ist das rund ein Drittel, auch das ist ein historischer H&ouml;chstwert.<\/p><p>Doch ein Elefant im Raum ist nun mal ein Elefant im Raum, weil ihn zwar jeder sieht, aber niemand ein Wort dar&uuml;ber verliert. Auch die AfD nicht. Das machte AfD-Chefin Alice Weidel auch gleich in der Er&ouml;ffnungsrede klar, die ihr als Oppositionsf&uuml;hrerin ja zusteht. Ihr &uuml;blicher Sermon von Migranten, die unseren Sozialstaat gef&auml;hrden (darum will die AfD auch die Steuern senken und die Rente teilprivatisieren), der ruin&ouml;sen Energiewende (man m&uuml;sse die &bdquo;Sprengung der Kernkraftwerke beenden&ldquo;) und einer, wie sie es ausdr&uuml;ckt, &bdquo;linken Einheitsfront&ldquo; von CSU bis zu den &bdquo;Kommunisten&ldquo; der SPD nahm jedoch niemand so richtig wahr. Als Weidel dann aber ausnahmsweise mal was Richtiges sagte, kochten die Emotionen wie auf Knopfdruck hoch. Was war geschehen?<\/p><p>Nun ja, Alice Weidel hatte doch tats&auml;chlich angeregt, wieder preiswerte Energie aus Russland zu kaufen. Und dies ist in der &ouml;ffentlichen und erst recht in der parlamentarischen Debatte offenbar ein Tabu. Kaum hatte Weidel den Satz ausgesprochen, rumorte es in den Reihen der Abgeordneten und der SPD-Politiker Dirk Wiese meldete sich mit einer Kurzintervention zu Wort. Da war sie, die Gretchenfrage der politischen Gegenwart: Wie h&auml;ltst Du es mit Russland? Ein Hauch McCarthy und dem Komitee f&uuml;r unamerikanische Umtriebe wehte durch die Hallen des Bundestags. Doch Weidel blieb ruhig und stellte &ndash; durchaus wahrheitsgem&auml;&szlig; &ndash; fest, dass die AfD die einzige Fraktion im Bundestag sei, die offene Kan&auml;le zu Donald Trump und zu Russland halte. &bdquo;Offene Kan&auml;le&ldquo;? Mit Russland? Wie kann man nur? Schon waren Schulden, Wirtschaftskrise und die Rentendebatte vergessen und es ging fast nur noch um die Ukraine, Putin und die AfD, deren Position in diesen beiden Punkten offenbar der letzte br&uuml;chige Stein der Brandmauer zu sein scheint.<\/p><p>Dies merkte auch Friedrich Merz, der als zweiter Redner zum Pult trat und heilfroh war, dass er endlich ein Thema gefunden hat, mit dem er den leidigen Rentenstreit in seiner Koalition &uuml;bert&uuml;nchen konnte. Felsenfest st&uuml;nde die Bundesregierung hinter der Ukraine und mit einer AfD, die Putin nicht einmal als Aggressor benenne, sei keine Zusammenarbeit m&ouml;glich. Applaus von CDU und SPD &ndash; offenbar hat man den letzten Kitt gefunden, der die Koalition zusammenh&auml;lt.<\/p><p>Auftritt Gr&uuml;nenchefin Britta Ha&szlig;elmann, die trotz ihrer Funktion als Oppositionspolitikerin nicht den Kanzler, sondern erst einmal in epischer L&auml;nge die AfD kritisiert. Sie k&ouml;nne es nicht fassen kann, dass Weidel nicht bereits zu Beginn ihrer Rede an das Leid der Menschen in der Ukraine erinnert habe, so Ha&szlig;elmann. Applaus von allen Fraktionen au&szlig;er der AfD. Dann belehrte sie &ndash; weil das ja in Deutschland offenbar noch nie und nimmer nicht gesagt wurde &ndash; noch das Plenum, dass Putin der Aggressor sei. Und wenn die AfD &bdquo;sich auch noch damit br&uuml;ste, offene Kan&auml;le zu Russland zu pflegen&ldquo;, sei ja wohl klar, welche Gefahren von dieser Partei ausgingen. Die AfD sei im Inneren und &Auml;u&szlig;eren eine Gefahr f&uuml;r das Land.<\/p><p>So ging es weiter. Erst bezeichnete der SPD-Fraktionsvorsitzende Matthias Miersch die AfD wegen ihrer Russland-Kontakte als &bdquo;ein Sicherheitsrisiko f&uuml;r Deutschland&ldquo;, dann legte sein CDU-Amtskollege Jens Spahn noch einen drauf, beschwor den heroischen Freiheitskampf der Ukraine und versuchte zu belegen, dass wahre Patrioten CDU- und nicht AfD-Politiker seien. &bdquo;Politisch schwach sind diejenigen, die Liebe zu unserem Land vorgaukeln und in Wahrheit das Spiel fremder M&auml;chte spielen. Sie reden hier, Frau Weidel, wie die f&uuml;nfte Kolonne Putins.&ldquo; Das ist schon mal eine sehr interessante Wortwahl, die vor allem in der bereits erw&auml;hnten McCarthy-&Auml;ra weitverbreitet war, um Linke und Liberale als &bdquo;Handlanger Moskaus&ldquo; zu diskreditieren.<\/p><p>Nun war Weidels Co Tino Chrupalla an der Reihe und zun&auml;chst konnte man das Popcorn weglegen, da Chrupalla sich &ndash; wenn auch eigenwillig &ndash; mit so langweiligen Themen wie der Wirtschaft und der Rente besch&auml;ftigte. Aber dann legte auch Chrupalla los. &bdquo;Die Ukraine ist nicht das 17. Bundesland der Republik&ldquo;, so der AfD-Mann, der auch ansonsten nicht viel von der finanziellen und milit&auml;rischen Unterst&uuml;tzung der Ukraine h&auml;lt. Und pl&ouml;tzlich waren wieder alle wach.<\/p><p>Vorhang auf f&uuml;r Runde Zwei! Wieder meldet sich Dirk Wiese von der SPD via Kurzintervention zu Wort: &bdquo;Sie arbeiten f&uuml;r russische Interessen!&ldquo; Kein Wort habe Chrupalla dazu gesagt, dass Putin der Aggressor sei. Wie konnte Chrupalla das nur unterschlagen? Und damit das auch keinesfalls in Vergessenheit geriet, er&ouml;ffnete die auf Chrupalla folgende SPD-Rednerin Wiebke Esdar ihre Rede auch mit nahezu exakt den gleichen Vorw&uuml;rfen in Richtung AfD und &uuml;bte sich auch gleich noch in Verschw&ouml;rungsideologie, indem sie mutma&szlig;te, dass die &bdquo;offenen Kan&auml;le&ldquo; der AfD durch die &bdquo;Geldkan&auml;le&ldquo; (aus Russland) mitbestimmt seien. Oh je.<\/p><p>Es war zum Fremdsch&auml;men! Lediglich Linken-Politikerin Reichinnek bem&uuml;hte sich &ndash; wenn auch erfolglos &ndash; am typisch linken Spagat und kritisierte zwar die R&uuml;stungsausgaben als solche, ohne jedoch friedenspolitische Akzente zu setzen, w&uuml;rde dies doch Teile ihrer Partei verunsichern. Nie war so deutlich, wie sehr das BSW als letztes Korrektiv im Parlament fehlt.<\/p><p>Wir haben eine ambitionslose Regierungskoalition und mit Gr&uuml;nen und Linken zwei Oppositionsparteien, die allesamt im Herzen das alte Parteiensystem aufrechterhalten wollen. Das ist ihr gutes Recht, und dass die reaktion&auml;re und zutiefst neoliberale AfD keine wirkliche Alternative sein kann, ist ja auch richtig. Wenn aber nun eine &uuml;bergro&szlig;e informelle Koalition ausgerechnet die Zukunft der Ukraine und Deutschlands Position zu Russland als das zentrale Unterscheidungsmerkmal zur AfD konstruiert, kann einem nur angst und bange werden. Dann sind also horrende R&uuml;stungsausgaben und die R&uuml;ckkehr in einen neuen Kalten Krieg mit einer Rhetorik, die die des alten Kalten Krieges m&uuml;helos in den Schatten stellt, nun das gemeinsame Bekenntnis der &bdquo;Demokraten&ldquo;? Das soll der letzte Kitt sein, der das morsche System zusammenh&auml;lt?<\/p><p>Wenn dem so ist, braucht sich wirklich niemand zu wundern, wenn die Koalition schon bald zusammenbricht und sp&auml;testens bei den n&auml;chsten Wahlen es gar keine Mehrheit mehr gibt, die ohne die AfD auskommt. Ob dann die CDU oder die AfD ihren Russlandkurs korrigieren werden, steht au&szlig;en vor. Beides ist m&ouml;glich. Wie dem auch sei. Auf jeden Fall ist dann der konservativ\/reaktion&auml;re Backlash vollzogen. Deutschlands Zukunft ist reaktion&auml;r. Und die Parteien, die sich heute als &bdquo;linksliberal&ldquo; bezeichnen, merken das noch nicht einmal. Traurig.<\/p><p><small>Titelbild: Screencap bundestag.de<\/small><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg04.met.vgwort.de\/na\/c63b179e609646f998d11e11ca2c0d81\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p><div class=\"moreLikeThis\">\n<strong>Mehr zum Beitrag<\/strong>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=143221\">Leserbriefe zu &bdquo;Fremdsch&auml;men im Bundestag&ldquo;<\/a>\n<\/p><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nach l&auml;ngerer Abstinenz g&ouml;nnte ich mir gestern mal wieder die Live-&Uuml;bertragung einer Bundestagsdebatte auf <em>Phoenix<\/em>. Ich h&auml;tte das bleibenlassen sollen. Fr&uuml;her waren Generaldebatten zum Haushaltsplan ja oft rhetorische Feuerwerke des Parlamentarismus. Die <a href=\"https:\/\/www.bundestag.de\/mediathek\/video?videoid=7645299\">gestrige Debatte<\/a> war eher eine Kriegserkl&auml;rung an den Intellekt der W&auml;hler. 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